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Reinhold Hedtke: Das Sozioökonomische Curriculum

Cover Reinhold Hedtke: Das Sozioökonomische Curriculum. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2018. 464 Seiten. ISBN 978-3-7344-0730-7. D: 52,00 EUR, A: 53,50 EUR.

Reihe: Sozioökonomische Bildung.
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Ökonomisch Denken und Handeln heißt multiperspektivisch Denken und Handeln

Der homo oeconomicus ist, wenn er nicht als homo immodestus maßlos lebt, Überflüssiges und Unnötiges erstrebt und egoistisch lebt, aufgefordert, seine individuelle Existenz darauf auszurichten, als zôon politikon zu leben. Die Klassifizierung, dass er als homo empathicus das vernunftbegabte Lebewesen ist, das darauf angewiesen ist, friedlich, gerecht und gleichberechtigt mit den Mitmenschen zusammen zu leben, gehört ohne Zweifel zu den anthropologischen Grundelementen menschlichen Lebens (Aristoteles). Ökonomisches Denken und Handeln ist somit Bestandteil des Humanums. Darauf verweist der Didaktiker der Sozialwissenschaften und der Wirtschaftssoziologie von der Universität Bielefeld, Reinhold Hedtke (vgl. dazu: Ökonomische Denkweisen, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/7485.php). „Nur wer die Grundstrukturen der Wirtschaft versteht, kennt die Grammatik der Gesellschaft“, auch das stellt Hedtke fest, wenn er sich daran macht, das Wirtschaften der Menschen als Prozesse der Aneignung und des Lernens auszudifferenzieren und Ökonomik nicht als Verführung und Konsumismus, sondern im Sinne einer Konsumkompetenz und Verbraucherbildung aufzuschlüsseln (Konzepte ökonomischer Bildung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11329.php).

Entstehungshintergrund

Sozioökonomische Bildung muss ganz früh, in der Familie, in der Kita, der Schule, im Beruf und in der Freizeit permanent erfolgen. In der schulischen Bildung und Erziehung sind es die Lehrpläne und Curricula, die den Lehrenden und Lernenden Anhaltspunkte, didaktische und methodische Anregungen geben, um sozioökonomisch gebildet zu sein. Ein sozioökonomisches (Kern-)Curriculum für die Sekundarstufe I erfordert einen breiten, aktuellen, objektiven, fachbezogenen und interdisziplinären, lokalen und globalen Zugang zu Fragen der sozial- und gesellschaftlichen Bildung. Die erstmalige, umfassende Vorlage eines Sozioökonomischen Curriculums für das schulische Lernen (Sekundarstufe I) war möglich durch die Förderung des zweijährigen Forschungsprojektes an den Universitäten Bielefeld (Reinhold Hedtke) und Köln (Birgit Weber): „Pragmatische sozioökonomische Bildung – Konzeptionelle Grundlagen und Kerncurriculum“. Die Ergebnisse, die von einem wissenschaftlichen Projektbeirat begleitet wurden, werden hier vorgelegt. Es ist das Bemühen deutlich zu erkennen, hergebrachte Lernkonzepte, Methoden und Lerninhalte zu überwinden und wegzukommen vom curricularen Denken und Handeln, die auf Lehrbüchern beruhen, die von Lehrbüchern abgeschrieben wurden, die von Lehrbüchern abgeschrieben wurden… Die Zielsetzung des Curriculums „berücksichtigt ganz besonders das Bedürfnis junger Menschen nach einer Bildung, die sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördert und aus dieser subjektorientierten Perspektive heraus den Gegenstandsbereich Wirtschaft in den Blick nimmt“.

Aufbau

Das Buch „Das Sozioökonomische Curriculum“ (Kerncurriculum S I) wird gegliedert in zwei Teile. Im ersten Teil werden die Grundprinzipien des Konzepts thematisiert und die Inhaltsfelder des Currriculums für die Jahrgangsstufen 7/8 und 9/10 aufgezeigt. Im zweiten Teil werden die „Grundlinien der sozioökonomischen Bildung“ im Rahmen des sozialwissenschaftlichen Lehrplandiskurses dargestellt und begründet.

Die Fleißarbeit zeigt sich auch im umfangreichen, 77seitigen Literaturverzeichnis. In 15 Abbildungen wird eine Verortung des Integrationsfachs „Wirtschaft und Gesellschaft“ vorgenommen und auf wissenschaftliche Grundlagen verwiesen. In 20 Tabellen werden die fachlichen, fächerübergreifenden und didaktischen Zusammenhänge und Vernetzungen aufgewiesen. Im Verzeichnis der Begriffe werden die Benennungen und Analysen von ökonomischem Wissen und Erfahrungen bereitgestellt. In 47 (Fall-)Unterrichtsbeispielen werden ausgewählte Themen vorgestellt, die für eine didaktische Analyse bedeutsam sind.

Inhalt

Ein Curriculumvorschlag ist kein Rezept und darf auch nicht per Ordre du Mufti angewiesen werden. Es sind die Lehrenden und Lernenden, die in der Gemeinschaft der Lerngruppe und des in der Schule abgestimmten und vereinbarten Lehrplans, Lerninhalte und -methoden vereinbaren: „Das Sozioökonomische Curriculum präsentiert Kanon und Kultur der sozialwissenschaftlichen Subdomäne ‚Wirtschaft in der Gesellschaft‘ für Varianten eines grundsätzlich integrativ angelegten Schulfaches“. Bedeutsam für sozioökonomische Bildungsvermittlung und -erwerb sind die Kriterien und Grundlagen, die für wissenschaftliche Bildung gelten und als „potentielle Bildungsrelevanz“ verstanden werden: Selbstverständnis, Weltverständnis, Handlungsfähigkeit, Wertebewusstsein.

Welche Inhaltsbereiche und Kompetenzen sollen beim sozioökonomischen Unterricht vermittelt werden? Das ist ohne Zweifel die Gretchenfrage, und es ist der Maßstab, mit dem eine Einführung des Lernstoffs in der Sekundarstufe I veranlasst werden kann. Sozioökonomische Bildung, wie Bildung überhaupt, soll das Individuum befähigen, durch objektives Wissen eigene Lebensentscheidungen treffen und damit ein humanes, individuelles und kollektives Leben führen zu können. Das Kerncurriculum Sozioökonomische Bildung weist zehn Inhaltsfelder aus, die im Unterricht und in den Betriebspraktika vermittelt werden sollen:

  • Haushalt und Geschlecht
  • Unternehmen und Produktion
  • Markt und Preis
  • Konsum und Natur
  • Arbeit und Arbeitspolitik
  • Geld und Kredit
  • Verteilung und Vorsorge
  • Wirtschaft und Politik
  • Wirtschaft und Natur
  • Entwicklung und Weltwirtschaft.

Erfahrenen Didaktikern und Praktikern wird auffallen, dass die Themen und Stoffinhalte in vielfältiger Weise fachbezogen und fächerübergreifend zusammenhängen. Aber das ist ja eine bekannte und selbstverständliche Erkenntnis, dass Lernen und Bildung als ganzheitliche Prozesse verstanden werden sollen und Fachinformationen ein Teil des Ganzen sind. Das Curriculum weist Kernkompetenzen aus, die die Unterrichtsvorbereitung und -durchführen bestimmen sollen:

  • Konsumverhalten
  • Geschlechtergerechtigkeit
  • Umgang mit Geld und Kapital
  • Verflechtungen und Wechselwirkungen von Wirtschaft und Natur
  • wohlfahrtsstaatliches Bewusstsein
  • Arbeits- und Berufsethik
  • unternehmerisches Handeln
  • Arbeitsmarkt
  • Wirtschaftssysteme 
  • Wirtschaft und Politik
  • lokales und globales Wirtschaften

Weil Wirtschaften und Konsumverhalten immer bestimmt werden von internen und externen Einflüssen, kommt es bei den Entwicklungs- und Lernprozessen darauf an, normative Leitideen im Blick zu haben und diese als Grundlage des sozioökonomischen Unterrichts voranzustellen:

  • Versorgung
  • Effizienz
  • Gelingen
  • Konsumfreiheit
  • Leistung
  • Vertrauen
  • Gerechtigkeit
  • Gemeinwohl
  • Nachhaltigkeit
  • Globalität

Fazit

Wenn sozioökonomisches Lernen kein Zufallsprodukt und damit ein Ausgeliefertsein an von welchen Mächten und Ideologien auch immer diktierten Einflüssen, sondern ein geplanter, curricular, didaktisch und methodisch sorgfältig vorbereiteter, auf die individuelle Entwicklung des Lernenden ausgerichteter, wissenschaftlicher und demokratischer Prozess ist, braucht es „eine differenzierte, fachdidaktisch und sozialwissenschaftlich fundierte Konzeption für die Bildung in der sozioökonomischen Subdomäne, die sich systematisch in der Domäne Sozialwissenschaften verortet und den Anspruch auf personale Bildung … einlöst, statt …nur die Auswahl und Anordnung fachwissenschaftlicher Gegenstände und Kompetenzen zu beschreiben‘“.

Die ausführliche Darstellung des sozioökonomischen Curriculums wendet sich an Praktiker und Theoretiker des sozialwissenschaftlichen, pädagogischen Denkens und Handelns. Es sollte in der Lehreraus-, -fortbildung und im unterrichtspraktischen Tun Beachtung finden, wie auch in der Curriculum-und Lehrbucharbeit zur Kenntnis genommen werden. Reinhold Hedtke sieht bei der Lektüre der Forschungsarbeit drei Verwendungsmöglichkeiten: Die eine als Hinweise für die Konstruktion von Kernlehrplänen, schulinternen Curricula und Planung von Unterrichtsvorhaben; die zweite als Einführung in die Sozioökonomiedidaktik; und die dritte als Fundgrube für sozialwissenschaftliches Wissen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.04.2019 zu: Reinhold Hedtke: Das Sozioökonomische Curriculum. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2018. ISBN 978-3-7344-0730-7. Reihe: Sozioökonomische Bildung.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25485.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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