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Harald Welzer: Alles könnte anders sein

Cover Harald Welzer: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2019. 319 Seiten. ISBN 978-3-10-397401-0. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Perspektivenwechseln = Menschsein!

Dort wo Phantasielosigkeit zu Pessimismus und Fatalismus wird, wo Menschen in dem Wahn leben, dass früher alles besser war, dass Egoismus besser als Altruismus ist, dass denen zu misstrauen ist, die optimistisch leben – herrscht Trostlosigkeit! Wer sich einschließt, und die Gesellschaft, die sich eingrenzt und einmauert, wird blind für die Welt! Verstand, Emotion und Augen öffnen gelingt nur, wenn Hoffnung und Wille sind, menschenwürdig zu denken und zu handeln. Humanität bildet sich im Dreiklang von Vergangenheitsbewusstsein, lebensweltlicher Kompetenz und Zukunftserwartung. Fragen, wie es gelingen kann, allen Menschen ein gutes, gelingendes, menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, werden gestellt, seit Menschen denken können. Es waren immer Utopisten und Vordenker, die diese Hoffnung in die Welt gesetzt haben. Sie sind es heute noch. Da ist z.B. an den Optimisten und Wahrheitsfanatiker Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) zu erinnern, der mit der „positiven Subversion“ sich und die Welt verändern wollte; da sind in den Blick zu nehmen die Prognosen und Warnungen, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien, wie sie in den Berichten an den Club of Rome in den 1970er Jahren zum Ausdruck kamen; da ist der Appell der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) zu bedenken, dass die Menschheit vor der Herausforderung stehe, umzudenken, sich umzuorientieren, gesellschaftlich umzuorganisieren und andere Lebensformen zu finden. Es ist viel zu tun!

Entstehungshintergrund und Autor

Gegenwarts- und Zukunftssituationen werden in vielfältiger Weise gedacht, entworfen, gehofft oder befürchtet. Wenn es nicht Menetekel und utopische Fantasien bleiben, sondern Wirklichkeiten werden sollen, braucht es geistige Stabilität und humane Erwartung (vgl. z.B. dazu: Gerhard Oberlin, „Nun muss sich alles, alles wenden“. Perspektiven der Zukunft, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25035.php).

Der Soziologe und Gesellschaftsdenker Harald Welzer gilt als ein Befürworter und Verteidiger einer offenen, freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft. Als Optimist und Wertedenker ist er überzeugt, dass die Menschen als vernunftbegabte, humane Lebewesen fähig sind, freiheitlich, friedlich und gerecht, also demokratisch zusammen zu leben. Es ist die „Offene Gesellschaft“, die begrenztes, egoistisches und populistisches Denken und Handeln überwindet. Er plädiert für eine „Realisierung des Utopischen“, für eine Denke des scheinbar Undenkbaren, für einen Einspruch beim Widersprüchlichen, für eine Heterotopie des Utopischen. Welzer, der an mehreren Universitäten lehrt und sich populärwissenschaftlich mit den Fragen zu Wort meldet, was Du, Ich … dazu beitragen können, die Welt humaner zu gestalten. Mit der Stiftung „Futurzwei“ sollen Beispiele vermittelt werden, dass dies keine Fantastereien bleiben, sondern an vielen Stellen und durch viele Menschen auf der Erde Wirklichkeiten und Können werden können. Mut zum Anders Denken ist Fundament für Anders werden.

Aufbau

Die Gegenwarts- und Zukunftshoffnung – „Alles könnte anders sein“ – gliedert der Autor in drei Kapitel, deren Überschriften gleichzeitig Programm sind:

  • Im ersten geht es um „Wiedergutmachen“
  • im zweiten um „Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt“
  • und im dritten Kapitel um einen „neuen Realismus“, den Welzer zum Schluss seines Buches mit 11 Merksätzen kennzeichnet.

Inhalt

Mit dem Begriff „Wiedergutmachung“ drücken sich ja vielfältige, unterschiedliche Auffassungen, Einstellungen und Haltungen aus, die vom positiven, empathischen und euphorischen Rechtsbewusstsein bis hin zu negativen Rachegelüsten reichen. Darin stecken Illusionen und Paradoxien. Es ist Moderne und Nostalgie. Die flapsige Hoffnung – „Schöner wär’s, wenn’s schöner wär!“ – wird ja erst dann zu mehr als einem unverbindlichen „Man-redt-halt- bloß“, wenn daraus eine individuelle und kollektive, lebensweltliche Aktivität wird. Es ist „Zeit für Wirklichkeit“, die aus Vergangenheitsbewusstsein, Gegenwartsbezogenheit und Zukunftsfähigkeit besteht. Wie im lokalen und globalen, pädagogischen Diskurs immer wieder hervorgehoben wird, ist der Zugang zur Conditio Humana lernbar (Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php). Welzels Rat, damit Hier, Heute und Jetzt mit dem „Realismustraining“ zu beginnen: „Kleinstmögliche Zustandsveränderung kann jede und jeder, sofern Freiheit und Handlungsspielräume gegeben sind“. 

Eine bessere Welt denken und ausprobieren, das ist auf vielerlei Art und Weise möglich; auch spielerisch? Welter nimmt 17 Lego-Bausteine, um mit ihnen die Anlässe und Artikulationen zu verdeutlichen:

  • Wirtschaft
  • Autonomie
  • Bedürfnisse
  • Arbeit
  • Nachhaltigkeit
  • Gerechtigkeit
  • Gemeinwohl
  • Solidarität
  • Mobilität
  • Infrastrukturen
  • Humanität
  • Verträglichkeit
  • Zeitkompetenz
  • Institutionalisierung
  • Infrastrukturen
  • Vielfalt
  • Sinnhaftigkeit.

Wie machen? Menschen- und weltfreundlich! Sich eine Gesellschaft vorstellen, in der es keinen Hass, keinen Rassismus und Egoismus gibt. Bertolt Brecht hat dies in seiner „Kinderhymne“ gesungen. Sie wurde leider nicht zum „Lied der Deutschen“, aber sie könnte, wenn wir wollen, zum „Lied der Welt“ werden. Die Vision, dass die Welt Allgemeingut ist und dass mehr wird, wenn wir teilen, wurde 2009 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php). Seitdem gibt es vielfältige Initiativen, die „Commens“ als Grundlage für die ökonomische, ökologische und zivilisatorische Entwicklung in der Welt nehmen. Sie zu kennen, zu verstehen, zu fördern und mitzumachen, das könnte das neue Motto für eine Neue Welt werden.

Fazit

Welzer erfindet in seinem Buch keine neuen, sensationellen Imponderabilien und Erkenntnisse zur Verbesserung und humanen Veränderung der Welt. Er trägt die zahlreichen Analysen, Prognosen und Visionen zusammen und vermittelt dadurch ein Bild von einer „humanen Ganzheit“, die es – aufgeklärt und wissend – zu verstehen gilt. Das individuelle und lokal- und globalgesellschaftliche Streben danach wird erleichtert durch die Erkenntnis: „Das meiste, was wir für eine Gesellschaft für freie Menschen brauchen, ist schon da“; es zusammen zu bringen und zu realisieren, das ist die existentielle und intellektuelle Herausforderung. Mit elf Merksätzen ist dabei der Autor behilflich!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.05.2019 zu: Harald Welzer: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2019. ISBN 978-3-10-397401-0.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25575.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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