socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christof Loose, Claus Lechmann: Schematherapie mit Jugendlichen

Cover Christof Loose, Claus Lechmann: Schematherapie mit Jugendlichen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28678-7.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die Schematherapie zählt zu den Verhaltenstherapiemethoden der so genannten „dritten Welle“. Sie wurde 2008 von Jeffery E. Young aus der kognitiven Therapie für Persönlichkeitsstörungen nach Aaron Beck entwickelt und erweitert Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie um Elemente psychodynamischer Konzepte, der Objektbeziehungstheorie, der Transaktionsanalyse, der Hypnotherapie und der Gestalttherapie. Die Schematherapie geht von diversen erlernten Grundschemata aus, die darauf abzielen, seelische Grundbedürfnisse zu befriedigen und hierdurch Verhalten steuern. In der Folge entstünden sogenannte „maladaptive Bewältigungsstile“ (Schemamodi), die im konkreten Augenblick aktiv sind und dadurch Verhalten steuern. In der Therapie erfolgt die diesbezügliche Einschätzung und Edukation, um anschließend eine Phase der Veränderung einzuleiten, bei der dann in der Regel klassisch verhaltenstherapeutische Vorgehensweisen eingesetzt werden.

Entstehungshintergrund

Obwohl das Verfahren noch relativ jung ist, gibt es bereits diverse Wirksamkeitsnachweise, insbesondere für die Behandlung von Menschen mit emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen (Giesen-Bloo et al., 2006; Farrell et al., 2009 & Dickhaut & Arntz, 2012). Für das Jugendalter gibt es bislang noch relativ wenig Evidenz (Loose & Petrowsky, 2016). Christof Loose hat 2014 bereits eine entsprechende DVD gemeinsam mit Peter Graf zum Thema Schematherapie mit Kindern veröffentlicht (vgl. die Rezension unter https://www.socialnet.de/rezensionen/21155.php). Nun folgt ein ergänzendes Lehrvideo für die Behandlung von Jugendlichen.

Autoren

  • Dr. Christof Loose ist Diplom-Psychologe, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut sowie zertifizierter Schematherapeut in privater Praxis. Zudem ist er international anerkannter Mitbegründer der Schematherapie im Kindes- und Jugendalter.
  • Claus Lechmann ist ebenfalls Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (VT). Er ist zertifizierter Schematherapeut, Dozent, Supervisor, Selbsterfahrungsleiter bei verschiedenen Ausbildungsinstituten und Leiter des „AutismusTherapieZentrums“ (ATZ) in Köln mit Tätigkeit in einer Lehrpraxis.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung orientiert sich grundlegend am 2014 veröffentlichen Vorgänger (s.o.). So werden zwei DVDs mit einem beigefügten Heftchen geliefert:

Das Begleitheft enthält:

  • Eine Einführung in die Schematherapie mit Jugendlichen (inklusive Besonderheiten in der Arbeit mit dieser Zielgruppe),
  • eine kurze Beschreibung des Inhalts der DVDs,
  • Fallskizzen,
  • Steckbriefe der beiden Autoren und der Gasttherapeutin Dr. Eva Dresbach, sowie
  • ein Inhaltsverzeichnis der DVDs.

Auf den DVDs wird in insgesamt 245 Minuten das schematherapeutische Vorgehen anhand von Fallbeispielen präsentiert.

Auf der ersten DVD geht es um „Jan“, 15 Jahre; ein Junge mit aggressiv-depressiv anmutender Symptomatik vor dem Hintergrund einer Lese-Rechtschreibstörung und Mobbingerfahrungen im schulischen Umfeld. Die Therapie wird von Christoph Loose durchgeführt. Die Videosequenzen zeigen folgende Interventionen:

  • Positive Schemata: Exploration und Imaginationsübung
  • Modusarbeit mit Skizze und Moduskarten
  • Modus-Interview mit „Aggro-Jan“
  • Fallkonzeption unter Berücksichtigung seelischer Grundbedürfnisse
  • Modus-Führerschein: 3-Stühledialog
  • Feel-Talk-Walk-Übung: modusspezifische Selbstinstruktion

Die zweite DVD zeigt drei Fälle. Hier werden zunächst folgende Vorgehensweisen anhand von „Nina“ (16 Jahre; emotionale Instabilität vom Borderline-Typus, Therapeut Claus Lechmann) präsentiert:

  • Gestaltung des Erstkontaktes
  • Exploration der Modi mithilfe von Bildkarten
  • Umgang mit Selbstverletzung/Vereinbarung von Telefonkarten
  • Mode-Flipping und Einführung eines Übergangsobjektes
  • Videobotschaft an die Mutter

Es folgen Beispielinterventionen mit „Marie“ (17 Jahre; soziale Unsicherheit und Selbstwertprobleme nach Viktimisierung, „Gasttherapeutin“ Dr. Eva Dresbach):

  • Modusbasierte Psychoedukation zu Viktimisierung
  • Imaginatives Überschreiben einer Viktimisierungserfahrung
  • Entlarven und Begrenzen des Peer-Modus: Stühledialog
  • Begrenzung des emotional fordernden Modus: Stühledialog
  • Ärgerausdruck und modusbasiertes Training sozialer Fertigkeiten

Den Abschluss macht „Frederick“ (18 Jahre; Asperger-Syndrom, Therapeut Claus Lechmann) mit folgenden Therapietechniken:

  • Umgang mit dem Anders-sein
  • Entwicklung des Modusmodells
  • Stuhldialog mit dem „Schildkrötenmodus“

Zu den Videos lassen sich jeweils Untertitel, welche die jeweilige therapeutische Strategie erläutern, zuschalten. Sämtliche in den Videos präsentierten Arbeitsblätter können online abgerufen werden.

Diskussion

Diese DVD setzt das hohe Niveau, das Christof Loose bereits mit der ersten Veröffentlichung gemeinsam mit Peter Graaf 2014 vorgelegt hat (s.o.), nahtlos fort. Die Videos aus der Reihe Belz Video E-Learning sind zwar teuer, jedoch hervorragend dazu geeignet, psychotherapeutisches Vorgehen deutlich zu machen. Dadurch eignen sie sich insbesondere im Ausbildungskontext von angehenden Psychologischen Psychotherapeuten [1] oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen. Auch erfahrene Therapeuten können sehr davon profitieren, insbesondere wenn, wie in diesem Fall erfolgt, Therapieformen vorgestellt werden, die in der Regel im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie-Ausbildung nicht erlernt werden. Für Laien bieten diese DVDs einen interessanten Einblick in das Vorgehen, sie können die jedoch keine entsprechende Ausbildung ersetzen.

Einzelne der vorgestellten Übungen sind auch aus anderen Therapieverfahren bekannt und folglich nicht originär der Schematherapie zuzuordnen. So ist beispielsweise der „Modusführerschein“ (Fallbeispiel „Jan“) auch als Übung „Passengers on the bus“ in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) nach Steven C. Hayes wiederzufinden. Allerdings wird auch dort – wie auch hier – keine klare Quelle angegeben. Insofern ist nicht wirklich klar, woher diese Technik ursprünglich stammt. Ein weiteres Beispiel: Das „imaginäre Überschreiben“ (Fallbeispiel „Marie“) verdeutlicht eine Intervention, die als „Imagery Rescripting“ in der Traumatherapie häufig genutzt wird. Der Umgang mit selbstverletzendem Verhalten (Fallbeispiel „Nina“) ist ebenfalls nicht originär schematherapeutisch, sondern vielmehr schulenübergreifend sinnvoll. Allerdings wird er hier im schematherapeutischen Kontext gezeigt. Diese Beispiele sind weniger als Kritik zu verstehen sondern um deutlich zu machen, dass die Autoren hier über den Tellerrand der Schematherapie hinaus schauen. Dies ist ausdrücklich positiv hervorzuheben, wenn auch derartige konzeptuelle Überschneidungen eventuell besser gekennzeichnet hätten werden können.

Die für die Schematherapie typischen Interventionen sind fraglos das Herausarbeiten der einzelnen Modi und deren anschließende Bearbeitung vor allem durch Stuhldialoge. Beides wird anhand der Fallbeispiele hervorragend verdeutlicht. Meines Erachtens ist die Umsetzung der Interventionen außerhalb der Therapiesitzungen ebenfalls wichtig – wie bei den meisten DVDs dieser Reihe, wird auch hier nicht gezeigt, wie dies konkret umgesetzt wird. Zudem wird auch i.R. der Therapiesitzungen relativ wenig drauf eingegangen. Die therapeutische Intervention endet zumeist mit der Modusarbeit. Hiermit endet jedoch meinem Wissen nach nicht schematherapeutische Behandlung. Eventuell gehen die Autoren jedoch davon aus, dass das weitere Vorgehen dann am ehesten der Standard-Verhaltenstherapie entspricht (s.o.) und somit als bekannt vorausgesetzt werden kann? Falls dem so wäre, hätte dies ebenfalls Erwähnung im Rahmen des Begleitheftes finden können.

Zum konkreten Vorgehen: Für Jugendliche könnte es teilweise schwierig sein, sich auf gewisse Methoden der Schematherapie einzulassen. Insbesondere die gezeigten Stuhldialoge, bei denen die Patientinnen i.S. eines Rollenspieles in die Rollen ihres jeweiligen Modus schlüpfen sollen, könnten bei vielen der von mir behandelten Patienten durchaus zu massiven Widerständen führen, da Scham in derartigen Situationen nicht selten auftritt. Andererseits kann dem sicher entgegengehalten werden, dass die Autoren hier über deutlich mehr Erfahrungen verfügen und ein derartiges Vorgehen nicht propagieren würden, wenn dies nicht auch erfolgreich umzusetzen wäre. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass derartige Übungen im Regelfall besser mit Kindern oder motivierten Erwachsenen umzusetzen sind. Während ich bei anderen Videos aus dieser Reihe kritisiert hatte, dass häufig nur der Idealfall einer Intervention präsentiert wird, jedoch der Umgang mit schwierigen Situationen kaum bearbeitet wird, liefert hier vor allem der Fall „Nina“, die der gesamten Therapie zunächst sehr skeptisch gegenübersteht, spannende Einblicke in den therapeutischen Umgang mit herausfordernden Situationen in der Psychotherapie.

Auch bei dieser Veröffentlichung zeigen insbesondere die „Patientinnen“ beeindruckende schauspielerische Leistungen. Einige treten derartig glaubwürdig auf, dass man sich nicht ganz sicher ist, ob es sich nicht doch um tatsächliche Patienten handelt. Ob dem so ist, wird selbstverständlich aus Datenschutgründen nicht weiter ausgeführt.

Diese DVD ist ebenso uneingeschränkt zu empfehlen wie deren Vorgänger, in dem die Behandlung von Kindern verdeutlicht wird. Da hier über ein rein schematherapeutisches Vorgehen auch hinausgegangen wird, kann mit ihrer Hilfe ein hervorragender Einblick in die psychotherapeutische Behandlung von Jugendlichen im Allgemeinen und mittels der Schematherapie im Speziellen gewonnen werden.


[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden männliche und weibliche Form jeweils wechselseitig verwendet. Es sind immer sämtliche Geschlechter gemeint.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
E-Mail Mailformular


Alle 90 Rezensionen von Alexander Tewes anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 29.08.2019 zu: Christof Loose, Claus Lechmann: Schematherapie mit Jugendlichen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28678-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25477.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung