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Helmut Willke: Komplexe Freiheit

Cover Helmut Willke: Komplexe Freiheit. Konfigurationsprobleme eines Menschenrechts in der globalisierten Moderne. transcript (Bielefeld) 2019. 305 Seiten. ISBN 978-3-8376-4564-4. D: 29,99 EUR, A: 29,99 EUR, CH: 36,80 sFr.

Reihe: Edition transcript - Band 2.
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Thema

Das vorliegende Buch ist dem Unterfangen gewidmet, eine Konzeption von Freiheit zu entwickeln, die den gesellschaftlichen Umbrüchen des 21. Jahrhunderts und den daraus resultierenden Veränderungen von Freiheitsräumen Rechnung trägt.

Autor

Der Autor Helmut Willke ist Professor für Global Governance und Vizepräsident für den Bereich Forschung an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen mit Gastprofessuren in Washington, D.C., Genf und Wien.

Aufbau und Inhalt

Die Abhandlung besteht aus 8 Kapiteln, an die sich eine umfangreiche Bibliografie anschließt:

  • 1. Einleitung
  • 2. Globalisierung als Begrenzung von Freiheit
  • 3. Digitalisierung als Entgrenzung von Freiheit
  • Exkurs: Digitale Freiheit als Kontingenzkontrolle
  • 4. Eine neue Grammatik von Freiheit und Gleichheit
  • 5. Komplexitätsmanagement als Dispositiv der Freiheit
  • 6. Zur Tiefenstruktur komplexer Freiheit
  • Exkurs: Freiheit in System und Lebenswelt
  • 7. Freiheit in Zeiten der Konfusion
  • 8. Ausblick

Inhalt

Wie kann man Freiheit buchstabieren in einer komplexen und intransparenten Welt, in der wechselseitige Abhängigkeiten unmerklich Einschränkungen von Freiheiten implizieren? Das ist die Frage, der Willke in seiner Studie nachgeht.

Er widmet den ersten großen Teil seiner Untersuchung den zwei aus seiner Sicht fundamentalen Transformationsprozessen unserer Gesellschaft: Globalisierung (Kapitel 2) und Digitalisierung (Kapitel 3). Für beide zeigt er auf, wie sie komplexe (z.T. auch paradoxe), in jedem Fall aber intransparente Entwicklungsketten ermöglichen, die mittelbar und nicht ohne weiteres erkennbar Freiheitsräume verschließen: Zunächst für die Politik, sodann für die Bürger.

  • Die globale Dimension vieler Prozesse und Entwicklungen oktroyiere den Nationalstaaten nicht nur Handlungszwänge auf, sondern berge zugleich unbeherrschbare und nationalstaatlich nicht mehr steuerbare Risiken. Dementsprechend sieht Willke die modernen Bedrohungen von Freiheit in „Manipulation, letztlich ausgeübt durch anonyme Systemzwänge und … alternativlose Operationslogiken …, die unbemerkt und verdeckt wirken“ (S. 91).
  • Das freiheitsbedrohende Element der Digitalisierung hingegen sieht Willke gerade in seiner Grenzenlosigkeit. Die komplette Durchleuchtung der Nutzer durch die Medien ermögliche deren weitgehende Manipulation. Zugleich überfordere das dadurch verfügbare Wissen die Entscheidungsfähigkeit der Menschen: Unvermeidbares Nichtwissen also als das die Basis einer jeglichen Demokratie aushöhlende Element.

In den folgenden Kapiteln (Kapitel 4–6) befasst sich Willke sodann mit der Notwendigkeit eines diesen Rahmenbedingungen angepassten theoretischen Freiheitskonzepts und den an es zu stellenden Anforderungen.

  • Kapitel 4 ist dem grundlegenden Verständnis des Freiheitsbegriffs gewidmet. Willke zeigt, wie die genannten Entwicklungen die Prämissen des traditionellen Freiheitsverständnisses (bestehend aus Willens-, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit) aushebeln und formuliert sodann Anforderungen an einen „neuen“ Freiheitsbegriff: Dieser müsse nicht nur auf Komplexität und (überbordende) Kontingenz antworten, sondern zugleich in der Lage sein, sich innerhalb der Spannungsfelder einer jeden Demokratie (exemplarisch an den Antinomien von Freiheit einerseits und Gleichheit, Sozialität, Sicherheit und Toleranz andererseits aufgezeigt) zu positionieren.
  • Das Folgekapitel (Kapitel 5) nimmt die Schwächen traditioneller demokratischer Strukturen in den Blick. In gleicher Weise wie beim Freiheitsbegriff konstatiert Willke eine Überforderung traditioneller politischer Steuerung in einer hyperkomplexen und kontingenten Welt. Auf dieser Basis formuliert er Postulate an demokratische Steuerung, darunter etwa horizontale Dezentralisierung.
  • Sodann (Kapitel 6) fokussiert Willke die politischen Ausprägungen des traditionellen Freiheitsbegriffs (Meinungs-, Wahl- und Kommunikationsfreiheit) und zeigt, wie das der Wissensgesellschaft immanente Problem des Nichtwissens diese bedroht.

Auf dieser Basis beleuchtet er in Kapitel 7 die gesellschaftlich notwendigen Bedingungen von Freiheit, die er nicht mehr inhaltlich, sondern vor allem prozedural denkt, und bindet Freiheit so an die Möglichkeiten gelingenden Lernens von Personen, Organisationen und Gesellschaften: Ging es bei dem herkömmlichen Freiheitsverständnis vor allem um die Negierung von Zwang, so müsse es heute um die Negierung von Nichtwissen auf allen Ebenen gehen.

In zwei Exkursen setzt sich Willke mit zwei zentralen Referenzthemen vertieft auseinander: Der Digitalisierung und dem Freiheitsverständnis. Die Studie schließt mit einem zusammenfassenden Ausblick (Kapitel 8).

Diskussion

Der Staatsrechtler und -theoretiker Willke setzt sich in seiner freiheitstheoretischen Studie ebenso eingehend wie fundiert und überzeugend mit den Bedrohungen moderner Demokratien durch die dominierenden Rahmenbedingungen und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung über einen angemessenen Umgang damit auseinander.

Nachdrücklich zeigt er anhand verschiedener globaler Problematiken (so z.B. Finanzkrise, Pandemien, Klimawandel, Migration) auf, wie sehr die aktuellen politischen Entwicklungen ein neues Nachdenken über das, was Freiheit ausmache, erfordern. Dass hyperkomplexe Sachverhalte hyperkomplexe Lösungen (Freiheiten) benötigen, überzeugt ebenso wie seine Überlegungen, welche Aspekte dabei tragend sein müssen.

Es sind hohe Standards, die er postuliert. Gerade die unglaubliche Geschwindigkeit der Entwicklungen in allen Bereichen fordert einerseits nachdrücklich eine neue Debatte über ein angepasstes Freiheitsverständnis. Zugleich aber begründen eben jene Dynamiken die Gefahr des Scheiterns bei der Etablierung entsprechender Räume.

Dies tut dem Werk aber keinen Abbruch, sondern legitimiert es in besonderer Weise.

Fazit

Ein mehr als empfehlenswertes Theoriewerk zum Thema „Freiheit“ in einer globalen und digitalen Welt.


Rezension von
Prof. Dr. Annegret Lorenz
Professorin für Recht mit Schwerpunkt Familien-, Betreuungs- und Ausländerrecht am Fachbereich Gesundheits- und Sozialwesen der Hochschule Ludwigshafen am Rhein
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Zitiervorschlag
Annegret Lorenz. Rezension vom 09.07.2020 zu: Helmut Willke: Komplexe Freiheit. Konfigurationsprobleme eines Menschenrechts in der globalisierten Moderne. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4564-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25528.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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