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Renate Jegodtka, Peter Luitjens: Kim, Tim-Tiger und das gefährliche Etwas

Cover Renate Jegodtka, Peter Luitjens: Kim, Tim-Tiger und das gefährliche Etwas. Eine Mutmach-Geschichte für traumatisierte Kinder. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 84 Seiten. ISBN 978-352-540-515-4.

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Thema

In diesem Buch für kleine Kinder zeigen Jegodtka und Luitjens anhand der Geschichte von Kim Hoppla, der von einem traumatisierenden Ereignis erschüttert wird, welche individuellen Folgen Monotraumatisierungen auslösen können und wie Kim daraus eine „Trauma-Überwindungs-Geschichte“ macht. Von zahlreichen feinen Handzeichnungen begleitet, werden die Leser_innen in die Welt von Kim und seinem großen Beschützer und Freund Tim-Tiger geführt und können die Emotionen und die Veränderungen, die das Trauma in Tim selbst und seinem Umfeld auslöst, begleiten. Es ist eine „Einladung …, in einen neuen Raum einzutreten, in dem innere Bilder angeregt werden, die Wachstum, Freude am Leben und Eigen-Mächtigkeit denkbar werden lassen“ (S. 4).

Im Anhang befindet sich ein 17-seitiges Begleitheft mit detaillierten und vielfältigen Informationen zur Geschichte und ihrer Deutung, zu Typ-I-Traumatisierungen und zentralen Themen des adäquaten Umgangs im Zusammenhang mit dem Buch.

Autorinnen und Autoren

Dr. phil. Renate Jegodtka ist Systemische Lehrtherapeutin (SG), Systemische Supervisorin (SG) und Dozentin für Traumapädagogik und Traumafachberaterin (DeGPT). Sie leitet gemeinsam mit Peter Luitjens das „Zentrum für Systemische Beratung und Therapie“, das ambulante Hilfen im pädagogischen, beratenden und therapeutischen Bereich anbietet. Ihre Schwerpunkte liegen in der Begleitung traumatisierter Kinder, Jugendlicher und ihrer Familien und in der Traumafachberatung.

Peter Luitjens ist Diplom-Pädagoge, Yogalehrer, Systemischer Lehrtherapeut und Supervisor (SG) sowie Dozent für Traumapädagogik und Traumafachberatung (DeGPT/BAG-TP). Er ist außerdem Sprecher des Zertfizierungsgremiums „Systemische Therapie und Beratung“ der Systemischen Gesellschaft (SG) und leitet gemeinsam mit Renate Jegodtka das „Zentrum für Systemische Beratung und Therapie“, das ambulante Hilfen im pädagogischen, beratenden und therapeutischen Bereich anbietet. Seine Schwerpunkte liegen in der Begleitung traumatisierter Kinder, Jugendlicher und ihrer Familien, in der Traumafachberatung und im traumasensiblen Yoga.

Aufbau und Inhalt

Die Geschichte kann grob in drei Teile unterteilt werden:

  1. Einführung der Charaktere,
  2. spezifische Veränderung der Hauptfigur durch das Trauma und
  3. die abschließende individuelle Bewältigung und Überwindung des traumatischen Ereignisses.

Einführung: Die ersten Seiten der Geschichte geben Einblick in das Leben von Kim, seiner Familie und seiner „lustig-laute[n] Krachmacherbande“ (S. 21) aus dem Kindergarten. Sein großer Freund Tim-Tiger ist stets an seiner Seite und spielt und tobt mit ihm. Wenn Kim Angst hat, flüstert er ihm Mut-Mach-Geschichten ins Ohr, bis er einschläft. Dass Kim manchmal wütend oder traurig ist und sich schämt, wenn seine Mutter entdeckt, dass er „seine pipi-nasse Hose in den Kleiderschrank gestopft hat“ (S. 17), erzählt uns Tim-Tiger schon hier.

Traumatisierung: Als beim Spielen in einem geheimen Versteck plötzlich ein großes, lautes gefährliches Etwas auftaucht, will Kim schreien und weinen – bleibt aber stumm: „Die Sonne scheint warm, aber Kim ist kalt. Er zittert und friert. Sein Herz schlägt laut – wie eine Trommel. BUM! BUM! BUM! Und jetzt ist alles anders“ (S. 27). Kim hat nachts nun Alpträume und wird oft wütend, sodass es bei Familie Hoppla „donnert und blitzt“ (S. 37) oder „manchmal einfach nur dunkel ist“ (ebd.). Das gefährliche Etwas taucht ständig wieder auf und bringt Angst mit. Die Angst „streckt ihre Finger aus und tastet sich vor“ (S. 28), sie berührt Familie Hoppla, aber „ganz besonders Kim“ (ebd.). Auch die Wut in Kim wächst und wird mit der Zeit so groß, dass er Maxi aus seiner Krachmacherbande schlägt, seine Eltern daraufhin schimpfen und er traurig wird. Tim-Tiger aber, der gegen die schwarze Angst immun ist, schafft es, Kim immer wieder Tim-Tiger-Mut-mach-Geschichten ins Ohr zu flüstern und ihm stets bei allen Emotionen zur Seite zu stehen.

Überwindung: Eines Tages führt Tim-Tiger ihn in den imaginären Park der wundersamen Dinge, in dem Yum Yum, die alte Zottelmonsterdame, lebt. Sie ist die Hüterin wundersamer Dinge und verteilt stets Sachen, die Kim gut tun. Sie weiß, dass bei Kim etwas „Ungeheuerliches“ (S. 50) geschehen ist und dass er „oft Besuch von der großen schwarzen Angst“ (ebd.) und der „riesig-roten und wütenden Wut“ (ebd.) bekommt. Yum Yum hat auch dieses Mal etwas für Kim bereitgelegt: Sie übergibt ihm nach langem und lustig erzähltem Suchen in einem großen Sack ein Rohr, in das er hineinschauen und die Zukunft sehen kann. Kim beobachtet sich dabei selbst und die große Wut, die auf ihn zurollt. Als er dabei Angst bekommt, beruhigt ihn Yum Yum und fordert ihn auf, noch einmal hineinzuschauen. Er beobachtet sich nun ein zweites Mal und sieht, wie er seiner Wut entgegentritt und sagen kann „Hallo, hier bin ich! Du riesig-rot-wütende Wut. Mach dich rund. Und mach dich klein. Das ist fein. Dann bist du mein“ (S. 69). Die Wut schrumpft anschließend zu einem kleinen Ball und liegt in Kims Händen.

Nach diesem Erfolgserlebnis traut sich Kim zum ersten Mal, über seine große Angst und über die riesige Wut zu sprechen: „Mama, Papa, stellt euch vor! Ich habe die riesig-rote wütende Wut geschrumpft. Erst war sie groß, mit Borsten, so spitz. Dann wurde sie rund und hutzel-pickelig-klein. Und schaut her! Jetzt liegt sie nun in meiner Hand. Nur für den Fall, dass ich sie mal brauchen kann“ (S. 79). Nachdem er von seinem Erfolgserlebnis erzählt hat, kann Kim hinausgehen und mit seiner Krachmacherbande spielen, in der inzwischen wieder „seine allerliebsten Freunde“ (S. 83) sind.

Diskussion und Fazit

Dieses Werk – ich möchte fast sagen: dieses Kunstwerk – ist auf unterschiedlichsten Ebenen ein absoluter Gewinn!

Erwachsene, ob vom Fach oder ohne Wissen rund um das Thema Trauma, bekommen einen Einblick in die emotionale Wucht und die Folgen, die ein traumatisches Ereignis gerade für Kinder haben kann. Insbesondere für sie haben Jegodtka und Luitjens ein Begleitheft geschrieben, das sehr präzise Auskunft über jede Figur der Geschichte gibt, Basisinformationen über Monotraumatisierungen bereithält und viele Anregungen zu Themen wie der Welt der Fantasie oder dem Verstummen von Betroffenen nach einer Traumatisierung gibt. Das Heft ist eine hilfreiche Stütze, um zu verstehen, wie genau die Geschichte durch das Vorlesen zu einer „Gegenerfahrung zum Trauma“ (S. 13) werden kann.

Im Begleitheft zeigen Jegodtka und Luitjens eindrücklich, wie viel Traumafachwissen gezielt in die Geschichte von Kim und Tim-Tiger geflossen ist. Die individuellen Folgen für Kim nach dem traumatisierenden Ereignis (z.B. Albträume, Flashbacks, Übererregung, veränderte Beziehungsstrukturen zur Familie und zu Freund_innen) sind in die Geschichte integriert und werden im Begleitheft genau benannt und miteinander in Verbindung gebracht. Es wird deutlich, dass bewusst mit vielen stabilisierenden Ressourcen gearbeitet wurde. Kim besitzt z.B. eine hohe „imaginative Kompetenz“ (S. 8), er hat Tim-Tiger (die meisten würden ihn als Kuscheltier identifizieren) als großen Freund, der ihm in Notsituationen immer zur Seite steht und Sicherheit und Trost vermittelt. Yum Yum fungiert außerdem als Figur, die Hoffnung auf Bewältigung der Ereignisse vermittelt und Kim die Möglichkeit bietet, Selbstwirksamkeit zu erleben. Auch der Park der wundersamen Dinge, in der diese Begegnung mit Yum Yum stattfindet, ist durchwoben von Vorgehensweisen der systemischen Traumapädagogik. Er gilt als Äquivalenz zum „inneren guten Ort“ (S. 10). Die Hauptfiguren, ausgestattet mit „Fähigkeiten, die über das spontane Handlungsrepertoire des hilfesuchenden Helden“ (ebd.) hinausgehen, können den Blick auf die eigenen Ressourcen und die Selbstwirksamkeit lenken, um damit im zweiten Schritt (wie bei Kim) die individuellen Bewältigungsstrategien zu aktivieren – was einer zentralen Haltung in der systemischen Traumapädagogik entspricht.

Kinder, denen die Geschichte vor allem gewidmet ist, haben mit diesem Buch vielfältige Möglichkeiten, sich in den mit Bedacht ausgewählten, einfachen und dabei dennoch sehr präzise formulieren Worten wiederzufinden. Sie können die Bilder, die mit gut nachvollziehbarer Körpersprache und leicht identifizierbaren Emotionen gezeichnet wurden, dafür nutzen, „das Erleben in den Mittelpunkt zu stellen, innere Bilder anzuregen und Bewältigung vorstellbar zu machen“ (S. 4). Ob es nun Scham, Wut, Angst, Trauer oder auch Freude ist, die Kim gerade empfindet – die Bilder, die Sprache und die Geschichte machen alles sehr greifbar und verständlich. Dabei bleibt dennoch sehr viel Raum für Fantasie, denn „das Nichterzählte lässt für die lesenden oder hörenden Kinder die Möglichkeit offen, fließend zwischen Distanzierung und Identifikation zu wechseln“ (S. 6). Worin genau das traumatische Erlebnis bestand, wird bewusst nicht benannt, um die Chance zu eröffnen, „die vermeintliche Lücke in der Erzählung mit eigenen imaginierten Bildern auszufüllen“ (ebd.). Selbst für Kinder, die keine traumatischen Erlebnisse bewältigen müssen, ist dies eine wunderbare Geschichte zum Eintauchen.

Das Buch über Kim und Tim-Tiger ist insgesamt mit höchster Sorgfalt, zugleich präzisen und emotionalen Bildern und Worten kreiert und öffnet immer wieder den Raum, um ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen, Emotionen zu vertiefen und in eine Welt einzutauchen, die mit Worten kaum greifbar ist. Die Geschichte ist trotz ihrer Klarheit und Direktheit durch die Bilder nie überfordernd, weil stets darauf geachtet wird, Tim-Tiger als großen Schutzfaktor zu verdeutlichen – sowohl inhaltlich in der Geschichte als auch anhand der Bilder. Somit wird einer Retraumatisierung durch zu starke Konfrontation vorgebeugt.

Das von Jegodtka und Luitjens im Begleitheft formulierte Ziel, dass „mit dem Vorlesen unseres Bilderbuches und dem Betrachten der dazugehörigen Bilder ein Dialog eröffnet wird, ein Hin und Her zwischen Geschichte, den bildlichen Darstellungen und den eigenen Erfahrungen der Zuhörenden“ (S. 15) entstehen kann, ist vollkommen überzeugend gelungen. Ich werde dieses Buch mit großem Enthusiasmus weiterempfehlen, freue mich, die Geschichte Kindern vorlesen zu dürfen und kann mit Sicherheit sagen, dass das eines der Kinderbücher ist, das mich viele Jahre oder Jahrzehnte begleiten wird!


Rezensentin
Marilena de Andrade
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Zitiervorschlag
Marilena de Andrade. Rezension vom 13.05.2019 zu: Renate Jegodtka, Peter Luitjens: Kim, Tim-Tiger und das gefährliche Etwas. Eine Mutmach-Geschichte für traumatisierte Kinder. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-352-540-515-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25521.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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