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Christiane Gödecke, Prof. Dr. Helen Kohlen (Hrsg.): Langzeitbeatmung im eigenen Lebensumfeld

Cover Christiane Gödecke, Prof. Dr. Helen Kohlen (Hrsg.): Langzeitbeatmung im eigenen Lebensumfeld. Sichtweisen auf die Pflege in der außerklinischen Beatmung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2018. 258 Seiten. ISBN 978-3-86321-397-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.

Die Reihe "Ethik - Pflege - Politik".
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Thema

Von den Perspektiven zu erfahren, die Menschen mit Heimbeatmung auf ihre Pflegesituation haben, ihre Interaktionen mit Pflegepersonal Angehörigen und Technik zu identifizieren, ist die durchgehende Fragestellung der empirischen Studie. Diese basiert auf 20 narrativen, episodischen Interviews mit acht Frauen und zwölf Männern, die unterschiedlich lang bereits zu Hause mit Beatmung versorgt werden. Die zentralen Untersuchungsthemen sind die Fragen nach dem Einfluss der Technik auf das Erleben der Pflege, nach Selbstbestimmung, Nähe und Distanz und wie gute Pflege im Sinne einer „Care-Ethik“ erfahren wird.

Autorin

Prof. Dr.Christiane Gödecke ist Professorin an der Hochschule Esslingen.

Entstehungshintergrund

Diese Arbeit ist eine inhaltliche Fortsetzung und Vertiefung der Masterarbeit der Autorin, wurde als Dissertation an der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch-Theologischen Fakultät Valendar angenommen und von Prof. Dr. Helen Kohlen betreut.

Aufbau

Nach einer knappen Einleitung zur Genese und Struktur der Studie folgen acht unterschiedlich gewichtete Kapitel, die das empirische Feld zunächst beschreiben und im Weiteren dann durchdringen. Im ersten Kapitel werden das Feld der außerklinischen Beatmung in Deutschland und deren Entwicklung wie auch die finanziellen Bedingungen vorgestellt. Dem folgt ein Forschungsüberblick auf internationale Studien und in Kapitel vier die Darstellung des methodischen Ansatzes der grounded theory sowie der Forschungsfragen und des -prozesses. Nach einem Kapitel zu den theoretischen Zugängen, insbesondere der Care-Ethik präsentiert die Studie die Ergebnisse der empirischen Forschung. Die dort präsentierten Unterkapitel beginnen stets mit Zitaten aus den Interviews wie „das gehört zu mir dazu“ oder „Dass man halt selbst der Experte ist“, die ein tiefes Eintauchen in das Erleben darstellt. In Kapitel sieben werden die Ergebnisse mit der Theorie verknüpft und Schlüsse gezogen. Im Resümee werden die zuvor vorgestellten Erzählkategorien nochmals aufgenommen und in komprimierter Form dargestellt.

Inhalt

Dem Feld der außerklinischen Beatmung nähert sich Christiane Gödecke zunächst, indem sie die historische Entwicklung von den ersten Langzeitbeatmungspatientinnen und -patienten im Kontext der Polioepidemien der 1960er Jahre und die sich daran anschließenden medizintechnischen Innovationen hin zu nichtinvasiver Beatmung aufzeigt. Neben den möglichen und sich verändernden Wohnformen werden die finanziellen Rahmenbedingungen betrachtet. Quantitative spezifische Daten nutzt die Autorin, dort wo sie das Thema zumindest am Rande betreffen, weist aber darauf hin, dass in Deutschland kein Register für Heimbeatmungspatientinnen und -patienten geführt wird und exakte Zahlen daher nicht vorliegen.

Im sich anschließenden Überblick zu internationaler Forschungsliteratur wird differenziert zwischen solchen Arbeiten, die den Blick auf die Betroffenen und dem, der sie auf die Angehörigen richtet. Bemerkenswert in der Analyse der Studien ist, dass zentrale der dort formulierten Themen kultur- und länderübergreifend sind. Dies sind die Punkte Vertrauen, Beziehung zu dem Pflegepersonal, Bedürfniswahrnehmung und das Umsetzen derselben, sowie Selbstbestimmung. Die daraus entwickelte Forschungsfrage und die Herangehensweise werden anschließend dargelegt. Die zentrale Frage fokussiert die emische Sicht der beatmeten Menschen und lautet: Wie stellt sich die Perspektive von Menschen mit Beatmung und ihren Angehörigen auf die 1:1 Pflegesituation in der eigenen Lebenswelt dar? Theoretisch begründet und auf zentrale Aspekte konzentriert werden die qualitative Methode, die grounded theory, die Rekrutierung der Interviewpartnerinnen und -partner sowie die Analyse der Interviews beschrieben. Der wissenschaftstheoretische Rahmen wird im nächsten Kapitel eröffnet und konzentriert sich auf Technik und Technikadaption sowie auf Care-Ethik. Knapp und kenntnisreich wird die Care-Ethik dargestellt und zentrale Elemente derselben benannt und ausgebreitet. Betont werden neben den Aspekten der Aufmerksamkeit, Verantwortlichkeit, Kompetenz und Ansprechempfindlichkeit noch das von Elisabeth Conradi entwickelte Achtsamkeitskonzept.

Die Ergebnisdarstellung ist das zentrale und wichtigste Kapitel und umfasst 100 Seiten. Es gliedert sich nach den Haupt- und Kernaussagen der Befragten und beschreibt aus deren Sicht die Elemente der Pflegesituation, die ein Arrangieren mit Fremden ebenso beinhaltet, wie die Selbstständigkeit, die oft durch die Technik, wie den Rollstuhl und dessen Steuerung mit dem Mund, ermöglicht wird. Das Expertentum bezüglich des eigenen Körpers und der ihn unterstützenden Technik bis hin zu dem Wissen über Finanzierungsspielräume zeichnet die Befragten und ihr Leben aus. Dem Team an Pflegekräften, wie auch den dennoch, meist im Hintergrund tätigen Angehörigen, kommt in der Alltagsgestaltung und der Sicht auf das Leben große Bedeutung zu. Zum einen, weil sie zum Funktionieren des Arrangement beitragen und wesentlich sind- aber auch weil sie das Misslingen bedeuten können.

Die Verknüpfung von Empirie und der Care-Ethik wird im nächsten Kapitel vorgenommen und mündet in Aussagen über gute Pflege und deren Kennzeichen im Kontext der Langzeitbeatmung. Gute Pflege zielt demnach darauf ab, Lebensqualität und Selbstbestimmung zu ermöglichen und die Machtverhältnisse in dieser speziellen Konstellation zu reflektieren. In der Zusammenfassung und dem Ausblick verweist Christiane Gödecke auf weitere mögliche Forschungen, die sowohl die Perspektive der Beatmeten als auch der Pflegekräfte in speziellen Situationen, wie dem Auszug aus der Familie oder dem Leben in Wohngruppen weiter vertiefen könnte.

Diskussion

Die Studie brilliert sowohl in ihrem empirischen Teil als auch in der gekonnten Präsentation und kritischen Würdigung ihrer Theorien. Allein schon die knappen Darstellungen der Care-Ethik und der vielleicht eher unerwarteten Techniktheorien überzeugen durch ihre Klarheit und Schärfe.

Die Arbeit mit den Interviews zeugt von großem Können, sowohl beim Führen derselben, wie auch bei ihrer Auswertung. Die Interviews in ihrer vorgenommenen Auswahl allein sind aber auch so spannend und gehaltvoll, dass die Möglichkeit, mit ihnen weiterzuarbeiten genutzt werden sollte. Diese wissenschaftliche Arbeit ermöglicht es, das Leben dieser Menschen in Ansätzen aus ihrer Innensicht kennenzulernen und ihnen auf diese Art zumindest vermittelt zu begegnen.

Fazit

Die Autorin gibt tiefen Einblick in den Alltag von Menschen mit Beatmung in ihrer Häuslichkeit. Die Art der Forschung, der Umgang mit den Zitaten zeigt einen empathischen Umgang mit den im Mittelpunkt stehenden und beforschten Menschen. Ein zentrales Ergebnis ist, dass die Selbstbestimmung der Menschen und das Vertrauen zum Pflegepersonal vor den Fragen der Technik steht. „Mein Leben Leben“, so formuliert es Prof. Dr.Helen Kohlen im Vorwort treffend, steht als zentrales Ergebnis über dieser überaus lesenswerten und an jeder Stelle ob bei Theorie oder Empirie ansprechend in ihrem Stil verfassten Studie.


Rezensentin
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
Homepage www.silberzahn-forschung.de
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Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 13.06.2019 zu: Christiane Gödecke, Prof. Dr. Helen Kohlen (Hrsg.): Langzeitbeatmung im eigenen Lebensumfeld. Sichtweisen auf die Pflege in der außerklinischen Beatmung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2018. ISBN 978-3-86321-397-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25478.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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