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Ute Templin: Jugendliche in prekären Lebenslagen im Übergang zum Beruf

Cover Ute Templin: Jugendliche in prekären Lebenslagen im Übergang zum Beruf. Biographische Zugänge zu Lebenswelten und Bildungsprozessen. Logos Verlag (Berlin) 2018. 328 Seiten. ISBN 978-3-8325-4586-4. D: 41,00 EUR, A: 42,10 EUR.
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Thema

In Deutschland steht jungen Menschen, die nur einen Hauptschul- oder keinen Schulabschluss erreicht haben, vor allem eine duale Berufsausbildung offen, weil dafür keine formalen Zugangsvoraussetzungen wie z.B. zu einer vollzeitschulischen Berufsausbildung oder einem Hochschulstudium gelten. Doch ist der Zugang zu einer dualen Berufsausbildung marktwirtschaftlich geregelt, denn die Ausbildungsbetriebe entscheiden jeweils für sich, wie viele Ausbildungsplätze sie anbieten und wen sie als Auszubildende einstellen. Obwohl in den letzten Jahren zunehmend mehr Lehrstellen mangels für die Betriebe passender BewerberInnen unbesetzt bleiben, gibt es eine Vielzahl junger Leute, die aus unterschiedlichen Gründen keine Ausbildungsstelle in einem der von ihnen gewünschten Berufe in ihrer Wohnregion finden und zunächst ausbildungslos bleiben. Ferner gibt es junge Menschen, die zwar eine Berufsausbildung begonnen haben, aber aus verschiedenen Gründen nach einiger, zumeist kurzer Zeit im ersten Ausbildungsjahr, wieder abbrechen und dann keinen Anschluss mehr finden. Um allen diesen sogenannten benachteiligten, unversorgt gebliebenen Ausbildungsinteressierten dennoch eine berufliche Perspektive zu eröffnen, sind insbesondere seit Beginn des neuen Jahrtausends die Angebote im so bezeichneten Übergangsbereich Schule-Beruf immer weiter ausgebaut und ausdifferenziert worden. In den dortigen Maßnahmen sollen die jungen Menschen – neben der Möglichkeit, ihren Schulabschluss zu verbessern – gezielt in ihrer Berufswahl unterstützt und auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden.

Um den unterschiedlichen Ausbildungsvoraussetzungen mit entsprechenden Maßnahmen gerecht werden zu können, hat sich mit den Jahren ein kaum noch überschaubarer Förder-Dschungel verschiedener Angebote entwickelt. Ihr Erfolg und damit ihre Sinnhaftigkeit werden jedoch immer wieder kontrovers diskutiert. Grundsätzlich ist strittig, ob sie – mit Ursula Beicht (Bundesinstitut für Berufsbildung) gesprochen – die Chancen der jungen Leute auf eine Berufsausbildung verbessern oder bloß eine nutzlose oder gar chancenverschlechternde „Warteschleife“ darstellen.

Als Beitrag zu dieser Fachdebatte verstehe ich die qualitative Studie von Ute Templin. Sie war als Seminarleiterin in einer „Betrieblichen Grundausbildungsmaßnahme (BGM)“ tätig, die von Januar bis Juli 2002 in München von Seiten der Agentur für Arbeit finanziert wurde und in der vor allem AusbildungsabbrecherInnen auf eine weitere Berufsausbildung vorbereitet oder in Erwerbsarbeit vermittelt werden sollten. Ute Templin zeigt in ihrer mit einem Mix vielfältiger Forschungsmethoden durchgeführten Untersuchung „aus einer biografischen Perspektive, welche Spuren solche Maßnahmen bei der Teilnehmendengruppe auf dem weiteren Lebensweg hinterlassen haben“ (S. 2). Acht Jahre nach dem Ende der BGM, also 2010, hat sie die damaligen 17 TeilnehmerInnen zu einem Ehemaligentreffen eingeladen, sieben von ihnen sind gekommen und haben sich mit unterschiedlichen Methoden interviewen lassen. Alle sieben hatten ihre allgemeinbildende Schule mit einem Hauptschulabschluss, davon drei mit einem qualifizierten Hauptschulabschluss, verlassen und anschließend eine Berufsausbildung begonnen und wenig später abgebrochen. Für diese Personengruppe liefert die Studie von Ute Templin kritisch stimmende Forschungsergebnisse zur Sinnhaftigkeit der Maßnahmen im Übergangsbereich Schule-Beruf.

Autorin

Im Rahmen ihrer eigenen, mit „schulischen Umwegen“ (S. 88) versehenen Bildungs- und Berufslaufbahn hat Ute Templin aus dem zweiten Bildungsweg kommend eine Berufsausbildung zur examinierten Krankenschwester abgeschlossen. Nach einigen Jobs und Auslandsaufenthalten hat sie berufsbegleitend zu einer Stelle in einem Großkonzern Sozialpädagogik an der Fachhochschule Frankfurt am Main und anschließend Erziehungswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt am Main studiert und erfolgreich abgeschlossen (S. 88). Dort hat sie am 13. Juni 2017 im Fachbereich Erziehungswissenschaften promoviert und den Grad des Doktors der Philosophie erworben.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist die Dissertationsschrift von Ute Templin, mit der sie, wie schon erwähnt, im Juni 2017 im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt am Main ihre Promotion abgeschlossen hat.

Aufbau und Inhalt

Die insgesamt knapp 328 Seiten (inklusive 24 Seiten Literaturverzeichnis und 24 Anhang) umfassende Publikation von Ute Templin gliedert sich in neun Kapitel, von denen das 1. Kapitel die Einleitung ist.

„Einleitung

Zur Einstimmung in ihre Dissertationsschrift zitiert Ute Templin ein altchinesisches Sprichwort, in dem die Relevanz von Bildung für junge Menschen in Bildsprache ausgedrückt wird. Anschließend führt sie in ihr Forschungsvorhaben ein, erläutert ihre Forschungsfragen und betont die „Doppelrolle der Forscherin“ (S. 3) als ehemalige Seminarleiterin, die sie auch beim Ehemaligentreffen acht Jahre nach der Durchführung der BGM für die jungen Erwachsenen inne hatte. Des Weiteren gibt sie einen Überblick zum Aufbau ihrer Publikation.

„Theoretische Annäherung an die Lebenswelten arbeitsloser Jugendlicher – Lern- und Bildungsprozesse im Übergang“

In diesem Kapitel setzt sich Ute Templin mit Jugendarbeitslosigkeit (2.1), und „Kompetenzen als Schlüssel im Übergang zum Beruf“ (S. 48, 2.4) auseinander. Im Zentrum stehen jedoch ihre theoretischen Zugänge, auf die sie im Laufe ihrer Studie immer wieder zurückgreift und als Folie zur Kontextualisierung und Theoretisierung ihrer Forschungsergebnisse nutzt: die Habitustheorie von Pierre Bourdieu (2.2) und theoretische Ansätze aus der Übergangs- bzw. Statuspassagenforschung, insbesondere jene von Barbara Friebertshäuser, beziehen.

 „Methodische Zugänge zur Lebenswelt von Jugendlichen in prekären Lebenslagen“

Dieses Kapitel gilt den forschungsmethodischen Zugängen, für die Ute Templin einen Mix-Methods-Ansatz gewählt hat. Dieser beinhaltet als Erhebungsinstrumente neben den schon erwähnten biografisch-narrativen Interviews mit den jungen Erwachsenen beim Ehemaligentreffen auch eine dort durchgeführte videogestützte Gruppendiskussion, einen Fragebogen zu soziodemografischen u.a. Daten, eine Fotographie- und Dokumentenanalyse sowie ethnografische Elemente der offenen Beobachtung und deren Dokumentation in einem Forschungstagebuch. Diese vielfältig gewonnenen qualitativen und quantitativen Daten hat sie in Anlehnung an die Reflexive Hermeneutik ausgewertet und die Lebensgeschichten der jungen Menschen vor, während und nach ihrer Teilnahme an der BGM rekonstruiert und auf der Basis der Habitustheorie von Pierre Bourdieu und Übergangsphasenmodellen von Barbara Friebertshäuser eingeordnet.

„Bildungsprozesse von Jugendlichen in einer betrieblichen Grundausbildungsmaßnahme“

In diesem Kapitel stellt Ute Templin vor, wie die BGM im Einzelnen gestaltet war und problematisiert sie insbesondere bezogen auf das Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Erwartungen und Zielsetzungen, die die beteiligten AkteurInnen mit der Maßnahme verbunden haben. Des Weiteren thematisiert sie auch die „Passungsprobleme im Wunschberuf“ (S. 92), die die Jugendlichen für sich gesehen haben und die sie zu bewältigen hatten.

„Biografische Portraits“

Ute Templin bekundet selbst: „Den Kern der Studie bildet Kapitel 5 und hier die biografisch orientierten Interviews … mit sieben jungen Erwachsenen vor und nach der Betrieblichen Grundausbildungsmaßnahme“ (S. 11 f.). Hier finden sich für alle sieben ehemaligen TeilnehmerInnen an der BGM ausführliche Portraits, die Ute Templin jeweils mit einem dafür typischen Invivo-Code, also einer Originalaussage der Befragten, kennzeichnet und ausführlich deren Biografie, unterlegt mit zahlreichen Direktzitaten aus den Interviews vorstellt. Daran jeweils anschließend finden sich zu jedem Portrait Ausführungen zum „Habitus – Bilanz und Selbsterkenntnis von …“ der bzw. des jeweiligen jungen Erwachsenen sowie die „Reflexive Analyse der Fallbeschreibung von …“ der jeweiligen Person. Ergänzend und illustrierend dazu gibt es für jedeN der sieben Interviewten im Anhang tabellarische Darstellungen zur „Rolle des Habitus von … im Kontext biografietheoretischer Topoi“ (S. 314 ff.).

„Biografieanalytische Betrachtung im Übergang von Jugendlichen zum jungen Erwachsenen ins (Berufs-)Leben“.

In diesem Kapitel erweitert Ute Templin ihre Forschungsergebnisse aus den biografisch-narrativen Interviews um jene aus der videogestützten Gruppendiskussion und erläutert mit ihrem Interesse an Fragen der Reproduktion sozialer Ungleichheit die „(Hysteresis-)Effekte des Habitus als Statuspassagen“ (S. 12).

„Resümee und Ausblick“

In diesem letzten Kapitel zieht Ute Templin, wie schon einführend erwähnt, zum einen eine kritisch stimmende „Gesamtbilanz zu Lebenswelten und Bildungsprozessen“ (S. 266) der jungen Menschen und deren Unterstützung in Maßnahmen wie jener der BGM. Zum anderen skizziert sie den aus ihrer Sicht bestehenden weiteren Forschungsbedarf.

Diskussion und Fazit

Die Studie von Ute Templin ist aus meiner Sicht mit ihrem Konzept, junge Leute zu ihrem acht Jahre zurückliegenden Besuch einer berufsausbildungsvorbereitenden Bildungsmaßnahme dazu zu befragen, wie ihre Bildungsbiografien vor- und nachher verlaufen sind, außerordentlich ergiebig. Die von ihr in 2010 erzielten und mit zahlreichen Originalaussagen der Interviewten gespickten Forschungsergebnisse gewähren zum einen sehr aufschlussreiche und empathische Einblicke in die Lebensgeschichten junger Menschen, die soziale Benachteiligungen erfahren und prekäre Lebenslagen zu bewältigen haben. Zum anderen zeigen sie aus meiner Sicht eindrucksvoll, wie begrenzt die pädagogischen Möglichkeiten in sechs bis maximal zwölf Monaten dauernden Angeboten im Übergangsbereich Schule-Beruf sind, um die von den jungen TeilnehmerInnen zumeist kumulativ erfahrenen Benachteiligungen abzumildern. Damit leisten die Forschungsergebnisse von Ute Templin meines Erachtens einen weiterführenden Beitrag zur kontrovers geführten Fachdebatte zur Sinnhaftigkeit der berufsausbildungsvorbereitenden Angebote im Übergangsbereich Schule-Beruf. Deshalb erachte ich ihre Publikation als lesenswerte Lektüre für alle diejenigen, die in Sozial- und Bildungspolitik sowie Berufsbildungspraxis an der Weiterentwicklung dieser Maßnahmen beteiligt sind.

Aber ich gebe auch zu bedenken, dass die von Ute Templin benutzen Daten fast zehn Jahre und damit für Forschungsergebnisse recht alt sind. Dies gilt auch für einige der von ihr benutzten Quellen aus der Literatur. Zudem richtet sie für mich aus meiner sozialpädagogischen Perspektive ihren Fokus viel zu enggeführt nur auf die Erwerbsarbeit der jungen Leute und vernachlässigt dabei deren ganzheitliche Entwicklung, so wie dies auch z.B. im Sinne Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit von Hans Thiersch naheliegend gewesen wäre. Ferner vermisse ich in den Kapiteln, die sich mit den theoretischen und forschungsmethodischen Zugängen zur Studie sowie dem Übergangsbereich Schule-Beruf und der BGM auseinandersetzen, einen systematisch aufeinander aufbauenden Argumentationsgang. An so manchen Stellen waren für mich die Aussagen von Ute Templin in ihrer Stringenz nur begrenzt nachvollziehbar.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 28.08.2019 zu: Ute Templin: Jugendliche in prekären Lebenslagen im Übergang zum Beruf. Biographische Zugänge zu Lebenswelten und Bildungsprozessen. Logos Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-8325-4586-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25488.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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