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Thorsten Moos (Hrsg.): Diakonische Kultur

Cover Thorsten Moos (Hrsg.): Diakonische Kultur. Begriff, Forschungsperspektiven, Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 297 Seiten. ISBN 978-3-17-032519-7. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.

Reihe: Diakonie - Band 16 Sigrist, Christoph (Herausgeber).
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Thema

Diakonisches Handeln erfolgt in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft. Es ist daher erforderlich, sich mit den Sinnhorizonten diakonischer Kultur auseinanderzusetzen. Der Autor begibt sich mit der Leserschaft auf die Suche nach diakonischer Kultur.

AutorIn oder HerausgeberIn

Prof. Dr. Thorsten Moos ist Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie/Ethik und Diakoniewissenschaft am Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement (IDM) der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel.

Entstehungshintergrund

Das besprochene Werk ist als Band 16 in der Reihe „Diakonie. Bildung – Gestaltung – Organisationen“ im Kohlhammer Verlag erschienen. Die Reihe befasst sich mit Herausforderungen der Diakonie und wird von Jürgen Gohde, Hans-Stephan Haas, Klaus Hildemann, Beate Hofmann, Heinz Schmidt und Christoph Sigrist herausgegeben.

Von 2011 bis 2016 bestand eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe im Arbeitsbereich Religion, Recht und Kultur der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg. Im Kontext dieser Arbeitsgruppe ist der vorliegende Band entstanden.

Aufbau

Das Werk umfasst 297 Seiten und gliedert sich nach dem Vorwort in fünf Kapitel:

  1. Diakonische Kultur: Ein Forschungsprospekt
  2. Diakonische Kultur am Ort der Gesellschaft
  3. Diakonische Kultur am Ort der Organisationen
  4. Diakonische Kultur am Ort der Individuen
  5. Grundprobleme und Spannungen diakonischer Kultur

Literaturverzeichnis, Autorenverzeichnis und ein Sachregister vervollständigen das Werk.

Inhalt

Gegenstand des vorliegenden Bandes sind unter anderem die folgenden Fragestellungen:

  • Inwieweit kann kirchliche Wohlfahrtspflege im Begriff der diakonischen Kultur in ihren Eigentümlichkeiten erfasst werden?
  • Inwieweit eignet sich der Begriff dazu, verschiedene disziplinäre Zugänge zum organisierten Hilfehandeln im Raum der Kirchen aufeinander zu beziehen? Handelt es sich um einen geeigneten Begriff für die Selbstbeschreibung diakonischer bzw. karitativer Unternehmen?
  • Lassen sich Möglichkeiten und Grenzen einer Pflege diakonischer Kultur sichtbar machen?
  • Wo liegt gegebenenfalls das verstellende Potenzial des Begriffs?

Die Thematisierung dieser Fragen ist laut Moos nicht nur wissenschaftlich bedeutsam, sondern hat auch eine hohe Relevanz für die Praxis. Betont wird unter anderem die historische Wandelbarkeit diakonischer Kultur. Die Kultur spiegele die großen gesellschaftlichen Themen am konkreten Ort wieder. Nur so sei eine Beschreibung und ein Verständnis der diakonischen Kultur möglich.

Diakonische Kultur am Ort der Gesellschaft wird mit Blick auf den Kontext des Christentums, Wohlfahrtsstaat, ökonomische Herausforderungen, den Anspruch eines Non-Profit-Unternehmens und die rechtlichen Rahmenbedingungen diskutiert. Darüber hinaus findet die organisationale und individuelle Dimension Beachtung.

Das vorliegende Werk bündelt eine Vielzahl an Beiträgen von AutorInnen, die sich mit dem Thema diakonische Kultur befassen. Exemplarisch werden im Folgenden zwei Beiträge beleuchtet, die das weite Spektrum des Bandes verdeutlichen.

Privatdozent Dr. Frank Jöst befasst sich in seinem Beitrag mit der Ökonomisierung des diakonischen Handelns. Der Diplomvolkswirt unterrichtet am Alfred-Weber-Institut für Wirtschaftswissenschaften und am Internationalen Studienzentrum der Universität Heidelberg. Er ist also nicht in der verfassten Kirche oder Diakonie tätig, forscht jedoch zu Strategieentwicklungen von Non-Profit-Organisationen. Er kommt zu dem Schluss, dass der wirtschaftliche Handlungsdruck dazu beitrage, dass sich die Verhaltensweisen von privat-gewerblichen und freigemeinnützigen Organisationen, zu denen auch diakonische Unternehmen zählen, annäherten. Mit Blick auf die Frage der diakonischen Kultur stellt er fest, dass es eine gesellschaftliche Entscheidung sei, bestimmte Wertsphären vor dem Eindringen der Ökonomie zu schützen. Es sei nötig, wirtschaftliches Handeln als Voraussetzung für das Hilfehandeln zu begreifen. Die Suche nach der diakonischen Kultur sei auch die Suche nach diakonischen Eigenschaften, die im Wettbewerb mit anderen gemeinnützigen und gewerblichen Trägern Vorteile schaffen könnten.

Joachim L. Beck setzt sich in seinem Beitrag mit Diakoninnen und Diakonen als sogenannte Kulturträger auseinander. Der Theologe und Pfarrer ist Direktor im Zentrum Diakonat der Evangelischen Kirche in Württemberg und befasst sich intensiv mit der Rolle von Diakoninnen und Diakonen sowie der diakonischen Dimension von Kirche. Er bezeichnet DiakonInnen als „Kultivierer“ hinsichtlich der Pflege der diakonischen Kultur. Allerdings dürfe dies nicht zur Folge haben, dass sie alleine für diese Pflege zuständig seien. Diakonische Träger würden die Voraussetzungen schaffen, dass DiakonInnen implizit in ihren Arbeitsvollzügen den diakonischen Auftrag gestalten könnten. Die explizite Pflege einer diakonischen Kultur habe wiederum Rückwirkung auf das implizite Handeln.

Diskussion

Die Beiträge dieses Bandes sind durchgehend fundiert und schließen an aktuelle Theorien zur diakonischen Kultur an. Moos macht zurecht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem Begriff der diakonischen Kultur auf differierenden Kulturbegriffen basiert.

Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle noch ein Beitrag von Prof. Dr. Beate Hofmann (S. 93 – 99) zur Unternehmenskultur. Sie beschreibt die zentrale Rolle von Führungskräften im Konzept der Unternehmenskultur. Im Kontext der Unternehmenskommunikation und Personalführung habe die Führungskraft als Kulturgestalter/in eine besondere Verantwortung.

Damit die Mitarbeitenden eine diakonische Kultur pflegen können, ist die Sprachfähigkeit zu diakonischen Fragestellungen erforderlich. Hierzu bedarf es auch der Bildungsarbeit, für die Führungskräfte werben und die nötigen Räume schaffen sollten. Dass die Verantwortung für die Pflege diakonischer Kultur nicht nur in den Händen von Führungskräften und Beauftragten für geistliches Leben liegt, macht der Beitrag von Beck deutlich. Als eine wesentliche Erkenntnis lässt sich außerdem feststellen, dass Ökonomie nicht zwingend im Konflikt mit dem Hilfehandeln steht, sondern als Voraussetzung für dieses Handeln beschrieben wird. Ohne wirtschaftliches Auskommen kann das Hilfehandeln nicht vollzogen werden. Im Umkehrschluss muss jedoch betont werden, dass wirtschaftliches Handeln auch unter den Gesichtspunkten der Ethik betrachtet werden muss.

Der Autor legt ein Werk vor, dass dem Anspruch, den Programmbegriff der diakonischen Kultur in interdisziplinärer Kooperation auf seine wissenschaftliche Belastbarkeit zu prüfen, gerecht wird. Als Zielgruppe definiert Moos ein interdisziplinäres wissenschaftliches Publikum, AkteurInnen in Diakonie und Caritas sowie Studierende. Diese Zielgruppe wird an diesem Sammelband, der eine interdisziplinäre Autorenschaft versammelt, sicher Gefallen finden. Wer auf der Suche nach einer umfassenden Darstellung diakonischer Kultur ist, wird enttäuscht. Dies ist auch nicht der Anspruch von Moos. Der Band verfolgt vielmehr das Ziel, verschiedene Perspektiven in Bezug auf die diakonische Kultur zu beleuchten. Dabei kommt auch die Perspektive der NutzerInnen nicht zu kurz.

Fazit

Der Band ist klar und übersichtlich aufgebaut. Alle Beiträge sind verständlich und anschaulich geschrieben. Das Buch ist allen zu empfehlen, die an der Thematik diakonische Kultur interessiert sind und sich als Forschende, PraktikerInnen und Studierende mit dem Profilbegriff der diakonischen Kultur befassen.


Rezensent
Patrick Quack
Diakon und Sozialarbeiter M.A.
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Zitiervorschlag
Patrick Quack. Rezension vom 02.10.2019 zu: Thorsten Moos (Hrsg.): Diakonische Kultur. Begriff, Forschungsperspektiven, Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-032519-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25466.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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