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Kristin Teuber: Migrationssensible Hilfen zur Erziehung

Cover Kristin Teuber: Migrationssensible Hilfen zur Erziehung. Widersprüche aushalten und meistern. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2004. 152 Seiten. ISBN 978-3-936065-21-3. 9,50 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Für die Jugendhilfe und dabei insbesondere für die Hilfen zur Erziehung gab es bisher noch keine Einführung, die sich auf die Frage der Migration und ihrer Konsequenzen für das sozialpädagogische Konzept konzentriert. In der Pädagogik gibt es immerhin die Einführungen von Auernheimer, Diehm/Radtke, Mecheril und Gogolin sowie Krüger-Pongratz. Für die Soziale Arbeit hat Hinz-Rommel mit der "Interkulturellen Kompetenz" 1994 einen Meilenstein gesetzt, der mit seiner Fokussierung auf Interkulturalität aber noch umstritten bleibt. Insofern füllt das Buch von Kristin Teuber, aus ihrer Dissertation hervorgegangen, eine merkliche Lücke.

Gleichzeitig wird die konzeptionelle Entwicklung - das zeigt sich gerade in der kritischen Auseinandersetzung und Weiterführung des Konzepts der Interkulturellen Kompetenz von Hinz-Rommel - einen wichtigen Schritt fortgesetzt. "Migrationssensibilität" wird als angemessene Reaktion auf die Veränderung eines sozialpädagogischen Handlungsfeldes behauptet und begründet.

Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass das Buch auf einen bestimmten Zweck hin geschrieben wurde. In ihm wird eine Fortbildungskonzeption für migrations­sensibles Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt, "die subjekt-, widerspruchs- und handlungsorientiert ist" (S. 9). Während der Umstand, dass thematisch eine bestimmte Lücke geschlossen wird, schon vorab festgehalten werden und die konzeptionelle Weiterentwicklung unter dem Stichwort "Migrations­sensibilität" intuitiv nachvollzogen werden kann, sind die zuletzt zitierten Ansprüche kritisch zu prüfen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert, in denen zunächst allgemeine Grundlagen der Einwanderungsgesellschaft, dann die durch Migration veränderten Umstände der Erziehungshilfen dargestellt werden. In zwei (kleineren) Kapiteln werden theoretische Konzepte (Rassismus und Subjektivität, Interkulturelle Kompetenz) referiert. Im fünften Kapitel setzt sich Teuber mit dem Konzept der Interkulturellen Kompetenz kritisch auseinander und entwickelt die Alternative der Migrationssensibilität. Im abschließenden Kapitel wird dann das Fortbildungskonzept für die Erziehungshilfe entwickelt.

  • Das erste Kapitel enthält summarische Überblicke zu Lebensbedingungen der Migranten in Deutschland. Ökonomische und soziale Umstände werden recht knapp skizziert, Regierungsberichte sind die zentrale Grundlage. Die Rechtsgrundlagen für die Jugendhilfe werden nach einem erheblich überholten Stand der Gesetzgebung referiert; hier wäre für die Drucklegung eine Aktualisierung erforderlich gewesen. In dem abschließenden Abschnitt über "Erfahrungen mit Rassismus" wird Vieles nur angetippt.
  • Das zweite Kapitel über "Einwanderung und Erziehungshilfen" beginnt mit der Analyse der Gründe für die geringe Inanspruchnahme der Jugendhilfe durch Migrantenkinder und -eltern. Gerade wenn man berücksichtigt, dass die Eltern die Leistungsberechtigten sind, wären kontrolltheoretische Gesichtspunkte stärker zu beachten. Aus den Handlungsfeldern der Jugendhilfe werden dann die Stichworte Jugendhilfeplanung und Hilfeplanung herausgegriffen und Anforderungen an migrationssensibles Handeln in diesen und anderen Situationen beschrieben. "Migrationssensibles Handeln in den Erziehungshilfen bedeutet, feinfühlig und empfindsam gegenüber den verschiedenen Facetten von Migration zu sein." (S. 65) In vielen Konkretisierungen wird dieser Grundsatz konkretisiert und veranschaulicht. Dies ist gut nachvollziehbar, doch fehlt ein Aspekt: Die beschriebenen Anforderungen gelten für jedes sozialpädagogische Handel in der Jugendhilfe, denn deren Adressaten kommen in aller Regel aus einer anderen Sozialkultur als ihr Personal. Dass man dieselbe Sprache spricht ist mindestens ebenso oft die Bedingung für Missverständnisse wie für Verstehen. Das Besondere des migrationssensiblen Handelns bedarf der Unterscheidung von den allgemeinen Grundsätzen des pädagogischen Handelns in der Jugendhilfe.
  • Im dritten Kapitel diskutiert die Verfasserin verschiedene einschlägige psychologische Theorien des Rassismus mit recht anspruchsvollen Argumenten und kritisiert vor allem, dass die Bedingungen für die Möglichkeit eines verändernden Handelns nicht konkret bestimmt werden. Man wird auf das Konzept gespannt, das als "Theorie-Praxis-Anlayse" solchen Ansprüchen gerecht werden kann. Bevor das eigene Konzept dargelegt wird, wird die kritische Auseinandersetzung fortgesetzt. Das Konzept der interkulturellen Kompetenz, das die Diskussion bestimmt, wird kritisch geprüft und als individualisierender Ansatz diskutiert. Dabei wäre freilich festzuhalten, dass bei Hinz-Rommel relevante Konzeptelemente in der Organi­sationsentwickung liegen.
  • Während die Kritik vielfach gut begründet ist und im Hinblick auf Hinz-Rommel eine gewisse Engführung der Kritik behauptet wird, ist die Behandlung von "Ethik und Moral" (S. 85 f.) misslungen: Sie nämlich nur von ihrer fehlgeleiteten Berücksichtigung her zu beurteilen, eröffnet eine neue Sackgasse. Wenn sie in die "Abstraktheit" eines "Migrationsdiskurses" verbannt werden, sind ihre Fragen nicht nur grundsätzlich missverstanden, sondern dies eröffnet der Beliebigkeit des praktischen Handelns Tür und Tor.
  • Im fünften Kapitel ruht die Kritik zum Konzept der interkulturellen Kompetenz auf Praxisbeispielen auf und nimmt Bezug auf Handlungsprobleme. Überraschend ist nun, dass der klugen Kritik an zu weit reichenden Konzeptüberlegungen nicht ein "bescheidenes" Modell folgt, sondern eines, das die Ansprüchlichkeit noch einmal steigert: "Die Verminderung menschlicher Fremdbestimmung und der Versuch, sich aus ungerechten und unterdrückenden Verhältnissen zu befreien, ist die Voraussetzung für eine Gesellschaft, die allen zur Heimat werden kann." (S. 108) Das Problem einer solchen Zielformulierung für die Praxis der Sozialen Arbeit ist hier der Kontext: Es werden Konzepte nachvollziehbar kritisiert im Hinblick darauf, dass in ihnen nicht aufgezeigt wird, wie die anspruchsvollen Überlegungen realisiert werden können. Auf der Grundlage einer subjekttheoretischen Psychologie wird eine Alternative entwickelt - wie wenn gerade die Rede vom Subjekt in ihrer Ansprüchlichkeit noch zu steigern wäre. Es ist gut, dass die Verfasserin im Blick auf Praxis dann wieder die Perspektive konzentriert auf "Migrationssensibilität" und "Handlungsmöglichkeiten - Handlungsfähigkeit". Sie kann damit sehr viel genauer etwas beschreiben, was sich auch empirisch zeigen lässt.
  • Dass diese Vorgehensweise produktiv wird, zeigt das Praxisbeispiel im sechsten Kapitel ("Fortbildung"). Eine komplexe Handlungssituation wird Schritt für Schritt analysiert, durchsichtig gemacht, von ihren Ethnisierungen und Kulturalisierungen befreit und sorgfältig nach alternativen Handlungsmöglichkeiten befragt.

Diskussion

Genau dieses Vorgehen hätte ich mir für das ganze Buch gewünscht. Denn die aufmerksame Zuwendung zu empirischen Fällen ist ein gutes Korrektiv gegenüber den vielen abhebenden Konzeptüberlegungen, die die Verfasserin zu Recht kritisiert. Auch hätte ich mir gewünscht, dass die Literaturbasis für die Arbeit gerade um empirische Studien verbreitert wird und dass die Vermischung von belegten/nicht belegten Beschreibungen mit Forderungen und Postulaten sowie den eigenen Erfahrungen und Meinungen öfter vermieden wird.

Ob das Konzept der Migrationssensibiltiät das der Interkulturellen Kompetenz überwunden hat, muss offen bleiben. Zum einen bezieht sich die Kritik zu sehr auf die Individualisierungen und wenig auf den systematischen Reduktionismus der interkulturellen Ansätze, zum anderen ist das Besondere der Migrationssensibilität in Relation zu den allgemeinen Grundlagen sozialpädagogischen Handelns zu präzisieren.

Fazit

Kristin Teuber hat einen wichtigen Schritt auf dem Weg der konzeptionellen Reflexion in der Auseinandersetzung mit Migrationsfolgen gemacht. Kritische Auseinander­setzung und Perspektivenentwicklung sind gleichermaßen vorangekommen. Das Fallbeispiel am Ende der Arbeit versöhnt mit den hier kritisierten Schwächen und zeigt die Produktivität der Überlegungen.


Rezensent
Prof. i.R. Dr. Franz Hamburger
Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V.
Homepage www.franz-hamburger.de
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Zitiervorschlag
Franz Hamburger. Rezension vom 01.11.2005 zu: Kristin Teuber: Migrationssensible Hilfen zur Erziehung. Widersprüche aushalten und meistern. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2004. ISBN 978-3-936065-21-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2548.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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