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Rosemarie Portmann: Gewalt unter Kindern. Auf den Punkt gebracht

Cover Rosemarie Portmann: Gewalt unter Kindern. Auf den Punkt gebracht. Don Bosco Verlag (München) 2004. 55 Seiten. ISBN 978-3-7698-1447-7. 7,80 EUR, CH: 14,50 sFr.

Reihe: Pädagogische Positionen.
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Einführung in das Thema

Von Kindern ausgeübte Gewalt ist immer wieder Thema in Kindergärten, Schulen und Elternhäusern. In diesem Kompaktband geht es speziell darum, in kurzen, prägnanten Stellungnahmen bezug zu nehmen zur genaueren Definition von Gewalt und Risiko- und Schutzfaktoren zur Ausübung von Gewalt aufzuzeigen. Dabei wird der Blick nicht nur auf die Gewalt von Kindern gerichtet, sondern es wird auch erörtert, welche familiären, gesellschaftlichen und strukturellen Gewaltformen bedeutsam sind. Im gesamten liegt es in der Natur der Sache, dass bei einem nur 56 Seiten umfassenden Buch viele Punkte nur thesenartig betrachtet werden können.

Autorin

Rosemarie Portmann ist Diplom-Psychologin. Sie arbeitete jahrelang im schulpsychologischen Dienst des Schulamtes der Stadt Wiesbaden, ist in der Fortbildung für Sozialpädagogen/-innen und Lehrer/-innen tätig und ist Autorin zahlreicher Publikationen.

Aufbau und Inhalt

Das kleine Buch ist in zehn Abschnitte eingeteilt.

  • Zunächst wird relativiert und statistisch erläutert, dass man nicht unbedingt von einer - wie oft in den Medien suggerierten - dramatischen Zunahme der Gewalt von Kindern ausgehen kann.
  • Ein Plädoyer für fundierte Definitionen und Begriffsanwendungen stellt dann der zweite Abschnitt dar. Hier legt Frau Portmann besonderen Wert darauf, dass Kinder und Jugendliche nicht alle "in einen Topf geworfen" werden dürfen, sondern altersspezifische Unterschiede gemacht werden müssen.
  • Abschnitt 3 befasst sich dann mit den Rollen der Kinder als Täter und Opfer, wobei statistisches Material verwendet wird, um zu belegen, dass nur ein kleiner Teil der Kinder einen wesentlichen Teil der Straftaten begeht, während ein Großteil - wenn überhaupt - nur einmal straftatauffällig wird. Laut Polizeistatistik seien zum Beispiel im Jahr 2002 1,6 % der 10 – 12jährigen wegen Raub oder räuberischer Erpressung und 5,3 % dieser Altersgruppe wegen gefährlicher und starker Körperverletzung registriert worden. Diese Erfassung besage aber lediglich etwas über die Verdächtigung und nicht über die Überführung, eine Straftat begangen zu haben. Weiterhin stellt Frau Portmann dar, das die tatsächliche Erfassung von Gewalt äußerst schwierig sei, und Befragungen Jugendlicher schwer auf ihren Wahrheitsgehalt einzuschätzen sind. Zudem seien einige Delikte schlichtweg Bagatelldelikte und hätten nichts direkt mit Gewalt zu tun (beispielsweise Schwarzfahren). Somit ist es fast schon fahrlässig, das Aufkommen von Gewalt allein an der Polizeistatistik festzumachen.
  • Im vierten Abschnitt des Buches stellt Rosemarie Portmann klar, dass nicht jede vermeintliche Aggression eines Kindes auch zugleich eine Gewalttat, geschweige denn eine Straftat ist. Hier plädiert sie für vorsichtige Interpretationen und den Einbezug entwicklungspsychologischer Aspekte.
  • Die wesentlichen Faktoren zur Begünstigung der Entstehung von Gewalt finden sich dann im fünften Kapitel hervorragend herausgestellt. Neben gesellschaftlichen, familiären und medialen Einflüssen führt die Autorin hier insbesondere schulische Selektionsprozesse, den Arbeitsmarkt, Migrationerfahrung, das veränderte Freizeitverhalten sowie die Anonymisierung des Konsumbereiches an. Hier wird sehr deutlich, dass es viele Ursachen bzw. Bedingungen für Gewalt gibt. Aber nicht allein das Beseitigen dieser Ursachen würde letzten Endes vor Gewalt schützen; vielmehr sei das Zusammenspiel von Risiko- und Schutzfaktoren ausschlaggebend, inwieweit Gewalt sich auf das einzelne Kind auswirkt.
  • Den Faktoren Geschlecht und Migration widmet sich Rosemarie Portmann dann im sechsten Kapitel,
  • ehe sie institutionelle Aspekte der Gewalt in Kindergarten und Schule im siebten Abschnitt des Buches erläutert.
  • Das allgemeine, "gewalttätige Klima" in unserer Gesellschaft wird im achten Abschnitt behandelt.
  • Mögliche vorbeugende Maßnahmen und Präventionsprogramme werden im neunten Abschnitt thematisiert. Leider bedarf es schon mancher Insiderkenntnisse, um für die aufgelisteten Begriffe wie „faustlos“ und „coolness-Trainings“ eine genauere Vorstellung zu bekommen. Der kurze Ratgeber zum „Verhalten in Gewaltsituationen“ wiederholt zum größten Teil schon Bekanntes. Ein knappes Literatur- und Quellenverzeichnis schließt das Buch ab. Hierbei werden lediglich drei Fachpublikationen (u.a. Christian Pfeiffer, u.a.: „Innerfamiliäre Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und ihre Auswirkungen“ aus dem Jahr 1999) berücksichtigt, eine Pressemitteilung der Initiative „Fit sein macht Schule“ aufgeführt und als Quelle eines Zitates ein Buch von Bertolt Brecht genannt. .

Zielgruppen

Dieser Kompaktband eignet sich hervorragend für pädagogische Fachkräfte, die ihr Fachwissen noch einmal auffrischen wollen. Ebenso geeignet ist dieses Buch für engagierte Menschen in Elternräten, welche "Gewalt unter Kindern" an ihrer Einrichtung zum Thema machen wollen und sich beispielsweise auch über mögliche Präventionsprogramme informieren wollen.

Fazit

Ein sehr kompaktes, in einer halben Stunde gut lesbares Buch, das sehr viele Aspekte zum Thema Gewalt von und an Kindern aufgreift. Die Sprache ist sehr klar und ebenso verständlich wie auch die drucktechnisch gut verarbeiteten Abschnitteinteilungen.

Wer keine fundiert belegten Abhandlungen mag, sondern sich prägnant in kurzer Zeit informieren möchte, liegt mit diesem Band genau richtig. Wer inhaltlich fundiert nachhaltige Schritte zur Begegnung von Gewalt unternehmen möchte, wird freilich andere Literatur brauchen.

Ein Kompaktband, der das Thema "Gewalt unter Kindern" auf den Punkt bringt - wie der Titel es verspricht und der Inhalt dann auch hält.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 05.04.2005 zu: Rosemarie Portmann: Gewalt unter Kindern. Auf den Punkt gebracht. Don Bosco Verlag (München) 2004. ISBN 978-3-7698-1447-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2546.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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