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Jörg Dinkelaker: Lernen Erwachsener

Cover Jörg Dinkelaker: Lernen Erwachsener. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 273 Seiten. ISBN 978-3-17-021485-9. 18,00 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Grundrisse der Erziehungswissenschaft. Kohlhammer Urban Taschenbücher.
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Thema

Immer wieder erscheinen neue Lehrbücher der Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Das vorliegende Buch und „Lehren und Lernen in der Erwachsenen- und Weiterbildung“ von Josef Schrader (2018) sind die jüngsten Exemplare dieser Literaturgattung. Im neuen Jahrhundert hatten innerhalb des ersten Jahrzehnts und in dichter Folge Ekkehard Nuissl (2000), Jürgen Wittpoth (2003), Hermann-Josef Forneck/Daniel Wrana (2005), Sigrid Nolda (2008), Klaus-Peter Hufer (2009) und Peter Faulstich/Christine Zeuner (2010) entsprechende Einführungen vorgelegt. Zwischen 2010 und 2018 dagegen war meines Wissens kein Lehrbuch mehr erschienen.

Autor

Dr. Jörg Dinkelaker ist Professor für Erwachsenenbildung/berufliche Weiterbildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Theorie und Empirie des Lernens Erwachsener. Schon in seiner Dissertation „Kommunikation von (Nicht-)Wissen. Eine Fallstudie zum Lernen Erwachsener in hybriden Settings“ (2007, als Buch 2008) waren sein Thema des Lernens Erwachsener und sein Theorie und Empirie eng verbindender Zugang gesetzt. Schon hier konstatiert er: „Mit der wachsenden Bedeutung der Idee des lebenslangen Lernens hat sich der Fokus der Beobachtung von Erwachsenenbildung weg von professionell und organisatorisch verantwortetem Lernen hin zum vielfältig kontextualisierten Lernen Erwachsener verschoben. Pädagogische Einrichtungen und die Arbeit pädagogischer Professioneller erscheinen vor diesem Hintergrund nur noch als eine Form des Umgangs mit Lernen unter anderen.“ (S. 15)

Zur Theorie hat er, zusammen mit Aiga von Hippel, das Wörterbuch „Erwachsenenbildung in Grundbegriffen“ (2015) herausgegeben. Innerhalb der Empirie widmet er sich insbesondere methodisch (Jochen Kade, Sigrid Nolda, Jörg Dinkelaker, Matthias Herrle: Videographische Kursforschung: Empirie des Lehrens und Lernens Erwachsener. 2014) und methodologisch (Jörg Dinkelaker, Matthias Herrle: Erziehungswissenschaftliche Videographie. Eine Einführung. 2009) der Videographie.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Lernen Erwachsener“ ist in der verdienstvollen Lehrbuchreihe „Grundrisse der Erziehungswissenschaft“ des Kohlhammer Verlags erschienen, zu der inzwischen 14 Bände gehören, zum Lernen Erwachsener auch die „Einführung in die Erwachsenenbildung/Weiterbildung“ von Jochen Kade, Dieter Nittel und Wolfgang Seitter (1999, 22007). Jörg Dinkelaker ist inzwischen Mitherausgeber dieser Reihe.

Aufbau

Das Buch besteht, von der „Einführung“ (I) und dem „Überblick und Ausblick“ (IV) abgesehen, aus zwei Hauptteilen:

  • „Begriffe und Unterscheidungen“ (II) und
  • „Formate“ (III). 

In Kapitel II werden die beiden titelgebenden Begriffe des Erwachsenen (2) und des Lernens (3) geklärt und im „Feld des Lernens Erwachsener“ (4) erforderliche Unterscheidungen getroffen. Kapitel III ist sechs „Formaten“ des Lernens Erwachsener gewidmet. Die entsprechenden Unterkapitel 5 bis 10 sind alle dreigeteilt. Sie werden mit einem Beispiel eröffnet, dann theoretisch vertieft, um zuletzt praktisch-pädagogische Konsequenzen anzusprechen.

Inhalt

Schon der Titel des Buches zeigt an, dass Dinkelaker konzeptionell von bisherigen Einführungen abweicht: „Lernen Erwachsener“ statt „Erwachsenenbildung“ und/oder „Weiterbildung“. Damit trägt er dem „Wandel der Leitbegriffe“ (4.1) Rechnung, der historisch von der „Volksbildung“ (im 19. Jhdt.) über die „Erwachsenenbildung“ (seit den 1920er Jahren) und „Weiterbildung“ (seit den 1970er Jahren) zum „lebenslangen Lernen“ (seit den 1990er Jahren) reicht. Im Fokus steht erstens im Sinne eines lebensbreiten und nicht nur lebenslangen Lernens ein ganzes Spektrum an Formaten des Lernens Erwachsener und zweitens innerhalb dieser Formate mehr das Lernen als das Lehren. „Die bisherige Engführung von Einführungen in das Erwachsenenlernen erstens auf das Format der Bildungsveranstaltung und zweitens auf die professionelle Gestaltung und Begleitung von Lernen“ (S. 14) wird aufgehoben. Das Lehren wird einerseits vom Lernen, andererseits von den verschiedenen Lernformaten abhängig gemacht.

Für die beiden zentralen Begriffe des Erwachsenen und des Lernens hält sich Dinkelaker mit eigenen Bestimmungen weitgehend zurück. Stattdessen referiert er verschiedene Vorstellungen des Erwachsenen und des Lernens. Für den Erwachsenen identifiziert er drei Konzepte, die einen Unterschied zum Kind ansetzen, indem sie den Erwachsenen als „selbstbestimmt“ (2.1), „erfahren“ (2.2) oder „reflexiv“ (2.3) ansehen. Ein viertes Konzept des „alternden“ (2.4) Erwachsenen, dem sich Dinkelaker anzuschließen scheint, ebnet in letzter Konsequenz jeglichen Unterschied in einem kontinuierlichen Prozess des lebenslangen Lernens. Für das Lernen stellt er exemplarisch vier wissenschaftliche Lerntheorien (3.1), nämlich die „operante Konditionierung“, das „Erfahrungslernen“, das „biographische Lernen“ und das „Lernen … als eine vom Lernenden vollzogene intentionale Aktivität“ (S. 63). In einem fünften Zugang verweist der Autor auf die Alltagstheorien vom Lernen, die für die Formate des Lernens Erwachsener eine größere Rolle spielten als die wissenschaftlichen.

Seinen Überblick über das Feld des Lernens Erwachsener in seiner Gänze rollt der Autor vom bekannten Teil auf, das er „veranstaltungsförmiges Lernen“ (4.2) oder später „Bildungsveranstaltungen“ (7) nennt. Dieses von verschiedenen öffentlichen und privaten Anbietern und zu unterschiedlichen allgemeinen und beruflichen Zwecken organisierte Lernen findet in diversen „Veranstaltungsformaten“ (S. 80) statt, die Dinkelaker nur aufzählt, aber nicht systematisiert.

Die zentrale Gelenkstelle des Buches ist das Kapitel „Das Problem der Erschließung der Vielfalt des Lernens Erwachsener in seiner ganzen Breite“ (4.3), da es an die vorher getroffenen Überlegungen anschließt und mit seiner Systematik das dritte Hauptkapitel (Formate) erschließt. Für diese seine Systematik kombiniert Dinkelaker zwei schon vorliegende Einteilungen. 2003 hat Christiane Hof eine Dreiteilung in „personale“, „mediale“ und „strukturale“ Lernsettings vorgelegt. In den personalen finden Lehren und Lernen zur selben Zeit am selben Ort statt, in den medialen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten und in strukturalen zu verschiedenen Zeiten am selben Ort. Jochen Kade und Wolfgang Seitter haben 2007 „explizit-intensive“, „hybrid-uneindeutige“ und „medial-extensive“ Lernsettings unterschieden. In den ersten beiden befinden sich Lehrende und Lernende wie bei den personalen Settings nach Hof zur selben Zeit am selben Ort mit dem Unterschied, dass es sich im ersten Fall um eine abgesonderte bzw. „explizite“ Lehr-Lern-Situation, im zweiten Fall um eine in eine andere Situation eingelassene bzw. implizite Lehr-Lern-Situation handelt, in der die Vermittlung auf der einen und die Anwendung oder Aushandlung von Wissen auf der anderen Seite gemischt sind und so ein „hybrides“ Setting entsteht. Beim dritten Lernsetting verteilen sich Lehren und Lernen, wie in Hofs medialem Setting, durch „mediale“ Unterstützung auf unterschiedliche Zeiten und Orte.

Dinkelaker kombiniert nun die Dreiteilung von Hof nach den Kriterien der Zeitlichkeit und Örtlichkeit mit der Zweiteilung von Kade und Seitter zwischen expliziten und hybriden Settings. Die Situationen nach Hof nennt er 1.) „Interaktionen unter Anwesenden“ (personal), 2.) „mediale Kommunikation“ (medial) und 3.) „individuelle Orientierung ohne Kommunikations- und Interaktionsbeteiligung“ (struktural). Für die beiden Kategorien von Kade und Seitter gilt nach Dinkelaker: a) „Vermittlung steht im Vordergrund“ hier (explizit), b) „Aneignung steht im Vordergrund“ dort (hybrid). Durch die Kombination beider Einteilungen ergeben sich sechs grundsätzliche Möglichkeiten, für die der Autor exemplarisch sechs Formate nennt: „Bildungsveranstaltungen“ (1a) für das vertraute veranstaltungsförmige Lernen, „mediale Wissensvermittlung“ (2a) und „Lernstätte“ (3a), „Beratung“ (1b), „Zertifikat“ (2b) und „Krise“ (3b). Diese sechs exemplarischen Lernformate stellt Dinkelaker dann im folgenden Hauptkapitel (III) ausführlich vor.

Diskussion

Der Versuch Jörg Dinkelakers, eine Landkarte der Lernformen Erwachsener zu zeichnen, die der ganzen Breite des lebenslangen Lernens entspricht, ist sehr zu begrüßen. Bisher hat das meines Wissens nur Jost Reischmann versucht, zuerst 1995, zuletzt 2009 in seinem Artikel „Formen des Lernens Erwachsener“ im „Handbuch der Erziehungswissenschaft“, Bd. 2. Leider greift der Autor diesen Beitrag nicht auf. Die Systematik Dinkelakers ist nach meiner Auffassung hilfreich und vielversprechend, lässt aber noch Fragen zur Art und Zahl der Kategorien und ihrer Konkretisierung in den Beispielen offen.

Beispiele

Fragwürdig erscheinen mir die drei Beispiele, die Dinkelaker für die aneignungsbezogenen Lernformate aufführt: Beratung als eine „Interaktion unter Anwesenden“, Zertifikat als eine „mediale Kommunikation“ und Krise als „individuelle Orientierung ohne Kommunikations- und Interaktionsbeteiligung“. Beratungen sind längst auch medial möglich, telefonisch oder schriftlich. Zertifikate, ansonsten im Begriff des formalen Lernens angesprochen, sind nur eine mediale Bestätigung von Interaktion und/oder Kommunikation. Eine mediale Kommunikation selbst sind sie nur extern, aber nicht intern. Und Krisen sind allenfalls ein Anlass zum Lernen und die unterstützende Reaktion anderer auf Krisen können ihrerseits interaktiv oder medial-kommunikativ, aber kaum ohne Kommunikations- und Interaktionsbeteiligung erfolgen.

Innerhalb der Systematik des Autors könnte man die vermittlungsbezogenen Beispiele Bildungsveranstaltungen, mediale Wissensvermittlung und Lernstätten auch für die aneignungsbezogene Linie übernehmen. Denn alle drei können sowohl vermittlungs- als auch aneignungsbezogen inszeniert werden. Nach einer Differenzierung von subjektiven Unterrichtskonzepten von Christiane Hof wären „Unterweisung/Belehrung“ und „Training“ vermittlungsbezogene, „Beratung“ und „Moderation“ aneignungsbezogene Formate. Damit würde das Beispiel der Beratung von Dinkelaker beibehalten, aber um Moderation erweitert und in beiden Fällen auf alle drei Varianten aneignungsbezogener Formate ausgedehnt.

Kriterien

Dinkelaker scheint die Unterscheidung zwischen „expliziten“ und „hybriden“ Lernformen von Kade und Seitter aufzugreifen, verschiebt sie aber mit seiner Differenz zwischen vermittlungs- und aneignungsbezogenen Lernformen. Selbstverständlich ist die Akzentuierung mehr der Vermittlung oder mehr der Aneignung ebenfalls eine geeignete Differenzierung. Aber zum einen entspricht sie nicht mehr der anderen Unterscheidung, da beide Akzentuierungen sowohl in expliziten als auch in hybriden Settings vorkommen. Zum anderem erscheint mir die Differenz von Kade und Seitter als die im Vergleich geeignetere, da sie letztlich mehr oder minder an schon bekannte Unterscheidungen zwischen intentionaler und funktionaler Erziehung, zwischen Erziehung und Sozialisation und zwischen (non-) formalem und informellem Lernen anschließt.

Vollständigkeit

Für die interaktions- und kommunikationsbezogene Differenzierung der Lernformate wäre die „mediale Kommunikation“ noch einmal nach zeitversetzten und zeitgleichen Formen zu unterscheiden. Mediale Kommunikation erfolgt inzwischen nicht mehr nur noch, wie das Buch, zeitversetzt, sondern auch, beispielsweise bei virtuellen Seminaren, zeitgleich. Damit würden sich vier Varianten ergeben: Interaktion unter Anwesenden und abweichend Kommunikationen zur selben Zeit an verschiedenen Orten, am selben Ort zu verschiedenen Zeiten und zu verschiedenen Zeiten und Orten. Die Systematik insgesamt bestünde dann aus acht statt sechs Formaten.

Wenn man die Unterscheidung Kades und Seitters beibehielte, müsste man auch sie, logisch zwingend, erweitern. Denn die frontale Gegenüberstellung von explizitem und hybridem Lernen verkennt die beiden Zwischenformen, in denen nur die Vermittlung oder nur die Aneignung explizit erfolgt. Die explizite Vermittlung bei hybrider Aneignung ist traditionell als indirektes Setting bekannt und wurde 1967 von Philipp Eggers im Unterschied zur intentionalen und zur funktionalen Erziehung „extensional“ genannt. Die explizite Aneignung bei hybrider Vermittlung kann man mit Erhard Schlutzautodidaktisches“ Lernen nennen. In der Kombination der beiden Vierteilungen würden sich so sechzehn mögliche Formate

Fazit

Jörg Dinkelakers Buch ist ein mutiger und in weiten Teilen überzeugender Entwurf, das Lernen Erwachsener im Rahmen einer Einführung über Bildungsveranstaltungen hinaus zu thematisieren und damit das lebenslange Lernen um das entsprechende lebensbreite Lernen zu ergänzen.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 11.04.2019 zu: Jörg Dinkelaker: Lernen Erwachsener. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-021485-9. Reihe: Grundrisse der Erziehungswissenschaft. Kohlhammer Urban Taschenbücher. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25509.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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