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Mara Kastein: Gleichstellungs­orientierte Männerpolitik

Cover Mara Kastein: Gleichstellungsorientierte Männerpolitik unter Legitimationsdruck. Eine wissenssoziologische Diskursanalyse in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 243 Seiten. ISBN 978-3-86388-804-6. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
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Autorin

Mara Kastein forscht an der Universität Paderborn in dem BMBF-Projekt FORTESY zu neuen Ansätzen für Sicherheit, Effizienz und soziale Integration im Feuerwehrwesen am Fachbereich Technik und Diversity an der Fakultät Maschinenbau. Das hier vorgestellte Buch ist aus ihrer Promotion hervorgegangen, die sie 2018 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena erfolgreich verteidigt hat. 

Aufbau und Inhalt

Mara Kastein betrachtet die kleine Gruppe von Akteur_innen einer „gleichstellungsorientierten Männerpolitik“ in deutschsprachigen Raum (Schweiz, Österreich und Deutschland). Sie fasst darunter Männer- und Jungenberatungsstellen, männerpolitische Dachverbände sowie Schnittstellenorganisationen, unter deren Dach sowohl Beratung für Männer und Jungen als auch anwendungsbezogene Forschungsarbeiten über Männlichkeiten durchgeführt werden.

Anders als bei lautstarken Antifemist_innen und Maskulisten, so ihre Ausgangsbeobachtung, handelt es sich bei dieser Gruppe um die eher „leisen, mit der Neuen Frauenbewegung sympathisierenden Stimmen“ (S. 11), die an Gleichstellung orientiert sind. Was führt dazu, dass diese Gruppe so spricht, wie sie spricht und damit in aktuellen, teils polarisierten Debatten, wie z.B. rund um die MeToo-Kampagne, so wenig vernehmbar gewesen ist? So könnte wohl die wissenschaftliche wie auch politische Leitfrage Kasteins formuliert werden. Um ein Ergebnis ihrer rekonstruktiven Forschung voranzustellen: Die zumeist weißen und heterosexuellen Männer, die Kastein als Träger der hier untersuchten gleichstellungsorientierten Männerpolitik identifiziert, haben ein Legitimitätsproblem. Legitimität entsteht in diesem Feld der Gleichstellungspolitiken auf Grundlage einer zumeist mehrfachen gesellschaftlichen Markierung und damit verbundener Diskriminierungserfahrung. Eine Mehrfachdiskriminierung lässt umgekehrt ein „Mehrfachgeschontsein“ von „unmarkierten“ weißen, heterosexuellen Männern erwarten, denen damit im Feld der Gleichstellungspolitik eine legitime Sprechposition fehlt. Aus dieser politischen Handlungskonstellation heraus, so rekonstruiert Kastein, entwickelt sich das handlungsleitende Wissen der Akteur_innnen gleichstellungorientierter Männerpolitik, das wiederum in deren „Kernpraxis der Positionierung“ mündet. Die Praxis der Positionierung drückt sich dadurch aus, dass sich nach außen permanent erklärt und gerechtfertigt wird, und nach „innen“ wird durch die Rezeption z.B. (queer-) feministischen Bezugswissen ständig versucht sich abzusichern. Kastein erkennt in der Praxis der Positionierung eine Legitimierungsstrategie bzw. eine Markierungskompensation. Wie am Ende ihrer Arbeit deutlich wird, liegt in dieser durchaus problematischen Ausgangslage auch eine Chance für neue Bündnispolitiken. Voraussetzung dafür scheint jedoch, die Dilemmata hinter den Handlungsstrategien zunächst einmal zu verstehen.

Neben dem Forschungsinteresse rekapituliert Kastein im ersten Kapitel wesentliche strukturelle Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen während der letzten Jahrzehnte, in denen sich ein Interesse von Männern an Gleichstellungspolitik entwickelt hat. Sie macht auf ein erstes grundsätzliches Paradox aufmerksam, mit dem gleichstellungsorientierte Männerpolitik zu tun hat: In überwiegend geschlechterhomogenen Organisationen wird das Ziel verfolgt, gesellschaftlich männlich dominierte Verhältnisse emanzipatorisch zu verändern. Zugleich jedoch sind männliche Gemeinschaften der soziale Ort, in dem der männliche Habitus und damit die männliche Herrschaft konstituiert und stabilisiert wird.

Im zweiten Kapitel wird gleichstellungsorientierte Männerpolitik in die Geschichte der Männergruppen seit den 1970er Jahren und in die Entwicklung einer kritischen Männerforschung und Männlichkeitstheorie eingeordnet. Anders als in der Frauen- und Homosexuellenbewegung, so zeigt Kastein, können sich gleichstellungsorientierte Männer auf keine innere Solidarität einer marginalisierten Gruppe berufen. Vielmehr arbeiten sie gegen eine Mehrheit von Männern, die die dominante Position im Geschlechterverhältnis verteidigen. Eine wesentliche Fragestellung ist daher, inwiefern absichtsvolle Gleichstellungspolitik von Männerseite überhaupt ein transformatives Potenzial entwickeln kann.

Das dritte Kapitel widmet sich den wissenssoziologischen und diskursanalytischen Grundlagen, die im vierten Kapitel auf die konkrete Forschung bezogen, konkretisiert und weiterentwickelt werden. Die besondere Qualität der Arbeit zeigt sich darin, dass es Kastein mit den Instrumentarien der wissenssoziologischen Diskursanalyse gelingt, nicht nur Diskurse, sondern auch dahinterliegendes Praxiswissen der Akteur_innen, deren Deutungen und damit die Beweggründe der Subjekte gleichstellungsorientierter Männerpolitiken sichtbar zu machen.

Das fünfte Kapitel stellt den empirischen Hauptteil des Buches dar. Anhand der Analyse von Webseiten und Interviews wird gezeigt, wer für eine gleichstellungsorientierte Männerpolitik spricht, wie Diskurspraktiken aussehen und welche Aussagen gemacht werden. Es werden u.a. generationale Widersprüche zwischen den „Pionieren“ aus der Gründergeneration und der „jungen Generation“ aufgezeigt, in denen immer wieder die Frage nach dem Verhältnis zum Feminismus als „Gretchenfrage“ verhandelt wird. Auch wird deutlich, wie in der Konstruktion „männlicher Idealsubjekte“ (z.B. der aktive Vater) trotz prinzipieller Offenheit immer wieder Verengungen auf weiße, heterosexuelle Mittelschichtsmänner stattfinden und andere Männer oder Männlichkeiten ausgeschlossen werden.

Als Gemeinsamkeit zeigt sich, dass die bereits benannte Kernpraxis der Positionierung auch die „Formationsregel für das gesamte Feld“ (105) darstellt, d.h. alle müssen oder wollen sich immer positionieren. Positionierungen ziehen das Problem der Gegenpositionierung nach sich, was zu selbstbezogenen Handlungsmustern führt. Außerdem fällt Kastein eine häufige Verwendung von Metaphern durch ihre Interview-Partner_innen auf. Es wird durch wilde Gewässer manövriert und unbekannte Pfade werden beschritten, auf Graden wird balanciert und „Achsen der Ungleichheit“ müssen ausbalanciert werden. Kastein kann mit Hilfe einer Metaphernanalyse zeigen, dass Männerpolitik darin als „dynamisch, instabil, eher fremd- als selbstbestimmt, eher individuell als kollektiv, unabgeschlossen und suchend“ symbolisiert wird. Gesellschaft wird als „das Außen, als übermächtig, unberechenbar und tonangebend imaginiert“. Die „Grenze zwischen dem Innen und dem Außen“ (154) werden in den Bildern immer wieder als zentral hervorgehoben. In der Gefäßmetapher als dem Sinnbild für diese Innen-Außen-Konstruktion werde deutlich, dass die gleichstellungsorientierte Männerpolitik sich nicht als Teil einer „größeren, etablierten Geschlechterpolitik“ (159) sehen kann und sich auf die Rolle der Beobachtung und des Bewertens beschränke. Hierin kann eine Politikform des Lavierens gesehen werden, in der es den Akteur_innen wieder darauf ankommt, sich nach allen Seiten abzusichern.

Im letzten Kapitel macht Kastein zwei strategische Vorschläge für gleichstellungsorientierte Männerpolitik, die an bereits bestehende Praxen anknüpfen: „Selbstmarkierung“ und „Deprivilegierung als Bündnisstrategie“. Die Strategie der Selbstmarkierung knüpft an die bereits mehrfach erwähnte Kernpraxis der Positionierung an. Kastein wiegt ab, welche Aspekte dieser kompensatorischen Praxis sinnvoll sein könnten und kommt zum zunächst simplen Ergebnis, dass alles Reflektieren objektiv nicht aus der Position der Dominanz heraushilft, solange es Diskriminierung(sverhältnisse) gibt. Vielmehr, so überlegt Kastein, sollten gleichstellungsorientierte Männer, die ihnen von „außen auferlegte Definition der Nichtmarkierung in ihre Selbstrepräsentation aufnehmen und strategisch zum Einsatz bringen“ (207). Das hieße, sich unabhängig von der Frage eigener Betroffenheit von Diskriminierung und angesichts eigener Privilegierung, für eine diskriminierungskritische Perspektive einzusetzen und zugleich die jeweils unterschiedlichen Perspektiven je nach gesellschaftlicher Position von vornherein mit zu berücksichtigen. Eine solche Perspektive könnte eine Grundlage dafür sein, sich in ein Projekt geschlechtlicher und sexueller Vielfalts- und Gleichsstellungspolitiken jenseits bloßer Identitätspolitik einzuschreiben, ohne jedoch die eigene Position zu leugnen.

Zum zweiten macht Kastein den Vorschlag, gleichstellungsorientierte Männerpolitik solle sich mit Bewegungen rund um eine Postwachstumsperspektive verbinden, geht es doch bei beiden Perspektiven um eine Politik der Deprivilegierung. Es gehe darum, Privilegien abzubauen, wie sie sowohl mit einer „imperialen Lebensweise“ verknüpft sind (Brandes/​Wissen 2017) als auch mit einer vorherrschenden Männlichkeit. Geht es um den Abbau männlicher Privilegien, dann gehe es um individuelle wie strukturelle Umverteilungen aller Aspekte des Lebens, z.B. von „Freizeit, Erwerbstätigkeit, politische Macht und sozialstaatliche Leistungen“. Gleichstellungsorientierte Männerpolitik, so zeigt Kastein, hat bereits einige Praxen der Deprivilegierung und Umverteilung entwickelt, die weiter ausgebaut werden sollten und für weitere Bündnispolitiken genutzt werden können.

Fazit

Zum Thema gleichstellungsorientierte Männerpolitiken liegen bisher eher programmatische Arbeiten vor. Kastein legt meinen Kenntnisstand nach eine erste wissenssoziologische Diskursanalyse vor, die es erlaubt, das handlungsleidende, diskursiv-praktische Wissen der Akteur_innen wahrzunehmen, aus dem sich wiederum politische Handlungs- und Diskursstrategien neu verstehen lassen. Die Frage, wie weiße, heterosexuelle Männer aus ihrer gesellschaftlich dominanten Positionierung heraus an diskriminierungskritischen Politiken teilhaben können, geht dabei über das benannte Feld der Männerpolitik hinaus und betrifft Fragen emanzipativer Bündnispolitiken im Allgemeinen, wie sie auch in feministischen und rassismuskritischen Diskussionen über z.B. eine „Idee der Hegemonie(selbst)kritik“ zu finden sind. Ein Zusammenführen dieser Diskussionen und Praktiken ist wünschenswert und würde ganz und gar der Idee Kasteins Arbeit entsprechen. Diesbezüglich ist sicherlich auch wünschenswert, für weitere Untersuchungen im Feld der Männerpolitik das Sample zu erweitern und z.B. Männer mit Rassismuserfahrungen und/oder heteronormativitätskritischen Perspektiven stärker zu berücksichtigen. 

Für eine vielfalts- und gleichstellungsorientierte Geschlechterpolitik wäre eine deutlich hörbare männerpolitische Position wünschenswert, die Männer adressiert und auch von Männern (mit)getragen wird, die sich aber nicht auf Gruppen (weißer) Cis-Männer beschränkt, sondern vor allem auf neue Bündnispolitiken abzielt. Das heißt nicht, dass die Stimmen laut werden und mit Universalitätsanspruch auftreten müss(t)en. Vielmehr kann eine gleichstellungsorientierte Männer- und Männlichkeitenpolitik in der aktiven Berücksichtigung verschiedener, gesellschaftlich nicht-dominanter Geschlechter-Positionen möglicherweise eine Qualität entwickeln, die als Stärke begriffen werden kann. Mara Kasteins Buch stellt eine analytische Grundlage dafür dar und ist in diesem Sinne erkenntnisbringend für Menschen, die an der Weiterentwicklung gleichstellungsorientierter Männer- oder Männlichkeitenpolitik sowie an neuen Bündnispolitiken in Sachen sexuelle und geschlechtliche Vielfalts- und Gleichstellungspolitiken sowie diskriminierungskritischen Bewegungen interessiert sind.

Literatur

Brand, U./Wissen, M. 2017: Imperiale Lebensweise. München


Rezensent
Olaf Stuve
Dipl. Soziologe, tätig im Arbeitsbereich Didaktik der politischen Bildung am Institut für Politikwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olaf Stuve. Rezension vom 12.11.2019 zu: Mara Kastein: Gleichstellungsorientierte Männerpolitik unter Legitimationsdruck. Eine wissenssoziologische Diskursanalyse in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. ISBN 978-3-86388-804-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25532.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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