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Albrecht Lüthke, Ingo Müller: Strafjustiz für Nicht-Juristen

Cover Albrecht Lüthke, Ingo Müller: Strafjustiz für Nicht-Juristen. Ein Ratgeber für Schöffen, Pädagogen, Sozialarbeiter und andere Interessierte. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. 4., aktualisierte Auflage. 109 Seiten. ISBN 978-3-658-24226-8. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die erste Auflage dieses Ratgebers wurde im Jahre 1975 veröffentlicht (von den heutigen Autoren, sowie Fritz Dopatka und Winfried Grikschat). Damals war das Büchlein in erster Linie für Schöffen gedacht, für die keinerlei Beratungsliteratur existierte. Heute existiert hierfür unter dem Titel „Fit fürs Schöffenamt“ ein ausführliches „Handbuch für Schöffinnen und Schöffen“ von Hasso Lieber und Ursula Sens (zuletzt in zwei Bänden Berlin 2013/14). Ferner ist vor nicht allzu langer Zeit ein anschaulicher Erfahrungsbericht von Marc Baummann unter dem Titel „Richter Ahnungslos – Wie ich unfreiwillig Schöffe wurde und was ich dabei über Recht und Unrecht gelernt habe“ (Hamburg 2015). Man kann sich also fragen, ob heute noch Raum für das in den Anfangsjahren der Bremer Universität entstandene Buch besteht.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren, ein Jugendrichter und ein Strafrechtsprofessor (beide im Ruhestand) haben dementsprechend den Titel angepasst und wenden sich nun ausdrücklich auch an Pädagogen, Sozialarbeiter und andere Interessierte. Das Buch enthält aber, nach wie vor, eine, speziell an Schöffen gerichtete, elegante Einführung von dem berühmten Gerichtssaal-Reporter Gerhard Mauz. Und ein aufmüpfiges „Merkblatt für Geschworene“ des noch berühmteren Kurt Tucholsky, aus dem Jahre 1929. Beides nach wie vor sehr lesenswert.

Der Ratgeber selbst besteht aus acht, recht verschiedenen Teilen:

  1. Einigen kurzen, kritischen Reflexionen über Kriminalität und Gesellschaft, mit dem folgendem beherzigenswerten Schlusssatz: „Strafrecht und Strafverfolgung sind Menschenwerk und daher voller Widersprüche. Wenn diese Erkenntnis einigen Richtern das gute Gewissen beim Verurteilen nimmt, ist schon viel gewonnen“ (7)
  2. Ein Kapitel zum „Sinn der Strafe“ kommt, nach kurzem Durchgang durch die üblichen Straftheorien, zum einleuchtenden Ergebnis, dass „im laizistischen, weltanschaulich neutralen Staat nur ein einziger vernünftiger Grund zu strafen“ übrig bleibt: „weil es so im Gesetz vorgesehen ist“ (15). Unsere Politiker seien auf das Strafrecht als Allheilmittel für Probleme fixiert und ließen außer Acht, dass es es „oft andere, bisweilen einfachere und kostengünstigere Lösungen“ gibt (16). 
  3. Dem Strafverfahren ist der umfangreichste Teil des Büchleins gewidmet (17-53): mit lexikalischer Gründlichkeit werden hier der Gerichtsaufbau, die einzelnen Verfahrensstadien und Verfahrensarten und Verfahrensgrundsätze referiert. Diese, insgesamt eher formal-juristische, Materie wird durch gelegentliche praktische Hinweise belebt: etwa auf die Arbeitsbelastung der Richter (Pensenschlüssel); auf die Problematik des Geständnisses bzw. der Lüge als Schuldbeweis. Das Kapitel endet mit dem Hinweis auf den zunehmend praktizierten Handel um Gerechtigkeit ("Deal"), bei dem die Schöffen außen vor bleiben (52 f).
  4. In ähnlicher Weise erfolgt auch eine Aufzählung der Strafen und Maßnahmen bei erwachsenen Straftätern (55-72), sowie die bei Jugendlichen und Heranwachsenden (73-88). Der Abschnitt über die Freiheitsstrafe enthält auch kurze, kritische Anmerkungen zur Realität des Strafvollzuges in Gefängnissen. Auch die Tätigkeit des Jugendrichters wir skeptisch bewertet: seine Mittel reichen „selten aus, um eine jahrelang fehlgelaufene Sozialisation aufzufangen und auf Dauer in positive Bahnen zu lenken“ (73). Bei der Darstellung der Geldstrafe fehlt leider der Hinweis auf den Skandal der Ersatzfreiheitsstrafe, die bei Nichtbezahlung (und zwar ohne richterliche Prüfung der Zahlungsfähigkeit) eintritt. 
  5. Unbefriedigend knapp und formal fällt der Überblick über verfahrenssichernde Maßnahmen (Untersuchungshaft, einstweilige Unterbringung in Psychiatrie oder Jugendheim) aus. Etwas versteckt finden sich hier jedoch kritische Anmerkungen zu der Unterbringung in geschlossenen „Erziehungsheimen“ (93 f).
  6. Das Buch schließt mit einer Aufzählung der Sonderregelungen für das Schöffenamt (105-107). Vorher finden sich jedoch zwei bemerkenswerte Kurzkapitel, die man in einem solchen Ratgeber nicht erwartet hätte: 
  7. Zwei Seiten über das Phänomen der „Straßenkinder“, mit dem der Erstautor, als Jugendrichter, praktische Bekanntschaft gemacht hatte.
  8. Sieben weitere Seiten über „ausländerfeindliche Gewalt“ am Beispiel von Rostock-Lichtenhagen, samt Thesen des gleichen Autors über den Umgang mit rechtsradikalen Gewalttätern.

Fazit

Das Büchlein ist ein Versuch, einem Laienpublikum Einblick in die Wirkungsweise der Strafjustiz zu vermitteln, wobei eher nebenbei auf einige Schwächen dieses Systems eingegangen wird. Es ist eine Art Schnellkurs, am ehesten geeignet für die Vorbereitung auf eine Prüfung. Für Studierende der Sozialarbeit bietet es einen soliden juristischen Überblick, welcher in Lehrveranstaltungen vertieft werden könnte. Nur sehr wissbegierige und fleißige Schöffen werden damit etwas anfangen können. Die beiden aus dem Rahmen fallenden Kapitel gegen Ende des Buches zeigen einen Weg auf, wie man ein Buch über Strafjustiz für Laien auch schreiben könnte: ausgehend von einzelnen realen sozialen Problemen und um praktische Lösungen bemüht, die nicht unbedingt in der Macht der Strafjustiz liegen (Gemeinwesenarbeit, „restorative justice“ etc.).


Rezensent
Prof. Dr. Johannes Feest
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Zitiervorschlag
Johannes Feest. Rezension vom 20.03.2019 zu: Albrecht Lüthke, Ingo Müller: Strafjustiz für Nicht-Juristen. Ein Ratgeber für Schöffen, Pädagogen, Sozialarbeiter und andere Interessierte. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. 4., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-658-24226-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25503.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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