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Julia Wendemuth: Bildwissen­schaftliche Kunstdidaktik

Cover Julia Wendemuth: Bildwissenschaftliche Kunstdidaktik. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. 268 Seiten. ISBN 978-3-86736-518-5. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Ein Bild ist ein Bild, ist ein Bild, ist ein Bild…?

Ist die Welt das Bild, das wir uns von ihr machen? Ist es die Vision oder Illusion, die wir in ihr sehen wollen? Oder ist es ein Zerrbild? Immer schon haben Menschen versucht, sich und die Welt anzuschauen! Selbst- und Weltanschauung vollzieht sich im philosophischen, psychologischen, soziologischen und pädagogischen Denken und Handeln oftmals in Bildern, die uns vorschweben, erinnern, aus Erfahrung entstehen oder gemacht werden. Wer in Bildern spricht, kann verständlich oder auch demagogisch sein. In der Bildwissenschaft werden diese Sichtweisen und Fallen thematisiert und mit unterschiedlichen, fachspezifischen und interdisziplinären Aspekten beantwortet. Das Alltags-, wie das gesellschaftliche Leben der Menschen wird in Bildern abgebildet: „Sehen ist natürlich und sozial zugleich“ (www.socialnet.de/rezensionen/25022.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Was macht man mit Bildern, und was machen Bilder mit einem? Das ist eine kunstdidaktische Fragestellung. Die Frage eines Kunsterziehers an die Betrachter: „Was seht ihr?“ ist eine rationale und emotionale. Es soll das äußere Erscheinungsbild angeschaut und eingeordnet werden, und es geht um die Wirkungen, die das Bild und das Kunstwerk auf einem ausüben. Bei diesen Reflexionen sind wir schon bei der Frage: „Was ist Kunst?“. Darüber gibt es unzählige, intelligente und lapidare Erklärungsversuche: „Kunst kommt vom Können“, oder wie es Goethe ausdrückte, die „Vermittlerin des Unaussprechlichen“ – immer ist es ein kreatives Schaffen, das den Alltag verschönern, überraschend ausdrücken und verändern kann und will. Die „schönen Künste“ sind deshalb Bestandteile des homo faber, des homo experiens, des homo creator und des homo ludens (vgl. dazu: www.socialnet.de/rezensionen/20761.php.)

In der Dissertation der Hamburger Kunstpädagogin Julia Wendemuth geht es nur am Rande um diese kunstwissenschaftlichen, theoretischen Fragestellungen. Die Autorin will mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit vielmehr den didaktischen Fragen nachgehen, wie in der schulischen Kunsterziehung eine fachspezifische Bildbetrachtung sich so vollziehen kann, dass dabei nicht nur Wissen, sondern auch Lebenskönnen vermittelt werden kann. Sie entwickelt eine bildwissenschaftliche Kunstdidaktik, indem sie ein „Bild-Vermittlungs-Modell“ kreiert und dieses in einem Unterrichtsversuch erprobt: „Das Ziel des Bildverstehens und des Transfers im Zuge der Modellbildung spiegelt die Übertragung von Zuschreibungsaspekten und Bildebenen aus der Bildwissenschaft wieder“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin weist in ihrer Dissertation vier Perspektiven aus. Mit der ersten Perspektive prüft sie die „Relevanz der Bildwissenschaft im Hinblick auf Übertragungen in die Kunstdidaktik“; in der zweiten werden „Didaktische Grundüberlegungen zur ‚Bildwissenschaftliche Kunstdidaktik‘ auf Übertragungen in die Kunstdidaktik“ hergestellt; in der dritten wird die „Modellbildung“ vorgenommen; und in der vierten Perspektive wird über den „Schulversuch“ informiert.

Insbesondere in den Zeiten der lokalen und globalen Medienentwicklung stehen (vermeintliche) Gewissheiten auf dem intellektuellen Prüfstand. Bilder sind historische und wiedererrkannte, wie auch spontane, überraschende und neue Zeichen, bis hin zu Fake News und Bildverfälschungen. Die Autorin rät, diese Auseinandersetzung pragmatisch (also didaktisch?) und nicht ideologisch zu führen.

Um eine bildwissenschaftliche Kunstdidaktik zu entwickeln, bedarf es der Betrachtung und Analyse der im fachdidaktischen Diskurs vorliegenden Konzepte. Wenn das Ziel eine „wahrnehmungs-, lerner- und interaktionsorientierte Didaktik“ ist, braucht es „Lern- und Denkräume in multimedialen Wahrnehmungsräumen“. Die Orientierungsmöglichkeiten darüber, wie ästhetische und künstlerische Objekte und Darstellungsformen eindrücklich wirken können, entwickeln sich in der Vermittlung und Auseinandersetzung mit der „Bildkompetenz“. Wenn im Bildungs- und Lernprozess Wahrnehmungs- und Verstehenskompetenzen entwickelt werden sollen, sind vielfach Muster- und Modellkonzepte als Vergleichs- und Einordnungskompetenzen hilfreich. Sie lassen sich erkennen und anwenden in ganz verschiedenen schulischen und außerschulischen Lernorten (vgl. dazu auch: Jan Erhorn/Jürgen Schwier, Hrsg., Pädagogik außerschulischer Lernorte. Eine interdisziplinäre Annäherung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20761.php).

Die theoretische und empirische Studie wird vervollständig durch eine pädagogische Erprobung in einem Unterrichtsversuch in einer niedersächsischen Grund- und Oberschule. Die Autorin konnte in jeweils drei Doppelstunden mit Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 3, 6 und 9 arbeiten. Sie wählte Bilder des polnischen Fotokünstlers Kacper Kowalski aus, die bereits in Ausstellungen und Zeitschriften gezeigt wurden und damit einen gewissen Bekanntheitsgrad darstellen. Die Anwendung der alters- und verstehensgemäß eingesetzten Lernmethoden, wie auch die reflektierte Auswahl der Fotos, verdeutlichen die didaktische Reflexion der Kontext- und Perzeptbildung.

Die im Anhang abgedruckten Unterrichtsverlaufspläne, Spiel- und Methodenbilder, Beispiele von Schülerzeichnungen und Arbeitsanregungen aus dem Unterrichtsversuch in den Klassen 3, 6 und 9 bieten die Möglichkeit zur Nachvollziehung des Projektes und für eigene Anwendungen.

Fazit

Die Forschungsarbeit von Julia Wendemuth zur Entwicklung einer bildwissenschaftlichen Kunstdidaktik greift auf bekannte, bewährte und in der Praxis der schulischen Kunsterziehung angewandte Konzepte und Methoden zurück und entwickelt daraus, unter Berücksichtigung der veränderten bildlichen und medialen Sehens-, Wahrnehmungs- und Zuschreibungspraxen, das „Bild-Vermittlungs-Modell“, dass insbesondere für die Praktiker im schulischen Unterrichts- und Lehrbetrieb eine hilfreiche Anregung sein kann. „Besonders das Wirkfeld Bildhandlung hat sich …als Mittelpunkt einer neu gedachten Vermittlung und der Berücksichtigung unterschiedlicher Bezugsebenen erwiesen“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.03.2019 zu: Julia Wendemuth: Bildwissenschaftliche Kunstdidaktik. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. ISBN 978-3-86736-518-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25499.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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