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Martin Fromm: Lernen und Lehren

Cover Martin Fromm: Lernen und Lehren. Psychologische Grundlagen für Lehramtsstudierende. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. 132 Seiten. ISBN 978-3-8252-4679-2. D: 15,99 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 20,60 sFr.

Reihe: UTB - 4679.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Lehrbuch ist als utb Band 4679 im Verlag Waxmann erschienen und dient dazu, Lehramtsstudierenden die nötige lehr- und lernpsychologische Basis für die Ausübung ihres zukünftigen Berufs zu vermitteln.

Autor

Prof. Dr. Martin Fromm war von Wintersemester 1997/1998 bis einschließlich Sommersemester 2018 Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Pädagogik in der Abteilung Pädagogik der Universität Stuttgart. Schwerpunkte seiner Arbeit und seiner Publikationen sind die Untersuchung von Lehr-Lernprozessen als soziale Prozesse, Beratung, Didaktik, Forschungsmethodik, Erziehungs- und Bildungstheorie.

Aufbau

Der im A5-Format gehaltene Band umfasst neben der Einleitung sieben Kapitel. Punkt 8. enthält die „Literatur“. Ein Abbildungsverzeichnis schließt sich an. Die einzelnen Abschnitte sind in kompakte Unterpunkte und Unterüberschriften gegliedert. An den Seitenrändern sind Marginalien angebracht. Die zahlreichen Abbildungen veranschaulichen den Inhalt. Wichtige Begriffe sind umrandet, längere Zitate eingerückt, Beispiele werden hervorgehoben und zusammenfassende Aussagen mit einem „Merke“ versehen. Am Ende der Abschnitte wird auf „weiterführende Literatur“ verwiesen.

Inhalt

Die „Einleitung“ (S. 7-8) beginnt mit einer Spannung erzeugenden Feststellung: Obwohl Lehren und Lernen „zentrales Interesse der Pädagogik“ (S. 7) sein müsste, entstammen die zentralen Forschungsergebnisse der pädagogischen Psychologie. Didaktik und Lehr-Lernforschung seien, mit Terhart gesprochen „fremde Schwestern“ (S. 7).

Fromm skizziert im zweiten Kapitel „Der Rahmen: Die Schule“ (S. 9-13) mit einem längeren Zitat von Erich Kästner das Umfeld des Lehr-Lern-Prozesses in der Schule. Er pointiert die Kennzeichen wie folgt: Alltags-/Lebensferne, Planmäßigkeit, Zwang/Unfreiwilligkeit, Anonymität und Folgen.

Das dritte Kapitel befasst sich mit den „Voraussetzungen“ (S. 14-25) des Lernens bei den Schülerinnen und Schülern. Erklärt werden „Anlage und Reifung“ (S. 15) nach den Modellen von Oerter, Piaget, Erikson und Lewin sowie „Sozialisation (soziokulturelle Prägung)“ (S. 21), insbesondere unterteilt in die Einflüsse von Eltern und Medien.

Der vierte Abschnitt „Lernen“ (S. 26-60) beginnt mit dem schrittweisen Aufbau einer Definition von Lernen und stellt danach verschiedene Erklärungsmodelle vor: „1. Lernen als Gewöhnung (Habituation)“, „2. Lernen als Assoziation“, „3. Lernen als Ausbildung bedingter Reflexe“, „4. Lernen durch Konsequenzen“, „5. Lernen am Modell“ und schließlich „6. Lernen als Konstruktion“. Die Ansätze sind mit Skizzen bebildert, werden mit Beispielen unterfüttert oder auf die Berichte bekannter Erziehungstheoretiker (Rousseau oder Pestalozzi) bezogen und kritisch hinterfragt.

Dem „Erinnern“ (S. 61-73) als Vorgang wendet sich der fünfte Abschnitt zu. Einleitend wird kurz auf die Geschichte der Gedächtnisforschung bis hin zu den Möglichkeiten bildgebender Verfahren rekurriert. Danach werden „Gedächtnismodelle“ (S. 65) und deren Erklärungen für die Funktionsweise präsentiert, bevor „Curriculares Erinnern“ (S. 69) und „(Auto-)biographisches Erinnern“ (S. 70) erläutert und in ihrer sozialen Bedeutung besprochen werden.

„Gelerntes nutzen“ (S. 74-82) lautet die Überschrift des sechsten Kapitels. Selbst wenn Wissen gespeichert wurde und erinnert werden kann, wird es nicht unbedingt abgerufen oder angewendet. Den dazwischen geschalteten Prozessen, wie z.B. der intrinsischen und der extrinsischen Motivation (gefasst als Interesse), dem Anspruchsniveau in Form von Attraktivität einer Aufgabe, der Erfolgswahrscheinlichkeit und der Kontrollierbarkeit gilt die Aufmerksamkeit des Kapitels.

Dem „Lehren“ (S. 83-120) ist – der vorbereitenden Intention des Lehrbuchs gemäß – ein umfangreicher Abschnitt gewidmet. Der Verfasser weist eingangs darauf hin, dass häufig zu Unrecht und insbesondere in Ratgeberliteratur aus den Gedächtnis-, Motivations- oder Lernmodellen einfache Schlüsse in Form von „Kausalplänen“ (S. 87) über das Lehren gezogen werden, die der Komplexität des Vorgangs nicht gerecht werden. Hier kritisiert er sowohl die angeblich sicheren Erkenntnisse der Neurowissenschaften wie die von sog. Metastudien.

Fromm setzt fünf „Hinweise für das pädagogische Handeln“ (S. 88) dagegen, die seines Erachtens das Lernen fördern. Das sind

  1. „Schüler wahrnehmen“ (S. 88) und mit ihnen interagieren,
  2. „Lernzeit nutzen“ (S. 93) und sie strukturieren,
  3. „Abläufe organisieren“ (S. 95) z.B. durch Routinen und Regeln statt nur „laufen lassen“.
  4. Im umfangreichen Abschnitt 4. „Lernen fördern“ (S. 99) geht der Autor auf die „bedrohungsarme Lernatmosphäre“ (S. 99), die „inhaltliche Strukturierung und Orientierung“ (S. 100), die „didaktische Reduktion und Differenzierung“ (S. 102), das „operante Konditionieren in der Schule“ (S. 104) und das „Lernen am Modell in der Schule“ (S. 107) ein. Letzteres geschieht nicht nur von Lehrer*in zu Schüler*in, sondern auch zwischen Schüler*innen und auch über virtuelle Modelle.
  5. „Erinnern erleichtern“ (S. 114) umfasst förderliche Bedingungen zur Stimulation von Kurz- und Langzeitgedächtnis sowie von „autobiographischer Erinnerung in der Schule“ (S. 118).

Diskussion

Die Kunst des Buches besteht darin, die vorhandene Fülle an Studien zum Lehr-Lern-Prozess so aufzubereiten, dass sie auf einfache und verständliche Art und Weise komprimiert sind, aber durch die Vereinfachung nichts verfälschen. Dies ist dem Verfasser unter Auswahl der wesentlichen Aspekte und unter Rückgriff auf klassische Werke sehr gelungen. Er hat die Zusammenhänge auch sprachlich so verfasst, dass man gerne liest. Hervorzuheben sind die zahlreichen eingestreuten Hinweise auf die Lehr-Lernsituationen schulischen Unterrichts, insbesondere auch im letzten Abschnitt des Buches. Selbstverständlich kann man die Frage stellen, wieso z.B. Aspekte von Bewertung nicht noch stärker fokussiert wurden. Ein Grundlagen-Lehrbuch zu verfassen ist und bleibt eine besondere Anforderung für erfahrene Könner ihres Lehrgebiets und wird nie allen Ansprüchen gerecht werden können. Die Lehramtsstudierenden, die das vorgelegte Wissen internalisieren, sehe ich auf den Lehralltag gut vorbereitet. Sie bleiben ohnehin weiterhin Lernende.

Fazit

Dieser utb-Band eignet sich nicht nur für die im Untertitel angesprochene Adressatengruppe der Lehramtsstudierenden, es darf auch von anderen (studentischen) Personenkreisen rezipiert werden, die sich mit Lehr-Lern-Prozessen beschäftigen. Bei der Rezeption von psychologischem Grundlagenwissen sind aufkommende Aspekte zur Eigenreflexion nicht verboten und helfen so eventuell den einen oder anderen Knoten zu lösen, der auf dem Weg vom Wissen zum Verhalten entstanden ist.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 11.04.2019 zu: Martin Fromm: Lernen und Lehren. Psychologische Grundlagen für Lehramtsstudierende. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. ISBN 978-3-8252-4679-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25519.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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