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Ralf Stoecker: Theorie und Praxis der Menschenwürde

Cover Ralf Stoecker: Theorie und Praxis der Menschenwürde. mentis Verlag (Paderborn) 2019. 343 Seiten. ISBN 978-3-95743-144-8. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR.
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Globale Ethik

Das höchste Gut des anthrôpos, seine Würde, ist nicht selbstverständlich. Im Menschenrechtsdiskurs gilt „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (als) Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 als allgemeinverbindlicher und nicht relativierbarer Wert der Conditio Humana postuliert wird. Diese Voraussetzung jedoch wird immer wieder von Menschen in Frage gestellt und missachtet, sowohl im theoretischen Denken als auch im praktischen Handeln. In vielfältiger Weise werden die Phänomene diskutiert, thematisiert und analysiert (vgl. z.B. dazu: Franz Josef Wetz, Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts, 2005, www.socialnet.de/rezensionen/3501.php). Und es sind die Bemühungen herauszufinden, wie die Menschheit in den Zeiten von lokaler und globaler Unsicherheit, von Ego-, Ethnozentrismus, von Nationalismen, Rassismen und Populismen Humanität bewahren kann (Daniela Ringkamp und Christoph Sebastian Widdau, Hrsg., Menschenrechte im Konflikt. Kulturkampf, Meinungsfreiheit, Terrorismus, 2018, https://www.socialnet.de/rezensionen/25490.php). Beim Diskurs um ein demokratisches, freiheitliches und aufgeklärtes Bewusstsein zur Menschenwürde stehen den Menschenrechtlern Fake Newser und -Follower gegenüber. Die Suche nach der Wahrheit wird zu einem Unternehmen, das den ganzen Menschen herausfordert (Jos Schnurer, „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ oder „Fake News“, 21.2.2017, https://www.sozial.de/fake-news.html).

Entstehungshintergrund und Autor

Es ist die Angewandte Ethik, die sich im Rahmen des wissenschaftlich philosophischen und anthropologischen Diskurses besonders mit Fragen zur Menschenwürde auseinandersetzt. Dabei werden zum einen insbesondere die human und existentiell herleitbaren Phänomene des Würde-Wertes in den Blick genommen, zum anderen wird auf die vielfältig vorfindbaren Verletzungen der Menschenwürde geschaut. Die Frage, was Menschenwürde ist und wie sie zu begründen ist, stellt der Schweizer Philosoph und Schriftsteller in überzeugender Weise ( Peter Bieri, Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15601.php). Hier finden wir auch eine kollegiale und fachbezogene Parallele zum Bielefelder Philosophen Ralf Stoecker, der sich als akademischer, praktischer Philosoph mit Fragen zur theoretischen und konkreten Menschwürde befasst. Er legt eine „Zwischenbilanz“ seiner wissenschaftlichen Arbeiten aus den Jahren 2001 – heute vor. In seinen Forschungen geht er davon aus, dass es für ein normatives und emotionales Verständnis des unverzichtbaren Wertes der Menschenwürde eines Dreischritts bedarf: Ein induktiver, der die Fragen beinhaltet, welche Interessen den Stellenwert der Menschenwürde bestimmen; eine negative Position, mit der die Menschenwürde von ihren Verletzungen und Defiziten her zu betrachten ist; und einem historischen Bewusstsein vom Entstehen und dem Gebrauch der Menschenwürde in der Menschheitsgeschichte.

Aufbau und Inhalt

Der Autor fasst im Sammelband zahlreiche seiner Veröffentlichungen zusammen:

  • Neben der Einleitung fragt er im ersten theoretischen Teil: „Was ist Menschenwürde?“. In den folgenden drei praktischen Teilen thematisiert er „Menschenwürde in der medizinischen Ethik“ – „Menschenwürde in weiteren Bereichen der Angewandten Ethik“ – „Leben mit Menschenwürde“.
  • Mit der Fallgruppenanalyse „Worin liegen Menschenwürde-Verletzungen?“ (Erstveröffentlichung 2015) stellt Stoecker die vielfältigen, relevanten und auf menschenrechtlichen und moralischen Grundlagen beruhenden Konzepte und Überlegungen vor, die auf dem Gesellschaftsideal fußen, „in der die traditionellen Mechanismen egalitär verstandener individueller Ehrbarkeit Bestand haben“. 
  • Mit dem Beitrag „Menschenwürde und das Paradox der Entwürdigung“ (2003) begründet der Autor die Notwendigkeit, dem Begriff und dem Vollzug der Menschenwürde in der Ethik eine herausgehobene Aufmerksamkeit zuzuweisen. „Die Würde des Menschen als Mensch liegt … nicht bloß in der Übereinstimmung mit der einen oder anderen Rolle, die er spielt, sondern in der Konformität damit, was er insgesamt ist“. Mit dem Beitrag „Selbstachtung und Menschenwürde“ 2004) verdeutlicht er anhand des philosophischen Diskurses und der praktischen, alltäglichen Auswirkungen die Bedeutung wie auch die Relevanz der Selbstachtung. Seine dabei herausgefilterte Auffassung, dass „Selbstachtung keine notwendige Bedingung für Menschenwürde, sondern nur ein Zeichen dafür (sei), dass man verstanden hat, worin die eigene Menschenwürde liegt“, bedarf meines Erachtens einer Reihe von kritischen Nachfragen. Sie werden im Beitrag „Die Pflicht, dem Menschen seine Würde zu erhalten“ (2010) teilweise mit historischen Begründungen beantwortet. Zusammen mit dem Dortmunder Philosophen Christian Neuhäuser hat Stoecker 2013 „Erläuterungen der Menschenwürde aus ihrem Würdecharakter“ vorgelegt. In dem Beitrag werden historische und anthropologische Entwicklungen diskutiert und analysiert und dafür plädiert, im gegenwärtigen, menschenrechtlichen, humanen Verständnis dem individuellen Würdecharakter durch einen kollektiven, interkulturellen und lebensweltlichen zu ergänzen.
  • Weil der Begriff und die Verwirklichung der Menschenwürde in besonderer Weise in der medizinischen Ethik diskutiert wird, widmet der Autor diesem ethischen Feld ein weiteres Kapitel. Mit der Frage „Wozu brauchen wir in der medizinischen Ethik die Menschenwürde?“ (2011) greift der Autor in den öffentlichen Diskurs ein und zeigt an praktischen Situationen, etwa der Frage zur aktiven Sterbehilfe auf, dass eine kontingente, ganzheitliche Würde notwendig ist. Mit dem Beitrag „Menschenwürde und Hirntod“ (2013) plädiert Stoecker für ein moralphilosophisches Bewusstsein, und es scheint, dass diese Positionen hilfreich sein könnten bei der aktuellen, kontroversen, rechtlichen und ethischen Diskussion um Organspenderpflicht. In englischer Sprache wird die Thematik „Sterbehilfe“ mit dem Beitrag „Dignity in the Case in Favor of Assisted Suicide“ (2018) dargestellt. Das weite Feld „Menschenwürde und Psychiatrie“ (2013) wird geschichtlich, professionsrelevant, moralisch und ethisch betrachtet. Es ist die Autonomieforderung, die jedem Menschenwürdeverständnis zugrunde liegen muss. Mit der Provokation „Odysseus in der Psychiatrie“ bezieht der Autor Position zu den ethischen Grundlagen von Behandlungsvereinbarungen in der Psychiatrie (2017). Behandlungsvereinbarungen in der psychologischen, psychotherapeutischen und psychoanalytischen Praxis bedürfen eines Perspektivenwechsels, der mit einem „Odysseus-Vertrag“ ermöglicht werden könne, auf der Grundlage nämlich, dass „dem Recht auf Selbstbestimmung, dem Recht auf Integrität des Körpers und der Intimsphäre sowie dem Recht darauf, keinen Zwang ausgesetzt zu werden“ beruht (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Sisyphos werden. Eine optimistische, didaktische Aufforderung, in: Pädagogische Rundschau, 4/2018, S. 536ff).
  • Die praktischen Auseinandersetzungen zu Fragen der Menschenwürde beziehen sich auf vielfältige, individuelle und lokal- und globalgesellschaftliche Fragestellungen, die im weiteren Kapitel abgedruckt sind: „Todesstrafe und Menschenwürde“ (2007). Es sind die historischen und aktuellen Pro- und Contra-Diskussionen, ob der Staat das Recht habe, Todesurteile zu fällen und zu vollstrecken. Die meisten Ethikerinnen und Ethiker verneinen dies, jedoch aus traditionellen, weltanschaulichen, fundamentalistischen, populistischen, machtpolitischen, undemokratischen Positionen heraus werden Todesstrafen verhängt. Sie sind menschenunwürdig und als Menschenrechtsverletzungen zu betrachten. Mit dem Beitrag „Meine Gedanken von Ferne – Gedankenlesen als neuroethisches Problem“ (2014) setzt sich der Autor kritisch mit den wissenschaftlichen Tendenzen auseinander, im Rahmen der Philosophie eine „Ethik der Neurowissenschaften“ zu begründen, und mit dem Einsatz von Methoden und Instrumenten, etwa von Lügendetektoren, Wahrheits- und Unwahrheitsfeststellungen treffen zu können. Gedankenlesen und das Aufspüren wollen von inneren Monologen jedoch widersprechen dem Menschenrecht der Gedankenfreiheit und sind menschenunwürdig. Mit dem Beitrag „Eine Frage der Ehre“ (2006) setzt sich Stoecker aus moralphilosophischer Betrachtung mit dem „Ehren“-Mord an S. Hatin in Berlin auseinander. Die junge Frau wurde von ihren Brüdern auf offener Straße erschossen, weil sie mit ihren Lebensentscheidungen nicht mehr mit dem angetrauten Ehemann zusammen leben wollte. Hier prallen ethische, moralische und religiös-weltanschauliche Positionen aufeinander. Eine individuelle und gesellschaftliche Auseinandersetzung über überkommene, fanatisierte, ideologisierte und weltanschaulich dominierte Ehrbegriffe ist notwendig.
  • Im nächsten Kapitel werden Fragen danach gestellt, wie ein Leben mit Menschenwürde möglich wird, z.B., wenn es um die „Würde des Kindes“ (2016) geht. In der Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen, in den demokratischen Verfassungen und in der UN-Kinderrechtskonvention werden Kinderrechte in besonderer Weise betont. Das ist einerseits notwendig, weil überall in der Welt Kindern als Abhängige von Erwachsenen und Mächten Menschenrechte entzogen werden; andererseits wäre es logisch unnötig, weil Kinder eben auch Menschen sind, denen Menschenrechte zustehen und sie in Anspruch nehmen können. Mit dem Text „In Würde altern“ (2017) diskutiert der Autor die Realität, dass menschliches Leben endlich ist. Diese Wirklichkeit kann einerseits als intellektuelles Sosein, andererseits als Zumutung verstanden werden. Wenn Menschen im Alter würdig leben wollen, ist das nicht mehr und nicht weniger als das Recht, dass Menschen in jeder Lebensphase und Situation würdig leben können. Das betrifft auch, dass Menschen „in Würde sterben“ können (2010). Im alltäglichen philosophischen Denken und im existentiellen Nachdenken über die Endlichkeit allen Lebens auf der Erde wird der Tod, ob religiös oder lebensweltlich bestimmt, als ein natürlicher Prozess verstanden, der mit dem Leben beginnt und endet. Ralf Stoecker rät: „Philosophieren heißt sterben lernen“.
  • Der Sammlung von Veröffentlichungen und Vorträgen, die der Autor bisher zu Fragen nach der Bedeutung der Menschenwürde thematisiert hat, ist auch ein Namensregister angefügt, mit dem der anthropologische und philosophische Diskurs über die bedeutsame Grundlage der Menschenrechte, die Menschenwürde, nachvollzogen und erweitert werden kann.

Fazit

Die Menschenwürde gilt als Fundament für ein ethisches, moralisches und demokratisches Menschenrechtsverständnis. Dort, wo die Menschenwürde Bestandteil einer demokratisch verfassten Ordnung ist, nehmen Menschen diesen Wert und diese Norm oft als selbstverständlich hin: Wo die Menschenwürde fehlt, missachtet und verletzt wird, verdeutlicht sich diese humane Errungenschaft und Notwendigkeit in besonderer Weise. Das führt zu der Forderung, dass die Beachtung, Wertschätzung und Verteidigung der Menschenwürde als allgemeingültige, nicht relativierbare Herausforderung für jeden Menschen verstanden werden muss. Die vielfältigen Zugänge und ethischen Überlegungen, wie sie Stoecker in dem Sammelband erneut präsentiert, sind wichtige Gedankengänge und Bausteine zur Verwirklichung einer „globalen Ethik“, deren Grundlage die Menschenrechtsdeklaration von 1948 ist.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.04.2019 zu: Ralf Stoecker: Theorie und Praxis der Menschenwürde. mentis Verlag (Paderborn) 2019. ISBN 978-3-95743-144-8.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25562.php, Datum des Zugriffs 24.06.2019.


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