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Ursula Kremer-Preiß, Thorsten Mehnert u.a.: Betreutes Seniorenwohnen

Cover Ursula Kremer-Preiß, Thorsten Mehnert, Britta Klemm: Betreutes Seniorenwohnen. Entwicklungsstand und Anforderungen an eine zukunftsgerechte Weiterentwicklung. Ergebnisse einer empirischen Studie. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. 50 Seiten. ISBN 978-3-86216-548-3. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR.

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Thema

In fast allen Feldern sozialer Hilfen finden sich Unterstützungsangebote, die sich auf das selbstbestimmte und selbstständige Wohnen beziehen und häufig als Betreutes oder Unterstütztes Wohnen bezeichnet werden. Zumeist steht dabei die sozialpädagogische Begleitung im Alltag im Vordergrund. Bei dem Betreuten Seniorenwohnen hingegen geht es in erster Linie um Immobilien, die Menschen im Alter weitgehend barrierefreien Wohnraum anbieten, zumeist verknüpft mit Räumen für gemeinschaftliche Aktivitäten, geringfügigen Betreuungsleistungen und der Möglichkeit im Bedarfsfall weitergehende Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Der Boom solcher Angebote lässt die Frage aufkommen, ob es sich um ein für die Unterstützung älterer und vor allem pflegebedürftiger Menschen alternatives Angebot zu Pflegeheimen handelt, oder um eine Ergänzung im Sinne eines Übergangs von der häuslichen Unterstützung zur stationären Versorgung.

Entstehungshintergrund

Im Kern wird in der Publikation eine empirische Studie vorgestellt, die vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) und der BFS Service GmbH durchgeführt wurde. Im Rahmen einer Online-Befragung wurden über 4.500 Anbieter des Betreuten Seniorenwohnens angeschrieben und es konnten 662 Rückmeldungen ausgewertet werden. In die Auswertung fließen auch Einschätzungen ein, die im Rahmen eines Fachkongresses zur Vorstellung der Ergebnisse im November 2018 durch ein Live-Voting erhoben wurden.

Autor*innen

Die Autorin Ursula Kremer-Preiß und der Autor Thorsten Mehnert sind Mitarbeiter*innen des KDA, das bereits seit 1962 die Entwicklung der Unterstützung älterer Menschen durch Projekte, Gutachten und Empfehlungen begleitet.

Britta Klemm ist Mitarbeiterin der BFS Service GmbH, einem Tochterunternehmen der Bank für Sozialwirtschaft AG, das zum Zwecke der Beratung von Kund*innen aus der Sozial- und Gesundheitswirtschaft gegründet wurde.

Inhalt

Die vergleichsweise knapp gehaltene Publikation enthält nach einer kurzen Einführung, in der die Entwicklung des Betreuten Seniorenwohnens dargestellt wird, eine häufig grafisch aufgearbeitete Dokumentation der Befragungsergebnisse.

Das betreute Seniorenwohnen hat sich, so die Autor*innen, „neben der vollstationären Pflege zur bedeutendsten Sonderwohnform für Senioren entwickelt“ (S. 1). Es wird geschätzt, dass über 300.000 Wohneinheiten an 6.000 bis 7.000 Standorten zur Verfügung stehen. Es wird eine steigende Nachfrage erwartet. Die Entwicklung wird durch die gesetzlichen Regelungen im Rahmen der Pflege nicht erfasst und gesteuert, eine gewisse Orientierung bietet die DIN 77800 (Betreutes Seniorenwohnen), die sich zurzeit in Überarbeitung befindet und in erster Linie Ausstattungsmerkmale umfasst.

Aus den Ergebnissen sollen hier einige Schlaglichter hervorgehoben werden:

Das Angebot hat die häufig in kommunaler Trägerschaft befindlichen Altenwohnheime abgelöst. Die Angebote befinden sich nun zu fast zwei Dritteln in freigemeinnütziger Trägerschaft und zu fast einem Drittel in privater Trägerschaft. Eine kommunale Trägerschaft ist hingegen selten. Zumeist werden die vergleichsweise großen Wohnanlagen (arithmetisches Mittel 94, Median 47 Wohneinheiten) im Zusammenhang mit einem Heim betrieben (38,4 %), etwas weniger oft (31 %) im Zusammenhang mit anderen, ambulanten Unterstützungsgeboten und nur selten als solitäre Anlagen betrieben.

In über der Hälfte der Fälle werden Zwei-Zimmer-Wohnungen angeboten, die fast durchgängig barrierearm, aber gemäß der DIN 18040–2 häufig nicht barrierefrei sind. Begegnungsräume gibt es in gut 70 %, eine verbundene Cafeteria oder ein Restaurant in knapp 50 % der Anlagen. Die in der Grundpauschale enthaltenen Dienstleistungen sind höchst unterschiedlich, am häufigsten sind Beratungs- und Freizeitangebote. Eine Notrufsicherung ist hingegen nur in etwa 2/3 der Fälle enthalten. Auch die Wahlleistungen, die ergänzend vom Anbieter vorgehalten werden, sind sehr unterschiedlich. Hauswirtschaftliche Hilfen können in etwas mehr als 60 % der Fälle genutzt werden, häusliche Pflegeleistungen hingegen nur in knapp 50 % der Anlagen. So nimmt es nicht wunder, dass die Befragten nur zu knapp 50 % der Meinung sind, dass das Betreute Seniorenwohnen eine Alternative zum Heim darstellt. Während der bereits erwähnten Fachtagung sind allerdings 65 % der Befragten (n=49) der Meinung, dass es sich dahin entwickeln sollte.

Die Bewohner*innen sind zumeist alleinlebend und hochaltrig, über die Hälfte sind 80 Jahre und älter. Jede/r dritte Bewohner*in hat einen anerkannten Pflegegrad, zumeist den Grad 2. Es wird davon ausgegangen, dass der Pflegebedarf gestiegen ist und auch weiter steigen wird. Die Befragten beobachten in den letzten Jahren bei Neukunden eine Zunahme der Hochaltrigkeit und auch einen höheren Anteil dementiell Erkrankter.

In einem eigenen Abschnitt wird gefragt, ob das Betreute Seniorenwohnen bezahlbar bleibt. Die Frage ist schwierig zu beantworten, da in die Auswertung Daten aus sehr unterschiedlichen Regionen einfließen. Im Durchschnitt zahlen die Bewohern*innen im Jahr 2018 721,30 Euro incl. Servicepauschale. Der Anteil der Bezieher von Sozialhilfe liegt bei 11,3 %. Vor dem Hintergrund der sich verschlechternden materiellen Absicherung älterer Menschen ist die Bezahlbarkeit für viele ältere Menschen eher fraglich.

Im abschließenden Kapitel werden als Herausforderungen die Stärkung der Versorgungssicherheit bei gleichzeitiger Wahrung von Selbstbestimmungsmöglichkeiten, die Erschließung weiterer Unterstützungspotenziale und die Gewährung einer Planungssicherheit durch rechtliche Regelungen genannt. Dabei sprechen sich jedoch mehr als 3/4 der Teilnehmer*innen der Fachtagung dafür aus, das Betreute Seniorenwohnen nicht in verpflichtende Qualitätsprüfungen einzubeziehen.

Fazit

Die Studie belegt die Bedeutung des Betreuten Seniorenwohnens für das Wohnen älterer Menschen. Sozialpolitisch dürfte von Interesse sein, dass in solchen Wohnanlagen zwischen 60.000 und 130.000 pflegebedürftige Menschen Unterstützung finden. Die Größe der Wohnanlagen und die häufige räumliche und konzeptionelle Verknüpfung mit stationären Pflegeeinrichtungen bestärkt den Eindruck, dass mehr und mehr große Versorgungskomplexe für ältere und pflegebedürftige Menschen entstehen, die dem Ansatz der Entwicklung von generationengerechten, inklusiven Wohnquartieren mit integrierten Unterstützungsangeboten entgegen läuft. Es ist daher äußerst verdienstvoll, dass die beiden herausgebenden Institutionen und die Autor*innen Daten für den Fachdiskurs zur Verfügung stellen und in Veranstaltungen zur Diskussion stellen. Die Veröffentlichung bietet in erster Linie eine Zusammenstellung von Daten und Fakten, die in ihrer Bedeutung für sozialpolitische Debatten und für Planungsprozesse vor allem auf kommunaler Ebene noch ausgewertet werden müssen.


Rezensent
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
Homepage www.bildung.uni-siegen.de/mitarbeiter/rohrmann/
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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 19.06.2019 zu: Ursula Kremer-Preiß, Thorsten Mehnert, Britta Klemm: Betreutes Seniorenwohnen. Entwicklungsstand und Anforderungen an eine zukunftsgerechte Weiterentwicklung. Ergebnisse einer empirischen Studie. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2019. ISBN 978-3-86216-548-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25578.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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