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Ansgar Röhrbein: Und das ist noch nicht alles

Cover Ansgar Röhrbein: Und das ist noch nicht alles. Systemische Biografiearbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. 169 Seiten. ISBN 978-3-8497-0266-3. D: 27,95 EUR, A: 28,80 EUR.
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Thema

Im Kontext einer beschleunigten Risikogesellschaft, die sich immerfort verändert, stellen sich für die Menschen die Fragen: Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo komme ich her? Wo will ich hin? Um diese Fragen zu beantworten gibt Ansgar Röhrbein einen praxisorientierten Einblick in die professionelle Biografiearbeit. Biografiearbeit ist mit allen Altersgruppen in den verschiedensten Arbeitsfeldern, wie zum Beispiel in der Begleitung von Pflege-, Adoptiv- und Heimkindern oder in der Hospizarbeit nützlich. Neben der theoretischen Fundierung steht die Präsentation von kreativen Techniken, die den Zugang zu persönlichen Ressourcen anregen und diese für den Beratungsprozess nutzbar machen im Mittelpunkt des Buches.

Autor

Der Diplompädagoge Ansgar Röhrbein arbeitet als systemischer Therapeut, Coach, Supervisor und Leiter des Märkischen Kinderschutz-Zentrums in Lüdenscheid. Zudem ist er Sachbuchautor, Lehrtherapeut und als lehrender Supervisor für verschiedene systemische Ausbildungsinstitute tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen Systemische Einzel-, Paar- und Familienberatung/-therapie, Väterarbeit, Ressourcenaktivierung, Biografiearbeit, Krisenintervention und Kinderschutz und in der Kooperation von Jugendhilfe und Gesundheitswesen.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint in der Reihe „Systemische Therapie und Beratung“ des Carl-Auer Verlages. Mit dem Schreiben des Buches möchte der Autor seine Lieblingsthemen in den Fokus nehmen und seinen Ansatz der Biografiearbeit in vielfältigsten unterschiedlichen Kontexten und Settings beschreiben. Das Buch richtet sich an (angehende) Berater*innen, die ihr Wissen mithilfe eines biografischen Zugangs erweitern wollen.

Aufbau

Nach einem einleitenden Vorwort ordnet der Autor im ersten Kapitel die Biografiearbeit kurzgefasst in den gesellschaftlichen Kontext ein, um dann im zweiten Kapitel die Grundbegriffe der Biografiearbeit, im dritten die Wurzeln und im vierten Kapitel Ziele und Möglichkeiten vorzustellen. Im fünften Kapitel beschreibt der Autor die systemische Perspektive um dann im sechsten Kapitel differenzierter praktische Zugänge und Methoden vorzustellen. Im siebten Kapitel beschreibt er die Arbeit mit verschiedensten Zielgruppen in unterschiedlichen Arbeitsfeldern. Das Buch schließt mit einem Ausblick, dem Literaturverzeichnis und Hinweisen über den Autor.

Inhalt

Im ersten Kapitel „Mensch, Familie und Gesellschaft“ werden einführend kurz gesellschaftliche Veränderungen und mögliche Ressourcen und Stressoren benannt.

Grundbegriffe der Biografiearbeit beschreibt Ansgar Röhrbein im zweiten Kapitel. Bezugnehmend auf verschiedenste Ansätze ist für den Autor Biografiearbeit kein therapeutisches Vorgehen, allerdings seien die Übergänge der Beratung und Therapie fließend. In erster Linie sei Biografiearbeit eine angeleitete Form sinnstiftenden Erinnerns und sortieren, um sowohl im Hier und Jetzt als auch in der Zukunft handlungsfähig zu sein und zu bleiben (S. 25). In diesem Kapitel werden Grundbegriffe der Biografiearbeit und hiermit in Zusammenhang stehende Begriffe wie Identität, Selbstwert und Autonomie vorgestellt. Von besonderer Bedeutung ist für den Autor die Betonung der Ressourcen. Abschließend wird ein kurzer Zusammenhang zur Bedeutung des autobiografischen Gedächtnisses hergestellt, da, je komplexer Gesellschaften werden, desto länger brauchen ihre Mitglieder für die Ausbildung einer Autobiografie.

Im kurzen dritten Kapitel werden die Wurzeln der Biografiearbeit in der Pädagogik und Biografieforschung referiert.

Im vierten Kapitel werden unter anderem Stärken des biografischen Arbeitens, Chancen und Ziele erläutert. In einem Exkurs wird auf die Bedeutung des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit und der heute noch wirkenden traumatischen Erlebnisse eingegangen. Zudem werden Rahmenbedingungen der Arbeit und bedeutsame Voraussetzungen, die an eine Fachkraft zu stellen sind, zusammengefasst.

Das fünfte Kapitel fokussiert Biografiearbeit aus einer systemischen Perspektive. Erläutert werden systemische Grundannahmen und hilfreiche Konzepte und Modelle, wie z.B. das Resilienzkonzept und die Salutogenese.

Im umfangreichen sechsten Kapitel werden Methoden vorgestellt. Hierzu gehören beispielsweise der Einsatz von Bildern, Symbolen, Postkarten oder Erinnerungsstücken, die Genogrammarbeit und der Einsatz von Zeitleisten und Lebenskurven. Erneut wird die Bedeutung ressourcenorientierter Methoden betont. Mit Hilfe der Erstellung eines Familienwappens wird die eigene Identität fokussiert. Abschließend werden Möglichkeiten des Lebensrückblicks mit dem Lebensbuch vorgestellt.

Im siebten Kapitel werden Besonderheiten in der Arbeit mit diesen Medien im Kontext der Beratung mit Kindern und Jugendlichen in den Arbeitsfeldern der Kindertageseinrichtung, Schule, mit fremduntergebrachten Kindern, im Pflegekinder- und dem Adoptionsdienst, in der Klinik und der stationären Jugendhilfe erläutert. Exemplarisch wird das biografische Arbeiten mit Erwachsenen in den Arbeitsfeldern junge Erwachsene in der Berufsfindung, der Berufs- und Studierendenberatung, mit Teilnehmern der Geburtsvorbereitung, der Erwachsenenbildung, mit Menschen mit Behinderungen, Migrationsberatung und unter anderem mit sterbenden Menschen skizziert.

Im abschließenden achten Kapitel wird ein sehr kurzer Ausblick gegeben, indem Röhrbein die Bedeutung der Biografiearbeit als Wegbegleiter betont, in der sich die Beraterinnen an den Aufträgen der Klienten orientieren und den gelebten Geschichten respektvoll begegnen um somit versöhnliche Prozesse zu unterstützen und zu ermöglichen.

Diskussion

Fundiert werden zunächst die theoretischen Aspekte beschrieben, im Mittelpunkt steht die umfangreiche Darstellung praktischer Methoden, die dann im siebten Kapitel praxisnah für verschiedenste Arbeitsfelder beschrieben werden. Auch für mich sind einzelne der Methoden neu, wie die Vorstellung der Landkarte der Lieblingsorte oder die Arbeit mit der Musik meines Lebens. Bei der Vorstellung der Genogrammarbeit fehlt mir der Einbezug sozialer Dimensionen wie Armut, Wohnungslage, Hafterfahrungen und anderes.

Fazit

Dieses Buch kann nicht nur systemischen Berater*innen, sondern auch Berater*innen und Therapeut*innen anderer Therapieverfahren empfohlen werden. Den Leser*innen bietet dieses Buch einen anschaulichen und theoretisch fundierten guten Überblick über Methoden der Biografiearbeit. Die vorgestellten Bezüge bieten hilfreiche Anregungen zur Hypothesenbildung zum Verständnis der Lebensgeschichte. Auch Studierenden wird eine umfassende Darstellung geboten, sie erhalten eine fundierte Einführung mit vielen praktischen Hinweisen in praxis- und ausbildungsrelevanten Themen der verschiedensten biopsychosozialen Arbeitsfelder.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 12.04.2019 zu: Ansgar Röhrbein: Und das ist noch nicht alles. Systemische Biografiearbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. ISBN 978-3-8497-0266-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25568.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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