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Kitty Cassée: Kompetenz­orientierte Methodiken

Cover Kitty Cassée: Kompetenzorientierte Methodiken. Handlungsmodelle für "gute Praxis" in der Jugendhilfe. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2019. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 439 Seiten. ISBN 978-3-258-08029-1. D: 59,00 EUR, A: 60,70 EUR, CH: 59,00 sFr.
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Thema

Bei dem Werk „Kompetenzorientierte Methodiken. Handlungsmodelle für, gute Praxis’ in der Jugendhilfe“ handelt es sich um ein umfassendes Praxishandbuch für die Kinder- und Jugendhilfe. Das Handbuch gibt Einblick in mögliche theoretischen Grundlagen des Arbeitsfeldes. Weiter werden auch zahlreiche Methoden und Instrumente zur Fallbearbeitung vorstellt. Durch die Verbindung zwischen theoretischer Grundlegung und praktischer Umsetzung einzelner Elemente gibt Kitty Cassée eine breite Ausgangslage für gelingende und professionalisierte Jugendhilfe.

Autorin

Frau Prof. Dr. phil. Kitty Cassée arbeitete bis 2010 als Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Department Soziale Arbeit. Sie entwickelte und leitete den Masterstudiengang Kinder- und Jugendhilfe bis zur Gründung des Instituts kompetenzhoch 3 im Jahr 2010. Das genannte Institut greift die Thematik des Werkes auf und beschäftigt sich mit der Implementierung und Evaluation von Handlungsmodellen und Methodiken für die Arbeit mit Kinder, Jugendlichen und Familien.

Entstehungshintergrund

Das Werk „Kompetenzorientierte Methodiken. Handlungsmodelle für ‚gute Praxis’ in der Jugendhilfe“ ist die 3., vollständig überarbeitete Auflage von Kitty Cassée. Die ersten beiden Auflagen (2007, 2009) sind unter dem Titel „Kompetenzorientierung – Eine Methodik für die Kinder- und Jugendhilfe“ erschienen. Wie sich aus den Ausführungen zur Autorin ergibt, entstand auf der Grundlage der von Cassée entwickelten kompetenzorientierten Methodiken für die Jugendhilfe das Institut kompetenzhoch3.

Der Entstehungshintergrund des Werkes wird bereits in der Rezension der vorgehenden Auflage von Herrn Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt herausgearbeitet (www.socialnet.de/rezensionen/4429.php). Wie bereits dort erwähnt lernte die Autorin im Zuge eines Aufenthalts in den Niederlanden das Konzept der kompetenzorientierten Methodiken kennen und entwickelte diese für den deutschsprachigen Raum weiter.

Aufbau

In der Einleitung wird bereits herausgestellt, dass sich der Inhalt stark von den vorangehenden Auflagen unterscheidet. Hierbei wird herausgestellt, dass Themenfelder neu geordnet, erweitert und entsprechend aktualisiert wurden.

Die Veröffentlichung wird in vier Hauptkategorien untergliedert:

  • Grundlagen (S. 24 - 79)
  • Theoretisches Fundament (S. 80 - 197)
  • Instrumente und Methoden (S. 198 - 301)
  • Anwendungen (S. 302 - 379)

Abgerundet wird das Werk durch zwei Anhänge. Im ersten Anhang werden Entwicklungs- und Erziehungsaufgaben von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgestellt (S. 380 - 409). Im zweiten Anhang findet sich ein ausführliches Beispiel zur Berichtserstellung in der Kinder- und Jugendhilfe.

Inhalt

Methodiken beschreiben theoretisch begründete Handlungsmodelle für die Praxis. Der Begriff stammt ursprünglich aus den Niederlanden und wird von der Autorin bereits in der Einleitung aufgegriffen und im Teil Grundlagen weiter ausgeführt. Der Schwerpunkt der folgenden Ausarbeitungen liegt, wie sich bereits aus dem Titel entnehmen lässt, auf der Kompetenzorientierung im Feld der Jugendhilfe.

Zunächst wird ein Fallbeispiel eingeführt, welches folgend exemplarisch für die Darstellung der Grundlagen der Jugendhilfe in der Schweiz dient. Auch der Begriff „Kompetenzorientierung“ wird zu Beginn herausgestellt. Hinter der Begrifflichkeit steht eine fachliche Haltung, bei der vorhandenen Fähigkeiten partizipativ herausgearbeitet und welche zur Erweiterung der nicht ausreichenden Fähigkeiten strukturierte Lernprozesse für die Klient_innen anregt. Weiterführend wird dem Kompetenzbegriff ein eigenes Kapitel gewidmet (S. 28 - 42). In diesem werden unterschiedliche Differenzierungen von Kompetenz herausgearbeitet und vertieft.

Die Einführung von Methodiken in der Jugendhilfe begründet die Autorin einerseits aus der vorliegenden Praxis heraus, anderseits sei dieses Vorgehen eine mögliche qualitative Antwort auf den ökonomischen Druck von „außen“. Cassée beschreibt Methodiken als innovative Perspektive und plädiert auf dieser Grundlage für die Einführung vergleichbarer Qualitätsstandards in der Sozialen Arbeit. Dabei geht es nicht um die strittige Einführung eines Standardrezepts für die Fallbearbeitung in der Kinder- und Jugendhilfe. Methodiken stellen vielmehr eine Handlungsorientierung dar, auf deren Basis sich individuelle Fallverläufe konzipieren lassen. Diese Aspekte werden von Cassée ausführlich herausgearbeitet. Durch verschiedene Strukturmodelle werden die Grundlagen der theoretisch begründeten Handlungsmodelle umfassend vorgestellt (S. 43 - 77). Diesen Ausführungen folgt das theoretische Fundament des Modells. Hier werden als handlungswissenschaftliche Zugänge zunächst die rechtlichen Grundlagen, wie die UN-Kinderrechte und die Leitlinien für die Jugendstrafrechtspflege benannt. Als sozialarbeitswissenschaftliche Zugänge stellt Cassée den hermeneutisch-orientierten Zugang über die Lebensweltorientierung her und geht gleichzeitig auf die Grundlagen des ökosozialen Ansatzes ein. Weiter werden verschiedene bezugswissenschaftliche Erklärungs- und Beschreibungsmodelle herangezogen (wie z.B. die Neurobiologie oder die Lerntheorien), welche die theoretische Basis des Modells abrunden. Ergänzend führt Cassée in einem eigenen Kapitel die Basisfähigkeiten von Fachpersonen aus, zu welchen sie u.a. diverse Gesprächstechniken zählt und diese entsprechend darstellt (S. 169 - 196).

Ab dem dritten Teil Instrumente und Methoden ist das Handbuch stark praxisorientiert und bietet einen Überblick in mögliche Methoden für die Diagnostikphase, die Interventionsphase, das Monitoring, den Abschluss bzw. das Follow-Up.

Als Ausgangslage dient die bereits im Teil Grundlagen eingeführte Fallvignette. Anhand dieser werden einzelne Prozessschritte und die dazu möglichen Methoden und Instrumente veranschaulicht und schlüssig dargestellt. Exemplarisch wird etwa eine „Personalliste“ zur Fallbearbeitung erstellt, welche das personelle Setting der Familie verdeutlicht und die Aufgabenfelder der einzelnen Funktionäre veranschaulicht. Die Liste dient der Netzwerkanalyse im Fall. Diesem Schema folgend, werden zur Diagnostik zahlreiche Instrumente zur erweiterten, wie auch zur vertieften Fallanalyse vorgestellt.

Cassée stellt detailliert mögliche Verfahren zur Erstellung eines individuellen Hilfe- und Arbeitsplans vor, wobei sie den Leser_innen zahlreiche Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellt, welche auch online abrufbar sind.

Jeder Arbeitsschritt der Fallbearbeitung wird umfassend mit Materialien und Handlungsmöglichkeiten unterfüttert und praxisnah vorgestellt. Die Ausführungen werden durch regelmäßige Exkurse, wie beispielsweise zum Themenfeld „Erziehungsstile“ begleitet und weitere Literatur- bzw. Trainingshinweise gegeben.

Der vierte Teil Anwendungen konkretisiert die einzelnen Instrumente und Methoden und bringt diese systematisch in kompetenzorientierte Programme und Methodikvarianten. Cassée differenziert dabei folgende Settings:

  • Kompetenzorientierung in der Arbeit mit Familien,
  • Kompetenzorientierung in der Arbeit mit Jugendlichen,
  • Kompetenzorientierung in stationären Settings

Abschießend widmet die Autorin sich der Implementierung des kompetenzorientierten Vorgehens in den jeweiligen Rahmenbedingungen. Die einzelnen Darstellungen werden jeweils in Modul- bzw. Programmbeschreibung, Zielgruppe, Strukturmerkmale und Evaluation untergliedert. Im Setting Kompetenzorientierung in der Arbeit mit Familien wird beispielsweise das Modul „Family Group Conference bzw. Familienrat“ näher erläutert. Die Autorin beschreibt als Ausgangslage, dass dieses Modul die einzelnen Mitglieder befähigen soll, Lösungsmöglichkeiten aus eigener Kraft zu entdecken und zu erarbeiten. Es werden übergreifende Standards beschrieben und auf entsprechende Websites, wie den Familienrat in Bern oder Zürich verwiesen.

Im Rahmen der Implementierung geht Cassée u.a. auf die SWOT-Analyse ein und stellt konkrete Aufgaben für die einzelnen Teammitglieder im Feld der Jugendhilfe vor. Auch Reflexionsinstrumente werden den Fachkräften an die Hand gegeben.

Das Buch wird abgerundet durch einen kurzen Ausblick und den bereits erwähnten Anhängen mit Arbeitsmaterialien und Verweisen auf diverse Internetquellen für weitere Informationen.

Fazit

Im Fazit würde ich mich gerne Herrn Prof. Dr. Wendt als Rezensenten der vorhergehenden Auflage anschließen: Das Buch ist ein sehr gelungenes und anregendes Handbuch für die Praxis. Die Grundlagen sowie die theoretische Fundierung sind meiner Einschätzung nach sehr gewinnbringend und laden zum Weiterrecherchieren ein. Die zahlreichen Instrumente und Methoden sowie deren Systematisierung und die Einbeziehung einer theoretischen Basis scheint mir in der Kinder- und Jugendhilfe unserer Zeit unabdingbar. Dieses Werk ist ein absolutes „Must“ in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe.


Rezensentin
Jutta Harrer
Schwerpunkte: Kinder- und Jugendhilfe Theorien der Sozialen Arbeit. Promotion zu: "Multimodalität und Variabilität in der Fallarbeit der Sozialpädagogischen Familienhilfe"
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Zitiervorschlag
Jutta Harrer. Rezension vom 11.07.2019 zu: Kitty Cassée: Kompetenzorientierte Methodiken. Handlungsmodelle für "gute Praxis" in der Jugendhilfe. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2019. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-258-08029-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25572.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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