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Jens Brachmann: Tatort Odenwaldschule

Cover Jens Brachmann: Tatort Odenwaldschule. Das Tätersystem und die diskursive Praxis der Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. 560 Seiten. ISBN 978-3-7815-2299-2. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR.
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Die pädagogische Dreifaltigkeit und ihre Gläubigen

„Die Kirchentagsleitung hatte Hartmut von Hentig, Gerold Becker und mich [Jürgen Zimmer] im Vorfeld des [Evangelischen] Kirchentags [1987] gebeten, die Bergpredigt auf pädagogische Konsequenzen hin zu interpretieren. Als ich mir die Predigt unter dieser Perspektive ansah, wurde deutlich: ein ganz radikaler Text für Pädagogen! Ich diskutierte mit den beiden Ko-Autoren viele Stunden lang, und es entstand eine Art Manifest. Titel: ‚Die Verantwortung der Christen für die Kinder und ihre Zukunft’… Auf der Veranstaltung des Forums waren wir nach einer Politiker- und Expertenrunde dran, deren Salbadereien von den 3.000 Zuhörern im Saal mit einem Kirchenlied vorzeitig beendet wurde. Die Stimmung war aufgeheizt. Als wir drei dann anfingen, unseren Text in verteilten Rollen vorzutragen, wurde es mucksmäuschenstill, und als wir geendet hatten, gab es ‚standing ovations‘; die Diskussion mit dem Publikum im Anschluss an die Verlesung war eine der intensivsten, die ich je erlebt habe“ (Zimmer, 2016).

Das protestantische (Kirchen-)Volk jubelte damals mit Gerold Becker einem Mann zu, der „Die Verantwortung der Christen für die Kinder und ihre Zukunft“ offensichtlich so verstanden hatte, dass er in den 16 Jahren seiner Zeit als Lehrer an und Leiter der Odenwaldschule in Ober-Hambach (OSO) bis 1985 fortlaufend, systematisch und massenhaft vorpubertäre Jungen sexuell missbraucht und vielen davon ihr zukünftiges Leben mehr oder minder ge- oder gar zerstört hat. Als ab 2010 die Wahrheit über die Pädokriminalität Gerold Beckers und das sein verbrecherisches Handeln begünstigendes Milieu reformpädagogischer Ideen und landerziehungsheimlicher Institutionen auch nicht mehr unter den Teppich zu kehren war, da wandte Hartmut von Hentig all sein Verständnis für den von ihm geliebten Täter auf, während er dessen Opfer zu entehren suchte (Hentig, 2016; vgl. Heekerens, 2016a).

Und Jürgen Zimmer? Er, der mir von allen modernen Reformpädagogen stets der Interessanteste schien (vgl. Heekerens, 2019), er will, wie alle Insider, vor 2010 nichts vom pädokriminellen Handelns, ja noch nicht einmal von der pädophilen Neigung seines Gefährten Gerold Becker gewusst haben. „Wer’s glaubt, wird selig, bleibt aber doof“ kann ich da nur sagen. Und außer (Nicht-)Glauben gibt es keine alternative Option: Jürgen Zimmers „Nachworte“ zum Missbrauchsskandal an der OSO (Zimmer, 2016) sind ein Meisterstück der Dunkelrede. Wie es den OSO-Missbrauchsopfern (er-)geht, interessiert selbst Jürgen Zimmer weitaus weniger als das (Wohl-)Ergehen von Gerold Becker und Hartmut von Hentig. Doch es gibt glücklicherweise andere.

Entstehungshintergrund

Im Zuge der Aufarbeitung der 2010 einer breiten Öffentlichkeit bekannt gewordenen Vorkommnisse sexualisierter Gewalt an der OSO seit den 1970ern erreichte der GRÜNEN-Politiker Marcus Bocklet in Verhandlungen mit OSO-Verantwortlichen, dass ein Wissenschaftlicher Beirat gebildet werde und dieser der Aufarbeitung dienliche wissenschaftliche Studien in Auftrag gebe. Marcus Bocklet war Mitglied des hessischen Landtags und sozial- und gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion und unter „OSO-Verantwortlichen“ ist vornehmlich der OSO-Trägerverein zu verstehen. Diese doppelte Vereinbarung wurde denn auch realisiert. Betroffene(nvertreter) waren auf zweierlei Weise involviert: Einmal geschah die Ausschreibung der Forschungsprojekte in Abstimmung mit dem Betroffenenverein „Glasbrechen“ (www.glasbrechen.de) und zum anderen war für die wissenschaftliche Arbeit der Expertenteams eine Begleitgruppe vorgesehen, in der neben Vertreter(inne)n der Schule und des Trägervereins auch frühere OSO-Schüler(innen) vertreten waren.

Der genannte Beirat hat nach Ablauffrist zur öffentlichen Ausschreibung im Spätjahr 2013 zwei Angeboten den Zuschlag gegeben: dem eher sozialpsychologisch fundierten Angebot des Münchener Instituts für Praxisforschung und Projektberatung und dem Brachmannschen, von dem hier die Rede ist. Für die auf zwei Jahre Dauer konzipierte Arbeit beider Forschungsgruppen war zusammen der (lächerlich geringe) Betrag von 110.000 EUR avisiert.

Zu einer kontinuierlichen Arbeit, die im Jahre 2014 aufgenommen wurde und deren Ende (ohne Buch-Erstellung) für 2016 vorgesehen war, kam es allerdings nicht. Zunächst waren da „nur“ personelle und Verantwortungswechsel bei Trägerverein und Schule, bald aber zeichnete sich die Existenzgefährdung der OSO ab, die dann im Sommer 2015 als Insolvenz Gestalt annahm, was dann dazu führte, dass im Laufe des Insolvenzverfahrens zum September 2015 die Verträge zur wissenschaftlichen Begleitung gekündigt wurden. Niemand der früheren OSO-Freunde, unter denen es auch finanzkräftige gab, sprang in die Bresche – auch nicht die Freudenberg Stiftung. Erst anderthalb Jahre später konnte die Arbeit fortgesetzt werden, weil das hessische Sozialministerium finanzielle Absicherung bot.

Aber natürlich war zwischenzeitlich einiges durcheinander geraten, was nicht mehr gänzlich ins Lot gebracht werden konnte. So konnte die Kooperation zwischen den beiden genannten Auftragnehmern nicht in der angestrebten Gestalt einer engen Verzahnung erfolgen. Ferner wurden die Endberichte der beiden Gruppen in getrennten Büchern bei unterschiedlichen Verlagen veröffentlicht. Die eine Publikation liegt hier vor, die andere ist schon etwas früher, aber ebenfalls 2019, bei Springer, Wiesbaden erschienen: Keupp, H. u.a., „Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Eine sozialpsychologische Perspektive“ (Vgl. Heekerens 2019; https://www.socialnet.de/rezensionen/25374.php).

Autor und Mitarbeiter

Prof. Dr. phil. habil. Jens Brachmann, Jg. 1967, ist seit 2013 Professor für Allgemeine Pädagogik und Historische Wissenschaftsforschung am Institut für Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik der Universität Rostock. Über pädagogische Fachkreise hinaus bekannt geworden ist er durch sein 2015 ebenfalls im Bad Heilbrunner Klinkhardt-Verlag erschienenes Werk „Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal – Die Geschichte der Vereinigung deutscher Landerziehungsheime 1947-2012“. Das ist die beste Darstellung der neueren Geschichte der deutschen Landerziehungsheime und ihrer Dachorganisation; sie zeugt von unbestechlichem Blick, akribischer Recherche, umfassender Betrachtung und klarem Urteil. Wer das Werk gelesen hat, wusste im Vorhinein, was man vom vorliegenden Buch erwarten durfte.

Zu an Kindern und Jugendlichen ausgeübter sexueller Gewalt hatte sich Jens Brachmann zuletzt mit diesen Publikationen zu Wort gemeldet: „Pädosexuelle Gewaltverbrechen: Erwartungen an die ‚wissenschaftliche’ Aufarbeitung“ (Erziehungswissenschaft, 2017, 28[54], 75–84) und „Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche als gesellschaftliche Aufgabe“ (in A. Retkowski, A. Treibel, & E. Tuider [Hrsg.], Handbuch Sexualisierte Gewalt und pädagogische Kontexte: Theorie, Forschung, Praxis [S. 804–813]. Weinheim: Beltz Juventa, 2018).

Andreas Langfeld, Bastian Schwennigcke und Steffen Marseille sind in unterschiedlichen Funktionen am Brachmannschen Lehrstuhl tätig.

Thema

„Die Rostocker Forschungsgruppe, auf dessen Interpretationen, Lesarten und Befunde in dem vorliegenden Buch ausschließlich eingegangen wird, befasst sich mit den Ausgangsbedingungen, der Entstehung und der Verlaufsgeschichte eines pädokriminellen Netzwerkes an der Odenwaldschule. Der Fokus liegt dabei auf den institutionellen und organisationskulturellen Risikostrukturen für Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch am einstigen reformpädagogischen Landerziehungsheim. Unter Verwendung unterschiedlicher validierter dokumentarischer Quellen wurde so herausgearbeitet, wie es insbesondere in der Leitungsära von Gerold Becker einerseits zu Tendenzen der Entprofessionalisierung in der pädagogischen Arbeit kam sowie andererseits zu einer strategischen Ausgestaltung eines sogenannten Tätersystems.

Neben der historischen Rekonstruktion institutioneller Ermöglichungsbedingungen und personeller Verantwortung stellte dabei auch der ambivalente Schulentwicklungsprozess im Zusammenhang mit den Aufklärungs- und Aufarbeitungsambitionen der jeweils verantwortlichen Schulleitungen einen wichtigen Teil der Untersuchungen dar. … In der diskursanalytischen Teilstudie ging es dabei vor allem um die selektiven Mechanismen der Wahrheitsproduktion bzw. um die Genese zentraler Deutungsmuster, Risikozuschreibungen und Problemlokalisierungen in der (fach-)öffentlichen Debatte als Bedingungskontext für den letztlich gescheiterten Reformprozess der Odenwaldschule.“ (S. 11f)

Die zentrale These zum „Tatort Odenwaldschule“ lautet: „Das ‚Tätersystem’ Odenwaldschule konnte mit anderen Worten nur entstehen, weil das kontingente, über die organisatorischen und sozialen Praxen vorgegebene institutionelle Setting und die sich daraus ergebenden Handlungsspielräume der Akteure Beziehungskonstellationen und Interaktionsformen ermöglichten, die für die Täter zielführend und offensiv operationalisierbar waren. Typisch für die in der Konsequenz daraus entstehenden kollektiven Muster und deren organisatorische Rahmung sind ambivalente Allianzen und Abhängigkeitsverhältnisse der Akteure und Statusgruppen (der Täter, der Schulleitung, des Kollegiums, der Schulaufsicht etc.) ebenso wie die Gleichgültigkeit der sozialen Umwelt bzw. der Öffentlichkeit gegenüber der – mehr oder weniger sichtbaren – sexuellen Gewalt.“ (S. 143)

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus neun Teilen oder Kapiteln.

Im ersten, der Einleitung wird die Entstehungsgeschichte dargestellt sowie eine Inhaltsangabe geboten.

Auch Teil 2 Zielsetzung und methodische Zugänge der Rostocker Teilstudie hat noch einführenden Charakter.

Mit mehr als 260 Seiten ist der dritte Teil, mehr als die Buchhälfte einnehmend, der weitaus größte. Mehr als die Hälfte dieses zentralen Buchteils gilt der Betrachtung Gerold Beckers; hier haben wir den Kern des Buches vor uns. Das dritte Kapitel hat den Titel

Täter, Tätersysteme, Ermöglichungsbedingungen sexueller Gewalt mit folgenden Abschnitten:

  • Die Täter und der Tatort Odenwaldschule
  • Vier Abschnitte zu den Haupttätern Gerhard T.,Wolfgang H., Jürgen K. bzw. Dietrich W.
  • Der Haupttäter Gerold Becker (unter Mitarbeit von Andreas Langenfeld und mit dem Exkurs „Die Odenwaldschule als inszenierter pädagogischer Sehnsuchtsort“)
  • Weitere Beschuldigte und das „System Becker“

Es folgt das von Andreas Langfeld verfasste Kapitel 4

Sozialökologische Faktoren der Ermöglichung und Legitimation von sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule mit zwei Abschnitten

  • Der systemimmanente Bedingungsrahmen: die Odenwaldschule als Tätersystem
  • Der gesellschaftliche Bezugsrahmen: der Missbrauch an der Odenwaldschule im Kontext diskursiver Legitimationsstrategien (Jugendbewegung, sexuelle Revolution)

Ebenfalls zweigeteilt ist das von Bastian Schwennigcke stammende fünfte Kapitel

Die Odenwaldschule im Kontext der öffentlichen Aufklärungskampagne:

  • Herausforderung öffentliche Aufarbeitung: 1999 und 2010 im Vergleich und
  • Die öffentliche Debatte in der Phase der Aufklärungs- und Präventionsbemühungen

Das Scheitern der Odenwaldschule – Konsequenzen für Prävention und Aufklärung, Kapitel 6, enthält drei Einzeldarstellungen

  • Der Versuch eines Neuanfangs: Das Präventionskonzept an der Odenwaldschule (Steffen Marseille)
  • Der Fall Frank G.: Zur Ereignisgeschichte des letzten Kapitels der Odenwaldschule (Jens Brachmann) sowie
  • Das öffentliche Scheitern der Odenwaldschule (Bastian Schwennigcke)

Die zentralen Befunde der einzelnen Teilstudien des Rostocker Forschungsvorhabens werden dargestellt im siebten und letzten Kapitel

Die Odenwaldschule: Tatort, Täter, Tätersysteme und die Ermöglichungsbedingungen für die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen – Ein Fazit

Das Buch schließt mit einem umfangreichen und gegliederten Quellen- und Literaturverzeichnis (Teil 8), in dem man den einen oder anderen Eintrag vermisst, und einem einseitigen Abbildungsverzeichnis (9. Teil).

Diskussion

Für das vorliegende Buch gilt dasselbe, was oben zu Jens Brachmanns „Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal“ von 2015 gesagt wurde: Es zeugt von unbestechlichem Blick, akribischer Recherche, umfassender Betrachtung und klarem Urteil. Mehr noch als in jenem früheren Werk scheint mir hier gelungen, Mittel und Wege eines investigativen Journalismus mit wissenschaftlichem Wissen und Können zu verknüpfen. Vor diesem Buch galt auf dem hier behandelten Gebiet jenes von Jürgen Oelkers mit dem Titel „Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die ‚Karriere’ des Gerold Becker“ (Weinheim – Basel: Beltz Juventa; vgl. Heekerens, 2016b) als Referenzwerk. Darin ist es von „Tatort Odenwaldschule“ abgelöst.

Es gibt Weniges, was zu dem vorliegenden Buch kritisch anzumerken wäre. Auf drei Punkte möchte ich hinweisen. Da findet sich zunächst folgende Passage: „Es gibt demnach viele Gründe dafür, den Scheinfrieden eines raschen Verdrängens und Vergessens von Unrechtshandlungen und Verbrechen der unbequemen, den systemischen Bestand fundamental gefährdenden Investigationen geschehener Gewalttaten vorzuziehen. Jede der benannten Akteure und Akteurinnen – Betroffene, Täter und Täterinnen, Zeitzeugen, Dulder, Vertreter und Repräsentanten der Institutionen und Aufsichstbehörden – hat andere, für die eigene Wahrheitsfindung jeweils nachvollziehbare Gründe, sich der Transparenz der Aufdeckung von verübten Grenzverletzungen zu verweigern. Am Ende aber manifestieren sich so institutionelle Praktiken und Strategien der systemischen Kultur und des Krisenmanagements, die nur den Straftätern und -täterinnen nützen, denn die benannten Schweigesysteme verhindern die Aufdeckung von Unrecht.“ (S. 28–29)

Hier erhebe ich aus psychologischen und moralischen Gründen gleichermaßen Einspruch zu einem bestimmten Punkt. Ja, es ist wahr: Auch Opfer schweigen. Wahr ist ebenfalls: Auch das Schweigen der Opfer verhindert Aufdeckung von Unrecht. Aber das Schweigen der Opfer hat, psychologisch betrachtet, andere Gründe als das der Täter(innen) und ist nicht zuletzt deshalb moralisch anders zu werten. Diese fundamentalen Unterschiede werden eingeebnet, wenn man für das Schweigen der Täter(innen) wie der Opfer einheitlich den Begriff „verweigern“ verwendet. Man darf Opfer und Täter(innen) auch beim Schweigen nicht auf dieselbe Stufe stellen. Bei Opfern ist das Schweigen in der Regel Folge traumatisierenden Täterhandelns, umgekehrt gibt es keine solche Kausalkette. Plakativ: Täter(innen) wollen meist nicht reden, Opfer können das oft nicht.

Bei der zweiten kritischen Anmerkungen geht es um Manfred Müller-Küppers (1925-2017). Er wird im vorliegenden Buch als „der Schulpsychologe Dr. Müller-Küppers“ und „psychoanalytischer Experte an der Odenwaldschule“ (beides S. 341 Anm. 214) vorgestellt, der 1970 einem Schülerredakteur der OSO-Hefte ein noch im selben Jahr abgedrucktes Interview gab, in dem er seine „progressive“ Position in Sachen Sexualerziehung darlegte. Das können Leser(innen) ohne weitere Kenntnis von Manfred Müller-Küppers schwerlich anders lesen als so: Der Mann war 1970 der an der OSO angestellte Schulpsychologe mit psychoanalytischer Aus- bzw. Weiterbildung. Eine solche Ansicht wäre eine dreifache Fehleinschätzung: der Person selbst, ihrer Funktion an der OSO und ihrer Bedeutung für die Pädokriminalität dort.

Manfred Müller-Küppers (zum Weiteren vgl. Specht, 1985) war von 1960 bis 1993 im von der OSO eine knappe dreiviertel Stunde entfernten Heidelberg beruflich tätig. Er kam 1960 an die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Heidelberg, betrieb dort erfolgreich die Einrichtung eines einschlägigen Lehrstuhls, auf den er 1971 berufen wurde. Er war jeweils für mehrere Jahre Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie und Tiefenpsychologie sowie 1977–1979 Dekan der Fakultät für Klinische Medizin. Kurzum: Er gehörte zu den Großen der damals noch jungen Kinder- und Jugendpsychiatrie – allgemein in der Bonner Republik und ganz besonders im regionalen Wirkungsbereich der universitären Heidelberger Kinder- und Jugendpsychiatrie. Noch bevor er Professor wurde, muss er sich auch bei der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime einen Namen gemacht haben. Auf deren Heimleitertreffen im Frühsommer 1967 hielt er einen Vortrag zu Jugendpsychologie (Brachmann, o.J., S. 12)

Im Jahre 1970 bestand offensichtlich schon eine Kooperation zwischen der OSO und der universitären Heidelberger Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Form einer Liaison-Versorgung der OSO (Fegert, 2019, S. 191). Was diese im Einzelnen umfasste, wann er gegründet und durch wen von Heidelberger Seite aus er jeweils personal realisiert wurde, gilt es noch zu klären. Vereinzelten Angaben in der einschlägigen Literatur zufolge, war Manfred Müller-Küppers selbst in diesem Rahmen tätig und hatte OSO-Schüler(innen), darunter auch Missbrauchsopfer, in Therapie. Es gibt allen Grund zur Annahme, Manfred Müller-Küppers habe früh vom sexuellen Missbrauch an der OSO gewusst, darüber geschwiegen und andere zum Schweigen angehalten. Diese Vermutung wird genährt dadurch, dass er sich im Falle der pädokriminellen Kinder- und Jugendpsychiater Hermann Fahrig und Wulf Aschoff (vgl. Aislinger & Lebert, 2018 bzw. Herrnkind, 2000) in gleicher Weise verhalten hat.

Beim dritten Kritikpunkt geht es in einem speziellen Fall um die Frage, welche Staatsanwaltschaft zuständig war und welche Funktion die Juristin Barbara Just-Dahlmann in der Angelegenheit spielte. Es geht um die Ende der 1968 publik gewordene Pädokriminalität von Gerhard Trapp, Frühjahr 1966 bis Herbst 1968 OSO-Lehrer unter dem Schulleiter Walter Schäfer. Halten wir zunächst einmal zwei zentrale Fakten fest: 1. Für das südhessische Ober-Hambach war in einer solchen Angelegenheit damals (und ist es noch heute) die Staatsanwaltschaft im südhessischen Darmstadt zuständig. 2. Barbara Just-Dahlmann war seit 1954 Staatsanwältin im nordbadischen Mannheim; 1980 wechselte sie zum Amtsgericht im nahegelegenen Schwetzingen. In links-liberalen Kreisen berühmt wurde sie schlagartig durch eine Rede auf dem 47. Deutschen Juristentag im September 1968, in der sie für eine Reform des Sexualstrafrechts plädierte. Im Zentrum ihrer Argumentation stand die Forderung zwischen Strafbedürftigkeit und moralischer Bewertung zu unterscheiden.

Zu den Orten, wohin sie danach als Vortragende eingeladen wurde, gehörte auch die OSO. Im November 1968 referierte sie dort auf Einladung von Walter Schäfer vor großem Auditorium zu „Strafrechtsreform unter dem Aspekt der ‚Sittenordnung’“; im ersten OSO-Heft des Folgejahres waren ihre zentralen Thesen nachzulesen (S. 51–52). Natürlich war die Einladung Walter Schäfers kein Zufall, die Überlegungen der Sexualrechtsreformerin Barbara Just-Dahlmann kamen ihm trefflich zupass: „Im Horizont der Bewertung des Vorgehens der Ober-Hambacher Schulleitung in der Causa Gerhard T. muss die Darmstädter Staatsanwältin nicht eigens kommentiert werden.“ (Brachmann, 2019, S. 52)

Als „Darmstädter Staatsanwältin“ war Barbara Just-Dahlmann schon eine Seite zuvor (auf S. 51) bezeichnet worden. Nur: Sie war keine Darmstädter, sondern eine Mannheimer Staatsanwältin, und mitnichten waren daher ihre Worte „die Ausführungen der juristisch zuständigen [!] Autorität Just Dahlmann“ (S. 52; das betonende [!] findet sich im Original). Als „zuständige Oberstaatsanwältin“ war Barbara Just-Dahlmann schon fünf Seiten zuvor (auf S. 47) bezeichnet worden. Nur galt sie damals offensichtlich noch als Mannheimerin (was richtig ist), wohl weil hier noch die Staatsanwaltschaft Mannheim (was falsch ist) als zuständig deklariert wurde: Walter Schäfer versuchte zu vermeiden, die Beschuldigungen gegenüber Gerhard Trapp „gegenüber der Staatsanwaltschaft Mannheim anzuzeigen“ (S. 46) Wie aber kam denn der sprichwörtliche Wurm in die ganze Sache rein? Wohl dadurch, dass Briefe von Walter Schäfer an die Sexualrechtsreformerin Barbara Just-Dahlmann als Schreiben an die Mannheimer Staatsanwältin Barbara Just-Dahlmann interpretiert wurden (vgl. S. 42 Anm. 19).

Fazit

Das Buch hat die eine oder andere Schwäche, die bei einem so großen Werk mit der bekannten Entstehungsgeschichte und einem recht großen Mitarbeiterkreis als unvermeidbar zu gelten hat. Es gehört neben dem Parallelwerk der Münchener Gruppe (Keupp u.a., 2019) zu den großen Aufklärungswerken zur sexualisierten Gewalt an der OSO, der meine Aufmerksamkeit schon früh galt 2010 (vgl. Heekerens, 2010, 2012). Aus welchen Gründen auch immer jemand sich um die sexualisierte Gewalt (auch) an der OSO oder um die OSO einschließlich ihrer Missbrauchsgeschichte kümmern möchte, sei es ein Anfänger oder eine Fortgeschrittene auf diesen Wissensgebieten, für alle gilt: Lest dieses Buch!

Literatur

Aislinger, M. & Lebert, S. (2018). Das kranke System des Doktor F. DIE ZEIT vom 16.8.2018, S. 11–13.

Brachmann, J. (2015). Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal – Die Geschichte der Vereinigung deutscher Landerziehungsheime 1947–2012. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Brachmann, J. (o.J.). Chronik zur Geschichte der LEH-Vereinigung (online verfügbar unter https://www.die-internate-vereinigung.de/wp-content/uploads/sites/3/2018/04/2014_0103_Chronik_DIV.pdf; letzter Zugriff am 11.8.2019).

Fegert, J.M. (2019). Sexueller Missbrauch: Empathie statt Klerikalismus. Stimmen der Zeit, 237(3), 189–204.

Heekerens, H.-P. (2010). Die Reformpädagogik und die Missbrauchsdebatte. erleben & lernen, 18(4), 28–31.

Heekerens, H.-P. (2012). Beziehungsgestaltung in der Erlebnispädagogik. erleben& lernen, 20(3&4), 54–57.

Heekerens, H.-P. (2016a). Rezension vom 04.07.2016 zu Hentig, H.v. (2016). Noch immer Mein Leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015. Berlin: Was mit Kindern. socialnet Rezensionen (http://www.socialnet.de/rezensionen/20804.php).

Heekerens, H.-P. (2016b). Rezension vom 10.05.2016 zu Oelkers, J. (2016). Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Weinheim – Basel: Beltz Juventa. socialnet Rezensionen (http://www.socialnet.de/rezensionen/20502.php).

Heekerens, H.-P. (2019). 100 Jahre Erlebnispädagogik. Rück-, Rund- und Ausblicke. Coburg: ZKS-Verlag.

Hentig, H. v. (2016). Noch immer Mein Leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015. Berlin: Was mit Kindern.

Herrnkind, K. (2010). Mauer des Schweigens. STERN vom 1.11.2000 (online verfügbar unter https://www.stern.de/panorama/stern-crime/psychiater-soll-kinder-missbraucht-haben---mauern-des-schweigens-8625292.html; letzter Zugriff am 111.8.2019).

Keupp, H., Mosser, P., Busch, B., Hackenschmied, G. & Strauß, F. (2019): Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und als Ort sexualisierter Gewalt. Eine sozialpsychologische Perspektive. Wiesbaden: Springer.

Specht, F. (1985). Manfred Müller-Küppers zum 60. Geburtstag. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 34 (2), 71–72.

Zimmer, J. (2016). Zimmer, J. (2016). # Hentig an den Pranger. Notizen aus aufgeregter Umgebung (online verfügbar unter http://noch-immer-mein-leben.de/hentig-den-pranger/).


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 08.10.2019 zu: Jens Brachmann: Tatort Odenwaldschule. Das Tätersystem und die diskursive Praxis der Aufarbeitung von Vorkommnissen sexualisierter Gewalt. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. ISBN 978-3-7815-2299-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25518.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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