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Andreas Foitzik, Marc Holland-Cunz u.a.: Praxisbuch diskriminierungs­kritische Schule

Cover Andreas Foitzik, Marc Holland-Cunz, Clara Riecke: Praxisbuch diskriminierungskritische Schule. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 271 Seiten. ISBN 978-3-407-25805-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Pädagogik
Die Rezension bezieht sich als Doppelrezension auch auf Andreas Foitzik, Lukas Hezel (Hrsg.): Diskriminierungskritische Schule. Einführung in theoretische Grundlagen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-407-25804-5.
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Thema

Schule ist zentral für Integrations- und Inklusionsprozesse, aber auch für Ausgrenzung und Verfestigung sozialer Ungleichheit. Daher kommt dem Thema Antidiskriminierung in der Schule eine große Bedeutung zu, die für viele Ebenen der Institution relevant ist: für Schulleitungen und Träger, für Lehrer*innen und Schüler*innen, für die Schulsozialarbeit und auch für Perspektiven auf Schule wie beispielsweise Öffnung von Schule oder Schule als lernende Organisation. Diese Aspekte sind Thema der beiden vorliegenden Bände, Andreas Foitzik hat mit unterschiedlichen Kollege*innen einerseits einen Theorieband zu theoretischen Grundlagen einer diskriminierungskritischen Schule und einen entsprechenden Praxisband dazu herausgegeben.

Herausgeber*innen

Die Herausgeber*innen kommen aus der Wissenschaft oder außerschulischen Bildung. Andreas Foitzik ist Pädagoge, hatte lange im Bereich Migration für die Bruderhaus Diakonie in Reutlingen gearbeitet und ist als Trainer und Berater im Feld von Antidiskriminierung und Rassismuskritik tätig. Er hat den Theorieband zusammen mit Lother Hazel, einem Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg herausgegeben. An dem Theorieband haben 30 Autor*innen aus dem Bereich Diskriminierung und Rechtsextremismusprävention mitgewirkt, darunter sind prominente Wissenschaftler*innen wie beispielsweise der Sozialwissenschaftler Kurt Möller; Lehrer*innen wie beispielsweise Gabi Elverich; Antidiskriminierungsexpert*innen wie beispielsweise Vera Egenberger und rassismuskritische Erziehungswissenschaftler*innen wie beispielsweise Inci Dirim. An dem Praxisband haben neben Andreas Foitzik der Sozialwissenschaftler Marc Holland-Cunz und die Soziologin und Bildungsarbeiterin Clara Rieke mitgearbeitet,

Entstehungshintergrund

Beide Bücher sind im Kontext eines mehrjährigen Projektes entstanden, das von Diakonie Bruderwerk Reutlingen und dem Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland realisiert wurde. Thema waren verschiedene Aspekte von Interkultureller Öffnung in der außerschulischen und schulischen Bildungsarbeit, das Projekt trug den Titel „IKÖ ³ – eine neue Dimension für Öffnungsprozesse in Verwaltungen, Bildungseinrichtungen und (Migranten) vereinen“ und wurde in Baden Württemberg 2015–2018 durchgeführt und vom EU Flüchtlingsfonds AMIF gefördert.

Aufbau

Die Bände geben Projektergebnisse nicht linear wieder und sind eher als ein Projektergebnis selbst zu verstehen. Im Theorieband erscheinen Beiträge vieler Auroren, die an verschiedenen Stellen an dem Projekt mitgearbeitet haben oder als Ressource zur Verfügung standen. Viele Theorieteile sind daher in Form eines Interviews oder als Gesprächsprotokoll eines Round-Table-Gesprächs geschrieben. Im Theorieband geht es im ersten Teil um Theoretische Zugänge, zunächst allgemein um Diskriminierung und Diskriminierungskritik, den Ansatz der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und der pauschalisierenden Abwertungskonstruktionen und um Empowerment. Im zweiten Teil werden Forschungsergebnisse Diskriminierungserfahrungen dargestellt, zwei weitere Kapitel beschäftigen sich mit Rechtextremismus und rechtsaffinen Jugendlichen und die Bedeutung der Schule dafür. Im dritten Teil werden Konzepte zu Antidiskriminierung in der Schule dargestellt.

Das Praxisbuch enthält auch noch mal eine ganz kurze Einführung in theoretische Grundlagen der Diskriminierung, und beschreibt anschließend Grundsätze für eine diskriminierungskritische Schule, die als Schule der Anerkennung verstanden wird. In den folgenden zwanzig Handlungsfeldern werden die eigentlichen praktischen Tipps gegeben, sie sind nicht als Module sondern nach einem mehr oder weniger einheitlichen Raster aufgebaut: Vorfälle (mit praktischen Beispielen), Reaktionen (mit Erfahrungsberichten), Vorschläge/Hilfen. Die einzelnen Handlungsfeldkapitel beispielsweise zu Interventionen bei diskriminierender Sprache, Umgang mit institutioneller Diskriminierung oder Gestaltung von Beschwerdeverfahren sind sehr lebendig gestaltet, vom Lay Out her sehr vielfältig und übersichtlich gemacht, sodass zwischen Beispielen, Handlungsoptionen, Theorien oder Konzepten optisch klar unterschieden werden kann. Am Ende jedes Handlungsfeldkapitels steht eine ausführliche Materialliste mit weiterführenden theoretischen und praktischen Materialien. Der zweite Praxisteil ist mit Entwicklungsfelder überschrieben und benennt verschiedene Bereiche der Organisationsentwicklung in der Schule, die für die Umsetzung diskriminierungskritischer Ansätze relevant sind, wie Schulentwicklung oder Teamentwicklung. Abschließend werden Elemente einer Antidiskriminierungskonzeption vorgestellt. Ein Glossar und ein ausführlicher Adressteil runden den Band ab.

Inhalt

Theorie- und Praxisband ergänzen sich und sind inhaltlich aufeinander abgestimmt, können aber auch voneinander unabhängig gelesen und eingesetzt werden.

Diskriminierungskritische Schule wird in beiden Bänden als Schule mit einer Kultur der Anerkennung verstanden. Damit ist eine Schule gemeint, in der Differenzen weder zu Ungleichheit, Benachteiligung, noch zu Segregation oder Stigmatisierung führen. Daher sind theoretische Zugänge zu dem Ansatz gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und der kritischen Weiterentwicklung dieses Ansatzes durch das Konzept der Pauschalisierenden Abwertungskonstruktionen von Kurt Möller in dem Band enthalten. Antidiskriminierung wird zwar auch in seiner rechtlichen Dimension dargestellt und als ein Schutzsystem verstanden, aber mit dem Ziel konzipiert, die Handlungsfähigkeit von potentiell und real Betroffenen zu erhalten, wiederherzustellen oder zu erweitern. Daher geht auch ein Beitrag zu Empowerment in den Theorieband ein.

Diskriminierungskritik wird für die Schule einerseits als ein Querschnittsthema betrachtet: daher ist der Praxisband in so viele verschiedene Handlungsfelder, von institutionellem Rassismus zum Beschwerdemanagement, ausdifferenziert. In dem Praxisband geht es in allen Kapiteln daher eher darum, für das Thema zu sensibilisieren, es sichtbar werden zu lassen, Räume für Reflexion und für Handlungsoptionen zu schaffen. Der Zugang ist also eher allgemein und umfassend, obwohl die Beispiele und Handlungsoptionen sehr konkret sind. Anderseits wird diskriminierungskritische Schule auch als ein Projekt verstanden, hier gibt der Teil Entwicklungsfelder einer diskriminierungskritische Schule viele Anregungen für gezielte konkrete Projekte.

Obwohl einerseits Diskriminierung gerade im Kontext ethnischer Differenzierung in ihrer Relevanz für Bildungsungleichheit und damit gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen im Fokus steht, nimmt aus gegebenen Anlass Rechtsextremismus einen breiten Raum ein. So wird einerseits in dem Theorieband der Zusammenhang zwischen ethnisch begründeter Diskriminierung und Bildungsbenachteiligung erläutert, beispielsweise im Gespräch mit der Erziehungswissenschaftlerin Christine Riegel. Im Theorieband werden aber auch ausführlich Theorien zu Rechtsextremismus, rechtsextrem affinen Jugendlichen, das Arbeiten der rechten Szene und gender Aspekte im Rechtsextremismus ausführlich rezipiert und in vielfacher Form auf Schule als Institution bezogen. 

Thematisierung von Differenzen wird in beiden Bänden kritisch gesehen, da dies in der Gefahr steht, Differenzen zu reproduzieren und Betroffene zu stigmatisieren. Aus diesem Grund werden die verschiedenen Diversitätsdimensionen, die auch der Diskriminierungsgesetzgebung zugrunde liegen wie gender, Behinderung, Ethnizität, Religion und sexuelle Orientierung nicht eigens dargestellt. Sie sind aber gut in den beiden Bänden gestreut, in verschiedenen Kapiteln finden sich kursorisch theoretische Hinweise oder Praxisbeispiele zu den einzelnen Diversitätsdimensionen, sodass keine alleine im Vordergrund steht.

Der Theorieband ist schon wissenschaftlich geschrieben aber dennoch sehr gut lesbar, da viele Beiträge als Interviews oder Round Table Gespräche verfasst sind.

Der Praxisband enthält keinen Handwerkskasten, ist aber sehr praxisnah und sehr handlungsorientiert geschrieben. Aktionen werden nicht als Anweisungen dargestellt sondern Aktivitäten werden immer als Möglichkeiten beschrieben und als Handlungsoptionen dargestellt und als Option auch jeweils begründet. So sind viele Anregungen aus den Handlungsfeldern gut übertragbar. Es seinen zwei Beispiele dargestellt: In dem Praxisband wird eine Situation geschildert, wie ein Schüler im Rollstuhl auf dem Schulhof gehänselt und aufgrund seiner Behinderung geärgert wird. Auf die Intervention von Lehrer*innen hin sagen die Täter*innen wie der betroffene Schüler selbst, dass sei doch nur Spaß gewesen und nicht ernst gemeint. Der Betroffene selbst will kein Gespräch weder mit dem Lehrer noch Vertrauenslehrer und akzeptiert nur ein Gespräch in der Schulsozialarbeit. Hier stellt sich heraus, dass es sich um durchaus bedrückende und leidvolle Diskriminierungserfahrung handelt. Der Schüler lehnt aber alle weitergehenden Interventionen zu seiner „Hilfe“ ab, denn er will nicht abgesondert und nicht durch eine entsprechende Intervention zu seinen Gunsten stigmatisiert werden. Die Handlungsoptionen beziehen sich hier eher auf reflexive Ansätze, inwiefern es wichtig ist, Dinge zu sehen und zu erkennen, wie und wo diese thematisiert werden, und wann es wichtig ist, wichtig Grenzen von Interventionen zu sehen, welche Bedeutung diese haben können etc.

In einem anderen Kapitel wird eine Situation geschildert, in der ein Schüler bei einer sozialen Maßnahme es ablehnt, seinen Putzdienst zu leisten, da dies angeblich in seiner Kultur keine Aufgabe für Männer sei. Auch hier wird reflektiert, was der Kern des Konflikts sei – nämlich eine Auseinandersetzung über genderrollen und welche Gefahr eine Kulturalisierung des Konflikts beinhaltet. Mit dem Hinweis, in der deutschen Kultur sei aber üblich, dass Männer fegen, werde nämlich einerseits die Fiktion einer einheitlichen deutschen Kultur erzeugt und diese als überlegen dargestellt – real aber stellen Auseinandersetzungen über Hausarbeit und Geschlechterrollen eine wichtige Realität in Deutschland dar. Mit dem Hinweis, die eigene Kultur des Schülers sei abzulehnen, weil patriarchal, werde diese ebenso als homogen konstruiert und der Schüler stigmatisiert. Als Alternative wird eine von kulturellen Bezügen unabhängige Auseinandersetzung über Geschlechterrollen vorgeschlagen.

Diskussion

Beide Bände sind gut aufeinander abgestimmt und enthalten eine Fülle von qualitativ hochwertigen und nützlichen theoretischen und praktischen Informationen. Gut ist der sehr umfassende Zugang, so geht es beispielsweise im Praxisband in einem Kapitel auch um Reaktionen der Schule auf Diskriminierung in ihrem Umfeld oder um Reaktionen der Schule auf Abschiebungen von Schüler*innen.

Die politischen und normativen Voraussetzungen, die im Konzept diskriminierungskritische Schule enthalten sind, werden immer wieder deutlich gemacht und in der Diskussion oder Anwendung immer wieder neu eingeholt. Sie werden aber selbst nicht zur Debatte gestellt. Dadurch wirken manche Teile etwas oberlehrerhaft oder moralisierend. Dies wird aber durch die Vielfalt von Perspektiven und Zugängen jedoch immer wieder relativiert. Der Bereich Reaktionen von Betroffenen – wie coping Strategien oder Selbstorganisation – wird aber insgesamt sehr wenig ausgeführt und thematisiert, was wünschenswert wäre, da sich zum Thema Umgang von Betroffenen mit Rassismus oder Diskriminierung mittlerweile auch ein eigener Forschungs- und Entwicklungsfeld etabliert hat.

Fazit

Das Thema diskriminierungskritische Schule steht am Anfang seiner Diskussion und Umsetzung und stellt ein wichtiges Forschungs- und Entwicklungsfeld dar. Beide Bände liefern notwendige theoretische und hilfreiche praktische Konzepte in dem Feld und müssten bei jedem Träger in der schulischen und außerschulischen Bildung zu finden sein. Sie enthalten auch wertvolle Anregungen für die Ausbildung von Pädag*innen und für die Hochschullehre und dürfen in keiner Bibliothek der entsprechenden Einrichtungen fehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 11.05.2020 zu: Andreas Foitzik, Marc Holland-Cunz, Clara Riecke: Praxisbuch diskriminierungskritische Schule. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-407-25805-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25537.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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