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Lisa Frohn: Ab ins Wohnprojekt!

Cover Lisa Frohn: Ab ins Wohnprojekt! Wohnträume werden Wirklichkeit. oekom Verlag (München) 2018. 341 Seiten. ISBN 978-3-96238-076-2. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

„Ab ins Wohnprojekt!“ von Lisa Frohn behandelt die Träume vieler Menschen gemeinschaftlich und nicht alleine wohnen zu wollen. Im Buch bleibt es nicht beim Träumen: Es geht um Menschen, die den Aufbruch wagen, gemeinschaftlich lernen, einziehen und weiter lernen.

Autorin

Lisa Frohn hat diese Menschen mit einer ganz persönlichen Fragetechnik interviewt. Mit der Wohnprojekteszene ist sie als Mitwirkende, Bloggerin und Beraterin verbunden. Von sich selbst sagt sie: „Ich bin in den letzten 5 Jahren…mehrmals (mit Wohnprojekteinitiativen) gescheitert… Ohne diese Erfahrungen…wäre ich nicht motiviert gewesen,…denen zu zuhören, die es geschafft haben. Ich bewundere sie alle.“

Neben dem Anliegen, gemeinschaftliches Wohnen zu fördern und zu reflektieren, ist Lisa Frohn mit ihrer „Werkstatt für Miteinander“ als Erwachsenenbildnerin tätig. Dabei kommt es ihr darauf an, Dialog und Kommunikation zwischen Menschen zu unterstützen und durch verschiedene Methoden praktisch einzuüben.

Entstehungshintergrund

Es gibt Insider und es gibt Träumer. Lisa Frohn will zwischen beiden vermitteln und motivieren, dass Wohnträume Wirklichkeit werden. Gleichzeitig widmet sie das Buch all denen, die den Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen (noch) nicht verwirklichen konnten.

Aufbau

Das Buch gliedert die Autorin in vier Kapitel mit den beziehungsreichen Überschriften: Ausziehen, Umziehen, Einziehen und Ankommen. Schwerpunkt bilden die Interviews. Durch ihre Fragen stellt sie 14 Macher und Macherinnen, 11 Wohnprojekte sowie sechs Dienstleister plastisch vor. Die Interviews sind in Reflexionen zu Fragestellungen wie: Warum ein Wohnprojekt? Wie geht Gemeinschaft? eingebettet. Lisa Frohns Nachdenken über gemeinschaftliches Wohnen zeigt sich auch an der Art des Fragens in den Interviews.

Inhalte

Interviews sowie Reflexionen stelle ich unter drei Gesichtspunkten vor:

  1. Menschen über ihr Wohnprojekt
  2. Dienstleister für Wohnprojekte
  3. Reflexionen zu Wohnprojekten

Menschen über ihr Wohnprojekt

Da sind die Menschen von Lebensräume in Balance in Köln, von Amarillys in Bonn oder Quartier am Albgrün in Karlsruhe, die bereits in „ihrem“ Wohnprojekt leben. Oder eben Menschen, die noch planen, wie die Aktiven von Stadtraum 5und4 in Köln. Es kommen unterschiedliche Rechtsformen, meist eingetragene gemeinnützige Vereine oder Genossenschaften, zur Sprache. Genauso gibt es Wohnprojekte, die in Eigenregie gebaut wurden oder solche, die sich mit einer Wohnungsbaugesellschaft bzw. einem Investor zusammengetan haben, um ihre Vorstellungen von gemeinschaftlichem Leben umzusetzen. Die Auswahl der vorgestellten Wohnprojekte erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Gleichwohl sind berühmte Projekte, wie Möckernkiez aus Berlin und Wagnis aus München dabei. Die meisten vorgestellten Wohnprojekte sind generationenübergreifend aufgestellt, einige sprechen aber auch gezielt zum Beispiel Frauen (Beginenhof Köln) oder Ältere (Wohnprojekt Brühl 55plus) an. Lebensgemeinschaften, die auch spirituelle Ansprüche an ihre Gemeinschaft haben, sind mit Ausnahme der Burg Disternich, Vettweiß, nicht im Buch vertreten. Auch die Geschichten der Wohnprojekte sind sehr unterschiedlich: Zum Beispiel ist die Genossenschaft „Hof der Familie, Köln-Rondorf“ aus einem Verein heraus entstanden, der eine Kita und ein Nachbarschaftshaus betreibt. Andere Projekte hatten keinen Vorlauf in der Nachbarschaft, vielmehr haben sie ihre Mitglieder stadtweit zum Zwecke der Gründung eines Wohnprojekts gewonnen. Gemeinsam ist den Interviewpartnern, dass alle ehrenamtlich für ihr Projekt arbeiten und dass es sich ausschließlich um Bottom-up-Projekte handelt und nicht um Projekte, die von sozialen Institutionen, Bauträgern oder Investoren initiiert wurden. Als weitere Gemeinsamkeit berichtet Lisa Frohn, dass alle verwirklichten Projekte über Gemeinschaftsräume und -küchen verfügen, um zusammen zu essen und zu trinken.

Dienstleister für Wohnprojekte

Es wird geschätzt, dass es in der Republik zwischen 500 und 5000 Wohnprojekte gibt. Trotz dieser vergleichsweise geringen Zahl, besteht ein professionelles Dienstleistungsumfeld. Das sind einerseits Beraterinnen wie Lisa Hugger, selbstständige Projektentwicklerin, Brigitte Karhoff von WohnbundBeratung NRW GmbH und Kathleen Battke und Thomas Bebiolka von den Zukunftspionieren, andererseits auch Künstlerinnen wie die Filmemacherin Ulrike Bez und die bildende Künstlerin Tanja Corbach. Diese Fachleute stellen sich ebenfalls den Interviewfragen von Lisa Frohn

Und dann gibt Lisa Frohn noch einem Konzept die Bühne: Karin Nell (Evangelisches Erwachsenenbildungswerk Nordrhein, Düsseldorf) und Joachim Ziefle (Melanchthon-Akademie, Köln) haben ein Bildungskonzept namens „Wohnschule“ entwickelt. Hier werden Menschen eingeladen, gemeinsam mit anderen über die Frage nachzudenken, wie wollen wir im Alter leben und wohnen?

Reflexionen zu Wohnprojekten

Lisa Frohn denkt im 3. Kapitel u.a. übers Scheitern nach: Scheitern erzeugt Scham. Dabei verharrt sie nicht bei Mutmaßungen über die Gründe, sondern macht ihr methodisches Wissen fruchtbar. Sie berichtet über „Dragon Dreaming“, „Dialogische Kreisgespräche“ und „offene soziokratische Wahl“ von Gruppensprechern, um die Hürden auf dem Weg zum Erfolg zu nehmen.

Sie bringt in diesen Reflexionen auch ihre Erfahrungen ein, dass in Initiativen oft zwei Typen von Menschen sind, solche, die gut technisch denken können und solche, die vor allem an Gemeinschaft denken. Beide Gruppen geraten dann aneinander, wenn die „Problemlöser“ mit einem Konflikt umgehen müssen und wenn die „Konfliktlöser“ ein Problem bearbeiten müssen. Dieses Spannungsfeld lässt sich nur durch Zuhören, Wertschätzen und Verstehen, dass beide „Typen“ zum Gelingen eines Projektes notwendig sind, auflösen und das kann gelernt werden.

Ganz wichtig ist ihr auch das Thema Kompetenzen in den Initiativen: Welche Kompetenzen sind in der Gruppe vorhanden? Welche Kompetenzen sollte man von außen dazu holen? Wie kann man einen gemeinschaftlichen Lernprozess organisieren bzw. wie kann man sich die Lust erhalten, ständig dazu zu lernen? Konsequent werden auch Beraterinnen interviewt.

Von gelungenen Projekten profitieren nicht nur die unmittelbaren Bewohner und Bewohnerinnen, sondern auch das ganze Gemeinwesen: Es entsteht zusätzlicher Wohnraum, oft engagieren sich die Initiativen auch für den Stadtteil, das Engagement hält die Menschen gesund und schützt vor Einsamkeit. Diese Benefits von Wohnprojekten führen Lisa Frohn zu Forderungen an Politik und Verwaltung: kommunal finanzierte Räume zum Treffen, proaktive Gesprächsangebote der entsprechenden Ämter, Finanzierung von Beratungsdienstleistungen und natürlich Grundstücke zu günstigen Konditionen.

Diskussion

Der Titel „Ab ins Wohnprojekt!“ suggeriert, dass dies eine schnelle Lösung für Menschen sei, die das Alleine-leben satthaben bzw. die von Gemeinschaft träumen. Das Buch handelt aber gerade davon, wie voraussetzungsreich die Realisierung von Wohnprojekten ist. Das bezieht sich sowohl auf technische Herausforderungen, rechtliche Fragen, Finanzierungen etc. als auch auf die Fragen, wie man gemeinschaftlich entscheidet, Konflikte löst und Verschiedenheit integriert.

Fazit

Dieses Buch bietet einen gut lesbaren Einstieg in das Thema „Gemeinschaftlich Wohnen“ und bildet die Wohnprojekteszene in der Republik differenziert ab. Die Vielfalt an Projekten, über die die Interviewten Auskunft geben, ist spannend und lesenswert.

Da die Autorin Insiderin ist und nicht (noch nicht?) in einem Wohnprojekt lebt, schreibt sie mit Sympathie, aber auch mit der gebotenen Distanz über gemeinschaftliches Wohnen. Leser und Leserinnen erfahren viel über Chancen und Risiken und zwar, lebensweltnah und fachlich fundiert.

 


Rezensentin
Carolin Herrmann
Schnittpunkt/Alter (Strategische Projektberatung) www.schnittpunkt-alter.de
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Zitiervorschlag
Carolin Herrmann. Rezension vom 29.04.2019 zu: Lisa Frohn: Ab ins Wohnprojekt! Wohnträume werden Wirklichkeit. oekom Verlag (München) 2018. ISBN 978-3-96238-076-2.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25496.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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