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Bärbel Kracke, Peter Noack (Hrsg.): Handbuch Entwicklungs- und Erziehungspsychologie

Cover Bärbel Kracke, Peter Noack (Hrsg.): Handbuch Entwicklungs- und Erziehungspsychologie. Mit 26 Abbildungen und 16 Tabellen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2019. 600 Seiten. ISBN 978-3-642-53967-1. D: 59,99 EUR, A: 61,68 EUR, CH: 75,00 sFr.

Reihe: Springer Reference Psychologie.
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Herausgeber/in und Verfasser/innen

Prof. Dr. Bärbel Kracke ist Inhaberin des Lehrstuhls Pädagogische Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Prof. Dr. Peter Noack ist Professor für Pädagogische Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Die Beiträge wurden von Expertinnen und Experten aus dem deutschsprachigen Raum verfasst, denen die Verknüpfung von Grundlagenwissen und Praxisanwendung ein wichtiges Anliegen ist.

Thema

Das Handbuch will einen umfassenden Einblick in zentrale Aspekte der individuellen Entwicklung und Erziehung über die gesamte Lebensspanne geben, dabei Faktoren wie Mobilität, Migration, Inklusion, berufliche Übergänge und Medien berücksichtigen, die heutige individuelle Entwicklungs- und Erziehungsprozesse prägen, und dabei Grundlagenwissen mit Anwendungsperspektiven und Praxisbeispielen zusammenführen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 30 Kapitel, die zu zehn Themengebieten zusammengefasst sind.

Teil I: Frühe Kindheit

Im ersten Kapitel wird als Beispiel grundlegender kognitiver Entwicklungsprozesse die Entwicklung der Objektwahrnehmung im Säuglingsalter besprochen (Kavšek). Er stellt dar, mit welchen ausgeklügelten Methoden die faszinierenden Leistungen der Kinder im ersten Lebensjahr erforscht werden können (so die räumliche Wahrnehmung, Objektpermanenz Objektindividuation, numerische Relationen und Kategoreinbildung). Anschließend referieren Dette-Hagenmeyer und Reichler über Trainingsprogramme zur Förderung elterlicher Kompetenzen und bewerten sie nach Qualitätskriterien.

Teil II: Kindheit

Die vier Beiträge dieses Teils beschäftigen sich überwiegend mit der frühen Kindheit und dem Vorschulalter. Roos und Sachse referieren über sprachliche Bildung und Förderung im Kindergarten und diskutieren dabei die Vor- und Nachteile alltagsintegrierter Sprachförderung und/oder additiver Sprachförderung. In diesem Kapitel wird auch die Mehrsprachigkeit angesprochen, die Bedeutung der Bilingualität wird aber im nächsten Kapitel noch gesondert herausgearbeitet (Leyendecker).

Lengyel und Salem thematisieren die Zusammenarbeit von Kita und Elternhaus. Bei der großen Anzahl von Kindern mit Migrationshintergrund ist hierbei eine interkulturelle Perspektive notwendig, die auch u.a. die Teamentwicklung betrifft mit dem Aufbau interkultureller Kompetenzen. Ein bedeutender Entwicklungsschritt ist die Entwicklung der Selbstregulation, der Verhaltens- und Emotionsregulation (Lohaus und Glüer). Es werden Entwicklung, Einflüsse und Förderprogramme dargestellt.

Teil III: Grundschulzeit

Die Darstellung der Grundschulzeit, eines wichtigen Entwicklungsabschnitts, ist der umfangreichste Teil mit acht Kapiteln. Im ersten Kapitel befasst sich Büttner mit der kognitiven Entwicklung und seiner Förderung. Er greift dabei zwei wichtige Faktoren für die Schulleistung auf, Intelligenz und Gedächtnis, und stellt Modellvorstellungen, Entwicklung und Förderung dar. Beelmann beschäftigt sich mit sozialer Kompetenz und sozialen Entwicklungsaufgaben, definiert soziale Kompetenz durch Sozialverhalten, soziale Kognition und emotionale Kompetenz und analysiert die Wirksamkeit sozialer Trainingsprogramme.

Das Elternhaus ist ein sehr wichtiger Einflussfaktor für Bildung und schulischen Erfolg (Buhl und Hilkenmeier). Sie beschreiben elterliche Förderung in ihren Verhaltensweisen, Einstellungen und Erwartungen, und arbeiten deren Einflüsse am Beispiel Lesesozialisation gut heraus (besonders wichtig Vorlesen). Der Bedeutung des Umgangs mit Medien gerecht wird der Beitrag von Fleischer und Hajok, die Medienbildungsprozesse mit dem Ziel einer Medienkompetenz thematisieren und Medienaneignungsprozesse und Medienkompetenzentwicklung vom ersten bis zum achtzehnten Lebensjahr beschreiben. Im Anschluss greifen Fingerle, Röder und Müller ein Thema aus dem vorangegangen Teil wieder auf, die Emotionsregulation. Sie beschreiben die Entwicklung und verweisen auf eine Vielzahl von Förderprogrammen.

Ein wichtiges Thema besprechen Kracke und Sasse: Inklusion und Integration. Nach einem ausführlichen geschichtlichen Überblick und der modernen Begriffsbestimmung geben sie einen Überblick über den Stand der schulischen Inklusion in Deutschland, mit besonderem Fokus auf die Herausforderungen für den Kontext Schule. Ein weiterer Schwerpunkt ist die pädagogische Beratung (Kämpfe). Nach einer allgemeinen Einführung mit theoretischen Grundlagen werden zentrale Beratungsperspektiven und konkrete Beratungskonzepte dargestellt und mit drei Fallbeispielen untermauert.

Teil IV: Frühes Jugendalter

Dieser Teil enthält fünf Beiträge. Zuerst führen Weichold und Blumenthal in ein relativ neues Konzept ein, das Konzept der positiven Jugendentwicklung (PYD), das die Stärken des Jugendlichen und die ökologischen Ressourcen in den Mittelpunkt stellt. Sie stellen Forschungsbefunde dar sowie deren Anwendung in entwicklungsfördernden Programmen. Auch im Jugendalter ist das Elternhaus von Bedeutung und damit auch die Kooperation zwischen Elternhaus und Schule. Otterpohl und Wild diskutieren das Verhältnis von Schule und Elternhaus aus der Sicht der jeweiligen Protagonisten und die Auswirkung auf Schulleistung und Verhalten.

Hildebrandt und Watermann konzipieren den Übergang von der Grundschule in weiterführende Schulen als Entwicklungsaufgabe oder normatives kritisches Lebensereignis und stellen die theoretischen Grundlagen und den Stand der Forschung zur motivationalen Entwicklung rund um diesen Übergang dar. Lebenslanges Lernen ist eine Voraussetzung des Erfolges in unserer Gesellschaft, die Schule muss den Grundstein dazu legen (Spiel, Lüftenegger, Schober und Finsterwald). Als Determinanten stehen dabei Motivation und selbstreguliertes Lernen im Zentrum. Die Förderkompetenzen der Lehrkräfte sind noch nicht ausreichend, deshalb wird ein Förderprogramm zum Lehrkräftetraining und zur Schulentwicklung vorgestellt. Abschließend bespricht Strohmeier die Forschung zu Täter- und Opfererfahrung bei Jugendlichen, erweitert um Aspekte von Multikulturalität und Migration.

Teil V: Mittleres Jugendalter

Im mittleren Jugendalter nimmt die Motivation für die MINT-Fächer in Deutschland ab. Lazarides und Ittel diskutieren Einflussfaktoren auf die Entwicklung der motivationalen Orientierung. Gemeinnützige Tätigkeiten sind unter Jugendlichen weit verbreitet. Reinders betrachtet dies im Rahmen einer positiven sozialen Entwicklung und präsentiert die Theorie gemeinnütziger Tätigkeit und ein differenziertes Wirkmodell.

Teil VI: Spätes Jugendalter

Im ersten Beitrag dieses Teils beschreibt Eckstein das Verhältnis Jugendlicher zu Politischem und zur Politik, analysiert Einflussfaktoren und stellt Ansätze zur Förderung möglichst praxisnaher Erfahrungen mit gesellschaftspolitischen Themen und zur Schaffung partizipativer Strukturen im schulischen Kontext dar, die es Jugendlichen ermöglichen, Verantwortung zu übernehmen. Neuenschwander analysiert Theorien und Forschung zum Übergang in die Berufsausbildung sowie wiederum die relevanten Sozialisationskontexte.

Teil VII: Junges Erwachsenenalter

Geographische Mobilität zählt zu den zentralen Herausforderungen und Chancen für die individuelle Lebensgestaltung. Zimmermann und Neyer verstehen sie als eigenständige Entwicklungsaufgabe. Sie verstehen sie als Strategie um Entwicklungsziele zu erreichen (und beschreiben deren psychologischen Bedingungen), sehen aber auch, dass Mobilitätserfahrungen wiederum die Persönlichkeitsentwicklung und deren Ressourcen beeinflussen. Als besonderes Konzept zur Professionalisierung der Hochschullehre stellt Hofer das „Service learning“ vor, eine Unterrichtsmethode mit der Kombination von akademischen Seminaren mit gemeinnütziger Tätigkeit im lokalen Umfeld. Er stellt die Entwicklung im deutschsprachigen Raum vor, diskutiert die Wirksamkeit (auf die Entwicklung von Studierenden) und plädiert für die Implementierung in der Organisationsentwicklung.

Teil VIII: Mittleres Erwachsenenalter

Beginnend diskutiert Schneider die Konzepte „Erwachsenenalter“, „Bildung“ und „Selbstbestimmung“. Scheidung als kritisches Lebensereignis thematisieren Perrig-Chiello und Knöpfli. Sie diskutieren die unterschiedliche Auswirkung auf die psychische Adaptation und stellen theoretische Erklärungsmodelle und Stressoren und Ressourcen als Determinanten vor.

Teil IX: Höheres Erwachsenenalter

Im einzigen Beitrag zu dieser Überschrift gehen Voss und Rothermund auf Facetten der Altersdiskriminierung ein. Sie unterscheiden Altersdiskriminierung und altersdifferenziertes Verhalten sowie wahrgenommene und objektive Altersdiskriminierung Sie beschreiben Altersdiskriminierung in verschiedenen Kontexten (Arbeitswelt, Gesundheitswesen, Pflege, Mobilität, Partizipation, Rechtswesen, Versicherungs- und Bankgeschäfte), arbeiten Determinanten heraus, thematisieren Folgen und Maßnahmen zur Verhinderung.

Teil X: Methoden zur Erfassung von Entwicklungsprozessen im Kontext

Dieser Teil richtet sich explizit an Forschende. In drei Kapitel werden grundlegende Forschungsdesigns und Analysemodelle zum Teil detailliert dargestellt. Das erste Kapitel befasst sich mit der Darstellung von Methoden der Veränderungsmessung (Dietrich). Es werden Konzepte der entwicklungsbedingten Veränderung und Fallstricke der Interpretation diskutiert sowie u.a. Strukturvergleichsmodelle, Cross-Lagged-Panel-Analyse, Latent-Class-Modelle, Konfigurationsfrequenzanalysen, Mehrebenenmodelle vorgestellt. Anschließend präsentiert Stemmler personenzentrierte Analysen in Ergänzung zu variablenorientierten Analysen (Konfigurationsfrequenzanalyse, Log-lineare Modelle) mathematisch differenziert. Das Buch endet mit der Darstellung von Multi-Level-Analysen (Gniewosz).

Diskussion

Das Buch präsentiert in 30 Kapiteln mit 30 Themen einen Überblick über zeitgemäße Themen der Entwicklungs- und Erziehungspsychologie. Dabei orientiert es sich an der Lebensspannenperspektive, wobei aber die mittlere Kindheit und das Jugendalter ein deutliches Übergewicht haben.

Manche Themen werden in verschiedenen Teilen aufgegriffen, (so z.B. die Emotionsregulation), manche Beiträge gehen erfreulicherweise über den Alterszeitraum hinaus, dem sie zugeordnet sind. Es werden immer wieder schwerpunktmäßig die Kontexte individueller Entwicklungsverläufe herausgearbeitet und die Wechselwirkung mit Familie, Peers oder Bildungseinrichtungen in angemessenem Umfang besprochen, wobei auch die Bedingungen des heutigen gesellschaftlichen Umfelds beachtet werden. Es geling Grundlagenwissen mit Anwendungsperspektiven und Praxisbeispielen zusammenzuführen.

Es werden viele Facetten in den Blick genommen, jeweils wichtige Aspekte herausgestellt. Die Gründlichkeit der Autorinnen und Autoren bezeugen auch die umfangreichen Literaturlisten zu jedem Kapitel.

Dennoch möchte ich zwei Aspekte kritisch herausgreifen. Im zweiten Kapitel wird eine Liste von Programmen zusammengestellt, die effektiv elterliche Kompetenzen fördern, bedauerlicherweise fehlt das nachgewiesenermaßen effektive Programm STEEP. Erfreulich finde ich, dass das Thema Inklusion/Integration mit dem Motto „Herausforderung für die Erziehungspsychologie“ umfangreich besprochen wird. Es wird auch hier kritisch angemerkt, dass die Prozentzahl inklusiv gefördert Schüler in Deutschland gering im europäischen Vergleich sei, es fehlt mir die Diskussion und das Eingehen auf die Frage nach vergleichbaren Qualitätsstandards ebenso wie der Hinweis auf das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern. Es wird an anderer Stelle zurecht das positive Rollenmodell der nicht beeinträchtigen Altersgleichen herausgestellt, aber nicht erwähnt, dass inklusive Beschulung auch negativ für das Selbstkonzept der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sein kann.

Zielgruppen

Praktikerinnen und Praktiker, die an psychologischen Erkenntnissen zu Entwicklungs- und Erziehungspsychologie in ihren Anwendungsfeldern interessiert sind sowie Studierende der Psychologie, Erziehungswissenschaft und angrenzender Gebiete.

Fazit

Das Buch präsentiert in 30 Kapiteln einen Überblick über zeitgemäße Themen der Entwicklungs- und Erziehungspsychologie, orientiert an der Lebensspannenperspektive. Es werden die Kontexte individueller Entwicklungsverläufe und die Wechselwirkung mit Familie, Peers oder Bildungseinrichtungen sowie weitere gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt, sodass das formulierte Ziel des Buches voll erreicht wird.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 16.07.2019 zu: Bärbel Kracke, Peter Noack (Hrsg.): Handbuch Entwicklungs- und Erziehungspsychologie. Mit 26 Abbildungen und 16 Tabellen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2019. ISBN 978-3-642-53967-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25497.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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