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Eva Nadai, Peter Sommerfeld u.a.: [...] Soziale Arbeit zwischen Profession und Freiwilligenarbeit

Cover Eva Nadai, Peter Sommerfeld, Felix Bühlmann: Fürsorgliche Verstrickung. Soziale Arbeit zwischen Profession und Freiwilligenarbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 220 Seiten. ISBN 978-3-531-14296-8. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Einführung und Kurzkommentar

Freiwilligenarbeit wird immer stärker als Ausweg aus der (Finanz-) Krise des Sozialstaats diskutiert. Gleichzeitig stellt die Zusammenarbeit mit Freiwilligen die Profis in sozialen Diensten und Einrichtungen vor neue Aufgaben. Entsteht z.B. eine Konkurrenz im eigenen Haus, wenn man Freiwillige gezielt fördert? Ist die eigene hauptamtliche Stelle durch Substitutionsprozesse gefährdet, wenn kostengünstigere Freiwillige in den eigenen Arbeitsbereich drängen? Unter anderem Fragen dieser Art stehen im Mittelpunkt der qualitativen Studie, die die Überlappungen, Grenzen und Spannungsfelder zwischen Beruflichkeit und Ehrenamtlichkeit in der Sozialen Arbeit auslotet.

"Der Sozialen Arbeit ist es insgesamt nicht gelungen, den Zugang zum Beruf über ein einheitliches fachliches Profil zu steuern, die Ausbildung zu monopolisieren und die Grenzen der Profession über die Vergabe von Lizenzen  zu schliessen" (10), lautet ein Fazit. Damit wird die Zusammenarbeit mit Freiwilligen auch zur Frage der "Autonomie der Sozialen Arbeit über ihre Aufgaben und Bearbeitungsweisen" (12).

Die Studie ist eine sehr gelungene Auseinandersetzung mit diesem brisanten Thema und ein wichtiger Baustein für die dringend notwendige fachlich-theoretische Diskussion um Freiwilligenarbeit in der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

In sieben Kapiteln wird eine theoretische Konzeption entwickelt, angereichert u.a. durch die Ergebnisse einer leitfadengestützten Befragung und aus Gruppendiskussionen mit Profis und Freiwilligen, die unterschiedlich stark institutionalisiert in der Sozialen Arbeit tätig sind.

Rund ein Drittel der Monographie befasst sich mit einem "professionstheoretischem Blick auf die soziale Arbeit" und stellt die Entwicklung der aktuellen Sozialen Arbeit als "weibliches Professionalisierungsprojekt" dar: "Mütterlichkeit" und Empathie als Wurzel der sozialen Arbeit und zugleich als aktuelle Hypothek der Professionalisierung.

Freiwilligenarbeit wird zwischen den Polen Remoralisierung und Rationalisierung skizziert. Anhand von drei Arten des Zusammenspiels von professioneller und freiwilliger Arbeit beschreiben die vier Autorinnen und Autoren die Entstehung von Grenzen, den Umgang mit Grenzen sowie Grenzverletzungen. Diskutiert wird daran anknüpfend, inwieweit "Entgeschlechtlichung" eine sinnvolle Professionalisierungsstrategie wäre. Überlegungen zur Frage ist "Soziale Arbeit eine zu bescheidene Profession?" führen zu einer Schlussbetrachtung, die sich mit dem kulturellen Erbe und dem künftigen Wandel der Sozialen Arbeit befasst.

Diskussion

Die Studien und Texte zur Freiwilligenarbeit im deutschsprachigen Raum ähneln ja im Moment häufig noch eher einem Flickerlteppich als einem stringenten Forschungsfeld. Eva Nadais Arbeiten zur Freiwilligenarbeit haben jedoch die Diskussion (nicht nur) in der Schweiz gestaltet und vorangetrieben.

Der besondere Beitrag der Autorengruppe besteht in der theoretischen Fokussierung und den Einbezug der "gender-perspektive", die u.a. nach der Rolle der "Feminisierung der sozialen Hilfe" fragt. Nadai und ihren beteiligten Kollegen und Mitarbeitern gelingt es, die aktuelle Diskussion um Sozialarbeitswissenschaft in einen Kontext einzufügen, der sowohl die Historie der Disziplin Soziale Arbeit berücksichtigt, als auch die Zukunft dieser Disziplin im Blick hat. Und die Implikationen für die bisherigen Akteure sind nicht zu unterschätzen: U.a. angesichts der schwierigen finanziellen Situation wird die Zusammenarbeit mit Freiwilligen für soziale Dienste und Organisationen in naher Zukunft wohl noch attraktiver werden. Gleichzeitig steigt damit der Druck auf die professionellen Akteure, die eigene Arbeit zu legitimieren. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass ein Teil der Integrationsleistung (Beratung etc.) von den Profis zu erbringen ist, die Bewertung der professionellen Arbeit aber teilweise in Abhängigkeit gerät von der Effizienz und Effektivität der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen.

Wer heute soziale Arbeit studiert, sollte dieser Entwicklung gewahr sein und sie frühzeitig mit berücksichtigen. Etwa bei der Wahl eines Praktikums oder der Wahl eines Auslandssemesters. Die Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz ist durch Nadai & Kollegen eine profunde Adresse für eine konzeptionelle Auseinandersetzung mit Freiwilligenarbeit in der Sozialen Arbeit geworden.

Studierenden wie Profis der Sozialen Arbeit bietet das Buch sowohl theoretisch als auch durch die empirischen Ergebnisse einen umfassenden und überaus gelungenen Überblick zum Spannungsfeld zwischen professioneller und freiwilliger Sozialer Arbeit. Die zahlreichen Beispiele und Zitate aus den qualitativen Erhebungen illustrieren und belegen das theoretische Konzept, dessen mitunter soziologisch-abstrakte Sprache den hier nicht geübten Leser auch herausfordert.

Fazit

"Fürsorgliche Verstrickung" ist eine profunde Auseinandersetzung mit den Wurzeln der Sozialen Arbeit und der Frage nach künftigen Entwicklungen.

Eine wichtige Studie. Unbedingt empfehlenswert!


Rezension von
Prof. Dr. Doris Rosenkranz
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm
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Zitiervorschlag
Doris Rosenkranz. Rezension vom 28.03.2006 zu: Eva Nadai, Peter Sommerfeld, Felix Bühlmann: Fürsorgliche Verstrickung. Soziale Arbeit zwischen Profession und Freiwilligenarbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14296-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2556.php, Datum des Zugriffs 31.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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