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Nicole Wiedenmann: Revolutionsfotografie im 20. Jahrhundert

Cover Nicole Wiedenmann: Revolutionsfotografie im 20. Jahrhundert. Zwischen Dokumentation, Agitation und Memoration. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2019. 560 Seiten. ISBN 978-3-7445-1204-6. 42,00 EUR.
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Revolution = öffentliche Umwälzung

Mit dem Revolutionsbegriff werden vielfältige Veränderungsprozesse ausgedrückt: Individueller und kollektiver Perspektivenwechsel, ökonomische und gesellschaftspolitische Wandlungen, theoretische und praktische Interdependenzen, gewaltsame und friedliche Bewegungen. Die Ausrufung einer Revolution kann ein Fanal oder ein Fakt sein. Revolutionäre Prozesse brauchen Aufmerksamkeit, Zustimmung und Gefolgschaft; ihre Beständigkeit und Wirklichkeit ist abhängig vom Bild, das den revolutionären Charakter einer Situation oder einer Vision anschaulich macht. Wir sind bei der Frage, welche Abbildungen und Symbole einen revolutionären Wandel verdeutlichen.

Entstehungshintergrund und Autorin

Es sind strategische, kommunikative, überzeugungs- und meinungsbildende Motive, die Revolutionsbewegungen öffentlichkeitswirksam machen; etwa in Fotografien und Symbolen, die sich nicht in (abgeschlossenen) Archiven und Dokumentationszentren befinden, sondern in Büchern, Bildbänden, Geschichtsschreibungen und anderen Medien öffentlich zugänglich sind, und damit öffentliche Meinung bilden. Die Medienwissenschaftlerin von der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg, Nicole Wiedenmann hat 2016 mit der Forschungsarbeit „Formen und Funktionen der Revolutionsfotografie im 20. Jahrhundert zwischen Dokumentation, Agitation und Memoration“ promoviert. Mit ihrer Studie fragt sie nicht vordergründig nach der historiographischen, sondern nach der theoretisch-systematischen Bedeutung von öffentlich verfügbaren und genutzten Fotos: „Als herausgehobene und wirkungsmächtige Form politischen Handelns im öffentlichen Raum sind Revolutionen stets vom massiv gesteigertem Kommunikationsaufkommen und vom teils kalkulierten, teils unkontrollierbaren Einsatz ‚kollektiv wirkender Bild- und Symbolarsenale‘ begleitet, die das Geschehen selbst fundamental in die Sphären Zeichenpraxen einbetten“.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Prolog, in dem die Autorin das erkenntnisleitende Ziel ihrer Forschungsarbeit darlegt, und dem Epilog, in dem sie mit ausgewählten Fotos aufzeigt, dass nicht jede Fotografie von Revolutionären eine Revolutionsfotografie ist, gliedert sie ihre Studie in vier Kapitel:

  • Im ersten geht es um den „Versuch einer Begriffsbestimmung und begriffsgeschichtlichen Herleitung von ‚Revolution‘“. 
  • Im zweiten ordnet sie „Revolution als Gegenstand der Kultur- und Medienwissenschaft“ zu. 
  • Im dritten folgt die Auseinandersetzung mit „Revolutionsfotografie als Instrument der Dokumentation, Memoration und Agitation“; 
  • und im vierten Kapitel stellt sie „exemplarische Analysen von Revolutionsfotografien“ vor.

Die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten des Revolutionsbegriffs führen dazu, dass sich im alltagssprachlichen und wissenschaftlichen Diskurs Paradoxien und Widersprüche zeigen, die eine objektive Auseinandersetzung und Analyse erschweren. Es sind nicht selten Charakterisierungen, die öffentliche Meinungen über revolutionäres Denken und Handeln konterkarieren, wie etwa der Ausspruch: „Die Revolution frisst ihre Kinder“, die das öffentliche, gesellschaftspolitische Bewusstsein von Revolution bestimmen und die Bedeutung als Wandlungs- und Veränderungsprozess vernachlässigen. Die Kulturwissenschaftlerin verweist darauf, dass sich die Auseinandersetzung mit dem revolutionären Ereignis zwar politisch und historisch vollzieht, jedoch dabei die kulturellen Imponderabilien zu kurz kommen. Im Exkurs wird die „Theatralität der Revolution“ am Beispiel der Französischen Revolution.

Die Attraktivität des (ausgesuchten und verwendeten) Bildes bestimmt das Geschichtsbild. Bilder vom Sturm auf die Barrikaden, von Communen, Kommunarden und leiblich-freiheitlicher Symbolik lassen vermuten, dass damit Aspekte der kulturellen Erinnerung zugunsten einer Symbolik und Verherrlichung von revolutionären Ereignissen verschoben werden. Die Versuche hin zu einer einseitig ausgesuchten oder gar manipulierten Kanonbildung werden deutlich; mythologische und agitatorische Argumentationen lassen grüßen.

Es ist die Masse, die Revolutionen befördert. In den Bildanalysen wird, unter Einbeziehung von Individual- und Massentheorien, die revolutionäre Masse entweder als wilde, ungebändigte, ideologisierte Ansammlung gezeigt, oder als von einem Revolutionsführer gelenkte, richtungsweisende Charismatiker, der mit Statur, Rede, Mimik und Gestik unbedingte Gefolgschaft, ja sogar hin bis zur Aufopferung im Kampf und als „lebendige Bombe“. Die Zeichen der Überzeugung und der Macht – Fahne, Waffe, Bewegung, Gesichtsausdruck – erringen Denkmals- und Nachfolge-Charakter.

Fazit

„Es war … der naturgetreue Detailreichtum der Fotografie und vor allem die magisch anmutende Selbsteinschreibung der Dinge auf der fotografischen Platte, die den euphorischen und recht radikalen Fotografiediskurs des 19. Jahrhunderts entscheidend prägte“. Der revolutionäre Gestus „Wir sind das Volk“, mit dem die „friedliche Revolution“ in Deutschland sich charakterisierte, hat ihre vielfältigen Wurzeln – und Fallstricke – in der Historie von Revolutionen. Die ausgewählten Bildanalysen von SW- und Farbfotos beantworten nicht nur die Frage: „Was ist eine Revolution?“, sondern verweisen auch auf die immanent vorhandene doppelte Zeitlichkeitsstruktur von „Akzentuierung des Überhistorischen bei gleichzeitiger Aktualisierung im Ereignishaften“.

Nicole Wiedenmann ergänzt mit ihrer Forschungsarbeit die wissenschaftlichen Lücken bei der kulturellen Analyse, was Revolutionen sind und wie sie wirksam werden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.05.2019 zu: Nicole Wiedenmann: Revolutionsfotografie im 20. Jahrhundert. Zwischen Dokumentation, Agitation und Memoration. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2019. ISBN 978-3-7445-1204-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25552.php, Datum des Zugriffs 24.05.2019.


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