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Francis Fukuyama: Identität

Cover Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2019. 236 Seiten. ISBN 978-3-455-00528-8. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Im Fokus stehen die verschiedenen Formen von Identitätspolitik, für den Autor fast alle politischen Auseinandersetzungen der jüngsten Zeit, verbunden mit dem Bemühen, die starke Zunahme der Kämpfe um Anerkennung zu erklären, deren Folgen für Fukuyama nicht unproblematisch sind.

Autor

Der Politikwissenschaftler Fukuyama ist seit 1989 durch den Essay „Das Ende der Geschichte“ und das gleichnamige Buch weltweit bekannt. Er hat eine Professur an der Standford-Universität. Vorher lehrte er an der John-Hopkins- und der George-Mason-Universität.

Hintergrund

Der Autor weist darauf hin, dass das Buch aus einer Vorlesung, der „Lipset Memorial Lecture“, hervorgegangen ist, die er 2005 gehalten hat.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vierzehn Kapitel gegliedert und mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat versehen.

Fukuyama geht wie viele Autor*innen davon aus, dass Identität eine Erscheinung der Moderne ist, die er auf die Reformation und die Aufklärung zurückführt. Grundlegend sei die Trennung von Innen- und Außenwelt. Diese wird primär ideengeschichtlich erklärt, aber nicht ganz ohne Seitenblick auf wirtschaftlich-strukturelle und soziale Entwicklungen. Die mit Identität verbundene Verletzbarkeit mangels sozialer Anerkennung sieht Fukuyama aber anthropologisch universell begründet, was für ihn der Begriff Thymos bei den alten Griechen belegt.

  • Dieser Begründungszusammenhang wird in den ersten drei Kapiteln entfaltet, nachdem im ersten Kapitel die aktuelle Weltlage umrissen worden ist (verschärfte Ungleichheit durch die liberale Weltordnung, Kriege im Nahen Osten).
  • In Kapitel 4 „Von der Würde zur Demokratie“ vertritt Fukuyama die Ansicht, die Würde des Menschen als eines moralischen Wesens sei zum Fundament moderner Staatsverfassungen geworden.
  • Kapitel 5 „Revolutionen der Würde“ hat den Arabischen Frühling und die Revolte in der Ukraine, aber auch den Freiheitsbegriff zum Inhalt.
  • In Kapitel 6 „Expressiver Individualismus“ problematisiert der Autor den radikalisierten Anspruch auf individuelle Autonomie. Den „expressiven Individualismus“ sieht er im Zeitalter der Empfindsamkeit (Rousseau, Sturm u. Drang) grundgelegt.
  • In Kapitel 7 wird die Tendenz zum Nationalismus mit der „Entwurzelung“ durch den Verlust von Gemeinschaft im Übergang zur Industriegesellschaft erklärt, wobei der Autor auch ideologische Angebote wirksam sieht, was er am Beispiel Paul de Lagarde beleuchtet. Der Islamismus im Nahen Osten und in der Migranten-Diaspora wird auf die gleiche Weise erklärt.
  • In Kapitel 8 „Die falsche Adresse“ beschäftigt den Autor die Politisierung der Religionen, nicht nur des Islam, und die paradoxe Schwäche der Linken, paradox angesichts der verschärften sozialen Ungleichheit (100 ff.).
  • Im Mittelpunkt von Kapitel 9 „Der unsichtbare Mann“ stehen die Abstiegsängste der Mittelschichten und die Abwehr von Migrant*innen.
  • Thema von Kapitel 10 ist die Kultivierung von Self-Esteem und die Therapeutisierung des Alltagsdenkens. Der „Aufstieg des therapeutischen Modells“ hat nach Fukuyama zur Identitätspolitik beigetragen (130).
  • Diese steht im Fokus von Kapitel 11 „Von Identität zu Identitäten“, wo der Autor den mit „gelebter Erfahrung“ begründeten Exklusivitätsanspruch von Minderheiten ebenso wie Auswüchse von Political Correctness zur Diskussion stellt.
  • In Kapitel 12 wird der hohe Stellenwert von nationaler Identität für die Stabilität von Staaten gewürdigt. Fukuyama schreibt ihr fünf Funktionen zu.
  • Thema von Kapitel 13 ist die Schaffung nationaler Identitäten, wobei der Autor auch auf die bisher vergeblichen Bemühungen um die Herstellung einer politischen Identität für die EU eingeht, nicht ohne Fehlkonstruktionen und politische Fehler zu vermerken. Gegenüber gestellt wird die Entwicklung der USA zur „Bekenntnisnation“ (183).
  • In Kapitel 14 „Was tun?“ wird der dem Modernisierungsprozess inhärente ständige Wandel einschließlich der Migration als Herausforderung für die Politik behandelt, weil das Identitätskrisen und Anerkennungskämpfe fördere. Fukuyama empfiehlt „breitere und einheitlichere Identitäten zu erschaffen“ (195), und einen Integrationsvertrag für neue Staatsbürger*innen.

Diskussion und Fazit

Fukuyama verabschiedet sich mit dieser Publikation von der für „Das Ende der Geschichte“ leitenden These, liberale Politik sei endgültig alternativlos geworden. In einigen Passagen scheint er geradezu zur Rückbesinnung auf eine Politik zu ermuntern, die wieder stärker auf sozialen Ausgleich bedacht ist.

In dem sicher lesenswerten Buch, das viel öffentliche Aufmerksamkeit finden wird, wie ein Blick ins Internet zeigt, sind unter dem Stichwort Identität sehr vielfältige Themen versammelt. Ab Kapitel 5 handelt es sich um Essays, die auch getrennt voneinander gelesen werden könnten. Das psychologische Konzept von Identität kümmert den Autor wenig, da der Fokus auf soziale und politische Fragen gerichtet ist. Entgegen dem fachlichen Verständnis von Identität, das der psychologische Begriff Identitätsarbeit verdeutlicht, wird Identität nicht als ein Bündel von Anforderungen an die Subjekte behandelt. Bei Fukuyama steht im Vordergrund die Aufwertung des Selbst im Zug der Modernisierung. Das hat Konsequenzen für die inhaltliche Rahmung der Essays, was zum Beispiel die Bewertung des Trends zur Therapeutisierung deutlich macht.

Einer ersten Lesart nach zeigt sich der Autor wie beispielsweise Nancy Fraser besorgt, dass Kämpfe um Anerkennung andere Fragen von der politischen Agenda verdrängen und deshalb Demokratie gefährden könnten. Wenn man jedoch die Diskussionen in den USA über white identity, Multikulturalismus, u.a. die Kontroverse um Uni-Curricula, verfolgt, dann wird eine zweite, eher rechtsliberale Lesart nahegelegt. Bei Fukuyama ist auch nicht von politics of recognition, sondern von politics of resentment (engl. Untertitel), also nicht von Kämpfen um Anerkennung, sondern von einer Politik des Grolls oder der Empörung die Rede, was eher negative Assoziationen weckt. Auch in dieser Hinsicht ist der Bezug auf das „Therapiemodell“ aufschlussreich.

Ärgerlich kann man im Übrigen die beschönigenden US-Narrative über die scheinbar schicksalhafte Destabilisierung des Nahen Ostens finden (62 ff., 152).


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 10.04.2019 zu: Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-455-00528-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25495.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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