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Ulrich A. Müller (Hrsg.): »There is no such a thing as a baby«

Cover Ulrich A. Müller (Hrsg.): »There is no such a thing as a baby«. Zur gegenwärtigen Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung im Anschluss an D.W. Winnicott. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 250 Seiten. ISBN 978-3-8379-2842-6. D: 30,80 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Thema

Bevor ich auf dieses sehr interessante Buch eingehe, möchte ich einige Bemerkungen über jenen Mann vorausschicken, der im Mittelpunkt der hier platzierten Erörterungen steht.

Donald W. Winnicott (1896 – 1971) nimmt in der Reihe der namhaften Psychoanalytiker/innen bis heute einen ganz besonderen Platz ein. Er begründete seine Annahmen auf einer 40-jährigen Arbeit als Kinderarzt in Londoner Krankenhäusern. Zudem war er als Psychoanalytiker tätig. Darüber hinaus entwarf er als erster ein Entwicklungskonzept, das die Beziehung von Mutter und Kind in den Mittelpunkt stellt. Mit seinem unorthodoxen Vorgehen wusste er sich gekonnt vom psychoanalytischen Mainstream seiner Zeit abzuheben, und auf Grund seiner hohen intuitiven Fähigkeiten gelang es ihm, selbst zu schwerst gestörten Kindern einen intensiven Kontakt aufzubauen. Im Rahmen seiner Beschäftigung mit der sehr frühen Beziehungsentwicklung legte Winnicott sein Augenmerk vor allem auf die mütterliche Fürsorge, die mit der Haltephase (Holding function) beginnt. In diesem Sinne bedeutet Halten zunächst tatsächlich das physische Halten des Säuglings. Indem ihn die Mutter auf ihrem Arm hält, vermittelt sie ihm Sicherheit, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Zuverlässigkeit, Schutz und Trost und garantiert ihm damit sein physisches und psychisches Überleben. Ohne die mütterliche Pflege wäre der Mensch am Anfang überhaupt nicht lebensfähig. In den Worten Winnicotts gibt es den Säugling eigentlich gar nicht, weil er die Mutter auf elementare Weise braucht, um nicht zugrunde zu gehen. Und so kreierte er den berühmten Satz: „There’s no such thing as an infant“ (bzw. auch leicht abgewandelt: „There’s no such thing as a baby“). Nach Winnicott ist es kaum möglich, den Säugling zu beschreiben, ohne gleichzeitig die Mutter zu beschreiben, die er noch nicht von seinem Selbst zu trennen vermag. Winnicott spricht zudem von der Besorg­nis der Mutter für ihr Kind, und er nennt diese Haltung „primäre Mütterlichkeit“. Die „genügend gute Mutter“ versucht, den Bedürfnissen ihres Kindes gerecht zu werden, womit sie seine Ängste bannt und seine Bemühungen um Individuation und Selbst-Werden unterstützt. Je bes­ser das Kind die Mutter als gutes Objekt verinnerlicht, desto eher kann es ohne sie alleine sein.

Winnicott besaß die unnachahmliche Fähigkeit, seine Vorträge völlig frei zu halten, was ihm dann als Grundlage für seine unorthodoxen, aber äußerst tiefgründigen Veröffentlichungen diente. Klingt schon die Aussage, dass es den Säugling eigentlich gar nicht gibt, extrem verwirrend, so die von ihm in „Die Psychologie der Verrücktheit“ aufgeworfene Frage „Ist jedes Baby verrückt?“ erst recht. Nicht von ungefähr widmete ihm diesbezüglich die Zeitschrift „Psyche“ im letzten Jahr ein eigenes Themenheft.

Nun also zum Eigentlichen. Der vorliegende Band zentriert sich um diese im Rahmen einer erregten Debatte spontan fallen gelassene Aussage Winnicotts über die Nicht-Existenz des Babys, die er aber, wie es in der Einleitung des Herausgebers Ulrich A. Müller heißt, im Nachhinein für überzeugend hielt. Das Buch fasst die Ergebnisse eines Symposiums am Winnicott Institut in Hannover zusammen, auf dem das frühe Erleben des Neugeborenen im Lichte der aktuellen Forschungs- und Berufspraxis reflektiert wurde. Die aufgenommenen Beiträge beleuchten das frühe Affektgeschehen, geben einen beredten Einblick in die frühkindliche Psychotherapie und spiegeln am Ende kultur- und gesellschaftstheoretische Überlegungen. Der Fokus liegt dabei immer auf jenem, laut Winnicott „seltsamen“ Ort, wo es noch kein „Ich“ gibt, weil noch nichts als „Nicht-Ich“ ausgesondert ist.

Aufbau und Inhalt

Sozialpsychologisch könnte Winnicotts Aussage als das Angewiesensein des Neugeborenen auf die Anerkennung durch seine Umgebung verstanden werden, und zwar in einer Lebensphase, die weder ein Subjekt noch ein Objekt der Anerkennung kennt. Ein Baby, dem diese basale Erfahrung fehlt, hat keinen guten Anfang und wird auch keinen Bezugspunkt in dieser Umwelt finden. Folglich muss es um sein Halten kämpfen. Und damit später die Trennung gelingen kann, müssen sich beide einig sein. Um diese feinen Prozesse geht es im Folgenden. Zunächst konzentriert sich Rainer Krause auf den affektiven Austausch von Mutter und Neugeborenem. Gerahmt von verschiedenen Fallvignetten geht es um die Angst vor dem Zusammenbruch, die dort beginnt, wo ein Kind die mütterliche Reaktion auf seinen sozialen Affekt vermisst.

Danach konkretisiert Marianne Leuzinger-Bohleber Winnicotts Überlegungen zur genügend guten Mutter an Hand ihrer klinischen Erfahrungen mit Kindern aus Familien Geflüchteter. Gemeinhin muss von einer „funktionalen Vulnerabilität der frühen Elternschaft“ ausgegangen werden, und gerade traumatische Erfahrungen im Kontext erzwungener Migration können hier traumatische Folgen für diese Kinder nach sich ziehen. Während noch Winnicott die primäre Mütterlichkeit als eine „passagere Krankheit“ im Sinne eines entrückten Bewusstseinszustandes, der dem Kind ein empathisches, haltendes Gegenüber garantiert, verstand, kann unter den gegebenen Umständen diese Fähigkeit verloren gehen. Mit dem Konzept des STEP-BY-STEP wurde, wie der Text eindrücklich belegt, dieser Gefahr vor Ort erfolgreich entgegengewirkt.

Nun kommt Martin Altmeyer zu Wort, der sich Gedanken macht über eine Theorie der Intersubjektivität im Lichte digitaler, bildgebender Medien. Er verknüpft also die psychoanalytische Klinik mit kulturspezifischen Phänomenen der Jetzt-Zeit, wobei es ihm um ein vorsichtiges Abwägen zu tun ist, um nicht in einem Kulturpessimismus zu enden, der den digitalen Medien per se kritisch gegenübersteht. Unter Psychoanalytiker/innen macht er, gepaart mit einem gehörigen Maß an Selbstgerechtigkeit, eine Tendenz aus, die von Freud empfohlene Grundeinstellung einer gleichschwebenden Aufmerksamkeit, welche von vorbehaltlosem Interesse und Wohlwollen geprägt ist, beim sorgenvollen Blick auf die Phänomene der modernen Kultur- und Medienlandschaft zu verspielen. Im Gegenteil geht Altmeyer davon aus, dass der Sozialcharakter der digitalen Moderne an ein frühkindliches, im Episodengedächtnis bewahrtes Resonanzbedürfnis andockt, dessen Befriedigung ein implizites Beziehungswissen generiert, welches im relationalen, also auf den Anderen bezogenen Unbewussten virulent bleibt. Hierbei macht er sich vor allem Winnicotts Auffassung zunutze, wonach es ein Paradox der Individuierung gibt: Allein sein kann der Säugling nur durch die Erfahrung der Gegenwart des Anderen.

Michael Kögler dreht den Spieß um und geht der Frage nach, wie denn umgekehrt die Mutter durch das Kind zu sich kommt. Unter etwas anderen Vorzeichen wird hier die Mutter-Kind-Dyade ausgeleuchtet. Durch die Mutterschaft verändert sich die Selbststruktur einer Frau. Bereits in der Schwangerschaft kommt es zu einem regressiven Erleben bei ihr, wenn sie den Embryo im Ultraschall als jemanden erkennt, der faktisch in ihr und damit auch nicht getrennt von ihr existiert. In Bezug auf das geborene Baby schließlich gibt es dann anstelle einer Objektrepräsentanz eine gelebte dyadische Einheit. Schließlich aber kommt es zur Trennung von Selbst und Objekt, wenn die Mutter die Realität belastbar vertritt, ohne das Kind abzuwerten oder sich zu rächen. Die „imaginäre Milch“ wird durch die wirkliche Milch ersetzt.

Im Anschluss transzendiert Gisela Wiegand unter Einbeziehung von Ergebnissen der empirischen Forschung die Problemstellung und wendet sich dem Wandel der Diskurse zu, die sich um das Selbst- wie Fremdverständnis von Mutterschaft und Elternschaft drehen. Es geht um den Übergang zur Elternschaft als einer normativen Entwicklungskrise: Die Mutter muss das Überleben des Säuglings gewährleisten wie dieser umgekehrt ihre Erwartungen erfüllen soll. Zur Sicherstellung ihrer Funktionen und Reorganisation ihrer eigenen Identität muss es der Mutter gelingen, sich ein Unterstützungssystem zu schaffen – „es gibt keine Mutter allein“. Mit Blick auf heutige Elternschaft, die auf Unterstützung angewiesen ist, zieht die Autorin Winnicotts Gedanken zur Fürsorglichkeit heran, die aber nur zu garantieren ist, wenn es eine empathische Unterstützung von außen gibt.

Danach gewährt uns Agathe Israel einen Blick auf die Lebenssituation eines Neugeborenen in einer Cigan-Familie in Rumänien. Interessant erscheint dabei das besondere Interesse an den frühen innerorganischen Verarbeitungs- und Ausscheidungsprozessen, die das Erleben des jungen Kindes in einer Weise dominieren, wie es ansonsten kaum thematisiert wird. Das Gemenge aus frühen Körperzuständen und Katastrophengefühlen, das den Säugling beherrscht, wird von einem noch unverbundenen Nähren und Genährt-Werden sowie Verdauen und Ausscheiden begleitet. Eingebettet sind diese Vorgänge vom Erleben einer fortdauernden mütterlichen Fürsorge. Aus beidem entsteht nach Winnicott die „dem Soma innewohnende Psyche“ als „psychosomatischer Existenz“. Von dieser Warte aus beobachtet Israel die Beziehungsentwicklung zwischen einer Cigan-Mutter und ihrem Baby über einen Zeitraum von fünfzehn Monaten. Dabei wird eine Reihe von Krisen in der gemeinsamen Abstimmung sichtbar, die die Autorin zu dem Schluss bringen, dass die Mutter die körperliche und psychische Verdauung nicht recht voranbringen konnte.

In einem großen weiteren Block werden dem Leser/der Leserin von Ulla Krüger, Kathleen Engelhardt und Sigrid Schade differenzierte Einblicke in drei Forschungsstudien der Babyambulanz des Winnicott Instituts gewährt, expliziert an komprimierten und dann eingehend reflektierten Falldarstellungen. Dabei werden uns ausgesprochen schwerwiegende nachgeburtliche Beziehungsstörungen präsentiert, deren Behandlung – und auch das ist ein schmerzender Teil von Realität – nicht immer glücken will.

Das Ganze wird abgerundet durch sehr eindringliche wie eindrückliche Bilder der Künstlerin Mirjana Avramović aus ihrer eigenen bereits länger zurückliegenden Behandlung. Darin bringt sie ihr Erleben – auch als junge Mutter – sehr berührend zum Ausdruck und lädt den Betrachter/die Betrachterin ein, sich mit der Ambivalenz ihrer Gefühle in den verschiedenen Lebensabschnitten zu befassen. Eingeführt in dieses eher ungewöhnliche Format für ein Fachbuch werden diese Passagen von ihrer damaligen Psychotherapeutin Renate Engelhardt-Tups. 

Diskussion

Dieses Buch verbindet auf sehr geglückte Weise aktuelle Betrachtungen klinischer und kulturkritischer psychoanalytischer Provenienz mit den noch immer modern erscheinenden Annäherungen Donald W. Winnicotts an die ganz frühe Lebensphase des Menschen. Es werden seine zentralen und oftmals auf den ersten Blick verwirrend anmutenden Aussagen hergenommen – der nicht existente Säugling auf der einen und die verrückte junge Mutter auf der anderen Seite – und mit neuen theoretischen und empirischen Erkenntnissen unterlegt. Dabei kommt Winnicotts positive Konnotation dieses Begriffspaares ebenso zur Geltung wie insgesamt der Reichtum seiner bebilderten Sprache als Gewinn für aktuelle Debatten aufscheint. Gemeinhin bergen Sammelbände die Gefahr, dass die aufgenommenen Beiträge ein wenig unverbunden und gezwungen nebeneinander stehen, und so dem Leser/der Leserin der rote Faden des Gesamtwerks zu entgleiten droht. In diesem Fall ist das überhaupt nicht so. Im Gegenteil beziehen sich viele der Autor/innen auf die gleichen Textstellen, was vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen Themenstellung keineswegs langweilig wirkt, sondern aufzeigt, wie verwurzelt sie dem Winnicottschen Denken und Fühlen sind. Einzig die Tatsache, dass in den Texten der Kinderambulanz zuweilen den Eltern sehr konkrete Behandlungsziele formuliert und direktiv Empfehlungen etwa zu Einschlafritualen gegeben werden, hat in mir den Puristen bezüglich zurückhaltenden psychoanalytischen Intervenierens ein wenig stutzig gemacht.

Fazit

Mit dem Aufgreifen aktueller psychoanalytischer Themen, die die Bandbreite von neuen Theorien zu Affektforschung, Digitalisierung und mütterlichem Selbstbild sowie konkreten Einblicken in Flüchtlingsarbeit, Säuglingsbeobachtung und Eltern-Kind-Beratung abbilden, gewährleistet das vorliegende Buch einen sehr überzeugenden Anschluss an das konzeptionelle wie praktische Wirkern von Donald W. Winnicott. Die differenzierten und kenntnisreichen Anlehnungen an sein Werk erscheinen dabei nicht als eine Art lauwarmer Aufbereitung altbekannter Positionen, sondern werden durch die Darstellung aktueller Problemerörterungen sehr plastisch belebt. Es ist eher ungewöhnlich, dass ein solches Projekt glückt und den Leser/die Leserin in seinen Bann zieht.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 25.06.2019 zu: Ulrich A. Müller (Hrsg.): »There is no such a thing as a baby«. Zur gegenwärtigen Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung im Anschluss an D.W. Winnicott. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2842-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25467.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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