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Ulrike Graff: Selbstbestimmung für Mädchen

Cover Ulrike Graff: Selbstbestimmung für Mädchen. Theorie und Praxis feministischer Pädagogik. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2004. 234 Seiten. ISBN 978-3-89741-150-0. 24,90 EUR, CH: 44,50 sFr.

Reihe: Facetten.
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Absicht und Ausgangspunkt der Veröffentlichung

Ulrike Graff möchte mit ihrer Studie empirisch fundierte Ergebnisse für die Weiterentwicklung feministischer Mädchenpädagogik liefern. Sie geht grundsätzlich davon aus, dass, solange männliche Dominanz in der Gesellschaft nicht grundlegend infrage gestellt ist, Koedukation Mädchen benachteiligt und Jungen fördert,  Mädchenförderung von daher unumgänglich ist und in der Moderne keineswegs überflüssig geworden ist.

Untersuchungsgegenstand

Ulrike Graff untersucht den Mädchentreff Bielefeld, den sie Mitte der 80er Jahre selbst gegründet hatte. Sie setzt sich dabei kritisch mit ihrer Rolle als in Praxis involvierter Forscherin auseinander und betont hier die Selbstreflexion als Bedingung dafür, gültige Ergebnisse zu erzielen, nicht nur eigene Erwartungen nach Bestätigung der selbst initiierten Praxis zu erfüllen.

Mit ihrem Thema: Selbstbestimmung für Mädchen greift sie den Kernaspekt feministischer Arbeit auf, die Anpassung/Orientierung an männlichen Maßstäben im Gleichberechtigungs- und Gleichstellungskonzept ablehnt und nur in der Förderung von Selbstbestimmung die Möglichkeit sieht, Mädchen und Frauen aus Zurichtungen hinsichtlich funktionaler Weiblichkeit zu befreien. Ulrike Graff leitet die Bedeutung von Selbstbestimmung aus der Theorie des Feminismus und der Analyse der patriarchalen Struktur der Gesellschaft her, die Selbstbestimmung für Frauen im Prinzip verweigert, Frauen eher instrumentell denkt, funktional nutzt, zwar Rechte im modernen Konzept einräumt, jedoch gleiche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern ausschließt.

In ihrer Untersuchung überprüfte sie, ob das für feministische Mädchenarbeit zentrale Ziel der Selbstbestimmung im Mädchentreff Bielefeld aus der Sicht der Pädagoginnen und der Mädchen tatsächlich erreicht wird. Sie definiert das Ziel des Projektes, dessen Besucherinnen sie interviewte, folgendermaßen: "Der Mädchentreff will... ein Freiraum für Mädchen sein, den sie selbst gestalten, wo sie mit ihren Fähigkeiten und Vorlieben im Mittelpunkt stehen. Sie sollen selbst, ohne direkten männlichen Einfluss entscheiden können, was sie machen, wer und wie sie sein wollen. Damit soll ein Prozess von Selbstbestimmung unterstützt werden, der über die Einschränkungen traditioneller Rollenzuschreibungen hinausgehen kann" (S. 13).

Ergebnisse

Ulrike Graff fand heraus, dass das Zusammensein mit den Mädchen das wichtigste Motiv für den Besuch des Mädchentreffs und für die Mädchen auch die wichtigste Erfahrung ist. gerade dies aber trifft noch immer auf Vorbehalte und Abwertung. Die Mädchen müssen sich gegenüber ihrem Umfeld oft rechtfertigen, warum sie da hingehen, warum sie "das nötig haben" und es wird fast stereotyp infrage gestellt, dass Mädchen untereinander interessante Dinge erleben können. Genau diese Haltungen und Einstellungen sind Ausdruck der patriarchalen Struktur, die Zusammenhänge unter Frauen stört, solche unter Männern dagegen kulturell verankert und Belege für die Notwendigkeit, ja - nicht zu glauben - immer noch subversive Bedeutung von Freiräumen für Mädchen.

Die parteiliche Haltung, mit der die Pädagoginnen den Mädchen begegnen, die Hilfestellung, die die Mädchen bei Bedarf erhalten und ein offenes, nicht verpflichtendes Angebot spielt eine weitere  bedeutende Rolle für die Motivation, das Mädchenprojekt aufzusuchen: ".. (es) wird deutlich, dass die Mädchen es als besonders und ungewöhnlich zu schätzen wissen, wenn ihnen mit einer Haltung begegnet wird, die das aufnimmt und ernst nimmt, was sie mitbringen und ihnen dafür Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Offene Mädchenarbeit als mädchenbezogene Geselligkeit und Kultur ist neu: Mädchen haben Raum, sich zu treffen, ohne etwas lernen zu müssen, ohne sich mit Problemen beschäftigen zu müssen und sie können kommen und gehen, wann sie wollen" (S. 164).

Der Pädagogin kommt hier eine entscheidende Rolle zu. Deren Erwartungen nehmen die Mädchen sehr genau wahr und checken, was sie ihrerseits von ihr erwarten können. Sie achten sehr genau darauf, dass die Pädagoginnen keine Eingriffe in ihre Selbstbestimmung vornehmen. Sie akzeptieren die hierarchische Position der Pädagogin, erwarten aber eine Offenlegung von Regeln und Machtbefugnissen und die Möglichkeit einer Auseinandersetzung hierüber. Als wesentliches Ergebnis ihrer Studie formuliert Graff, "dass die Mädchen sagen, sie fühlen sich im Mädchentreff so akzeptiert, wie sie sind. Dieses Akzeptieren geht für sie darüber hinaus,  was sie in Schule oder Freizeit erleben: Sie fühlen sich ernst genommen, sowohl mit ihren Bedürfnissen nach 'Abhängen, Spaß, Rumflippen', als auch mit Anliegen und Problemen, die sie außerhalb des Mädchentreffs haben. Dabei ist entscheidend, nicht danach beurteilt zu werden, was ein richtiges Mädchen macht. In der Anerkennung der Vorlieben und Neugierden müssen sie nicht mit Jungen konkurrieren" (S. 214).

Fazit

Das Buch ist ein wichtiges Dokument zur Geschichte und gegenwärtigen Praxis feministischer Mädchenarbeit. Es ist allen zu empfehlen, die der Rede von der bereits erreichten Gleichberechtigung zum Opfer gefallen sind und ebenso denjenigen, die nach einer Bestätigung und Weiterentwicklung ihrer parteilichen Arbeit für Mädchen in Zeiten des Gender Mainstreaming suchen.


Rezensentin
Anita Heiliger
Homepage www.anita-heiliger.de
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Zitiervorschlag
Anita Heiliger. Rezension vom 30.08.2005 zu: Ulrike Graff: Selbstbestimmung für Mädchen. Theorie und Praxis feministischer Pädagogik. Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach/Taunus) 2004. ISBN 978-3-89741-150-0. Reihe: Facetten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2551.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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