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Jana Hauschild: Übersehene Geschwister

Cover Jana Hauschild: Übersehene Geschwister. Das Leben als Bruder oder Schwester psychisch Erkrankter. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 231 Seiten. ISBN 978-3-407-86505-2. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,40 sFr.
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Thema

Übersehene Geschwister sind die Schwestern und Brüder von psychisch erkrankten Personen. Sie werden von Jana Hauschild in den Blick genommen

Autorin

Jana Hauschild ist Diplom-Psychologin und Autorin und ist für die zu besprechende Publikation Expertin in eigener Sache, da ihr Bruder mit einer psychischen Erkrankung lebt.

Entstehungshintergrund

Die Entstehung dieses Buches liegt in der Biographie der Autorin begründet: In ihrer Einleitung berichtet sie von der psychischen Erkrankung ihres Bruders Sven. Als Jana Hauschild zwölf Jahre alt war, begann „etwas Unbekanntes an meinem Bruder zu zerren“ (S. 13). Sven hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. „Er ist impulsiv und übermäßig empfindsam“ (S. 14). Die Erkrankung geht an Jana Hauschild nicht spurlos vorüber. Ihr Bruder fügte sich selbst Schmerz zu. Drogenexzesse markierten das Leben mit Anfang und Mitte zwanzig. Jana Hauschild und Sven telefonieren viel und in der Regel länger als eine Stunde. Die Autorin fühlt sich manchmal wie eine Co-Therapeutin.

Aufbau

  • Sichtbar machen – Eine Einleitung (Ein Zettel im Briefkasten – Die Mitbetroffenen – Die Geschwister in diesem Buch – Wieder ganz unten – All unsere Geschichten)

Übersehen

  • Übersehen (Der blinde Fleck – Vergessen, übersehen, unsichtbar – Der Gorilla auf dem Spielfeld – „Kein Raum für mich“ – „Für zwei reicht deine Kraft nicht aus“ – „Ich habe auch meinen Bruder verloren“ – Aufarbeitung in der Familie – Profis sind auf dem Geschwisterauge blind – Was Geschwister benötigen)
  • Gefühlschaos (Wie aus der Ferne – Betäubte Gefühle – Wut, die sich Luft macht – Voller Schuld – Todesängste – „Als wäre ein Schalter umgelegt worden“ – Gefühlschaos – Der schmerzliche Verlust – Es hilft einfach nichts – Ein Funke Zuneigung)

Familienbande

  • Nähe und Distanz (Wie zwei Magneten – Das innere Band – Die wichtigsten Ansprechpartner – Die einseitige Leitung – „Wir waren mal Freunde“ – Rückzug – Wenn der Kontakt abbricht – Als Zuschauer im Leben der anderen – Nestflucht und Rückkehr)
  • Rollenwandel (Von der Schwester zur Mutterfigur – Die Eltern erfahren alles zuletzt – Das Vorbild sackt in sich zusammen – Die kleine Schwester wird groß – „Mir hat mein großer Bruder gefehlt“ – Am anderen vorbeiziehen – Nicht greifbare Eltern)
  • Vermittler und Vertrauter (Mitten im Schussfeld – Die Familiendiplomatin – Verbündete und Trostspender – Kinder nicht mit dem Leid überfordern – Verhinderte Loslösung – Eltern brauchen Fingerspitzengefühl
  • Sonnenschein (Dauerhaft happy – Die Eltern nicht belasten – Die Gewitterwolken hinter dem Sonnenschein – Nicht auffallen oder perfekt sein – Das Ersatzkinder-Syndrom – Goldene Erinnerungen an dunkle Zeiten – „Ich wäre lieber hellgrau“)
  • Streit und Spaltung (Heimliches Getue – Zerrüttete Familienbande – Alle geben ihr Bestes – Ersthelferin und dann Geschasste – Alleingelassen von den Eltern – Es gibt keine Mitwirkungspflicht – Die Suche nach dem Schuldigen

Mein Leben

  • Belastete Seelen (Die eigene Fürsorge nicht vergessen – Wenn die eigene Psyche leidet – Professionelle Hilfe suchen – „Brauch ich das?“ – Prägung in jungen Jahren – „Kann es auch mich treffen?“ – Für eigene Bedürfnisse einstehen
  • Ein eigenes Leben, eine eigene Familie (Dem Lebensglück aus dem Weg gehen – Deine Störung, mein Lebenslauf – Kann ich eine normale Beziehung führen? – Eine einsame Reise – Den Partner nicht belasten – Kranke Geschwister, kranke Kinder? – Die überschätzte Gefahr)
  • Wer ich heute bin (Die guten Dinge im Leben – Wer ich heute bin – Die Berufswahl ist oft kein Zufall – Die eigenen Stärken erkennen – Helfen, um sich selbst zu helfen)
  • Was gesunde Geschwister leisten (Stimmen für die Geschwister und Erkrankten – Die Brücke in die Gesellschaft – Aus dem Schatten der Erkrankung holen – Lebenshilfe für den anderen – Kampf auch nach dem Tode)
  • Hilfreich in der Therapie (Ersthelfer in der Not – Offener, gelassener, weniger verstrickt – Wegbegleiter mit weitem Blick – Fehlentscheidungen ohne Geschwister – Mehr Unterstützung für Geschwister gefordert – „Du kannst ihn nicht heilen“)
  • Unerwünschtes Erbe (Geschwister als Alleinpflegende – Geschwister ersetzen Eltern nicht – „Das müsst ihr nicht!“ – Die Nähe als Wegbereiter – Wann mit der Planung beginnen? Jetzt.)
  • Hilfen für Geschwister (Selbsthilfe und professionell geführte Angebote – Viele Informationen nur in englischer Sprache – Sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen – Kleine Inseln schaffen – Eigene Grenzen setzen – Sich gegenseitig sehen – Hoffnungsvoll in die Zukunft)
  • Berg- und Talfahrten – Ein Epilog

Inhalt

Die Leserschaft erfährt von Davids Schmerzunempfindlichkeit. Er hat kein Angstempfinden und lernt nicht aus Fehlern. Im Kindergarten wurde er gehänselt und in der Grundschule eckte er an und wurde deshalb zum Außenseiter. Die Lehrer wurden nicht mit David fertig und überwiesen ihn an die Schule für Verhaltensauffällige, heute Schule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung. David lebt mit einer Vielzahl von Diagnosen, z.B. Bindungsstörung mit Enthemmung, Schizophrenie, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Hypersensibilität, ADHS. Das Jugendamt steckte David in Erziehungshäuser, betreute Wohneinrichtungen, psychosoziale Einrichtungen u.ä. Vorgenannte Einrichtungen waren über den norddeutschen Raum verteilt. Mutter Sabine besuchte ihn überall, „sooft sie kann“ (S. 27). Bei all der Sorge um David vergaß Sabine die fünf Jahre ältere Tochter Nora. Sie lief nebenher, wurde übersehen. Nora funktionierte, meckerte nicht, begehrte nicht auf. Eltern erblinden partiell, wenn eines ihrer Kinder erkrankt. Die gesunden Kinder werden dann nicht mehr gesehen. Geschwister von körperlich chronisch kranken Kindern konkurrieren oft um die Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern. Oft ziehen die gesunden Geschwister sich zurück oder machen sich klein, um die Familie nicht noch mehr zu belasten.

Thorben berichtet über seinen psychotischen Bruder, mit dem er als junger Erwachsener mehrere Jahre zusammengewohnt hat. Thorben und die Autorin kennen sich seit ihrer Kindheit. Thorben fällt es schwer über seinen Bruder zu reden. „'Bei unserem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung haben wir nahezu alles weggeworfen', sagt er, 'wir haben uns frei gemacht von der Vergangenheit'“ (S. 45). Diese Geschichten aus der Ferne sind typisch. Die Geschwister schaffen innerlich Abstand. Es sind sog. gefrorene Seelen: Hierbei handelt es sich nicht um eiskalte Menschen. „Sie haben nur einen Weg gefunden, ihre Last zu buckeln“ (S. 46).

Es kann zur Entfremdung der Geschwister kommen, wenn einer eine psychische Erkrankung hat. Bei Thorben entstand nach dem Auszug Funkstille. „Keine Telefonate, keine Treffen, keine Kurznachrichten“ (S. 64). Lange Zeit vergeht, bis der erkrankte Bruder erstmalig Thorben gegenüber ein Lebenszeichen von sich gibt. Wieder vergeht viel Zeit, bis Thorben antwortet. Im Ergebnis ist „die Kluft zwischen den zwei Brüdern so breit und so tief, dass Rufe aus voller Kehle verhallen und auf der anderen Seite der Schlucht nur noch ein undefiniertes Surren in der Luft“ (S. 65) ankommt. Durch die Erkrankung kommt es in der geschwisterlichen Beziehung zu einer Schieflage, zu einem Ungleichgewicht.

Rahel erlebte über eine lange Zeit mit, wie ihre Schwester immer weiter der „Welt entrückt“ (S. 132). Als Inga Hilfe in Anspruch nahm, fiel die Anfang dreißigjährige Rahel vor Erschöpfung in ein Loch. Rahels Burnout ist das Resultat der wiederkehrenden Psychosen ihrer Schwester.

Die psychischen Erkrankungen der Geschwister führen bei den Gesunden zu psychischen Ausnahmezuständen, etwa durch die Fürsorge für das erkrankte Familienmitglied. Im Ergebnis können diese psychischen Ausnahmezustände in Anspannung, Schlaflosigkeit oder Unkonzentriertheit bei der Arbeit münden. Oft entwickelt „sich da, wo eine enge Beziehung zueinander besteht, ein Mitleiden, wenn eine psychische Erkrankung ausbricht“ (S. 136), Dies geschieht nicht generell, was eine Pathologisierung der gesunden Geschwister verbietet. In diesen Fällen sind dann aber Hilfsangebote für die Gesunden empfehlenswert, als da wären Psychotherapie, psychologische Beratung oder Selbsthilfegruppen.

Fazit

Geschwister von psychisch erkrankten Personen werden bislang nur zu wenig von der Gesellschaft bzw. von Behandlern wahrgenommen. Auch diese psychisch gesunden Geschwister haben ihr Päckchen oder Paket zu tragen, wenn die Schwester oder der Bruder psychisch erkrankt. Sie leiden mit! Hieran knüpft Jana Hauschild mit ihrem Buch an

Die Publikation soll Schwestern und Brüder von psychisch erkrankten Menschen erreichen, die sich alleine gelassen fühlen. Die Autorin hofft, „dass dieses Buch ihnen zeigt, dass sie nicht allein sind, dass es da draußen noch viele andere gibt, die Ähnliches erlebt haben, die Austausch suchen, die beim Aufarbeiten helfen können“ (S. 19).


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 14.05.2019 zu: Jana Hauschild: Übersehene Geschwister. Das Leben als Bruder oder Schwester psychisch Erkrankter. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-407-86505-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25527.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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