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Kooperationskreis Ethik: Ethik in Einrichtungen der Sozialen Arbeit

Cover Kooperationskreis Ethik: Ethik in Einrichtungen der Sozialen Arbeit. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. 116 Seiten. ISBN 978-3-7841-3125-2. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

Traditionell zielt Ethik auf eine theoretische Erörterung und Begründung allgemeiner Prinzipien. Obwohl die Ethik sich als Praktische Philosophie versteht, gilt dieses Urteil, da die theoretischen Erörterungen die Haltungen der Rezipienten nur in einer sehr allgemeinen Weise in einem positiven Sinne beeinflussen sollen. Der vorliegende Band unternimmt darüber hinausgehend eine sehr präzise Durchbuchstabierung einer Transformation der Praxis. Dabei geht es nicht nur um Haltungen und Verhaltensweisen, sondern insbesondere die Veränderung von Organisationen im Sinne einer Institutionalisierung der Ethik

Herausgeber

Der Herausgeber, der Kooperationskreis Ethik, ist ein Zusammenschluss von Unternehmen der Sozialen Arbeit, die sich zum Ziel gesetzt haben, ethische Fragen der Pflege und Begleitung von Menschen gemeinsam professionell zu bearbeiten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus acht Kapiteln. In sechs Kapiteln behandeln verschiedene Autoren ethische Fragestellungen in Bezug auf direkte soziale Beziehungen und auf Organisationen. Das Buch wird eingeleitet durch einen grundsätzlichen Beitrag über die Relevanz der Ethik in der Sozialen Arbeit; es schließt mit einem Abschlussplädoyer.

Im Einzelnen handelt es sich um Beiträge zu den folgenden Themen:

  1. Relevanz der Ethik in der Sozialen Arbeit
  2. Dilemmabearbeitung
  3. Ethische Unternehmensführung in der Altenhilfe
  4. Ethische Unternehmensführung in der Behindertenhilfe
  5. Ethische Herausforderungen in caritativen Unternehmen
  6. Entwicklung zur WERTvolllen Caritas
  7. Ethik, Mäeutik und Betreuung
  8. Abschließendes Plädoyer

Das heißt:

  • Das erste Kapitel führt in die Thematik ein. Bernhard Preusche beginnt mit dem Negativszenario einer Sozialen Arbeit, die frei von Ethik ist. Klienten werden nicht gehört. Mitarbeiter reden sich ein, dass sie nichts tun können und die Ressourcen nicht reichen, um Klienten menschenwürdig zu behandeln. Coolout ist eine häufige Erscheinung, mit der Mitarbeiter der Sozialen Arbeit auf Grenzen bei der Realisierung moralischer Ansprüche reagieren. Oft wird auch Kollegialität und Teamgeist beschworen, um strukturelle Probleme – zu wenig Zeit oder zu wenig Ressourcen – auszugleichen. Ethik als Reflexion hat die Aufgabe zu klären, wie es zu moralischer Desensibilisierung, die es ermöglicht, Klienten wie Objekte zu behandeln, kommen kann. Häufig lösen auch Dilemmata Stress aus. Gerade hier ist ethische Beratung in der Sozialen Arbeit nötig. Soziale Unternehmen sollten einen ethischen Wertediskurs einführen. Dabei ist ein angemessener Ausgleich zwischen den allgemeinen Prinzipien und dem Einzelfall (Kasuistik) zu finden. Das Kapitel endet mit der praktischen Vision einer festen Verankerung ethischer Prinzipien und Reflexionen in der Praxis.
  • Im zweiten Kapitel von Martin Priebe wird die ethische Fallbesprechung als Werkzeug zur Dilemmabearbeitung dargelegt. Das Dilemma wird anhand einer Zwickmühle erläutert. Folgt man einem Wert, verstößt man gegen den anderen und umgekehrt. So will z.B. ein in der Pflege tätiger Mitarbeiter nicht mehr so wie bisher weitermachen. Aber die Qualitätsstandards fordern es, auch künftig so vorzugehen wie bisher. Die ethische Fallbesprechung ist ein strukturiertes Vorgehen, das die Visualisierung ins Zentrum stellt. Die entscheidenden Werte werden auf Flipcharts geschrieben. Bei einer ethischen Reflexion werden Handlungsoptionen durchgespielt und reflektiert. Die Vorgehensweise, die am besten mit den Werten kompatibel ist, soll favorisiert werden. Insgesamt erhöht die ethische Fallbesprechung die ethische Sensibilität.
  • Im dritten Kapitel stellt Alfons Maurer ethische Unternehmensführung in der Altenhilfe am Beispiel der Keppler-Stiftung dar. Die Bezugstheorie ist dabei die Care-Ethik in Anlehnung an Eliesabeth Conradi. Letztere geht nicht von festen Normen und Werten und auch nicht von der Autonomie des Subjekts im Sinne des Philosophen Kant aus, sondern von tatsächlichen Beziehungen. Fürsorgebeziehungen sind eine Realität und durch Reflexion dieser Realität lassen sich die normativen Ansprüche, die diesen Beziehungen innewohnen explizieren (vgl. Modell der Mäeutik nach van der Kooij in Kapitel 7). So lässt sich die Praxis verbessern. Care-Ethik zielt nicht nur auf den engen Rahmen der Beziehung, sondern erfasst auch die Rahmenbedingungen wie gesellschaftliche Normen oder das Recht. Care-Beziehungen sind asymmetrisch – der Bedürftige bedarf der Hilfe – und können sich nicht an dem orientieren, was wir einem freien Subjekt schulden. Der Andere ist in der Care-Beziehung eben kein freies Subjekt, sondern abhängiger und bedürftiger Anderer. Als Umweltbereiche für Care-Beziehungen identifiziert die Keppler-Stiftung Hierarchie, Markt, Zivilgesellschaft und Leitwerte der Gesellschaft. In allen Bereichen identifiziert die Stiftung Spannungsfelder, im Bereich des Marktes beispielsweise die Dominanz der Ökonomie im Gegensatz zu den inhaltlichen Ansprüchen guter Altenhilfe. Dieses Spannungsfeld wird im Fortgang des Beitrags mit dem Ziel einer Vermittlung zwischen Ökonomie und ethischen Ansprüchen weiter bearbeitet.
  • Das vierte Kapitel von Jürgen Kunze befasst sich mit der ethischen Unternehmensführung in der Behindertenhilfe. In diesem Zusammenhang wird das Leitbild des Hauses Lindenhof vorgestellt. In diesem Konzept steht die Autonomie des Menschen mit Behinderung im Zentrum. Dieser Anspruch wird anhand unterschiedlicher Spannungsfelder und Bereiche diskutiert. U.a.: Behindertenhilfe zwischen Fürsorge und Finanzierung, Inklusion, Finanzpolitik, Qualitätspolitik und Personal- und Tarifpolitik. 
  • Ethische Herausforderungen im caritativen Unternehmertum am Beispiel der Diözese Rottenburg-Stuttgart stehen im Zentrum des fünften Kapitels von Rainer Brockhoff. Dabei stehen arbeitgeber- und unternehmerverbandliche Strukturen im Mittelpunkt des Beitrages. Diese waren solange der gemeinnützige Sektor in der Tarifstruktur dem öffentlichen Dienst folgte, kein relevantes Thema. Aber die Umorientierung des sozialen Sektors von einer reinen Vergabe von Leistungen hin zum Sozialmarkt, generierte das neue Themenfeld. Das gut geführte caritative Unternehmen bildet so eine Herausforderung, die die Ansprüche, Anwalt hilfsbedürftiger Menschen zu sein (advokatorisch tätig zu sein), mit der Aufgabe das Unternehmen langfristig zu entwickeln und gleichzeitig gute Bedingungen für Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen, vermitteln soll. 
  • Im sechsten Kapitel wird durch Christina Riese und Werner Strube eine Brücke zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten geschlagen. Dabei gilt es, allgemeine Werte in die konkrete Arbeit zu übersetzen. Anhand des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg-Stuttgart wird der Weg vom Treffpunkt Ethik hin zur WERTvollen Caritas dargelegt. Der Treffpunkt Ethik hatte erst einmal die Aufgabe für ethische Themen zu sensibilisieren. Die Mitarbeiter wurden zu diesen Themen eingeladen. Die Teilnehmerzahl schwankte zwischen 12 und 25. Im Beitrag werden eine Veranstaltung zur Wohnungsnot und eine Veranstaltung zur Früherkennung von Trisomie 21 dargelegt. Darauf folgt die Vorstellung des Projekts WERTvolle Caritas. Hierbei soll es über die ethische Sensibilisierung hinausgehen: Ethik soll Teil von Regelabläufen werden. Methodisch werden die Werte von Mitarbeitern erfasst und in Seminaren eingebracht. Durch die praktische Umsetzung – z.B. Bau eines Zukunftshauses – können wertorientierte Denk- und Handlungsmuster verinnerlicht werden. Gleichzeitig generiert der Prozess Konzepte einer Strukturentwickelung.
  • Eine mäeutisches Pflege- und Beratungsmodell wird im siebenten Kapitel des Bandes von Ulrike Bayer und Alfons Maurer vorgestellt. Dabei steht Sokrates Pate, der seine Methode in Anlehnung an den Beruf seiner Mutter als Hebammenkunst (Mäeutik) bezeichnete. Es geht um die Aufdeckung des Impliziten, d.h. die Explizierung stummen Wissens. Im Gegensatz zu Sokrates akzentuiert der Ansatz der mäeutischen Pflege stärker den Bereich der Emotion. Es geht nicht darum, mehr Regeln zu setzen, um Personen vor Gefahren zu schützen. Es geht stattdessen um die positive Gestaltung des Alt-Seins. Dazu ist Kommunikation fundamental. Durch die Auslotung der Empathie und der Emotionen der Pflegenden sowie der nicht bewussten Wünsche und Sichtweisen alter Menschen kann eine Praxis kreiert werden, die ein „Gut altwerden“ (S. 106) ermöglichen.
  • Das achte Kapitel von Bernhard Preuschke und der Stiftung Liebenau bildet ein Abschlussplädoyer, in dem die Kernaussagen des Bandes nochmals zusammengefasst werden. Als wesentliche Elemente gelten der Diskurs (Ethik findet nicht im Kopf des Einzelnen statt) sowie die grundsätzlich Einsicht, dass ethische Probleme ein inhaltliches Spannungsfeld bilden. Orte, Zeiten und Prozesse sind nötige Voraussetzungen, dass das „Ethische“ in sozialen Einrichtungen verankert werden kann. Die Träger haben dabei advokatorische Verantwortung für ihre Klienten. Eine reine Orientierung an Regularien ist unzureichend. Entscheidend ist die Kommunikation, eine Beziehungsgestaltung, die „das Gute Leben“ für die zu versorgenden Menschen ermöglicht. Dabei spielen Empathie und Emotionen eine wichtige Rolle. Damit erfolgt eine Abgrenzung zu Ethiken, die sich vorrangig am Kognitiven orientieren.

Diskussion

Insgesamt folgen die einzelnen Beiträge einer bestimmten Logik: Ethik kann nicht nur als Kopfarbeit einzelner verstanden werden. Sie muss in den Strukturen der Einrichtungen, d.h. institutionell verankert werden. Kommunikation wird als Schlüssel verstanden, um über die reine Regelbefolgung hinaus eine gelingende Praxis zu etablieren. Dabei beziehen sich die Autorinnen und Autoren vorzugsweise auf einen ethischen Ansatz, der von Emotionen ausgeht. Diese gilt es in Gesprächen zu entfalten. Die entfalteten Gehalte eines emphatischen Wissens, das oft nicht bewusst ist, bilden dann eine Grundorientierung weiteren ethischen Handelns. Die Autorinnen und Autoren setzen primär auf die Care Ethik, die keine normativen Vorgaben von außen, z.B. durch moralische Prinzipien oder Werte, vorsieht. In einzelnen Beiträgen wird allerdings auch das autonome Subjekt als Bezugspunkt gewählt (z.B. im Beitrag von Jürgen Kunze). So bleibt es der Leserin bzw. dem Leser überlassen sich auch im Kontext der Mehrheitsmeinung innerhalb des Bandes an Alternativen in der theoretischen Orientierung anzuschließen.

Fazit

Der Band ermöglicht eine gute Orientierung zur Thematik. Zentrale Fragen auf der individuellen wie organisatorischen Ebene werden dargelegt und anhand von Beispielen erläutert. Das Buch enthält zahlreiche Anregungen, um ethische Strukturen in die eigene Praxis einzuführen und diese damit zu verbessern, d.h. eine über die Normerfüllung der gesetzlichen Regelungen hinausgehende gelingende soziale Arbeit mit Menschen in Abhängigkeiten zu etablieren.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 13.08.2019 zu: Kooperationskreis Ethik: Ethik in Einrichtungen der Sozialen Arbeit. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3125-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25549.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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