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Sandra Matschnigg-Peer: Herkunftsbedingte Bildungsdisparität an der Wiener Grundschule

Cover Sandra Matschnigg-Peer: Herkunftsbedingte Bildungsdisparität an der Wiener Grundschule. Logos Verlag (Berlin) 2018. 107 Seiten. ISBN 978-3-8325-4688-5. D: 39,50 EUR, A: 40,60 EUR.

Reihe: Beiträge zu Bildungstheorie und Bildungsforschung - Band 6.
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Thema

Ungleichheit ist ein Kernthema soziologischer Forschung, das in der Regel durch umfangreiche Datensätze über die Verteilung von Ressourcen, deren Ursachen und Konsequenzen, behandelt wird. Die Autorin betrachtet einen Ausschnitt, nämlich Bildungsungleichheit im Bereich der Elementar- bzw. Grundschule. Dass bereits in diesem Lebensabschnitt Disparitäten im Bildungsverlauf auftreten, ist evident, verweisen doch Studien auf die Bedeutung des sozio-ökonomischen Status, also der sozialen Herkunft von Schüler*innen (u.a. die PISA-Studien). Sandra Matschnigg-Peer schränkt die Zuwendung zum Thema ein, indem sie erstens drei theoretische Ansätze zur Erklärung von Bildungsungleichheit als Ausgangspunkt wählt (Pierre Bourdieu, Basil Bernstein und Raymond Boudon) und auf die Thesen dieser theoretischen Zugänge aufbauend eine qualitative Studie mit 16 problemzentrierten Interviews unter Kindern von Wiener Volksschulen durchführt.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin, Sandra Matschnigg-Peer, hat am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien studiert und ist nun Professorin an der Pädagogischen Hochschule Wien. Der Band ist Teil einer Reihe zur Bildungstheorie und -forschung, herausgegeben von Henning Schluß (Professor am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien, Abteilung für Theorie und Empirie der Bildung und Erziehung) und Elisabeth Sattler (Vorständin des Instituts für das künstlerische Lehramt, Akademie der bildenden Künste Wien; und ehemalige Mitarbeiterin am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien). Folgt man einem Eintrag im Bibliothekskatalog der Universität Wien scheint die Publikation aus einer Masterarbeit, abgeschlossen im Jahr 2017, mit gleichnamigen Titel entwickelt worden zu sein.

Aufbau und Inhalt

Zunächst werden – nach einer Einleitung mit einer Skizze der theoretischen Ansätze – in Kapitel 2 das Forschungsvorhaben und die Forschungsfrage ausgeführt. Die Autorin verweist dabei auf eine Studie von Rahel Jünger, die die Problematik in der Schweiz untersucht hat. In dieser 2008 erschienen Publikation werden auf der Grundlage qualitativer (Gruppen-) Interviews die schulischen Logiken und – Bourdieu folgend – ressourcenabhängigen Habitusformationen durch die Gegenüberstellung von privilegierten und nicht-privilegierten Gruppen erforscht. Zentral wurde also dabei fokussiert, wie man sich Schule zuwendet und sie „gebraucht“. In der vorliegenden Studie wurde die Forschungsfrage allgemeiner formuliert – die Gegenüberstellung von Disparitäten ressourcenreicher und -ärmerer Gruppen aber beibehalten, und (zunächst) auf die Darstellungen und Sichtweisen der Kinder verwiesen, die jedoch in der weiteren Arbeit und im Leitfaden durch theoretisch induzierte Faktoren der ausgewählten Erklärungsansätze zur (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit zumindest präformiert, wenn nicht dominiert werden. Als Verfahren in der Datenerhebung wurde das problemzentrierte Interview (Andreas Witzel, 2000) gewählt, als Untersuchungsgruppe Kinder der vierten Schulstufe. Die Auswertung erfolgte in Anlehnung an die Inhaltsanalyse von Philipp Mayring (2002).

Kapitel 3 und 4 beschäftigen sich mit der Bildungsforschung, zunächst insbesondere mit der natürlich zentralen Thematik der Bedeutung der sozialen Herkunft für (ungleiche) Bildungsabschlüsse und werden einzelne Punkte bzw. Entwicklungstendenzen des (umfangreichen) Diskurses dargestellt. Mit Verweis auf das Übersichtswerk von Thomas Brüsemeister (2008; siehe S. 8) greift die Autorin danach drei zentrale Ansätze heraus: zunächst wird auf die „Kapital-Theorie von Bourdieu“ (S. 11 ff.), danach auf die „Code-Theorie von Bernstein“ (S. 15 ff.) sowie die „Rational Choice-Theorie von Boudon“ (S. 20 ff.). Schließlich werden die aus diesen Theorien bzw. Studien abgeleiteten Ursachen für Bildungsungleichheit zusammengefasst.

In Kapitel 5 wird auf die Abhängigkeit des schulischen Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft speziell in Österreich näher eingegangen. In mehreren Kapiteln werden die herkunftsbedingten Selektionen entlang der biographischen Achse dargestellt, beginnend bei der (restringierten) Frühförderung in Kindergärten bis hin zu Allokationen im Bereich der primären, sekundären und tertiären Bildungsstufen.

In Kapitel 6, 7 und 8 wird auf das methodische Vorgehen Bezug genommen. Zunächst wird die qualitative Sozialforschung in seinen Umrissen kurz dargestellt, danach auf die Konstruktion des Leitfadens eingegangen. Dabei wird nochmals auf die Zielsetzung der konkreten Forschung verwiesen: mit der Erfassung der Standpunkte und Sichtweisen der Schüler*innen soll auf die Ursachen der herkunfts- und ressourcenbedingten Bildungsungleichheiten geschlossen werden (S. 40). Danach wird das problemzentrierte Interview als gewählte Erhebungsstrategie behandelt und die Ableitung der Struktur des Leitfadens dargestellt: die drei theoretischen Ansätze werden als neben der „Bildungsbiografie“ als Leitfadenschwerpunkte herangezogen und zu Fragen „operationalisiert“ (S. 45 ff.). Hinzu tritt ein Text- und Bildimpuls, um danach mit offenen Fragen die Haltungs- und Bewertungsformen der Schule hervorzulocken. Schließlich werden in einem eigenen Kapitel („Der Forschungsprozess“: Kap. 8) die Auswahl- und Auswertungsstrategie zu den Interviews dargestellt. Darin erfährt man, dass ausschließlich Schüler von Volksschulen mit Halbtagsunterricht interviewt wurden. Als Repräsentant*innen für die Gruppe der privilegierten Schüler*innen wurden jeweils zwei Schulen aus statushohen Wohnbezirken in Wien ausgewählt, für die Gruppe der nicht-privilegierten (und damit ressourcenarmen) Gruppe zwei Schulen aus statusniedrigen Bezirken. In jeder Schule wurden mit Unterstützung des Lehrpersonals jeweils vier Kinder für ein Gespräch gewonnen. Die Auswertung der Interviews erfolgte auf der Basis der qualitativen Inhaltsanalyse von Mayring, unterstützt durch das MAXQDA-Programm.

In Kapitel 9 und 10 werden zunächst die Interviews bzw. Postskripte zu den Interviews sowie danach die Erkenntnisse der Analysen dargestellt – im Wesentlichen gegliedert nach den Schwerpunkten im Leitfaden, also nach den soziodemografischen Angaben, den einzelnen theoretischen Ansätzen und den Chancen sowie Herausforderungen im Schulalltag. Es wird auf vielfältige Variablen, die einen Einfluss auf die Bildungsungleichheit haben, anhand des Materials eingegangen, sei es die Dauer des Kindergartenbesuchs, kulturelles, ökonomisches und soziales Kapital, sprachliche Codes oder primäre/sekundäre Herkunftseffekte. Häufig finden sich dabei Abbildungen, welche die Verteilung von Parametern zeigen. In Kapitel 11 wird abschließend ein Conclusio vorgenommen. 

Diskussion und Fazit

Die Publikation ist vor dem Hintergrund einer Abschlussarbeit über Bildungsungleichheit einzuordnen. Die Autorin geht zunächst auf zentrale Erklärungsansätze der (Re-) Produktion von Bildungsdisparitäten bzw. Bildungsungleichheiten ein, insbesondere in Abhängigkeit von sozialer Herkunft. Darauf bezugnehmend werden aus diesen Ansätzen extrahierten zentralen Einflussfaktoren für soziale Ungleichheit herangezogen, um sie in qualitativen Interviews einzubringen und die Erfahrungen und Standpunkte der Schüler*innen als Ausgangspunkt für die Analyse zu nehmen. Da sie keinen fallanalytischen Ansatz wählt, werden die Interviews stärker beschreibend und exemplarisch für einzelne Dimensionen herangezogen, tritt die interpretative Komponente des Datenmaterials zurück. Insofern fehlt die Bezugnahme auf (schulische) Logiken/​Zusammenhänge in Einzelfällen, wie sie etwa in der von der Autorin erwähnten Studie von Rahel Jünger im Kontext des Habituskonzepts rekonstruiert wurden. Stattdessen wird in dieser Arbeit das (verbale) Datenmaterial weitgehend unter vorab, theoretisch abgeleitete Kategorien und Thesen kategorisiert, sodass die Studie eher im Sinne eines subsumierenden Vorgehens und der Darstellung exemplarischer Einzelfälle zu verstehen ist. Im Sinne einer – durchaus anregenden – Masterarbeit sollten aber die Erwartung neuer Erkenntnisse eher zurückgestellt werden, wie auch manche Details der methodischen Durchführung (z.B. Zusatzprotokoll bei Erhebungen, Interviewdauer) auf eine nicht ganz ausgereifte Umsetzung bzw. einen dornigen Weg beim Einsatz qualitativer Verfahren verweisen.


Rezension von
ao. Univ.Prof. Dr. Gerhard Jost
Mitarbeiter am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung, WU, Wirtschaftsuniversität Wien, Department für Sozioökonomie.
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Zitiervorschlag
Gerhard Jost. Rezension vom 21.01.2020 zu: Sandra Matschnigg-Peer: Herkunftsbedingte Bildungsdisparität an der Wiener Grundschule. Logos Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-8325-4688-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25487.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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