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Sabine Brendel, Ulrike Hanke u.a.: Kompetenzorientiert lehren an der Hochschule

Cover Sabine Brendel, Ulrike Hanke, Gerd Macke: Kompetenzorientiert lehren an der Hochschule. UTB (Stuttgart) 2019. 153 Seiten. ISBN 978-3-8252-5047-8. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 16,90 sFr.

Reihe: Kompetent lehren.
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Thema

Der Kompetenzdiskurs spielt im Bereich der Hochschullehre seit der Bologna-Reform eine wichtige Rolle. Hintergrund stellt das Anliegen dar, mit dem Hochschulstudium bei den Studierenden auf die Herausbildung von fachspezifischen und überfachlichen Kompetenzen abzuzielen. Die Autorinnen und der Autor stellen mit diesem Buch Material für Lehrende an Hochschulen bereit, um das Wissen und die eigenen Kompetenzen auf dem Gebiet zu vertiefen.

Autorinnen und Autor

Dr. Sabine Brendel, freiberufliche Dozentin, Moderatorin und Coach im hochschuldidaktischen Bereich, Berlin

Dr. Ulrike Hanke, freiberufliche Dozentin im hochschuldidaktischen und bibliotheksdidaktischen Bereich, Bad Krozingen

Dr. Gerd Macke, Hochschuldidaktiker im Ruhestand, Denzlingen

Entstehungshintergrund

Die Autorinnen und der Autor beziehen sich bei der Begründung des Bandes auf die Bologna-Deklaration der Bildungsministerinnen und -minister der Länder vom Juni 1999 sowie auf einen darauf begründeten Beschluss aus dem Jahre 2003 und dessen anschließende praktische Umsetzung und die theoretische Diskussion in diesem Zusammenhang. Daraus resultierend konstatieren sie einen – zwar nicht unumstrittenen, aber dennoch weitreichenden – Perspektivenwechsel hin zu stärker ergebnisorientierter Hochschullehre mit dem Fokus auf der Qualität der Lehre.

Aufbau

Zunächst wird einführend die grundlegende Erwartung dargelegt, welche die Leserinnen und Leser an die Lektüre des Buches stellen können. Insbesondere sollen didaktische Zugänge für Lehrende eröffnet werden, um Studierende dabei zu unterstützen, sich fachliches Wissen sowie fachspezifische, soziale und persönliche Fähigkeiten anzueignen. Das Buch ist Teil der Reihe „Kompetent lehren“, in der noch weitere Themen wie „Stoffreduktion“, „Schreibdenken“ und „Umgang mit schwierigen Situationen“ bearbeitet werden.

Um das Anliegen des Buches zu verfolgen, werden im zweiten und dritten Kapitel zentrale Begriffe und Ansätze erarbeitet. Dazu zählen Kompetenzen und insbesondere didaktische Kompetenzen sowie verschiedene Kompetenzmodelle und die sogenannten „Learning Outcomes“. Im Anschluss daran werden in Kapitel vier Lehre und Lernen an der Hochschule in den Blick genommen. Hier geht es vor allem darum, psychologische Grundlagen und den Prozess des Lernens nachzuvollziehen. Auf dieser Basis wird im fünften Kapitel die kompetenzorientierte Lehre entfaltet, die auch die Prüfung von Lerninhalten einschließt. Es werden Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen erläutert. Leserin und Leser werden schrittweise durch die für kompetenzorientierte Lehre wesentlichen Handlungsweisen geführt. Ein kritisches Fazit mit Ausblick schließt das Buch ab (Kapitel sechs).

Inhalt

Kompetenzorientierte Lehre richtet sich danach, welche Erwartungen jeweils an die Absolventen eines Bildunggangs gestellt werden. Das Verständnis des Kompetenzbegriffs, welcher im Rahmen der Bologna-Reform für den deutschen Hochschulqualifikationsrahmen (HQR) entwickelt wurde, basiert im Wesentlichen auf den Positionen von Winterton et al. (2006) und von Roth (1971). Brendel, Hanke und Macke zeichnen im rezensierten Buch nach, wie diese von weiteren Autorinnen und Autoren aufgegriffen und ergänzt werden. Dazu werden auch Erkenntnisse der Bildungsforschung herangezogen. Zudem stellen Brendel, Hanke und Macke Bezüge zur Diskussion im Bereich der beruflichen Bildung her, sodass ein Gesamtbild der Kompetenzdebatte im Europäischen Raum entsteht. Knapp zusammengefasst setzt sich Kompetenz zusammen aus (S. 39):

  • Fachkompetenz mit Wissen und Verstehen,
  • Methodenkompetenz mit Einsatz, Anwendung und Erzeugung von Wissen,
  • Sozialkompetenz mit Kommunikation und Kooperation sowie
  • Selbstkompetenz mit wissenschaftlichem Selbstverständnis und Professionalität.

Im Zusammenhang damit ist der Begriff „Learning outcomes“ für das Anliegen des Buches zentral, denn das sind die Kompetenzen, über welche die Absolventen eines Bildungsgangs schlussendlich verfügen sollen. Hier ziehen die Autorinnen und der Autor die Stufen der Bloomschen Taxononomie (1975) und verschiedene Weiterentwicklungen heran.

Aufbauend auf diese begrifflichen Spezifizierungen geht es um didaktisch kompetentes Handeln. Damit ist bereits ein weiterer zentraler Begriff eingeführt, der als theoretische Grundlage genutzt wird: das Handeln. Es werden Handlungstheorien (vgl. Macke et al. 2016; Martin 2017) herangezogen und insbesondere auch interne und externe Handlungsvoraussetzungen nach Gagné (1980) dargelegt. Zu den internen gehören beispielsweise Emotionen, Wissen, Werte, Orientierungen und Intentionen, während Handelnde auf externe Voraussetzungen von Handeln keinen direkten Einfluss haben (S. 53-63). Weiterhin werden entscheidende Merkmale didaktisch kompetenten Handelns herausgearbeitet (S. 64). Besonders wird die Notwendigkeit hervorgehoben, die eigenen Handlungskompetenzen zu reflektieren (nach Macke et al. 2016), didaktisches Handeln zu planen und an Zielen auszurichten sowie den Lernenden gegenüber stets die Lerninhalte und das Vorgehen zu begründen. Im Anschluss daran werden weitere Anforderungen an didaktisch kompetentes Handeln erläutert. Insbesondere wird gefordert, die Individualität der Lernenden zu berücksichtigen, indem ihnen z.B. wertschätzend, empathisch und respektvoll begegnet wird sowie das bereits erworbene Wissen und Können ankerkennend integriert wird (S. 68). Bezüge zu den Abläufen im Lernprozess runden die Ausführungen zu didaktisch kompetentem Handeln in Lehr-Lern-Situationen ab.

Damit sind die Grundlagen gelegt für den spezifischen Blick in den Hochschul-Bereich. Hier legen die Autorinnen und der Autor anhand wesentlicher Erkenntnisse aus Lern- bzw. Kognitionspsychologie das Augenmerk auf zwei interessante Themen: auf das sogenannte „Constructive Alingment“ und auf die Person der Lernenden. Gelingt es den Lehrenden, ihre Lehre mit der Art und Weise des Lernens, das für Studierende charakteristisch ist, abzustimmen, können diese sich die geforderten Kompetenzen aneignen und genau dies in dazu passenden Prüfungsformen nachweisen. Dementsprechend gilt dann die Lehre als am Constructive Alingment ausgerichtet (S. 74). Construktive Alignment und somit kompetenzorientierte Hochschullehre schließt also als wesentlichen Bezugspunkt die Studierenden ein. Folgerichtig werden die Besonderheiten dieser doch recht heterogenen Personengruppe dargelegt. Es werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Bezug auf das Lernen anderer Alters- bzw. Personengruppen vorgestellt. Weiterhin wird anhand der Feldtheorie von Lewin u.a. (1969) die lernpsychologische Basis erläutert (S. 82ff). Daran anschließend wird durchdrungen, welche Rolle Aufmerksamkeit und die Reize, die sie erregen, im Lernprozess spielen (S. 87). Auch auf die besondere Bedeutung von Emotionen wird differenziert eingegangen (S. 88). An dieser Stelle verweisen die Autorinnen und der Autor auf Ulrich (2016) und räumen mit dem alten Mythos auf, dass Furcht vor Lehrenden – beispielsweise aufgrund von negativen Prüfungsergebnissen – den Lernerfolg erhöhe und widerlegen diesen Irrglauben nachhaltig.

Im umfangreichsten Abschnitt des Buches, welcher explizit die kompetenzorientierte Lehre bearbeitet, werden die zuvor behandelten Themen, also die theoretischen Grundlagen, noch einmal zusammenfassend aufgegriffen und daraus Schlussfolgerungen abgeleitet. Diese werden zunächst als übergeordnete Handlungsempfehlungen ausformuliert und erläutert. Beispiele dafür sind „Rollenverständnis klären und kommunizieren“ sowie „Erfolgserlebnisse ermöglichen“ (S. 105). Im nächsten Schritt werden diesen Empfehlungen jeweils Grundprinzipien und Lehrschritte für die Hochschullehre zugeordnet. Diese werden jeweils differenziert erläutert und mit Reflexionsfragen für die eigene Praxis versehen, in Teilschritte untergliedert oder mit Beispielen konkretisiert. Außerdem finden sich hilfreiche tabellarische Übersichten und eine Reihe geeigneter Methoden zur Umsetzung in der Praxis. Der Lehrschritt „Vorwissen aktivieren“ kann z.B. durch „Murmelgruppen“ oder die „Teilnahme an einem Quizz“ erreicht werden (S. 126).

Im Schlusskapitel erfolgen eine kurze Zusammenfassung sowie ein kritisches Fazit und ein Ausblick. Kritisiert wird unter anderem die teilweise unscharfe Verwendung des Kompetenzbegriffs in der Debatte und ganz grundsätzlich „die einseitige Fokussierung auf die Ausbildung der Studierenden für deren Arbeitsmarkttauglichkeit und ihre Zurichtung auf marktkonforme Fähigkeiten und Fertigkeiten“ (S. 142). Zukunftsweisend werden die Themen Digitalisierung der Lehre und Entwicklung von künstlicher Intelligenz angeschnitten und schlussendlich die hohe Bedeutung der Face-to-Face-Interaktion in der Lehre herausgestellt.

Diskussion

Die Autorinnen und der Autor beschreiben mit diesem Buch sehr gut nachvollziehbar, was kompetenzorientierte Lehre an der Hochschule ist, auf welchen theoretischen Positionen sie basiert und wie sie praktisch umgesetzt werden kann. Die dargelegten Inhalte sind so strukturiert, dass jederzeit der rote Faden sichtbar und stringent verfolgt wird. Die Fortentwicklung der Diskussion wird fundiert begründet und es wird klar beschrieben, wie Autorinnen und Autor in der Argumentation vorgehen. So wird beispielsweise das Kompetenzmodell des HQR umfassend hergeleitet und übersichtlich dargestellt. Jedes Kapitel wird am Schluss noch einmal knapp zusammengefasst und mit einem Fazit beendet. So ergeben sich zwar einige Wiederholungen, was dem Gesamtbild aber nicht abträglich wirkt. Auch kritische Standpunkte werden einbezogen, z.B. wird bei der Diskussion der Learning outcomes auf deren Grenzen eingegangen. Kritisch kann angemerkt werden, dass bei der Bearbeitung dieses hochschuldidaktischen Themas der kompetenzorientierten Lehre relativ wenig Augenmerk auf die Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden in der Lehr-Lern-Situation gelegt wird, wobei diesen doch ein wichtiger Stellenwert beim Lernen und im damit verbundenen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung zukommt (vgl. Winkler 2019). Lediglich unter den Stichworten Individualität der Studierenden (Kap. 3.4), Rolle von Emotionen (Kap. 4.2.3) und Rollenverständnis (Kap. 5.3.1) wird die Frage der Beziehungsgestaltung knapp gestreift.

Besonders Interesse weckend werden Erkenntnisse aus Lern- und Kognitionspsychologie dargestellt, sodass deren Einfluss auf Lernprozesse anschaulich sichtbar wird. Gewinnbringend ist ebenso das Kapitel zu den Methoden kompetenzorientierter Lehre (Kap. 5.3), das anregende Impulse und schöne Ideen für die Ausgestaltung der eigenen Lehre beinhaltet.

Fazit

Das Buch beschreibt auf übersichtliche Art und Weise und sehr prägnant die Hintergründe, den theoretischen Rahmen und die zentralen Begriffe kompetenzorientierter Hochschullehre. Darüber hinaus werden praxistaugliche Grundprinzipien, Handlungsempfehlungen und -schritte für Lehrende zusammengestellt, die zahlreiche Anregungen für die abwechslungsreiche und kompetenzorientierte Arbeit mit Studierenden bieten. Damit kann der Band als wichtiger Beitrag zur Hochschuldidaktik gezählt werden.

Literatur

Bloom, B. S. (1975): Taxonomy of Educational Objectives. Book 1 Cognitive Domain. New York: Longman.

Gagné, R. M. (1980): Die Bedingungen des menschlichen Lernens. (5., neu bearb. Aufl.). Hannover: Schroedel.

Macke, G.; Hanke, U.; Viehmann-Schweizer, P. & Raether, W. (2016): Kompetenzorientierte Hochschuldidaktik. Lehren – vortragen – prüfen – beraten. Weinheim: Beltz.

Martin, A. (2017): Handlungstheorie. Grundelemente des menschlichen Handelns. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Roth, H. (1971): Pädagogische Anthropologie, Bd. I: Bildsamkeit und Bestimmung. Hannover: Schroedel.

Ulrich, I. (2016): Gute Lehre in der Hochschule. Praxistipps zur Planung und Gestaltung von Lehrveranstaltungen. Wiesbaden: Springer.

Winkler, M. (2019): Beziehungspädagogik. In: Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialpolitik und Gesellschaftspolitik. 1/2019 SLR 78. S. 11–20.

Winterton, J.; Delamare-Le Deist, F. & Stringellow, E. (2006): Typology of knowledge, skills and competences: clarification of the concept and prototype. Cedefop Reference series, 64. EU: Luxemburg.


Rezensentin
Prof. Dr. Sandra Meusel
Professorin für Soziale Arbeit an der SRH Hochschule für Gesundheit Gera
Homepage www.gesundheitshochschule.de/de/hochschule/hochschu ...
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Zitiervorschlag
Sandra Meusel. Rezension vom 27.08.2019 zu: Sabine Brendel, Ulrike Hanke, Gerd Macke: Kompetenzorientiert lehren an der Hochschule. UTB (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8252-5047-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25491.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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