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Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse

Cover Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2018. 245 Seiten. ISBN 978-3-455-00431-1. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 21,50 sFr.
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Thema

Dröscher erzählt die Geschichte ihrer Familie und ihres eigenen sozialen Aufstiegs: Dabei betont sie immer wieder, dass sie ja eigentlich schon aus der recht komfortabel lebenden Mittelschicht kommt – im Gegensatz zum Vorbild Didier Eribon, der der französischen Arbeiterklasse entstammt. Daher fallen natürlich auch die sozialen Unterschiede noch feiner aus, als in dessen „Rückkehr nach Reims“ (Eribon, 2016). Das schmälert allerdings nicht den Wiedererkennungswert vieler Szenen für Personen, die wie der Rezensent, eine ähnliche soziale Herkunft und eine ähnliche Biographie haben. Allerdings sind so die Unterschiede eben auch subtiler und weniger deutlich als bei sprunghaften Aufstiegen. Dröschers soziale Scham bezieht sich auf drei Ds: „dicke Mutter, Dialekt, Dorf.“(S. 23) Als Aufsteigerin beschreibt sie die erlebten Minderwertigkeitsgefühle, das Gefühl eine Hochstaplerin zu sein, die in soziale Bereiche eingedrungen ist, in die sie eigentlich nicht zu gehören scheint.

Autorin

Daniela Dröscher, geboren 1977, wuchs in Rheinland-Pfalz auf. Nach ihrem Studium der Germanistik, Philosophie und Anglistik in Trier und London promovierte sie im Fach Medienwissenschaft an der Universität Potsdam mit einer Arbeit zur Poetologie Yoko Tawadas. Sie veröffentlichte in Zeitschriften und Anthologien. Von 2008 bis 2010 studierte sie Szenisches Schreiben bei uniT Graz.

Ihr erster Roman „Die Lichter der George Psalmanazar“ war eine Romandoppelbiographie über Samuel Johnson und den Orientbürger George Psalmanza (vgl. Autorinneninfo bei Hoffmann & Campe)

Entstehungshintergrund

Das Sprechen über die eigene soziale Scham gelang Daniela Dröscher erst durch die Lektüre von Didier Eribons autobiografischem Werk „Rückkehr nach Reims“ (www.socialnet.de/rezensionen/21751.php), in dem der französische Soziologe seine soziale Herkunft und die politischen Affiliationen seines Herkunftsmilieus von Kommunistischer Partei zum Front National analysiert. 

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Prolog, in dem die Autorin die wesentlichen Themen Herkunft, Aufstieg und Scham bereits benennt: „Als Kind und Jugendliche habe ich einer privilegierten Minderheit angehört und die Scham nach unten gelernt. Mit dem Eintritt in die Universität (…) verlor ich dem Gefühl nach diesen privilegierten Status und lernte Stück für Stück die gegenläufige Scham nach oben“ (S. 24). Über diese Entwicklung möchte sie Klarheit gewinnen, denn viel zu lange habe sie keine Sprache für die Erfahrung des Milieuwechsels gehabt.

Teil I des Buches steht unter dem Begriff Herkunft und die Autorin führt dem Leser darin die Biographien ihrer Eltern und Großeltern vor Augen, wobei insbesondere die polnische Herkunft ihrer Mutter und deren Eltern thematisiert werden. Deutlich wird in Teil I des Buches die oben geschilderte Scham nach unten im Vergleich mit Klassenkameradinnen. Die Familie von Dröscher hatte Geld, das machte zumindest einen ökonomischen Unterschied zu einigen anderen im Dorf aus.

Das Schämen für andere durchzieht dann auch Teil II genannt Höhere Töchter: die dicke Mutter, der bäuerlich-bürgerliche Vater, die spießige Dörflichkeit ihrer Umgebung. Insbesondere an ihren Gefühlen der Mutter gegenüber verdeutlicht die Autorin den Doppelcharakter der Scham: „Ich wollte meine Mutter gegen dieses body shaming durch die Welt verteidigen, hatte aber keine Sprache. Zugleich wollte ich eine NORMALE Mutter. Ich schämte mich für sie – und fühlte mich schuldig, dass ich mich schämte“ (S. 117).

In Teil III wird Dröschers Scham – mit Pubertät und vor allem durch den Gymnasialbesuch – dann stärker eine eigene, persönliche, ja körperliche: der Dialekt muss weg, will Dröscher nicht als Bauerntrampel daherkommen: „Erst jetzt fiel mir auf, dass mein Sprechen von unserem dörflichen Dialekt geprägt war. Den wollte ich unbedingt loswerden. Er klang mit einem Mal furchtbar hässlich und provinziell in meinen Ohren“ (S. 153).

Teil IV: Bericht von einer Akademie nimmt dann die Universitätsjahre in den Blick. Unter dem Stichwort „Keeping up with the Joneses“ verdeutlicht Dröscher hier ein typisches Aufsteigersyndrom, das der permanenten Anstrengung und des Aufholens gegenüber anderen (Alheit/Schömer www.socialnet.de/rezensionen/8186.php): „Ich lernte, las und schrieb bis zum sprichwörtlichen Umfallen (…). Dazu kamen viel zu viele Freundschaften, Verabredungen, Gespräche, Feste, von allem VIEL ZU VIEL. Mein Semesterplan war nicht voll, er quoll förmlich über. Ein Wesensmerkmal des unverarbeiteten progressiven Milieuwechsels ist der überhöhte Anspruch an sich selbst. Die permanente Überforderung, mit der ich mich ab dem dritten Semester eigenmächtig unbewusst überwachen und strafen sollte“ (S. 201 f.; siehe auch: Lars Schmitt: Bestellt und nicht abgeholt. 2009)

Jahre später begegnet der Autorin dieses Verhalten erneut bei einem Schriftstellerkollegen, der eine sehr treffende Erklärung für seinen eigenen Übereifer parat hat: „er (mühe) sich zeit seines Lebens damit (ab), den ‚Stallgeruch‘ aus sich zu vertreiben“ (S. 229), also seine soziale Herkunft zu verbergen.

Dröscher selbst sieht im Rückblick vor allem die Entscheidung zu promovieren als einschneidenden Schritt, der ihr selbst ihre Rolle zwischen Paria und Aufsteigerin verdeutlicht: „Spätestens als ich mich für die Dissertation entscheide, wird der Abstand zu meinem Herkunftsmilieu unüberwindbar. Das ist die Zeit, in der etwas umgeschlagen sein muss: Ich verlerne, meine Privilegien zu sehen, weil ich erlerne, mich im Zerrspiegel des akademischen Habitus zu betrachten. Ich spüre Widerstand dagegen, bleibe aber in meinem Protest blind und unorganisiert. Alles in mir sträubt sich gegen die Position, die das System mir zuweist: die des Emporkömmlings“ (S. 207).

Teil V Alphabet der Scham präsentiert in alphabetischer Reihenfolge kurze persönliche Episoden und Reflexionen zum Thema Scham. Unter S, wie Stallgeruch, findet sich z.B. die oben zitierte die Anekdote zu Dröschers Schriftstellerkollegen.

Der Epilog analysiert in kondensierter Form die Vor- und Nachteile sozialen Aufstiegs und den Wert der (schwierigen, schmerzhaften) Selbsterkenntnis.

Diskussion

Zu Beginn des Buches hat sich der Rezensent oft gefragt, was die Autorin eigentlich auszustehen hat, welchen Konflikt sie beschreiben möchte und worauf sie eigentlich hinauswill: behütetes Aufwachsen, finanziell abgesichert, Gymnasium mit Internatszug – immer Freunde in gefühlt höheren sozialen Sphären, Studium, Promotion, beruflich tätig als Kulturschaffende. Kaum ist „eine Knappheit an ökonomischem Kapital (Geld, Besitz) kulturellem Kapital (Wissen, Bildung), aber auch an sozialem Kapital (soziale Netzwerke, Anerkennung)“ zu erkennen (El-Mafaalani, Vom Arbeiterkind zum Aufsteiger, S. 5). Ist das nicht einfach Jammern auf hohem Niveau?

Wie schon in Pierre Bourdieus „Selbstversuch“ (2002) und in Eribons „Rückkehr nach Reims“, so ist auch in Daniela Dröschers „Zeige deine Klasse“ die Vorstellung allzu deterministischer Sozialstrukturen präsent, die aber jeweils für die Protagonisten porös genug sind, um doch den Aufstieg zu schaffen. Sie fallen nun aus der Herkunfts- wie aus der Aufstiegsklasse heraus, wobei ihnen die Realisierung ihrer unvollkommenen Passung (www.socialnet.de/rezensionen/23199.php) aber ermöglicht, hellsichtige Analysen zu verfassen und so „Geschichte und persönlichen Lebenslauf und ihre Verbindungen in der Gesellschaft zu erfassen“ (C. Wright Mills; www.socialnet.de/rezensionen/21768.php).

Trotzdem kam der Rezensent nicht über ein diffuses Gefühl des „So what?“ hinweg, teilweise erscheint die Biographie wenig besonders und daher die Analyse ein wenig pompös. Dröschers Verdienst ist es aber allemal, diese Art der reflexiven Sozialbiographie, wie sie derzeit in Frankreich populär ist (z.B. Annie Ernaux, Édouard Louis, Didier Eribon) auf eine deutsche Aufstiegsgeschichte zu übertragen. Dabei mixt Dröscher nicht nur Autobiographie, Ethnographie und – im Ansatz auch – Milieugeschichte, sondern auch ihr Text ist eine Collage aus Zitaten, Dialogen, Erinnerungsstücken und Analysen – gespickt mit kommentierenden und weiterführenden Fußnoten. Der Stil wird daher sicherlich nicht alle Lesenden ansprechen.

Insbesondere die Verweispraktik der Autorin grenzt manchmal an name-dropping und der Leser wundert sich, warum in Fußnoten neben Autor*innen nicht auch deren Werke genannt werden, geschweige denn ein Literaturverzeichnis das Werk abschließt – sodass eine weitere Beschäftigung mit den zitierten Werken möglich wäre. Der Gefahr, dadurch entweder belesene Arroganz oder habitusbedingte Unsicherheit zu beweisen, begegnet die Autorin dann auch direkt im Text: „Das Zitat hat viele Gesichter. Es kann die Funktion haben, meine Belesenheit auszustellen oder meine Sicht durch andere, gewichtigere Stimmen zu legitimieren. Für mich waren Zitate immer vor allem eines: Gefährten. Stimmen – an denen ich mich orientierte. Die ich – bewunderte“ (S. 190).

Darüber hinaus gibt es im Buch teilweise Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit: Oft klingt es so, als habe die von heute aus ihre Biografie reflektierende Autorin diese Reflexionen bereits zu der Zeit angestellt, über die sie berichtet, was in Kinder- und Jugendjahren in der Tiefe kaum möglich scheint.

Dröscher geht wie Eribon auf den (rechten) Populismus ein, schaut hier aber zunächst auf Amerika: „Trump hat die Wahl gewonnen. Die Analysen fahren hoch. Einfache Versprechen in einer einfachen Sprache für einfache Menschen, heißt es. Ich verspüre ein sofortiges Veto. Was heißt ‚einfach‘? Warum steckt da eine solche Abwertung darin? Genau hier wünsche ich mir feine Unterschiede. Das Populäre ist nicht das Populistische, das Volkstümliche nicht das Völkische, das Einfache nicht das Tumbe. Es sind genau diese Abwertungen der Mitte, die ‚einfache‘ Menschen in Trumps Arme treiben“ (S. 220) – und in die Arme des Front National, der AFD, der Cinque Stelle (usw.) möchte man ergänzen. Im Gegensatz zu Eribon analysiert sie dann aber nicht das Wahlverhalten und die politischen Einstellungen ihres Herkunftsmilieus, thematisiert also eine Zerrissenheit der Mittelklasse zwischen Aufstiegsorientierung und Abstiegsangst nicht. Eribon sieht, dass er und andere linke Intellektuelle zwar lange ein imaginäres revolutionäres Proletariat herbeiwünschten, die realen Arbeiter*innen dann aber gerne hinter Feminismus-, Gender-, Rassismus-, Post-modernen, -strukturellen, -kolonialen und anderen linken Debatten zurückblieben, vergessen von linken Politikern und Milieuaufsteigern. 

Dröscher hingegen sieht Milieuaufsteiger viel besser gewappnet gesellschaftlich etwas zu verändern, nämlich das „Ideal eines friedvollen, respektvollen Miteinanders mit Menschen, die womöglich oftmals ganz anders denken und sprechen und handeln als sie selbst. Ein Milieuwechsel ist diesem Ideal nicht hinderlich. Im Gegenteil. Wer einen Milieuwechsel hinter sich hat, hat der Potenz nach sogar eine ausgeprägte Begabung für ein solches Miteinander. Eine soziale Beweglichkeit“ (S. 239 f.). Diese soziale Beweglichkeit durch multiple Milieuerfahrungen erinnert dabei stark an eine Figur aus der amerikanischen Stadtsoziologie: den/die „marginal wo/man“, die von einer randseitigen Position aus den besseren Überblick und die klarere Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge liefern kann.

Fazit

Daniela Dröscher präsentiert ihre Familiengeschichte, ihren eigenen sozialen Aufstieg und analysiert dabei die Momente des Erkennens sozialer Scham: für die Eltern, für den Dialekt, für die dörfliche Herkunft. Dröscher möchte damit an Werke wie Eribons „Rückkehr nach Reims“ anknüpfen. Allerdings sind der Klassenstolz und der Stolz der Aufsteigerin auf das Erreichte, der aus dem Titel spricht, nur sporadisch zu finden. Oft möchte man der Autorin zurufen: „Zeige deine Klasse!“


Rezensent
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 09.04.2019 zu: Daniela Dröscher: Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-455-00431-1.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25482.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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