socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Maximiliane Brandmaier: Angepasstes und widerständiges Handeln geflüchteter Menschen

Cover Maximiliane Brandmaier: Angepasstes und widerständiges Handeln in der Lebensführung geflüchteter Menschen. Handlungsfähigkeit im Verhältnis zu Anerkennung und (psycho-)sozialer Unterstützung in österreichischen Sammelunterkünften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 541 Seiten. ISBN 978-3-7799-3972-6. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist eine Dissertation, die Forschungsergebnisse zu einem Thema liefert, das in den letzten Jahren nicht nur von Politik und Medien, sondern auch von der (Sozial-) Wissenschaft große Aufmerksamkeit erhalten hat: das Leben von geflüchteten Menschen. Die qualitativ angelegte Studie exploriert die alltägliche Lebensführung, Handlungsfähigkeit und Anerkennung geflüchteter Menschen sowohl aus der Perspektive der Betroffenen als auch aus der Perspektive von (professionellen) UnterstützerInnen und BetreuerInnen. Einen besonderen Fokus legt die Autorin dabei auf die Rolle psychosozialer Belastungen und psychischer Störungen.

Autorin

Maximiliane Brandmaier (Dipl. Psychologin und Dr. phil. in Sozialpsychologie) hat laut den Verlagsangaben nach einem Studium der Psychologie, Ethnologie und Gender Studies an der Universität Trier an der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt promoviert und befindet sich derzeit in Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin.

Aufbau

Die Forschungsarbeit folgt einem klassischen Aufbau, bei dem zuerst theoretische Hintergründe dargestellt und Begrifflichkeiten geklärt werden (Kapitel 2) und der Forschungsstand rezipiert wird (Kapitel 3). Es folgt in Kapitel 4 eine Explikation des Forschungsinteresses und darauf aufbauend eine Einführung in die Methoden der Datenerhebung (Interviews, Soziales Atom und Fragebogen zu psychischen Störungen) sowie deren inhaltsanalytische Auswertung. Im fünften Kapitel werden auf fast 200 Seiten ausführlich die Ergebnisse dargestellt und abschließend in Kapitel 6 diskutiert, wobei sich hier auch eine ausführliche Forschungsreflexion findet.

Inhalt

Nach der vorangestellten Zusammenfassung der Autorin (S. 9-10) und dem Vorwort von Prof. Dr. Ottomeyer (S. 11-14), in dem die politische Aktualität der Studie hervorgehoben wird, erfolgt in der Einleitung als erstem Kapitel (S. 15-24) eine Herleitung des Forschungsinteresses sowie die Einbettung der Forschungsarbeit in eine kritische Forschung.

Kapitel 2: Begriffserklärungen und Theorie (S. 25-125)

In diesem Kapitel wird einleitend der historische Rahmen für die Untersuchung gelegt, bei dem nicht nur die Entwicklung des Asylrechts mit seiner Bedeutung für die Aufenthaltsberechtigung geflüchteter Menschen, dem Arbeitsmarktzugang und der Grundversorgung nachgezeichnet, sondern auch ein Fokus auf die Unterbringung geflüchteter Menschen insbesondere in sogenannten Sammelunterkünften gelegt wird. Die Autorin arbeitet schlüssig heraus, dass die Aufnahme und Versorgung geflüchteter Menschen in Österreich weniger aus sozialpolitischen als vielmehr aus sicherheitspolitischen Aspekten heraus organisiert ist und beschreibt eindrücklich die Unterschiede in der Umsetzung in den drei untersuchten Bundesländern, die im Verlauf der Untersuchung eine durchgängig wichtige Rolle spielen (S. 25-52). Im zweiten Abschnitt werden die zentralen Begrifflichkeiten zur Personengruppe der Flüchtlinge, der Unterbringungsform des Lagers, dem Kulturbegriff sowie dem Zusammenhang von Gesundheit, Migration und Trauma diskutiert. Hier wird bereits deutlich, dass die Autorin sich einen weiten und fundierten Überblick über verschiedene theoretische Konzepte und disziplinäre Diskurse verschafft hat und die Verortung ihrer eigenen Arbeit reflektiert und sprachlich konkretisiert. Im dritten Abschnitt dieses Kapitels (S. 70-125) werden Grundlagentheorien vorgestellt, wobei hier zu hinterfragen ist, ob die gewählten Rahmungen der totalen Institution, der alltäglichen Lebensführung, der Handlungsfähigkeit und der Anerkennung nicht eher als theoretische Konzepte eingeordnet werden müssten. Die Überlegungen und Positionierungen des sehr ausführlichen Theoriekapitels münden in ein Modell, dessen Komponenten als „sensibilisierende Konzepte“ (S. 127) für den empirischen Teil dienen sollen, was an dieser Stelle jedoch nicht weiter konkretisiert wird.

Kapitel 3: Aktueller Forschungsstand

Im dritten Kapitel gibt die Autorin einen Überblick zum Forschungsstand zur psychischen Gesundheit geflüchteter Menschen und zur Agency-Forschung in diesem Bereich, wobei die Sammelunterbringung und deren Auswirkungen auf Gesundheit und Handlungsfähigkeit jeweils nochmal expliziert werden. Es werden Untersuchungen aus verschiedenen Disziplinen (Medizin, Soziologie und Psychologie), mit unterschiedlichen Erhebungsverfahren und aus zahlreichen Ländern einbezogen. Das Kapitel hat an vielen Stellen den Charakter einer Auflistung und es fehlen Zwischenfazits, die die Bedeutung der Forschungsergebnisse gewichten und damit verständlicher gemacht hätten. So bleibt auch das abschließend präsentierte Modell (S. 176) wenig erhellend bezüglich der Konkretisierung von Wechselwirkungen oder ursächlichen Zusammenhängen. Abschließend arbeitet die Autorin die Forschungslücken heraus und findet diese vor allem im Forschungsfeld (Österreich, Sammelunterkünfte, ländliche Regionen), in den Samples (weibliche Geflüchtete, Ehrenamtliche und TherapeutInnen als unterstützende Bezugsgruppe für geflüchtete Menschen) sowie in theoretischen Unschärfen (Handlungsfähigkeit, Anerkennung) (S. 176-179).

Kapitel 4: Methodische Umsetzung der Fragestellung

Im Methodenkapitel präsentiert die Autorin in Kürze die zentralen Forschungsfragen, aus denen hervorgeht, dass die Untersuchung die subjektiven Perspektiven und Erfahrungen geflüchteter Menschen in den Mittelpunkt stellt und zwar in Bezug auf die Themen Handlungsfähigkeit, Selbstbestimmung und Anerkennung. Darüber hinaus wird nach deren Einfluss auf die psychische Gesundheit gefragt sowie nach der Rolle von AkteurInnen, die der psychosozialen Versorgung zugerechnet werden können, und zwar bezüglich der Handlungs- und Anerkennungsräume für geflüchtete Menschen.

Diesen Fragen wird methodisch mittels eines vorrangig qualitativen, deskriptiven Designs mit einer Kombination aus problemzentriertem Interview (mit Geflüchteten), Sozialem Atom, Fragebogenerhebung (Brief Symptom Inventory-18) sowie ExpertInneninterview (mit BetreuerInnen, LeiterInnen, PsychotherapeutInnen und Ehrenamtlichen) nachgegangen. Für die Auswertung der Interviews wurde die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring gewählt. Die Darstellung der Überlegungen zu den gewählten Erhebungsinstrumenten, notwendigen Modifizierungen, dem Sampling, des prozesshaften Vorgehens bei der Erhebung, dem Umgang mit Vielsprachigkeit sowie der Analyseschleifen ist detailreich und transparent. Sie zeigt deutlich, dass die methodische Umsetzung dieser Arbeit beispielhaft ist in ihrer Güte und sich die Autorin kenntnisreich und kritisch zugleich der verschiedenen Methoden bedient hat. Der Eindruck bestätigt sich später in der Forschungsreflexion (Kapitel 6.1) und der Diskussion zu den Grenzen der Forschung (Kapitel 6.5).

Kapitel 5: Ergebnisse

Die Darstellung der Ergebnisse erstreckt sich auf sieben Unterkapitel und fast 200 Seiten und bildet damit das umfangreichste Kapitel der Arbeit. Die Strukturierung des Kapitels orientiert sich nicht an den Oberkategorien, die mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse gewonnen wurden, sondern erfolgt mit einem sozio-ökologischen Blick auf der Makro-, Mikro- und der Mesoebene (S. 210). Zuerst wird aufgrund der Ergebnisse des Fragebogens (BSI-18) festgestellt, dass über 80 % der insgesamt 23 befragten Geflüchteten als auffallend psychisch belastet beschrieben werden können, wobei die Frauen insgesamt stärker betroffen sind (S. 211/212). Auf eine mögliche Bedeutung für die Interpretation der Ergebnisse aus den Interviews und dem Sozialen Atom wird jedoch nicht verwiesen.

Nachfolgend werden in dem Unterkapitel zu Handlungsbeschränkungen und Nicht-Anerkennung zuerst die strukturellen Restriktionen herausgearbeitet, die sich aus dem unsicheren Aufenthaltsstatus und der marginalisierenden Grundversorgung ergeben (S. 212-248). Der fehlende Zugang zu den wichtigsten Bereichen wie Bildung, Arbeit, Wohnen und Psychotherapie, die daraus resultierende Armut und Perspektivlosigkeit, sowie die Einschränkung wesentlicher Rechte (z.B. Bewegungsfreiheit) kumulieren und bedingen starke Beschränkungen der Handlungsfähigkeit geflüchteter Menschen. Diese wird als ein Gefühl des Nichts-Tuns und des sinnlosen Wartens empfunden und ist eng mit Ängsten, Motivationsverlust und Depression verbunden: „Das Warten und die Unsicherheit sowie das alltägliche Nichts-Tun durch den eingeschränkten Zugang zu Bildung, Arbeit und Einkommen erhöhen demnach das Risiko für Passivität, Lethargie, Antriebs- und Motivationslosigkeit, Demoralisierung, Zermürbung und psychisches Leid.“ (S. 221). Für dieses Unterkapitel werden die Ergebnisse aus den Interviews mit Geflüchteten und Aussagen von ExpertInnen gleichermaßen herangezogen.

Das Kapitel 5.3 fokussiert das subjektive Erleben der Handlungsfähigkeit und der damit verbundenen Selbstbestimmung im Kontext des Wohnens in den Sammelunterkünften. Die alltägliche Lebensführung ist hier der zentrale Bezugspunkt. Es wird deutlich, dass es für das Erleben von Handlungsfähigkeit entscheidend ist, ob der Alltag durch regelmäßige Tätigkeiten – auch der Alltagsorganisation – strukturiert werden kann. Diese reichen von Einkauf und Kochen und die Versorgung und Betreuung der eigenen Kinder bis zu Freizeitaktivitäten, gemeinnütziger Arbeit oder Deutschkursen. Ob diese Beschäftigungen aber als sinnvoll und sinngebend erlebt werden, hängt stark mit biografischen Erfahrungen sowie dem Erfahren von Anerkennung beziehungsweise Missachtung, Diskriminierung oder Rassismus zusammen. So können dieselben Tätigkeiten und Handlungen sowohl als angepasstes Handelns, als auch als sinnerfülltes oder sogar überschreitendes Handeln wahrgenommen werden (S. 263-286). Diese Handlungsformen stellen Kategorien dar, die aus den theoretischen Überlegungen gewonnen wurden. Es entsteht der Eindruck, dass eine Kategorienbildung, die sich stärker am Material orientiert hätte, hier noch mehr Perspektiven ermöglicht hätte. So werden unter dem angepassten Handeln, das auch als Bewältigungshandeln eingestuft wird, sehr unterschiedliche Verhaltensweisen und Handlungsstrategien subsumiert wie zum Beispiel völlige Inaktivität gepaart mit Nachdenken und „Gedankenwälzen“ (S. 264), Betäubungsstrategien durch die Einnahme von Medikamenten und den Konsum von Drogen oder Alkohol, aber auch ein akzeptierendes Verhalten, das als Ertragen, Aushalten und Erdulden beschrieben wird. Dazu gehört auch das Beten (S. 268) sowie Tätigkeiten, die den Zweck der Ablenkung und Beschäftigung erfüllen, wobei der Übergang zum sinnerfüllten Handeln hier als fließend dargestellt wird. Die Kategorie des überschreitenden Handelns umfasst alle Handlungen, die eine „Erweiterung des beschränkten Handlungsspielraums“ (S. 273) zum Ziel haben. Hier finden sich das Überwinden von Hürden, wenn Geflüchtete eigeninitiativ Möglichkeiten organisieren, um Deutsch zu lernen, Handlungen des „Sich-Wehrens“ bei ungerechter Behandlung (auch von Seiten des Betreuungspersonals) und des Einforderns von Rechten, sei es öffentlich bei Demonstrationen oder über Beschwerden. Auch solidarisches Handeln innerhalb der Gruppe der Geflüchteten in Form von gegenseitiger Unterstützung und Information wird als überschreitendes Handeln kategorisiert, ebenso wie widerständiges Handeln gegen rechtliche Bestimmungen wie das Arbeitsverbot oder die eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Überschreitendes Handeln in all seinen Formen ist dabei immer mit einer Zukunftsorientierung verbunden, mit Wünschen, Hoffnungen und Vorstellungen von mehr Handlungsmöglichkeiten und gesellschaftlicher Anerkennung.

Dementsprechend behandelt Kapitel 5.4 auch die Handlungsfähigkeit in Bezug auf Anerkennung in den Sammelunterkünften. Anhand dreier Fallbeispiele aus Kärnten, Tirol und Wien werden die sozialen Beziehungen zwischen Personal und BewohnerInnen dargestellt und deutliche Unterschiede herausgearbeitet, die sich als Abhängigkeit, Unterstützung, Stellvertretung und Einbeziehung beschreiben lassen. Damit Hand in Hand geht die Verfügung von Anerkennungsräumen angefangen von einer Missachtung selbst von Grundbedürfnissen in manchen Unterkünften bis hin zu einer Haltung solidarischer Anerkennung. Als besonders interessant erscheint mir die von der Autorin geäußerte Vermutung, dass besonders bei einem schlechten Betreuungsschlüssel das Erkennen und die Anerkennung von „Vulnerabilität“ der Schlüssel zu mehr Unterstützung und damit einer Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten ist (S. 311f). Diese besondere Hilfsbedürftigkeit wird mit bestimmten Gruppen wie Kindern, alleinerziehenden Müttern oder kranken Geflüchteten verbunden. Gleichzeitig spielen auch die kommunikativen und sozialen Kompetenzen der Geflüchteten eine Rolle sowie deren Fähigkeiten und Wille, sich an Normen, Wertvorstellungen und Erwartungen anzupassen. Dies impliziert, dass widerständiges Verhalten von Geflüchteten auch Sanktionierungen und Einschränkungen von Handlungsmöglichkeiten zur Folge haben kann (vgl. S. 315ff, S. 341). Es wird jedoch auch klar, dass BetreiberInnen und BetreuerInnen durchaus selbst Spielräume haben, um die Geflüchteten zu unterstützen, deren Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und Anerkennung erfahrbar zu machen, sei es eben durch das Unterlassen von Sanktionen, Unterstützung in der Alltagsorganisation, öffentliche Solidarisierung oder Interesse für die persönlichen Belange und Wünsche.

In Kapitel 5.5 wird das Zusammenspiel von Anerkennung, sozialer Unterstützung und Handlungsfähigkeit nochmal explizit in den Blick genommen und es werden dazu auch die Ergebnisse aus dem Sozialen Atom herangezogen. Die Bedeutung der Nahbeziehungen (Familie, Partner, aber auch Freundschaften in der Unterkunft) werden vor allem als Bereich der Anerkennung in der Liebe relevant. Familie, ob nun in Österreich oder im Ausland lebend, wird überwiegend als „psychische Stütze, jedoch nicht als Garant für psychisches Wohlbefinden“ (S. 365) beschrieben, bei fehlendem Kontakt zur Familie wird die fehlende soziale Unterstützung beklagt. In Bezug auf Freundschaften wird der Kontakt zu anderen Geflüchteten zwar oft wertgeschätzt, die Unterstützungseffekte sind aufgrund der geteilten marginalisierten Situation jedoch oft gering. Eine große Bedeutung verleihen die befragten Geflüchteten nahen Kontakten zur Mehrheitsgesellschaft, die über das gezeigte Vertrauen und die Anerkennung einen Gegenpol zu Diskriminierungserfahrungen und Alltagsrassismus bilden, im Sample allerdings eine Ausnahmeerscheinung darstellen. Auch professionelle Unterstützung erfährt eine durchaus ambivalente Einschätzung. So kann Unterstützung durch stellvertretendes Handeln einerseits Solidarität signalisieren, Räume für eigenes Handeln zur Verfügung stellen und damit bemächtigend wirken, andererseits können dadurch Handlungsimpulse gedämpft, Selbstständigkeit eingeschränkt und Gefühle von Ohnmacht bestärkt werden. Zuletzt wird noch ein separater Blick auf die Rolle von Psychotherapie hinsichtlich Anerkennungserfahrungen und Handlungsspielräumen geworfen.

Im Praxisausblick in Kapitel 5.6 werden die Vorstellungen von ExpertInnen und Betroffenen bezüglich des Wohnens von geflüchteten Menschen gegenübergestellt. Während ExpertInnen durchaus unterschiedliche Meinungen vertreten und auch in der Gemeinschaftsunterbringung unter bestimmten Voraussetzungen Vorteile sehen können, so wünschen sich die Betroffenen einvernehmlich, privat und selbstständig wohnen zu können.

Auch dieses Kapitel schließt wieder mit einem Modell (S. 403), das die Ergebnisse überblicksartig darstellen soll, ohne eine Einbettung jedoch wenig Erklärungswert bietet. So bleibt es der Leserschaft überlassen, die vorangestellten Kapitel wiederzufinden und die z.T. recht abstrakten Begrifflichkeiten (auf der Subjektebene finden sich unter dem Stichwort „Subjektives Befinden“ beispielsweise „Emotion, Motivation, Kognition“) mit den konkreten Ergebnissen zu füllen. Mit einer Zuordnung der Ergebnisse zur Mikro-, Meso- und Makroebene holt das Modell eine Strukturierung nach, die in den vorangegangenen Unterkapiteln nur stellenweise durchscheint und begleitend eine bessere Orientierung in diesem sehr umfangreichen Kapitel ermöglicht hätte.

Kapitel 6: Diskussion

Die in Kapitel 5 ausführlich dargestellten Ergebnisse werden in Kapitel 6 nun nochmals neu gruppiert und unter Heranziehung von Literatur diskutiert. Die Diskussion beginnt mit einer ausführlichen Forschungsreflexion (S. 404-418), in der zuerst die Gütekriterien für qualitative Forschung im Allgemeinen vorgestellt werden, bevor die Autorin auf die Umsetzung in der eigenen Forschungsarbeit eingeht. Während hier manches unkonkret bleibt wie z.B. das Transkriptionsniveau (S. 406), zeichnen die nachfolgenden Reflexionen ein eindringliches und lebendiges Bild der praktischen Forschungsarbeit im Feld. Eine Voranstellung dieser Reflexion im Methodenkapitel hätte das Lesen und die Einordnung der Ergebnisse in Kapitel 5 möglicherweise erleichtert.

Die inhaltliche Diskussion hat an vielen Stellen einen zusammenfassenden Charakter und weist Wiederholungen auf, wenn der Zusammenhang struktureller Rahmenbedingungen mit dem subjektiven Erleben von Handlungsfähigkeit und Anerkennung einerseits und das Zusammenspiel von Handlungsfähigkeit, Anerkennung und sozialer Unterstützung andererseits dargestellt werden. Wichtige zentrale Erkenntnisse finden sich bezüglich der Organisation Sammelunterkunft, in der sich Strukturen der totalen Institution (Goffman 1973) finden, die deutlich auf alle Beteiligten wirken. Für die BewohnerInnen ist das Leben in der Sammelunterkunft nicht zuletzt durch die Fremdbestimmung und das Nichts-Tun eine hohe psychische Belastung. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass ihre Handlungsfähigkeit bei einer dauerhaften Unterbringung abnimmt und zwar unabhängig von der Lage der Unterkunft oder den dortigen Unterstützungsmöglichkeiten (S. 420). Die Sammelunterbringung verstärkt die Markierung geflüchteter Menschen und trägt damit nicht nur zu deren Stigmatisierung und Diskriminierung bei, sondern wirkt auch zurück auf das Selbstbild geflüchteter Menschen als AsylbewerberInnen.

Die Sammelunterbringung wirkt aber auch auf Leitung, das Betreuungspersonal und ehrenamtliche UnterstützerInnen. So sind diesen nicht nur strukturelle Grenzen für unterstützendes Handeln gesetzt (z.B. durch die schlechte ökonomische Ausstattung), ihre Wahrnehmung und Interpretation von Bedürftigkeit und Anspruch sind auch bestimmend für die Art ihres Handelns. So sind infantilisierende und (im Fall von Sammelunterkünften für geflüchtete Menschen häufige) kulturalisierende Interpretationen Teil der Machtzuschreibungen in totalen Institutionen, münden aber eher in kontrollierendem (oder auch erziehendem) Handeln als in einer Unterstützung, die auf Empowerment, Selbstbestimmung und die Erweiterung von Handlungsräumen abzielt. Selbst das Unterlaufen der kontrollierenden Mechanismen der Sammelunterkünfte, das vom Personal zum Teil toleriert oder sogar unterstützt wird, kann die Handlungsmöglichkeiten von Geflüchteten zwar punktuell erweitern, trägt aber letztlich zur Stabilisierung des Systems der totalen Institution bei (S. 434).

Unter diesen Bedingungen ist es erstaunlich, dass in den Interviews trotzdem Möglichkeiten und Spielräume erzählt werden, die Handlungsfähigkeit von geflüchteten Menschen zu erweitern. Zentral dafür ist es, Anerkennungsräume für die BewohnerInnen von Sammelunterkünften zu schaffen, mit Hilfe derer angepasstes Verhalten in sinnerfülltes Handeln überführt werden kann und sinnerfüllte Handlungen überschreitenden Charakter bekommen können. Zwar spielen dabei auch biografische Erfahrungen und individuelle Merkmale der Geflüchteten eine Rolle, weitaus wichtiger scheint jedoch die Anerkennung zu sein, sei auf der Mikroebene als Vertrauen und Interesse, auf der Mesoebene als zur Verfügung stellen von Ressourcen (Deutschkurse, Trainingsmöglichkeiten etc.) oder auf der Makroebene als gesellschaftliche Anerkennung (durch Partizipationsmöglichkeiten, sicheren Aufenthalt etc.). Und so mündet die Studie in einem Plädoyer für eine menschenrechtsorientierte Politik (S. 479) sowie eine anerkennende Haltung im Unterstützungssystem, die als „parteiliche, emanzipatorische psychosoziale Praxis“ benannt wird (S. 482).

Diskussion

Die vorliegende Arbeit überzeugt durch eine umfassende Recherche und Verknüpfung theoretischer Grundlagen, einer methodisch anspruchsvollen und vielseitigen Datenerhebung sowie der ausführlichen Ergebnisdarstellung. Besonders hervorzuheben ist das hohe Reflexionsniveau bezüglich der Feldforschung und der Reichweite der Ergebnisse. Sie hebt sich damit positiv von den in den letzten drei Jahren erschienenen, zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Flucht ab. Interviews mit geflüchteten Menschen, die in Sammelunterbringung leben, findet man in anderen Forschungen kaum, da der Zugang zu dieser Gruppe als schwierig gilt und es bisher nur wenig Erfahrungen mit der Durchführung und Auswertungen fremdsprachiger Interviews und den daraus resultierenden Problemen gibt. Für diesen Bereich stellt die Studie einen wichtigen Beitrag dar und zwar einerseits zur Weiterentwicklung qualitativer Forschung im vielsprachigen Kontext, andererseits aber auch als Anerkennungsraum für geflüchtete Menschen in der Forschung durch die Einbeziehung von deren Perspektive.

Die Studie verortet sich in einer kritischen, interdisziplinären Forschung, berücksichtigt verschiedenste theoretische Konzepte und verschränkt Aspekte auf Mikro-, Meso- und Makroebene. So finden die LeserInnen im Theoriekapitel sowie beim aktuellen Forschungsstand reichhaltiges Material zu Themen wie Gesundheit, Migration, Kultur, Trauma, der totalen Institution, dem Konzept der alltäglichen Lebensführung, Coping, Agency und Anerkennung einschließlich umfangreicher Literaturverweise. Gleichzeitig liegt in dieser Multiperspektivität auch die Schwäche der Arbeit. Durch die Einbeziehung so vielfältiger Konzepte aus unterschiedlichen theoretischen Schulen bleiben an manchen Stellen inhaltliche Unschärfen, der rote Faden ist streckenweise schwer zu verfolgen. So fehlt zum Beispiel in der theoretischen Auseinandersetzung mit Agency-Theorien eine klare Abgrenzung von Handlungsfähigkeiten, Handlungsmöglichkeiten und Handlungsmächtigkeit, was sich im Ergebnisteil in einer unsystematischen Verwendung von Begriffen wie Verhalten, Handeln, Handlungen, Tätigkeiten sowie Fähigkeiten, Möglichkeiten, Räumen und Ohnmacht niederschlägt. Zusammenhänge wie zum Beispiel zwischen psychischer Gesundheit und dem Leben in Sammelunterkünften oder zwischen dem Erleben von Anerkennung und der Handlungsfähigkeit werden postuliert, bleiben aber insgesamt diffus. Gerade im Diskussionsteil wäre hier eine deutlichere Darstellung von Wechselwirkungen, Ursache-Wirkungsbeziehungen oder anderen aus den Interviews rekonstruierbaren Wirkmechanismen wünschenswert gewesen. Die Verschränkung zwischen Theorie und Empirie wird zwar über die Funktion der Theorie als „sensibilisierende Konzepte“ in der Analyse erwähnt (S. 127), eine Konkretisierung wird jedoch nicht weiter vorgenommen. Bei der Darstellung der vielfältigen theoretischen Bezüge und des Forschungsstands wäre eine stärkere Fokussierung auf das Forschungsinteresse und den empirischen Teil zuträglich gewesen (siehe bspw. S. 111).

Methodisch ist nicht vollständig nachvollziehbar, wie die einzelnen Datensorten zueinander in Beziehung gesetzt wurden. Die Ergebnisse aus dem Fragebogen zur psychischen Gesundheit, die im Ergebnisteil vorangestellt werden, hätten aber für einige Aspekte aus den Interviews mit geflüchteten Menschen wie zum Beispiel der personalen Handlungsfähigkeit auch als Interpretationsfolie herangezogen werden können. Die Ergebnisse aus den Interviews mit Geflüchteten und den ExpertInneninterviews werden überwiegend ergänzend dargestellt. Ein systematischer Vergleich hätte möglicherweise auch Einblicke in Gelingens- und Misslingensbedingungen von Unterstützung und Betreuung gewährt.

Trotz der genannten Kritikpunkte ist die Forschungsarbeit ein wichtiger Beitrag für Wissenschaft und Praxis und allen empfohlen, die sich mit der Lebenssituation geflüchteter Menschen beschäftigen. Sie zeichnet ein lebendiges und differenziertes Bild von den unterschiedlichen Rahmenbedingungen für geflüchtete Menschen in Österreich und schließt damit auch eine geografische Lücke in der deutschsprachigen Forschung. In der komplexen Anlage sowie der breiten theoretischen Aufarbeitung wird deutlich, dass sich die Autorin nicht erst seit dem sog. Langen Sommer der Migration mit diesem Thema beschäftigt und ihrem Anspruch einer kritischen Migrationsforschung und kritischen Sozialpsychologie voll und ganz gerecht wird.

Fazit

Das vorliegende Buch ist eine Forschungsarbeit zur Lebenssituation von geflüchteten Menschen in Sammelunterbringung in Österreich und fokussiert die Verschränkung von Handlungsfähigkeit und psychischer Gesundheit in Abhängigkeit von den strukturellen Rahmenbedingungen, von (psycho-) sozialer Unterstützung und Anerkennung. Die Lektüre gibt einen fundierten Einblick in die Lebensbedingungen geflüchteter Menschen in Österreich, durch zahlreiche Zitate aus den Interviews mit Betroffenen fungiert das Buch als Sprachrohr für diese wenig gehörte und oft missachtete Gruppe. Die Untersuchung wurde mit viel Engagement, Aufwand und Akribie durchgeführt und zeichnet sich durch ein hohes Reflexionsniveau aus, was sie für alle empfehlenswert macht, deren Forschungsinteresse sich auf schwer erreichbare (und deshalb in der Forschung oft unberücksichtigte) Gruppen richtet. Insbesondere für den Umgang mit Vielsprachigkeit in Interviews liefert die Arbeit einen wichtigen und durchaus ermutigenden Beitrag für die qualitative Forschung. Für PraktikerInnen aus der Sozialen Arbeit und der Psychotherapie mag die Lektüre des Gesamtwerks durch die ausführliche Darstellung aller relevanter Querschnittsthemen etwas ermüdend sein, doch finden sich in den Einzelkapiteln zur Unterstützung und Betreuung geflüchteter Menschen kritische aber auch inspirierende Hinweise für eine Praxis, die auf die Erweiterung von Handlungsspielräumen und die Schaffung von Anerkennungsräumen abzielt.

Literatur

Goffman, Erving (1973): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt/Main: Suhrkamp


Rezensentin
Dr. Doris Gräber
Diplom Rehabilitationspädagogin; Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin (Institut für Rehabilitationswissenschaften) zur Sozialen Arbeit in Flüchtlingswohnheimen mit einem Fokus auf die gesundheitlichen Probleme von geflüchteten Menschen
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Doris Gräber anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Doris Gräber. Rezension vom 27.08.2019 zu: Maximiliane Brandmaier: Angepasstes und widerständiges Handeln in der Lebensführung geflüchteter Menschen. Handlungsfähigkeit im Verhältnis zu Anerkennung und (psycho-)sozialer Unterstützung in österreichischen Sammelunterkünften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3972-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25517.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung