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Peter Hammerschmidt, Christian Janßen u.a.: Quantitative Forschung in der Sozialen Arbeit

Cover Peter Hammerschmidt, Christian Janßen, Juliane Sagebiel: Quantitative Forschung in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 172 Seiten. ISBN 978-3-7799-3960-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit.
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Entstehungshintergrund

Die Publikation erscheint in der von den Juliane Sagebiel und Peter Hammerschmidt herausgegebenen Reihe „Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit“. Mit der Reihe verbundenes Bestreben ist das Aufgreifen aktueller Diskussionsstränge Sozialer Arbeit. Die Beiträge dokumentieren zudem das Colloquium Soziale Arbeit der Hochschule München aus dem Sommersemester 2018.

Herausgebende und Autor/-innen

Der Sammelband wird von Juliane Sagebiel, Peter Hammerschmidt und Christian Janßen, alle haben eine Professur an der Hochschule München, verantwortet. Die weiteren AutorInnen kommen aus unterschiedlichsten Forschungskontexten und Instituten.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst insgesamt acht Beiträge. Die HerausgeberInnen führen zunächst in die Thematik ein. Die Einführung: Quantitative Forschung in der Sozialen Arbeit geht bereits in die Tiefe, indem die quantitative Forschung innerhalb der Wissenschafts- und Forschungstraditionen Sozialer Arbeit verortet wird. Herausgestellt wird dabei, dass die empirische Herangehensweise zumindest in Deutschland auf keine etablierte Tradition zurückblicken kann. Eine „Empirieabstinenz“ ist aber mittlerweile überwunden. Obwohl doch eine hohe Anzahl empirischer Arbeiten vorliegt und damit die Soziale Arbeit gegenwärtig zu hohem Maße empiriebasiert ausgestattet ist, wird doch ein Mangel an quantitativer Forschung benannt. Eine Begründung ist im Verstehen (wollen) jeweils individueller Fälle zu finden. Hier argumentieren die AutorInnen dagegen: „Immer dann, wenn es um die quantitative Beschreibung eines Phänomens oder einer Population geht, immer dann wenn es um Repräsentativität, Relevanz und Signifikanz z.B. auch der mit qualitativen Methoden gefundenen Erkenntnisse geht und immer dann, wenn es um korrelative bis hin zu kausalen Aussagen geht, kann die quantitative Methodik ihre Stärken gewinnbringend in die Soziale Arbeit einbringen“ (S. 14). Weiterführend stellen die AutorInnen die quantitative und die qualitative Sozialforschung gegenüber. Deutlich herausgestellt wird dabei, dass die Lagerbildung hinsichtlich der vertretenden Paradigmen der Vergangenheit angehört und ein Aufeinanderzubewegen und sogar ein Verzahnen der Methodologien aktuell spürbar ist. Abschließend wird in den Band bzw. die einzelnen Beiträge eingeführt.

Steffen Niemann gibt mit dem Beitrag Quantitative Sozialforschung – Eine Einführung einen Ein- und Überblick zu zentralen Begriffen und Erfordernissen eines quantitativen Forschungsprozesses. Themen sind hier u.a. Messen, Gütekriterien, Skalenniveaus, Fragebogenkonstruktion, Stichproben und Datenauswertung. Zusammen mit der Einführung der HerausgeberInnen schafft Niemann damit eine Grundlage für die weitere Lektüre durch unterschiedlich vorgebildete LeserInnen.

Andrea Buschner zeigt Potenziale und Grenzen der experimentellen Wirkungsforschung in der Sozialen Arbeit am Beispiel der Familienbildung auf. Hintergrund ist hier, dass die Soziale Arbeit einem Legitimationsdruck hinsichtlich des professionellen Handelns ausgesetzt ist und damit der Nachweis von „Wirkungen“ durch Kostenträger zunehmend eingefordert wird. Experimentelle Wirkungsforschung steht in der Methodenhierarche als sogenannter „Goldstandard“ weit oben, insofern sie die Anforderungen an ein „Randomized Controlled Trials-Design“ (RCT-Design) erfüllt. Buschner leitet auf der Grundlage dreier exemplarisch ausgewählter Evaluationsstudien zu Anforderungen der experimentellen Wirkungsforschung in der Familienbildung über. Resümierend konstatiert sie, dass mit einem anspruchsvollen RCT-Design zwar Aussagen zu Wirkungen unter kontrollierten Bedingen, nicht aber zum Wie, Weshalb und den Bedingungen selbst empirisch hergeleitet werden können. Damit ist eine Übertragbarkeit der Befunde auf dasselbe Angebot in anderen Konfigurationen und unter anderen Bedingungen nicht möglich. Dies führt letztlich dazu, dass der Praxis der Sozialen Arbeit kein in Handlungsperspektiven transformierbares Wissen verfügbar gemacht werden kann. Vor dem Hintergrund ausführlich dargelegter Grenzen einer alleinstehenden experimentellen Wirkungsforschung stellt die Autorin abschließend die Notwendigkeit eines aus Wissenschaft und Praxis gespeisten Wissenskorpus heraus.

Forschungsaktivitäten in der Kinder- und Jugendhilfe fokussiert Eric van Santen mit seinem Beitrag Quantitative Forschung in der Kinder- und Jugendhilfe – Zugänge, Akteure, Daten, Stand und Desiderate. Die aufgeworfene Frage, was denn Kinder- und Jugendhilfeforschung ist, findet dahingehend eine Antwort, dass die vielfältigen Varianten des Untersuchungsgegenstands eine methodische Vielfalt erforderlich erscheinen lassen. Van Santen arbeitet drei Grundtypen von Kinder- und Jugendhilfeforschung heraus. So stehen (1) subjektive Erfahrungen Einzelner, (2) das Handeln von Individuen innerhalb des organisationalen Rahmens und (3) das Organisationshandeln im Erkenntnisinteresse. AdressatInnen der Forschung sind sowohl Individuen als auch Organisationen, wobei letztere nur über RepräsentantInnen abgebildet werden. Sodann werden die Akteure der Kinder- und Jugendhilfeforschung, vorrangig Hochschulen, Verbände und Institute, benannt. Die Vielfalt der Finanziers von Forschung findet ebenso eine Darstellung. Weiter legt van Santen eine komprimierte Zusammenfassung bestehender Datenbestände vor. So liefern beispielsweise die Bundesstatistik, aber auch empirisch fundierte Jugendhilfeplanungen relevante Daten. Eine Datenvielfalt liegt demnach vor und kann auch im Rahmen von Sekundäranalysen Verwendung finden. Exemplarisch für die Felder Kindertagesbetreuung, Jugendarbeit und Hilfe zur Erziehung nimmt der Autor dann vertiefende Analysen zum Forschungsstand, aktuellen Diskussionssträngen und zu Forschungslücken vor. Im Resümee attestiert van Santen der Kinder- und Jugendhilfeforschung ein hohe Quantität, aber auch eine Komplexität hinsichtlich der Designs, wodurch bestehende Forschungslücken zu begründen sind. Aufgrund einer entstehenden Unübersichtlichkeit bestehender Befunde appelliert er: „Neue Forschung sollte zuvor die bisherige Forschung zu einem Thema zur Kenntnis nehmen, auf diese Bezug nehmen und ihren Erkenntnisfortschritt im Kontext der bereits vorhandenen Befunde beschreiben. Eine Trivialität, die aber in der Forschungspraxis noch nicht überall Beachtung findet“ (S. 89).

Christian Janßen argumentiert in seinem Beitrag Soziale Arbeit, quantitative Forschung und Gesundheit zunächst Vor- und Nachteile quantitativer und qualitativer Forschung. Im Ergebnis wird richtigerweise festgehalten, dass die Fragestellung den methodischen Zugang bestimmt. Die Verortung der Sozialen Arbeit innerhalb der Gesundheitswissenschaften erfolgt beispielhaft im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit, wodurch sich gesundheitliche Ungleichheiten begründen lassen. Der Autor bildet dann die Ergebnisse einer systematischen Literatursuche ab. Demnach gab es in den vergangenen zehn Jahren im deutschsprachigen Raum 25 quantitativ angelegte Studien zum Themenbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, im englischsprachigen Raum sind dies bedeutend mehr. Auch wenn einige Handlungsfelder Sozialer Arbeit mittlerweile einen quantitativen Ausbau qualitativer Forschung erfahren haben, so attestiert Janßen, ist doch im Themenbereich gesundheitsbezogene Soziale Arbeit noch ausgeprägtes Entwicklungspotenzial vorhanden.

Anastasia Kraft verantwortet den Beitrag Mobbing in der Sozialen Arbeit – eine quantitative Analyse von sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz. Nach einer Einführung zum Mobbing-Begriff und der Skizzierung des Forschungsstandes beschreibt die Autorin das methodische Vorgehen und reflektiert anhand der Befunde den Einsatz des standardisierten Messinstruments LIPT (Leymann Inventory of Psychological Terrorization). Ebenfalls der methodischen Beschreibung eines konkreten Forschungsprojektes mit einhergehender Reflexion widmen sich Christoph Kowalski u.a. unter der Überschrift Sozialdienstliche Beratungsquoten und Informationsbedarfe bei BrustkrebspatientInnen – eine Mehrebenenanalyse mit PatientInnenbefragungs- und -auditdaten.

In das Schema der vorangegangenen Beiträge lässt sich auch der Beitrag Clusteranalysen in der Professionsforschung zu Sozialen Arbeit von Birgit Pache einordnen. Nach einer Einführung in die Clusteranalyse als Oberbegriff für unterschiedliche statistische Verfahren des Clusterns sowie in die entsprechenden Auswertungsmöglichkeiten mit SPSS erfolgt eine exemplarische Abbildung des Vorgehens und des Nutzens anhand eines studentischen Forschungsprojekts. Zielsetzung ist das Aufzeigen der Potenziale von Clusteranalysen in der Sozialen Arbeit. Möglichkeiten werden hier andiskutiert, beispielsweise könnte eine Verwendung in der Abstimmung von Studieninhalten auf aktuelle Bedarfe der Praxis denkbar sein. Methodenkritisch erfolgt aber auch der Hinweis auf eine notwendige Beschaffenheit der Datensätze als Voraussetzung für Clusteranalysen.

Diskussion und Fazit

Die auf aktuellem Wissensstand basierende Beschäftigung mit der empirischen Sozialforschung innerhalb der Sozialen Arbeit ist aus vielerlei Gründen unabdingbar und wird voraussichtlich so schnell auch nicht abzuschließen sein. Ein Abschluss der Diskussion ist auch nicht erstrebenswert.

Wie die Beiträge insbesondere von (1) Hammerschmidt, Janßen und Sagebiel, (2) van Santen sowie (3) Janßen zeigen, ist zwar eine empirische Fundierung der Sozialen Arbeit – sicher unterschiedlich weit – vorangeschritten, doch ist eine „Routine“ hinsichtlich eines Forschungsverständnisses noch nicht gegeben. Warum sonst besteht die Notwendigkeit einer Publikation, die ausschließlich den Einsatz quantitativer Forschung in der Sozialen Arbeit in den Fokus stellt? Anzustreben ist doch eine Forschungspraxis und -dokumentation, die nach dem Motto „jedem Gegenstand seine Methode“ selbstverständlich ist. Warum muss formuliert werden, dass eine Lagerbildung quantitativ versus qualitativ sich mehr und mehr auflöst, jedoch eine Vielzahl von VertreterInnen Sozialer Arbeit noch immer die verstehende, hermeneutische und phänomenologische Bearbeitung empirischer Fragen als Königsweg einschätzt?

Hier sind deutliche Hinweise auf (noch) bestehende Forschungspraktiken zu finden. Dies ist in keiner Weise als Kritik an der rezensierten Publikation zu verstehen, vielmehr als Plädoyer für die weitere Auflösung von Vorbehalten und für ein Methodendenken im Sinne des bestmöglichen Erkenntnisgewinns. Hier hat der Band eine ausgesprochen hohe Wertigkeit, indem er der Leserschaft die quantitative Forschung aus verschiedenen Perspektiven transparent macht. Die hier nur kurz und in unterschiedlicher Tiefe skizzierten Einzelbeiträge beschäftigen sich einführend mit den Basics quantitativer Forschung, stellen Transparenz hinsichtlich der Rahmenbedingungen von Forschung her und reflektieren den Umgang mit ausgewählten statistischen Verfahren anhand konkreter Fragestellungen der Sozialen Arbeit. In der Gesamtbewertung liegt damit ein in sich logisches Werk vor, dass sicher Impulse für interessante Forschungskonzeptionen geben kann und zudem den hohen Stellenwert der quantitativen Sozialforschung (gemeinsam mit qualitativen Paradigmen) in der Sozialen Arbeit erkennbar werden lässt.

Abschließend sei die Vermutung erlaubt, dass das Colloquium Soziale Arbeit der Hochschule München wahrscheinlich interessante Diskussionen hervorgebracht und ganz sicher wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Wissenschaft Soziale Arbeit gegeben hat. In diesem Sinne: Die rezensierte Publikation ist ausgesprochen empfehlenswert.


Rezensent
Dr. Florian Hinken
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Zitiervorschlag
Florian Hinken. Rezension vom 26.04.2019 zu: Peter Hammerschmidt, Christian Janßen, Juliane Sagebiel: Quantitative Forschung in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3960-3. Reihe: Aktuelle Themen und Grundsatzfragen der Sozialen Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25551.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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ISSN 2190-9245

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