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Paul-Stefan Roß, Roland Roth: Soziale Arbeit und bürgerschaftliches Engagement

Cover Paul-Stefan Roß, Roland Roth: Soziale Arbeit und bürgerschaftliches Engagement. Gegeneinander - nebeneinander - miteinander? Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. 63 Seiten. ISBN 978-3-7841-3052-1. D: 7,50 EUR, A: 7,80 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit kontrovers - 20; Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V..
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Thema

Das Buch behandelt die Frage nach der – nicht immer spannungsarmen – Partnerschaft von bürgerlichem Engagement bzw. Ehrenamt und professioneller Sozialer Arbeit. Die Autoren zeigen anhand von drei Beispielen auf, wie unterschiedlich und teilweise widersprüchlich professionelle und ehrenamtliche Erbringer sozialer Angebote aufeinander bezogen sind und welche gesellschaftspolitischen Strömungen, die auch als Ursachen für Spannungen und Kontroversen gesehen werden können, dabei ausgemacht werden können. Abschließend skizzieren sie Perspektiven für eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen professionell erbrachter sozialer Arbeit und ehrenamtlichem Engagement.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Schriftenreihe „Soziale Arbeit kontrovers“ des Vereins für öffentliche und private Fürsorge im Lambertus Verlag erschienen. Ziel dieser Schriftenreihe ist es, zu aktuellen Fragen der Sozialen Arbeit in komprimierter Form Orientierung zu bieten, fundiert, jedoch nicht im traditionellen Stil wissenschaftlicher Abhandlungen oder Lehrbücher. Die Schriftenreihe erscheint in loser Folge mit bisher 22 Bänden.

Autoren

Die Autoren dieses Bandes sind Paul-Stefan Roß, Professor für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) und Dekan des Fachbereichs Sozialwesen am DHBW Center for Advanced Studies und Roland Roth, Professor für Politikwissenschaft am Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Aufbau

Mit 63 Seiten ist die Veröffentlichung entsprechend der Konzeption der Schriftenreihe bewusst sehr knapp gehalten. Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte:

Zuerst werden allgemeine gesellschaftliche Trends aufgezeigt, die zur Veränderung und teilweise auf zur Verschärfung des Spannungsverhältnisses zwischen Ehrenamt und professioneller Sozialer Arbeit beitragen.

Dieses wird anschließend exemplarisch anhand der drei Praxisfelder, „Betreuung und Pflege“, sowie der „Tafeln“ und der Flüchtlingshilfe aufgefächert.

Der dritte Teil beinhaltet ein zusammenfassendes Fazit zum jeweiligen Praxisfeld und praxisfelderübergreifende Vorschläge zur Verbesserung der Zusammenarbeit.

Inhalt

Nach einer Einführung in die Thematik des Bürgerschaftlichen Engagements (S. 7-16) erfolgt eine Diskussion der oben genannten drei Praxisfelder (S. 16-52), die im Folgenden kurz umrissen wird.

In diesem großen und weiter wachsenden Feld sozialer Dienstleistungen im Zusammenhang mit Betreuung und Pflege vor allem älterer Menschen ist der Anteil ehrenamtlichen Engagements noch eher klein, auch wenn ein großer Teil der Betreuung und Pflege innerhalb familiärer Strukturen erbracht wird. Um entsprechendes Engagement auch außerhalb familiärer Bindungen zu fördern werden inzwischen auch finanzielle Anreize gesetzt, weshalb von einer Monetarisierung und Professionalisierung von Engagement gesprochen werden kann. Dass sich aus diesen Steuerungsbemühungen Konflikte ergeben ist augenscheinlich, z.B. innerhalb professioneller Systeme (Förderung von ehrenamtlichen Engagement vs. Förderung der Altenhilfe) als auch zwischen professionellen und (bezahlt) ehrenamtlichen Angeboten ebenso zwischen bezahlten und unbezahlten ehrenamtlich Engagierten.

Die anhaltende „Konjunktur“ der „Mitleidsökonomie“ der Tafeln fußt auf anderen steuerungspolitischen Instrumenten, insbesondere auf die sogenannte Hartz IV-Gesetzgebung. Zwar wird das für den Betrieb der Tafeln eigesetzte bürgerschaftliche Engagement als beeindruckend beschrieben, was jedoch gemäß der Autoren nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass die Tafelbewegung nur durch Lücken im System sozialer Sicherung überhaupt Nachfrage erfährt. Zur Überwindung solcher Lücken kann die Tafel-Bewegung nur punktuell beitragen. Hierbei irritiert laut der Autoren weniger das ehrenamtliche Engagement selbst, sondern die Inanspruchnahme dieses Engagements durch professionelle Unterstützungssysteme, die sich ja gerade die Überwindung der individualisierten, auf freiwilliger Wohltätigkeit basierender Armenfürsorge zur Aufgabe gemacht haben.

Wiederum anders stellt sich freiwilliges Engagement im Bereich der Flüchtlingshilfe dar: Eine solche akuten Situation kurzfristigen Hilfebedarfs, so die Einschätzung, wäre ohne den ehrenamtlichen Beitrag der Zivilgesellschaft kaum bewältigbar gewesen. Dabei sind nicht nur handfeste praktischen Hilfen zu nennen, sondern durchaus auch eigenständige politische Initiative. Dadurch entstand die neue Situation, dass sich professionelle Soziale Arbeit und ein quasi aus dem Nichts entstandenes ehrenamtliches Hilfeangebot im Eiltempo verzahnen mussten. Viele der ehrenamtlichen Unterstützungsangebote sind inzwischen und nicht immer reibungslos in die Hände professioneller Dienstleister übergeben worden, teilweise weil die Aufgaben kontinuierlicher professioneller Begleitung und Koordination bedürfen, teilweise weil das anfängliche Engagement abgeflaut ist. Trotz allem stellen die enormen Leistungen der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe weiterhin eine ungeahnte Ausprägung von bürgerschaftlichem Engagement dar und bis heute ist bürgerschaftliches Engagement eine wichtigste Ressource im Zusammenhang mit der Fluchtmigration. Interessant ist, dass auch hier Überlegungen der Monetarisierung anklingen wie die Überlegung, dass diejenigen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert haben nun doch anderweitig „eingesetzt“ werden könnten und somit das Engagement quasi umgeleitet werden könnte.

Auf Grundlage dieser drei betrachteten Felder ziehen die Autoren den Schluss, dass diese, in jeweils eigener Weise, den Versuch der Ökonomisierung des Sozialen spiegeln und werben dafür, sowohl für die professionelle Soziale Arbeit als auch für bürgerschaftliches Engagement ein emanzipatorisches Grundverständnis weiter zu etablieren und in gemeinsamer Anstrengung die jeweils spezifischen Qualitäten zu stärken. Politik, so der Wunsch, soll dafür Rahmenbedingungen setzen, deren erster Anspruch nicht die Ökonomisierung der Anstrengungen, sondern eine angemessene soziale Infrastruktur sein sollte.

Diskussion

Dem Anspruch der Reihe in komprimierter Form Orientierungshilfe zu aktuellen Themen der Sozialen Arbeit zu bieten wird der Band voll gerecht. Dies gilt auch und gerade bei einem Thema, das sich erst einmal gar nicht als besonders vielschichtig darstellt, und bei dem ein Bewusstsein um die im Hintergrund ablaufenden Steuerungsbemühungen nicht selbstverständlich ist. Durch die Bezugnahme auf die unterschiedlichen Praxisfelder wird deutlich, wie die Besonderheiten des jeweiligen Feldes auf jeweils eigene Art mit ebenso jeweils unterschiedlichen Konzepten von und Motivationen für bürgerschaftliches Engagement verschränkt sind. In jedem Feld existieren eigene Formen von Kooperation zwischen bürgerschaftlichem Engagement und professioneller Sozialer Arbeit unter jeweils anderen Vorzeichen und mit unterschiedlichen Schwierigkeiten und Qualitäten. Gerade durch diese Aufgliederung wird es möglich, eine Art „roten Faden“ zu erkennen, der weit über Allgemeinplätze zum schwierigen und bisweilen anstrengendem Verhältnis von bürgerschaftlichem Engagement und Sozialer Arbeit hinausgehen.

Fazit

Ein detaillierter – wenn auch dem Format geschuldet nur kurzer – „Drohnenflug“ zum gleichzeitig fruchtbaren und herausfordernden Verhältnisses von ehrenamtlicher und professioneller Hilfe anhand dreier sehr prägnanter und aktueller Beispiele sehr konturiert dargestellt. Ein Gewinn sowohl für Praktiker der Sozialen Arbeit in einem der dargestellten Bereiche, die mit ehrenamtlich Engagierten zusammenarbeiten, als auch für Leser und Leserinnen, die sich (darüber hinaus) auch mit grundsätzlichen Aspekten zum Thema „Ehrenamt/Bürgerschaftliches Engagement“ befassen möchten. Dabei kann der Band sowohl als Einstieg in die Thematik dienen als auch als Gesamtschau aktueller Entwicklungen verstanden werden.


Rezensentin
Dr. Christiane Nakao
Mitarbeiterin an den Kolping Gesundheitsschulen in Stuttgart und Hochschuldozentin im Bereich Soziale Arbeit und Gesundheits- und Sozialmanagement
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Zitiervorschlag
Christiane Nakao. Rezension vom 08.08.2019 zu: Paul-Stefan Roß, Roland Roth: Soziale Arbeit und bürgerschaftliches Engagement. Gegeneinander - nebeneinander - miteinander? Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3052-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25579.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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