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Klaus Seifried, Stefan Drewes u.a.: Handbuch Schulpsychologie

Cover Klaus Seifried, Stefan Drewes, Marcus Hasselhorn: Handbuch Schulpsychologie: Psychologie für die Schule. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 2., vollst. überarb. Aufl. Auflage. 500 Seiten. ISBN 978-3-17-026129-7. 50,00 EUR.
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Thema

Das Handbuch Schulpsychologie widmet sich den vielfältigen Aufgabengebieten, die SchulpsychologInnen bearbeiten. Es vermittelt ein grundlegendes Verständnis der schulpsychologischen Arbeit und ihrer wissenschaftlichen Grundlagen und schafft einen Überblick über das diagnostische Vorgehen und Präventions- bzw. Fördermöglichkeiten bei verschiedenen Störungen bzw. Förderschwerpunkten. Zudem werden Fragen der Lehrerprofessionalisierung und Unterrichtsqualität beleuchtet.

AutorInnen

Das Team des Herausgeberbands umfasst insgesamt 56 AutorInnen. Es besteht einerseits aus WissenschaftlerInnen mit Expertise in pädagogischer Psychologie, psychologischer Diagnostik, Bildungsforschung und Sonderpädagogik. Andererseits stammen zahlreiche Beiträge von praktisch tätigen SchulpsychologInnen.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile untergliedert. Im ersten Teil werden historische, rechtliche und wissenschaftliche Grundlagen der Schulpsychologie und ihre Arbeitsfelder besprochen. Der zweite Teil fokussiert SchülerInnen und thematisiert das diagnostische Vorgehen und die Fördermöglichkeiten von SchülerInnen mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen. Im dritten Teil liegt der Schwerpunkt auf der Lehrkräfteprofessionalisierung und LehrerInnengesundheit sowie auf der Schul- und Unterrichtsqualität.

Inhalt

Der erste Teil des Herausgeberbandes trägt den Titel „Grundlagen“. Stefan Drewes beschreibt im einführenden Kapitel die historische Entwicklung der Schulpsychologie in Deutschland – beginnend bei der Geburtsstunde in den 1920-er Jahren bis zu aktuellen Herausforderungen in den 2000-er Jahren infolge des Amoklaufs in Erfurt. Drewes schildert u.a. die Herausbildung einer systemischen Sichtweise in der Schulpsychologie, die ab der 1980-er Jahre nicht mehr ausschließlich auf SchülerInnen fokussierte, sondern auch verstärkt Lehrkräfte, Familien und schulische Bedingungen in Beratungsprozesse miteinbezog. Im zweiten Kapitel stellen die Herausgeber vor, welche Teildisziplinen der Psychologie für die Schulpsychologie relevant sind und beschreiben, wie ein hypothetisch-deduktives Denken (Wenn A, dann B.) im schulpsychologischen Alltag angewandt wird, um konditionale Probleme zu lösen. Im dritten Kapitel stellt Drewes die vielfältigen Aufgabenfelder der SchulpsychologInnen vor, die von der schülerzentrierten Beratung, über systembezogene Angebote für Klassen, Lehrkräfte und Institutionen bis zur Mitarbeit in Projektgruppen und Gremien im Bildungsbereich reichen. Er unterstreicht dabei die Freiwilligkeit, Kostenfreiheit, Allparteilichkeit und den Grundsatz der Schweigepflicht als wesentliche Arbeitsprinzipen der Schulpsychologie. Welche Rahmenbedingungen in den verschiedenen Bundesländern für die Arbeit der SchulpsychologInnen vorliegen und, wie sich die Aufgaben und die Versorgungsstrukturen in den Bundesländern unterscheiden, wird anschaulich dargelegt. Anhand einiger Praxisbeispiele werden im vierten Kapitel die Aufgaben von an der Schule tätigen SchulpsychologInnen und deren Kooperation mit externen Beratungsdiensten noch detaillierter vorgestellt. Fiege und KollegInnen benennen im fünften Kapitel typische schulpsychologische Forschungsfragen, die entweder die individuelle Ebene betreffen können – wenn bspw. nach den Lernpotenzialen von SchülerInnen mit ADHS gefragt wird – oder die Klassen-, Schul-, und Systemebene in den Blick nehmen, bspw. wenn beantwortet werden soll, was gelingenden Unterricht auszeichnet. Auch Forschungsdesigns, mit denen WissenschaftlerInnen diese Fragen untersuchen, werden beschrieben. Für Psychologiestudierende und an Schulpsychologie Interessierte dürfte auch das sechste Kapitel interessant sein, in dem rechtliche Fragen aufgeworfen werden und insbesondere auf Schweigepflicht und Datenschutz eingegangen wird. So wird bspw. die Frage geklärt, unter welchen Umständen SchulpsychologInnen von der Schweigepflicht befreit sind. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Qualitätssicherung und der Evaluation von schulpsychologischen Angeboten. Es macht deutlich, dass verschiedene Wirksamkeitsdimensionen betrachtet werden können, wie die Qualität der Strukturen (bspw. „Wie lange sind die Wartezeiten für eine schulpsychologische Beratung?“) und der Ergebnisse (bspw. „Inwiefern erhöht sich das Wohlbefinden von Lehrkräften nach der Beratung?“). In den beiden abschließenden Kapiteln werden die spezifischen Aufgaben der Schulpsychologie in der inklusiven Schule vorgestellt und die Ausbildung, Arbeitsfelder und Versorgung mit SchulpsychologInnen in Deutschland mit der Situation der Schulpsychologie in anderen Ländern verglichen. Eindrücklich ist dabei u.a. der Betreuungsschlüssel: Während eine SchulpsychologIn in der Schweiz und in Dänemark weniger als 1.000 SchülerInnen betreut, ist eine SchulpsychologIn in Deutschland für mehr als 10.000 SchülerInnen zuständig.

Im zweiten Teil des Handbuchs werden schülerzentrierte Beratungsanlässe in den Blick genommen. Im einführenden Kapitel stellen Gold und KollegInnen die Diagnostik von schulischen Leistungen, Lernvoraussetzungen, Lernstörungen und Verhaltensauffälligkeiten als zentrale Inhaltsbereiche der schulpsychologischen Diagnostik vor. Die AutorInnen beschreiben zudem Trends in der schulpsychologischen Diagnostik, bspw. die Entwicklung von der Platzierungsfeststellung – die häufig mittels einer einmaligen Intelligenztestung erreicht wurde – hin zur förderorientierten Diagnostik. Im zweiten Kapitel wird ein Fallbeispiel aus der Praxis genutzt, um Testverfahren der Intelligenzdiagnostik, deren Interpretation, Möglichkeiten und Grenzen aufzuzeigen. Auch Fallstricke bei der Intelligenzdiagnostik werden dargelegt. Im dritten Kapitel erfahren LeserInnen, welche Konzepte und Anwendungsmöglichkeiten der Lernverlaufsdiagnostik vorliegen und erhalten Einblick in Befunde zur Wirksamkeit der Lernverlaufsdiagnostik. Der Verhaltensverlaufsdiagnostik widmet sich das vierte Kapitel. Es stellt das Prinzip des Direct Behavior Rating dar, bei dem das Verhalten eines Kindes von SchulpsychologInnen auf einer Ratingskala bewertet wird. Die Gestaltung und Nutzung solcher Skalen für die schulpsychologische Beratung wird erklärt und durch Abbildungen veranschaulicht. Unter der Überschrift „Das Lernen lernen“ stellt das fünfte Kapitel die Elemente (bspw. Lernplanung, Konzentrationssteuerung und Selbstmotivierung) und die Wirksamkeit von Lernstrategietrainings dar. In den folgenden Kapiteln werden die charakteristischen Merkmale von Hochbegabung, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Lese-Rechtschreibstörungen und Rechenschwäche beschrieben und das diagnostische Vorgehen und die Fördermöglichkeiten dargelegt. Im zehnten und elften Kapitel werden die verschiedenen sonderpädagogischen Förderschwerpunkte sowie verschiedene psychische Störungen erläutert und erklärt, inwiefern solche Störungen zu Schulabsentismus führen und welche therapeutischen Ansätze der Schulverweigerung entgegenwirken können. Auch die beiden anschließenden Kapitel beschäftigen sich mit der Prävention von Schulabsentismus und Mobbing und mit Interventionsansätzen, die dazu beitragen können, dass SchülerInnen die Schule wieder besuchen und Mobbing unterbunden wird. Das vierzehnte Kapitel erklärt das Phänomen der Resilienz und beschreibt, wie insbesondere individuelle Ressourcen so gestärkt werden können, dass SchülerInnen auftretenden Widrigkeiten möglichst optimal begegnen können. Im folgenden Kapitel wird ein Überblick über psychologische Interventionsprogramme zur Förderung von kognitiven Fähigkeiten und sozio-emotionalen Kompetenzen gegeben, die sich für den Einsatz in der Schule eignen. Im sechzehnten Kapitel werden die besonderen Perspektiven und Erfahrungen beschrieben, die SchülerInnen mit Migrationsgeschichte auszeichnen und praktische Hinweise für die schulpsychologische Beratung dieser SchülerInnengruppe gegeben. Welche Unterschiede weibliche und männliche SchülerInnen im Selbstkonzept, im Lernverhalten und im Sozialverhalten zeigen, stellt Kessels im siebzehnten Kapitel dar. Die Autorin erläutert, inwiefern sich solche Unterschiede durch eine identitätskongruente Nutzung schulischer Angebote erklären lassen und gibt einen guten Überblick über pädagogische und fachdidaktische Konzepte, die eine geschlechtergerechte Bildung ermöglichen können. Das abschließende Kapitel widmet sich Stress und Leistungsängsten in der Schule und stellt Ursachen, Präventions- und Interventionsstrategien dar.

Die Lehrkräfte und das „System Schule“ stehen im Mittelpunkt des dritten Teils des Handbuchs Schulpsychologie. Im einführenden Kapitel werfen Kunina-Habenicht und Kolleginnen die Frage auf, was eine gute LehrerIn ausmacht. Sollten erfolgreiche Lehrkräfte bestimmte „angeborene“ Persönlichkeitsmerkmale besitzen (Persönlichkeitsansatz) oder kann die Fähigkeit, erfolgreich zu unterrichten, im Rahmen der Lehramtsausbildung erlernt werden (kompetenzorientierter Ansatz)? In der aktuellen Forschung wird davon ausgegangen, dass (angehende) Lehrkräfte professionelle Kompetenzen erlernen können, wobei die persönlichen Voraussetzungen den Lernprozess beeinflussen. Welche Kompetenzen und persönlichen Voraussetzungen dafür relevant sind, wird überblicksartig vorgestellt und Implikationen für die schulpsychologische Arbeit werden abgeleitet. Im zweiten Kapitel führen Rakoczy und Klieme in die Forschung zur Unterrichtsqualität ein und stellen das Angebots-Nutzungsmodell sowie die drei zentralen Aspekte der Unterrichtsqualität (Klassenführung, kognitive Aktivierung, konstruktiv-unterstützendes Klima) vor. In den folgenden vier Kapiteln werden diese Aspekte der Unterrichtsqualität – auch mit Blick auf einen inklusiven Unterricht – näher beleuchtet. Das siebte Kapitel widmet sich der Mediation bei Schülerkonflikten und erörtert, wie soziale Kompetenzen von SchülerInnen optimal gefördert werden können, um Gewalt vorzubeugen. Die Kommunikationskompetenzen von SchulleiterInnen stehen im Mittelpunkt des achten Kapitels. In den beiden anschließenden Kapiteln werden die zentralen Voraussetzungen der psychischen Gesundheit von Lehrkräften besprochen und die vier arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster dargestellt, die in der Potsdamer LehrerInnenstudie identifiziert wurden. Welche medialen Angebote für die schulpsychologische Arbeit existieren, erfahren LeserInnen im elften Kapitel und erhalten Internetadressen, unter denen Online-Instrumente zur Diagnostik, Online-Beratungsangebote und Online-Trainingsprogramme verfügbar sind. Abschließend informiert das Handbuch in drei Kapiteln darüber, wie Supervision und Coaching in der Schule genutzt und erfolgreiche Strategien zur Gewaltprävention und zum Krisenmanagement an Schulen implementiert werden können. 

Diskussion

Dieses Buch eignet sich für interessierte Laien, aber auch für Studierende – insbesondere der Psychologie, der Erziehungswissenschaften und des Lehramts – die sich einen Überblick über die Arbeit von SchulpsychologInnen verschaffen wollen. Auch PsychologInnen und PädagogInnen, die bislang wenig Berührungspunkte mit der schulpsychologischen Arbeit hatten, können sich mit diesem Handbuch weiterbilden. Das Buch ist gut verständlich geschrieben. Einige Kapitel nutzen Fallbeispiele zur Veranschaulichung. Lediglich die Kapitelreihenfolge war nicht immer gut nachvollziehbar.

Das Buch ist auch deshalb für ein breites Lesepublikum interessant, weil sich praktisch orientierte Kapitel, die Handlungsempfehlungen geben, mit anderen Kapiteln abwechseln, die stärker beschreiben und erklären. LeserInnen, die sich tiefer in spezifische Aspekte der schulpsychologischen Arbeit einarbeiten wollen und weitergehende Literatur suchen, können dafür die in den Einzelkapiteln aufgeführten Referenzen nutzen.

Fazit

Das Buch vermittelt einen sehr guten und umfassenden Überblick über die vielfältigen Fragestellungen und Aufgabenbereiche der Schulpsychologie.


Rezensentin
Dr. Andrea Westphal
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Zitiervorschlag
Andrea Westphal. Rezension vom 10.04.2019 zu: Klaus Seifried, Stefan Drewes, Marcus Hasselhorn: Handbuch Schulpsychologie: Psychologie für die Schule. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 2., vollst. überarb. Aufl. Auflage. ISBN 978-3-17-026129-7.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25543.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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