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Helga Fasching: Qualitätskriterien in der [..] Arbeitsassistenz

Rezensiert von Dr. Antje Ginnold, 10.01.2006

Cover Helga Fasching: Qualitätskriterien in der [..] Arbeitsassistenz ISBN 978-3-8258-7387-5

Helga Fasching: Qualitätskriterien in der beruflichen Integrationsmaßnahme Arbeitsassistenz. Unter besonderer Berücksichtigung von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2004. 226 Seiten. ISBN 978-3-8258-7387-5. 20,90 EUR.
Reihe: Forum Behindertenpädagogik - Band 10.

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Einführung in das Thema

Das Buch widmet sich der beruflichen Integration von Jugendlichen mit Lernbehinderung in Österreich. Sowohl in Österreich als auch in Deutschland sind diese Jugendlichen mit erschwerten Bedingungen und Problemen beim Übergang von der Schule in den allgemeinen Arbeitsmarkt konfrontiert. Im Mittelpunkt steht die berufliche Integrationsmaßnahme "Arbeitsassistenz", die Jugendliche mit Behinderung frühzeitig auf Arbeitsplätze in Betrieben platziert und dort qualifiziert und berät. Die Arbeitsassistenz stellt einer Alternative und/oder Ergänzung der berufsvorbereitenden Maßnahmen dar, die benachteiligte und behinderte Jugendliche häufig nach der Schule durchlaufen. Das bisher übliche Prinzip "erst qualifizieren, dann platzieren" wird durch die Arbeitsassistenz umgekehrt: Der/die Jugendliche wird zuerst platziert und dann auf diesem Arbeitsplatz qualifiziert. Es geht um Einstiegsmöglichkeiten in den allgemeinen Arbeitsmarkt für Jugendliche, die keine Ausbildung absolvieren wollen oder leistungsmäßig nicht können. Diese österreichische Maßnahme ist am ehesten mit den Angeboten der Integrationsfachdienste in Deutschland zu vergleichen, die es mittlerweile in jedem Agenturbezirk der Agentur für Arbeit gibt. Es geht um eine Integrationsberatung bezüglich beruflicher Perspektiven, um die Erstellung von Fähigkeitsprofilen, um die Arbeitsplatzakquisition und die Begleitung des Integrationsprozesses. Das österreichische Verständnis und pädagogische Konzept von Arbeitsassistenz darf jedoch nicht mit dem deutschen gleichgesetzt werden, sondern entspricht eher den Konzepten der Unterstützten Beschäftigung und der beruflichen Integrationsberatung. Außerdem unterscheidet es sich gravierend von dem, was in Deutschland im Sozialgesetzbuch IX rechtlich unter Arbeitsassistenz verstanden wird. Dort meint der Begriff eine persönliche Assistenz bzw. Unterstützung am Arbeitsplatz für Tätigkeiten, die eine Person aufgrund ihrer Behinderung nicht allein ausführen kann.

Dieses begriffliche Dilemma zieht sich durch das gesamte Buch. Eine klare begriffliche Definition für das österreichische Verständnis von Arbeitsassistenz, das diesem Buch zugrunde liegt, fehlt. Erschwert wird die Lektüre dadurch, dass Fasching überwiegend deutsche Literatur zitiert und sie kommentar- und kennzeichnungslos für die österreichische Situation adaptiert.

Entstehungshintergrund

Fasching veröffentlicht mit diesem Buch ihre Dissertation. Sie arbeitet an der Universität in Wien und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der beruflichen Integration von Jugendlichen mit Behinderung. Fasching war zuvor selbst als Beraterin in einem Projekt zur beruflichen Integration in Österreich tätig. Das Buch ist als Band 10 in der Reihe "Forum Behindertenpädagogik" erschienen, die von Prof. Dr. Ulrike Schildmann und Prof. Dr. Monika Schumann herausgegeben wird.

Aufbau und Inhalt

Fasching will mit ihrem Buch eine "Hilfestellung" für österreichische Arbeitsassistenzprojekte liefern. Ziel ist es, einen Überblick über bestehende Maßnahmen im Übergang Schule - Arbeitsleben in Österreich zu geben und am Modell der Arbeitsassistenz Möglichkeiten der beruflichen Integration von Jugendlichen mit Lernbehinderung in den allgemeinen Arbeitsmarkt aufzuzeigen. Auf der Grundlage einer Literaturanalyse erarbeitet Fasching Qualitätskriterien für die Maßnahme "Arbeitsassistenz". Das Buch gliedert sich in zwölf Kapitel.

  • Die Einleitung (Kapitel 1) führt in die Thematik ein, beschreibt das Forschungsvorhaben (Dissertation) und begründet die Eingrenzung der Zielgruppe und die Auswahl der Maßnahme "Arbeitsassistenz".
  • Im Kapitel 2 setzt sich Fasching mit dem Begriff "Lernbehinderung" auseinander. Sie arbeitet insbesondere deutschsprachige Literatur auf. Es geht zum einen um den sonderpädagogischen Förderbedarf, der bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung im Schulsystem diagnostiziert wird. Zahlen aus Österreich geben einen quantitativen Einblick und zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit Lernbehinderung die größte Gruppe der als behindert geltenden Personen im Schulsystem darstellen. Zum anderen referiert Fasching den Zusammenhang von Lernbehinderung und sozialer Benachteiligung. Außerdem verweist sie auf das Problem des Verschwindens des schulischen Förderstatus nach dem Ende der Schule. Die meisten lernbehinderten Jugendlichen haben keinen Grad der Behinderung und gelten somit nicht als "begünstigte Behinderte" (in Österreich) bzw. "Schwerbehinderte" (in Deutschland). Damit entfallen bestimmte Unterstützungsmöglichkeiten für die berufliche Integration.
  • Das Kapitel 3 erörtert die Problemlagen von Jugendlichen mit Lernbehinderung bezogen auf die berufliche Integration. Aufgrund einer Literaturanalyse identifiziert Fasching verschiedene Indikatoren, die den beruflichen Integrationsprozess beeinflussen: die Leistung und Persönlichkeit der Jugendlichen, ihr Berufswahlverhalten, die Arbeitsplatzfindung, das Geschlecht, das familiäre Umfeld, der Migrationshintergrund, die Einstellung der Betriebe und die Arbeitsmarktsituation.
  • Im Kapitel 4 beschreibt Fasching die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich, die für die berufliche Integration relevant erscheinen. Sie führt nationale Gesetze und Förderinstrumente ebenso auf wie europäische Förderprogramme. Hervorzuheben ist hier die so genannte Behindertenmilliarde der österreichischen Bundesregierung, die noch vor Einführung des Euro zahlreiche innovative Projekte zur beruflichen Integration von Menschen mit Behinderung förderte.
  • Die Kapitel 5 und 6 widmen sich den Maßnahmen für Jugendliche mit Lernbehinderung zur beruflichen Orientierung und Qualifizierung im Allgemeinen und der Arbeitsassistenz im Besonderen. Da das österreichische System der beruflichen Förderung erheblich übersichtlicher ist als das deutsche, reicht die kurze Darstellung. Zum Konzept dieses speziellen Angebotes zieht Fasching insbesondere die deutsche Literatur zur Unterstützten Beschäftigung und zur Evaluation der Modellprojekte von Integrationsfachdiensten heran. Sie beschreibt darüber hinaus die rechtlichen Rahmenbedingungen und Entwicklungen der Arbeitsassistenz in Österreich.
  • Da Fasching Qualitätskriterien für den Beratungsprozess in der Arbeitsassistenz herausarbeiten möchte, setzt sie sich im Kapitel 7 zunächst allgemein mit der Qualitätsforschung auseinander. Dabei geht es u.a. um den Kundenbegriff in der sozialen Arbeit, die Dimensionen von Qualität (Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität) und um Leitbilder in der Behindertenhilfe. Fasching entwickelt daraus den Analyserahmen zur Bestimmung von Qualitätskriterien in der Arbeitsassistenz, der sich auf die genannten Dimensionen bezieht. Sie betont, dass die Qualität des Beratungsprozesses aus weit mehr besteht als aus quantifizierbaren Vermittlungsergebnissen.
  • Im Kapitel 8 beschreibt Fasching die Leitbildprinzipien der Arbeitsassistenz. Sie macht diese an den Prinzipien Normalisierung und Selbstbestimmung fest sowie an der Förderung der Akzeptanz und Toleranz von Menschen mit Behinderung.
  • Das Kapitel 9 beschreibt ausführlich den Beratungsprozess der Arbeitsassistenz. Er ist in der ersten Phase gekennzeichnet durch die Klärung der Lebens- und Problemsituation der/des Jugendlichen und schließt Fragen der Berufsorientierung und eine Fähigkeitsanalyse ein. In der zweiten Phase geht es um die Strategien der Arbeitsplatzakquisition. Danach folgen die Vorbereitung der Arbeitsaufnahme und die Qualifizierung im akquirierten Betrieb. Der Prozess wird durch eine Phase der Nachbetreuung abgeschlossen. Fasching fasst am Ende des Kapitels die Qualitätskriterien des Beratungsprozesses noch einmal zusammen.
  • Gegenstand des Kapitels 10 sind die strukturellen Bedingungen der Arbeitsassistenz. Fasching versteht darunter zum einen die Qualifikationen, Kenntnisse und Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arbeitsassistenz. Zum anderen beschreibt sie strukturelle Bedingungen wie die Weiterbildung des Personals, die Dokumentation der Beratungsprozesse, die räumliche, personelle und sächliche Ausstattung der Maßnahme sowie die Dauer der Begleitung. Ein wichtiges Prinzip stellt die Freiwilligkeit bei der Inanspruchnahme des Angebotes dar.
  • Im Kapitel 11 referiert Fasching, wie unterschiedliche Beteiligte den Erfolg der Arbeitsassistenz bestimmen. Sie beleuchtet dabei die Perspektive der Wissenschaft, der Auftraggeber/Finanzgeber der Maßnahme und der Arbeitsassistenz selbst. Neben der Vermittlungsquote muss aus Sicht der Autorin auch die "prozessuale Dimension" berücksichtigt werden.
  • Im abschließenden Kapitel (12) fasst Fasching die wichtigsten Ergebnisse zusammen, in dem sie die Stärken aber auch die Schwächen der Arbeitsassistenz benennt. Daraus leitet sie Verbesserungsvorschläge für die Praxis ab und formuliert weiteren Forschungsbedarf.

Diskussion

Zielgruppe des Buches können pädagogische Fachkräfte der beruflichen Integration in Österreich und Deutschland sein, die Jugendliche mit Behinderungen auf ihrem Weg von der Schule in das Arbeitsleben unterstützen. Ebenso kann es sich an Studierende pädagogischer Fachrichtungen (allgemeine und Sonderpädagogik, Lehramt, Sozialarbeit) in höheren Semestern richten.

Die Schwierigkeit des Buches besteht in der begrifflichen Vermischung und fehlenden Trennung von österreichischem und deutschem System der beruflichen Förderung von behinderten Jugendlichen. Beide Systeme sind sehr unterschiedlich, was leider nicht deutlich wird. Aufgrund der überwiegend verwendeten deutschen Literatur bleibt vielfach unklar, was sich wirklich auf die österreichische Situation bezieht. Das Verständnis der Inhalte wird somit erschwert. Man muss sich entweder bereits in Österreich und Deutschland auskennen oder sich parallel zur Lektüre mit Hilfe angegebner Quellen vertiefend einarbeiten.

Das Buch basiert im Wesentlichen auf einer Literatur- und Konzeptanalyse. Die Beschreibungen gehen häufig nicht in die Tiefe. Zudem fehlen Praxisbeispiele. Sie hätten die Darstellung erheblich bereichern und das Besondere der Arbeitsassistenz verdeutlichen können.

Fazit

Das Buch kann nicht als Einsteigerbuch empfohlen werden. Für angehende oder praktizierende Fachkräfte enthält es jedoch einige gute Zusammenstellungen zum Konzept der Arbeitsassistenz. Wünschenswert wäre, dass dieses in Österreich etablierte Regelangebot auch in Deutschland stärker ausgebaut wird. Die Integrationsfachdienste leisten diese Arbeit bisher unzureichend und Modellprojekte wirken regional und zeitlich immer nur sehr begrenzt.

 

Rezension von
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Lehre und Forschung sowie als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin
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Es gibt 13 Rezensionen von Antje Ginnold.

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Zitiervorschlag
Antje Ginnold. Rezension vom 10.01.2006 zu: Helga Fasching: Qualitätskriterien in der beruflichen Integrationsmaßnahme Arbeitsassistenz. Unter besonderer Berücksichtigung von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2004. ISBN 978-3-8258-7387-5. Reihe: Forum Behindertenpädagogik - Band 10. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2555.php, Datum des Zugriffs 04.02.2023.


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