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Christoph Clark: Von Zeit und Macht

Cover Christoph Clark: Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2018. 320 Seiten. ISBN 978-3-421-04830-1. 26,00 EUR.
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Macht bestimmt Zeit

Die eingekürzte Überschrift einer Feststellung, die am Anfang eines geschichtlichen Werks des britischen Historikers Christopher Clark steht – „Wie die Schwerkraft das Licht, so beugt die Macht die Zeit“ – mag missverständlich sein; denn Macht als legitimes Mittel, und als illegitimes sowieso, ist Verortung in der Menschenzeit, also menschengemacht; während Zeit als physikalische Größe vom Menschen nicht beeinflussbar ist. Im philosophischen, psychologischen und historischen Bewusstsein lassen sich zeitliche Abläufe und Ereignisse als „Achsenzeit“ gliedern (vgl. dazu z.B.: Jan Assmann, Achsenzeit. Eine Archäologie der Moderne, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25040.php). Hier ist der Historiker gefragt, der geschichtliche Ereignisse im Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und möglichen zukünftigen Einflüssen und Entwicklungen analysiert. Spannt man die (scheinbar) voneinander unabhängigen Phänomene Historizität und Temporalität im historischen Diskurs zusammen, und bringt dazu noch das Moment der Macht als Herrschaft von Menschen über Menschen und Dingen ein, kann Geschichte erklärbar werden. Dadurch ergibt sich, dass in der Betrachtung und Analyse von historischen Entwicklungen und Situationen Macht und Zeit Verbindungen eingehen und sich beeinflussen; z.B. wurden Zeitwahrnehmung, -benennung und -messung in Westeuropa durch die Abschaffung des julianischen und Einführung des gregorianischen Kalenders durch politische und weltanschauliche Machtausübung veranlasst. „Zeitrevolutionen“ hat es in der Menschheitsgeschichte immer schon gegeben, und „Chronopolitik“ ist ein Machtinstrument, das Hier und Heute als strategisches Mittel – ob beim Brexit oder bei der globalen Abschreckung – eingesetzt wird.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Forschungsschwerpunkt des am St. Catharine’s College als Professor für Neuere Geschichte lehrenden Historikers Christopher Clark ist die Geschichte Preußens. Seine Forschungsergebnisse hat er in dem Werk „Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600 – 1947“ (2007, 896 S.) vorgelegt. Bei seinen Forschungen orientiert sich Clark am historical und temporal turn, mit dem verdeutlicht wird, dass „Zeit keine neutrale, universelle Substanz ist, in deren Leere sich etwas, das ‚Geschichte‘ genannt wird, abspielt, sondern ein bedingtes, kulturelles Konstrukt, dessen Form, Struktur und Konsistenz vielfach variieren“.

Aufbau

Die Zusammenhänge und Imponderabilien von Zeit und Macht zeigt er an vier geschichtlichen Perioden auf:

  1. Zum einen geht es um die machtvollen Auseinandersetzungen des preußischen Herrschers, Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen, dem „Großen Kurfürsten“, mit den Landständen um die Ständeordnung zugunsten einer Zentralisierung und Hierarchisierung.
  2. Zum zweiten wird die Politik Friedrich II. nach dem Westfälischen Frieden thematisiert, mit der er die preußische Herrschaft und seine eigene Thron-Macht festigen wollte.
  3. Im dritten Kapitel untersucht Clark die Geschichtlichkeit Bismarcks im Spannungsverhältnis von überkommenen, traditionellen und monarchischen Verhältnissen auf der einen und dem aufkommenden, unbestimmten Machtstreben auf der anderen Seite.
  4. Die Folgen dieses misslungenen Balanceaktes werden im vierten Kapitel dargestellt: dem Aufkommen der nationalsozialistischen, faschistischen Macht.

Inhalt

Clark zeigt mit der Auswahl der zeit- und charakteristisch bedingten Machtverhältnisse von Regimen im 19. und 20. Jahrhundert Kontinuitäten und Diskontinuitäten auf. „Doch die Zeitlichkeit der politischen Macht, wie sie von den einflussreichsten Akteuren ausgeübt wurde, behielt und behält eine besondere Bedeutung. Sie war der Ort, wo die politischen Begründungen der Macht als Ansprüche an die Vergangenheit und Erwartungen an die Zukunft Ausdruck fanden“. Nach dieser Analyse zeigt sich auch bei der aktuellen, lokalen und globalen Entwicklung in der Welt kein Perspektivenwechsel: „Die Berufung auf imaginäre Zeitlandschaften bleibt eines der wichtigsten Instrumente politischer Kommunikation“.

Betrachten wir daraufhin einige Aspekte dieses „Continuums“ (?): Die „väterlichen Ermahnungen“ des Großen Kurfürsten an seine Untertanen gründeten auf dem absoluten politischen Willen zur Machterhaltung und -ausdehnung, „der libertas der Stände setzt er die necessitas der Zentralgewalt entgegen“; militärische Macht und geschickte Bündnispolitik bewirkten, dass die monarchische Macht unwidersprochen und unangetastet blieb: „Die Macht des Staates Brandenburg-Preußen war es, die seine Legitimität definierte, nicht die Tradition oder das Vermächtnis oder eine Kontinuität mit der Vergangenheit“.

Während die (anfängliche) Regierungszeit des Großen Kurfürsten davon bestimmt war, die Katastrophen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu überwinden und eine gebrochene und gelähmte Monarchie wieder aufzubauen, erbte Friedrich II., der sich gerne als „roi philosophe“ nennen ließ, ein machtvolles Land in Europa, das er mit den schlesischen und sächsischen Kriegen auch noch vergrößern konnte. Die geschichtliche Aufarbeitung verdeutlicht, dass er mit seinen historischen Schriften und Analysen sogar aufklärerische Züge zeigte: „Friedrich lehnte ganz bewusst die reproduktive Zukunftsorientierung der dynastischen Nachfolge ab und zog es stattdessen vor, an der Vervollkommnung eines Idylls zu arbeiten, in dem die persönliche Freiheit und der freizügige gesellschaftliche Umgang des frühen Erwachsenenlebens bis in alle Zeiten erhalten bleiben konnten“. In der Rezeption wurde aus dem „roi philosophe“ ein „roi historien“.

Das in den Geschichtsbüchern abgedruckte Bild Bismarks „Der Steuermann geht von Bord“ zeigt die historische und politische Bedeutung Otto von Bismarcks. Er, der weder Historiker noch Geschichtsphilosoph war, hatte ein historisch-machtvolles Gespür für die Zeitläufte. Seine „Machtspiele“, die in zeitgenössischen Karikaturen als „Schachspiel“ charakterisiert wurden, bauten auf einem „Wechselspiel der Kräfte“ auf. „Die Geschichte fließt, doch sie ist auch in nackte Momente der Entscheidung unterteilt“. Seine Betrachtung von Politik vom erhöhten, hierarchischen Standpunkt des monarchischen Staates aus, hatte nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg keine Chance mehr.

Geschichtlichkeit heißt, sich im kollektiven Gedächtnis eines Volkes ehrlich zu machen! Dort, wo Vergangenheit verfälscht, verklittert oder relativiert wird, entsteht Geschichtsschuld! Wo menschenverachtende, verbrecherische Entwicklungen mit einem „Vogelschiss in der Geschichte“ (Gauland) abgetan werden, zeigt sich das krude, manipulative und primitive Geschichtsbild! Die Geschichte des deutschen Nationalsozialismus, des europäischen und außereuropäischen Faschismus zeigt, was Ethnozentrismus, Rassismus und Populismus an Menschenfeindlichkeit hervorbringen können; und wie Propaganda, Zurschaustellung und Symboltaktik Menschen manipulieren können. Die nationalsozialistische Politik beruhte auf dem (eigentlich) durchschaubaren Trick, die Verhältnisse und politischen, demokratischen Entwicklungen, wie sie in der Weimarer Republik versucht wurden, als „volksschädlich“ zu denunzieren. Damit wendeten sie das in der Menschheitsgeschichte vielfach bereits praktizierte (und bis heute bekannte und geübte) Täuschungsmanöver an, nahe, positive Vergangenheit zu verdammen. Diese „Neustrukturierung der Zeitlichkeit“ basierte auf der Grundlage, den „Volkskörper“ als das Absolute setzen und Meinungsorganisationen, wie die Einheitspartei, als staats- und alleinbestimmend zu stilisieren. Nur so war es möglich, den „Erlösungsantisemitismus des NS-Regimes“ zu etablieren und damit Verbrechen gegen die Menschlichkeit als für das „Volksganze“ Notwendige zu rechtfertigen.

Fazit

Clarks kluge und objektiv aufgewiesene Analysen von historischen (epochalen?) Geschichtsereignissen und -entwicklungen nehmen Machtregime in den Blick, die eine „Verzerrung der Zeitlichkeit durch die Macht, die Aneignung der Geschichtlichkeit durch diejenigen, die Souveränität für sich beanspruchen“ bewirkt haben. Geschichtliches Denken und Handeln, das zeigen die ausgewählten Beispiele von historischen Entwicklungen wird entweder von evolutionären oder revolutionären Vorstellungen und Machtausübung bestimmt. Gemeinsam ist ihnen „die Idee des Bruchs mit dem Alten und des Anfangs von etwas Neuem“. Damit sind wir mit den Reflexionen über Zeit und Macht von Gestern beim Heute angelangt. Es bleibt dem Leser und der Leserin überlassen, sich intellektuell und geschichtsbewusst die aufgewiesenen historischen Entwicklungen, wie sie vom Großen Kurfürsten, Friedrichs II., Bismarcks und den Nazis bekannt sind, vorzunehmen und die Versuche zu unternehmen, gewisse, charakteristische Phänomene und Taten jener Zeiten ins Heute und Morgen zu denken.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.03.2019 zu: Christoph Clark: Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2018. ISBN 978-3-421-04830-1.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25474.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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