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Peter Hammerschmidt, Anne Hans u.a.: Sozialpädagogische Probleme in der Nachkriegszeit

Cover Peter Hammerschmidt, Anne Hans, Melanie Oechler, Uwe Uhlendorff: Sozialpädagogische Probleme in der Nachkriegszeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 467 Seiten. ISBN 978-3-7799-3796-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Im Mittelpunkt der Veröffentlichung stehen die sozialpädagogischen Problemkonstruktionen in der unmittelbaren Nachkriegszeit und der frühen Bundesrepublik. Die problemtheoretische Ausgangsüberlegung der Autor*innen ist dabei, die Kinder- und Jugendhilfe/Sozialpädagogik nicht primär als eine Institution in den Blick zu nehmen, die mit ihren Angeboten, Programmen und Maßnahmen auf „objektiv“ vorliegende gesellschaftliche Probleme reagiert, sondern vielmehr als eine Instanz, die an der Produktion und Reproduktion der von ihr zu bearbeitenden sozialen Problemlagen selbst aktiv beteiligt ist. Auf der Basis von Archivquellen, amtlichen Berichten, zeitgenössischen Studien, Gutachten und Stellungnahmen sowie einschlägiger Fachzeitschriften werden die zeitgenössischen Problemdiskurse rekonstruiert.

Autorinnen und Autoren

Verantwortet wird die Studie von einer vierköpfigen Autor*innen-Gruppe, von der zwei Mitglieder, namentlich Peter Hammerschmidt und Anne Hans an der Hochschule München tätig sind und zwei weitere, Melanie Oechler und Uwe Uhlendorff an der TU Dortmund forschen und lehren. Die Abschnitte der Studie wurden jeweils in unterschiedlichen Konstellationen verfasst.

Entstehungshintergrund

Die Studie publiziert die Ergebnisse eines Forschungsprojektes, das zwischen 2014 und 2017 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Kooperationsprojekt der HS München und der TU Dortmund gefördert wurde. Im Projekt sollte einerseits ein Beitrag zur Geschichtsschreibung Sozialer Arbeit in der Nachkriegszeit geleistet werden, während auf der anderen Seite Fragen nach der Konstitution und Reproduktion sozialpädagogischer Problemsichten und ihrer Durchsetzung im (fach-)politischen und gesellschaftlichen Raum im Mittelpunkt standen.

Aufbau und Inhalt

Der Band besteht aus insgesamt fünf abgeschlossenen Kapiteln, die einer systematisch-chronologischen Struktur folgen. In einem ersten Schritt wird die theoretische Rahmung sowie das methodische Vorgehen der Studie dargestellt und diskutiert, während die folgenden, stärker historisch-rekonstruierend ausgerichteten Abschnitte sich zunächst mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den prägenden Akteurskonstellationen im Feld der Jugendhilfe beschäftigen, um auf dieser Basis dann die zentralen sozialpädagogischen Problemdiskurse in den (westlichen) Besatzungszonen (1945-1949) und der frühen Bundesrepublik (1949-1961) an verschiedenen Themenfeldern exemplarisch zu rekonstruieren. Im abschließenden Fazit wurden die historischen Befunde dann vor dem Hintergrund der theoretischen Rahmung diskutiert. Eigens zu erwähnen ist der zu großen Teilen von Melanie Oechler verfasste Anhang, der auf rund vierzig Seiten u.a. die Kurzbiografien der wichtigsten Protagonist*innen enthält und damit die Möglichkeit bietet, die biografischen Daten zu einzelnen Akteur*innen nachzuschlagen.

In einem ersten Schritt skizziert der in der historischen Forschung breit ausgewiesene Münchener Hochschullehrer Peter Hammerschmidt das theoretische und methodische Design der Studie. Neben den für eine historische Publikation erwartbaren Überlegungen zu Untersuchungszeitraum, Quellenfundus usw. sticht hier vor allem die Darstellung der theoretischen Untersuchungsperspektive hervor. Ausdrücklich setzt sich die Projektgruppe durch ihre explizit sozialkonstruktivistische Perspektive von einem gros der historischen Forschung ab, indem sie den Konstruktionscharakter sozialpädagogischer Problemdiskurse betont und zum Ausgangspunkt der Betrachtung macht. Es geht erklärtermaßen nicht darum, die damaligen gesellschaftlichen Ursachen für die als „Jugendprobleme“ apostrophierten Phänomene und die darauf bezogenen Maßnahmen sozialgeschichtlich zu dokumentieren, sondern vielmehr die Problemerzeugung selbst: mithin also die Produktion und noch viel mehr die Reproduktion sozialpädagogischer Problematisierungen zu rekonstruieren. Aus dieser Perspektive stehen drei große Untersuchungsdimensionen im Mittelpunkt:

  1. primäre Probleme, d.h. die Konstruktion und Karriere sozialpädagogischer Probleme;
  2. Problemlösungen, d.h. die von den jugendhilfepolitischen Akteuren als Reaktion auf die formulierten Problemsichten vorgebrachten sozialpädagogischen Programme, Konzepte und Maßnahmen sowie
  3. sekundäre Probleme, d.h. die unerwarteten Folgen und nicht intendierten (Neben-)Wirkungen der institutionalisierten Hilfen sowie nicht zuletzt die Schwierigkeiten bei der Umsetzung.

Als sozial- und institutionengeschichtlicher Rahmen der problemzentrierten Rekonstruktionen dient das ebenfalls von Peter Hammerschmidt verfasste Kapitel 3, das zunächst einen gebündelten Überblick über die prägenden Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft im Untersuchungszeitraum liefert. Zudem werden die entscheidenden Akteure und Akteurskonstellationen skizziert, die das Feld der Kinder- und Jugendhilfe seit der Jahrhundertwende inhaltlich und institutionell prägten. Die weitreichenden ideologischen Übereinstimmungen eines weitgehend von konservativ-restaurativen und christlich-autoritären Vorstellungen geprägten Zeitgeistes und eines über die Epochengrenzen von 1933 und 1945 hinaus von erstaunlichen personellen, institutionellen und organisatorischen Kontinuitäten geprägten Feldes war ein entscheidender Einflussfaktor, wenn es um die Bewertung der Lebensführung von Kindern und Jugendlichen und deren Familien ging.

Das folgende, von Anne Hans und Melanie Oechler verfasste Kapitel 4 rekonstruiert dann die sozialpädagogischen Probleme der unmittelbaren Nachkriegs- bzw. Besatzungszeit, wobei gemäß der oben skizzierten Logik jeweils die primären Probleme, die darauf bezogenen Problemlösungen sowie die auftretenden sekundären Probleme in einzelnen Unterabschnitten in den Blick genommen werden. Schaut man auf die Probleme im Einzelnen zeigt sich schnell: bei den jugendpolitischen Problemlagen der Nachkriegszeit handelte es sich im Grunde um alte Bekannte. Wenige der ins Feld geführten Problemkonstruktionen waren tatsächlich neu. Vielmehr handelte es sich um zeitgenössische Variationen altbekannter Muster (in der Theoriesprache der Studie: „Masterprobleme“), wie etwa die Problemdiskurse um die „Jugendnot“ (= „Verwahrlosung“) und die „Un-“ oder „Schwererziehbarkeit“ der späten vierziger Jahre zeigen. Auch die Problemlösungsstrategien blieben weitgehend bekannten Argumentationen und Vorstellungen verhaftet und zielten auf die Reform des Jugendwohlfahrtsrechts und vor allem die Schaffung neuer Schutz- und Kontrollmöglichkeiten. Neue Konzepte und Vorstellungen wie etwa die Forderungen nach Schaffung von Jugendhilfswerken, sog. „Child Guidance Clinics“, Heimen der offenen Tür und der Bewährungshilfe (Probation) waren dagegen nicht selten externen Impulsen zum Beispiel durch die Besatzungskräfte geschuldet. Auch bei den sekundären Problemen, mithin also der Beschäftigung der Jugendhilfe mit sich selbst, den Wirkungen und Nebenwirkungen ihrer Interventionen überwogen die Kontinuitäten. Vorranging wurden unzureichende materielle Rahmenbedingungen der Jugendhilfeeinrichtungen sowie fehlendes und schlecht ausgebildetes Personal als die Kardinalprobleme der Jugendhilfe ausgemacht. Im Kern Argumente, die bereits in den zwanziger Jahren maßgeblich die Debatten prägten – und, so viel kann vorweg genommen werden, auch in den folgenden Jahrzehnten auf der Diskursagenda standen.

Das von Anne Hans verfasste Kapitel 5 richtet den Blick dann auf die frühe Bundesrepublik bis hin zur Novellierung des Jugendwohlfahrtsrechts zu Beginn der 1960er Jahre. Auch hier zeigen sich in den drei Untersuchungsdimensionen um großen und ganzen Parallelen zu den Themen und ihrer Artikulation, die zum Teil den Diskurs seit Jahrzehnten prägten. Von „Jugendnot“ war zwar nach der Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr die Rede, vielmehr sprach man wie gehabt wieder von „Verwahrlosung“ und „Gefährdung“. Auch der Diskurs um die angebliche „Unerziehbarkeit“ von Kindern und Jugendlichen, die mit dem Repertoire der Jugendhilfe nicht (mehr) zu erreichen waren, prägte die Debatte bis zum Ende des Untersuchungszeitraums. Seit Mitte der 1950er Jahre rückten dann die Problemkonstruktionen um die „Halbfamilien“ und „Schlüsselkinder“ sowie, natürlich, die sog. „Halbstarken“ stärker in den Fokus, ohne das dadurch grundlegend neue „Masterthemen“ in den Diskurs eingespeist worden wären. Auch hinsichtlich der Problemlösungen schlug man allen diskutierten Änderungen im Detail zum Trotz keine grundlegend neuen Wege ein, sondern bewegte sich in bekannten Fahrwassern. Soweit so bekannt also? Nicht ganz, denn interessant an der Darstellung sind weniger die thematisierten Probleme an sich – abweichendes und als korrekturbedürftiges Verhalten von Kindern und Jugendlichen sind bekanntlich Themen, die keineswegs erst in der Nachkriegszeit auftauchten –, sondern vielmehr die Art und Weise wie sie von den sozialpädagogischen Akteure*innen artikuliert wurden. Am Beispiel des Halbstarken-Diskurses kann etwa exemplarisch gezeigt werden, wie eine zunächst massenmedial erzeugte Problemsicht im Diskurs zu einem sozialpädagogischen Problem „gemacht“ wurde, auf das mit entsprechenden pädagogischen (und nicht etwa juristischen) Maßnahmen reagiert werden konnte und sollte.

Im abschließenden, von Peter Hammerschmidt und Uwe Uhlendorff verfassten Fazit werden die Ergebnisse der Studie noch einmal gebündelt dargestellt und vor dem Licht der gewählten Theorieperspektive diskutiert. Einige Befunde im Überblick: Die sozialpädagogische Problemdiskurse hatten eine zentrifugale Tendenz, neigten also dazu, sich auszuweiten, auszudifferenzieren und nach neuen Problemen zu „suchen“. Die verhandelten Problemkonstruktionen stammten dabei keineswegs ausschließlich aus dem sozialpädagogischen Diskurs selbst, sondern werden von außen eingespeist. Es galt dann, an diesen Problematisierungen anzuknüpfen und die darin verhandelten Probleme zu sozialpädagogischen zu machen, mithin also eine sozialpädagogische Problembearbeitung durchzusetzen – oder aber das Feld anderen Akteuren zu überlassen. Viele der im Untersuchungszeitraum artikulierten sozialpädagogischen Problematisierungen fanden ihren Wiederhall im politisch-parlamentarischen Raum, was nach Ansicht der Autor*innen allerdings weniger auf die Durchsetzungsfähigkeit fachpolitischer Interessenvertreter*innen verweist als auf die in den 1950er und 1960er Jahren weitgehende weltanschauliche Übereinstimmung zwischen der Jugendhilfe und der bundespolitisch dominierenden CDU/CSU-Regierungen in der Ära Adenauer. Folgerichtig waren die Problemkonstruktionen zumindest mit Blick auf die Adressat*innen erstaunlich homogen. Gegenstimmen oder alternative Befunde fanden sich eher selten und auch veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen führten nicht unbedingt zu einer Modifikation der Problemkonstruktion. „Verwahrlosung“ ließ sich in Zweifel eben auch als „Wohlstandsverwahrlosung“ verhandeln, ohne dass dazu die Basisannahmen über das „Problem“ und seine Lösung grundlegend revidiert werden mussten. Differenzen und Lagerbildung zeigten sich eher bei Themen, die die institutionellen, finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen der Arbeit betrafen und Konflikte und Konstellationen berührten, die bereits in der Weimarer Zeit für Zündstoff im Feld der Jugendhilfe sorgten.

Diskussion und Fazit

Insgesamt haben die Autor*innen eine Veröffentlichung vorgelegt, die sich auf zweierlei Weise mit Gewinn lesen lässt: Aus zeitgeschichtlicher Perspektive ist der Band ein wichtiger Beitrag zur Geschichtsschreibung Sozialer Arbeit bzw. der Kinder- und Jugendhilfe, die sich (erst) in den letzten Jahren intensiver mit den Bedingungen und Verhältnissen in der unmittelbaren Nachkriegszeit beschäftigt. Hier können die Befunde nicht nur weiteren Aufschluss über die Problemsichten der Zeit und die jeweils darauf bezogenen Lösungsvorschläge, sondern nicht zuletzt auch über das Akteursspektrum und die Kräfteverhältnisse im Feld der Jugendhilfe geben. Gewiss, historisch informierten Leser*innen wird das ein oder andere Thema bekannt vorkommen. Auf die erstaunlichen Kontinuitäten beim Übergang vom Nazismus in die beiden deutschen Nachkriegsstaaten wurde verschiedentlich hingewiesen.

Neu ist dagegen, dass die Autor*innen nicht nur zeigen, auf welche gesellschaftlichen Probleme in welcher Weise reagiert wurden, sondern vor allem, dass sie detailreich rekonstruieren, wie und mit welchen Strategien die jugendhilfepolitischen Akteure an der Hervorbringung und Perpetuierung der Probleme beteiligt waren. Hervorzuheben ist dabei nicht nur die Vielzahl an einzelnen Befunden, sondern vor allem die konsequente Rückbindung des empirischen Materials an die theoretische Rahmung der Studie. Damit ist die zweite Lesart der Studie angesprochen. Sie lässt sich auch als sozialkonstruktivistischer Beitrag zur Theoriebildung Sozialer Arbeit verstehen, der darauf zielt, die gesellschaftliche Konstruktion von sozialpädagogischen Problematisierungen im Kontext spezifischer Interessen- und Akteurskonstellationen zu beleuchten. Hier zeigt die Studie, wie bekannte und anerkannte soziale Probleme reproduziert und gleichzeitig neue (Teil-)Probleme diskursiv hervorgebracht werden.


Rezensent
Prof. Dr. Sven Steinacker
Theorie und Geschichte Sozialer Arbeit, Hochschule Niederrhein - Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Sven Steinacker. Rezension vom 09.05.2019 zu: Peter Hammerschmidt, Anne Hans, Melanie Oechler, Uwe Uhlendorff: Sozialpädagogische Probleme in der Nachkriegszeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3796-8.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25505.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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