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Holger Wellmann: Gemeinsame Servicestellen in der Rehabilitation

Cover Holger Wellmann: Gemeinsame Servicestellen in der Rehabilitation. Eul Verlag (Lohmar) 2004. 337 Seiten. ISBN 978-3-89936-307-4. 39,00 EUR.

Mit einem Geleitwort von Frank Schulz-Nieswandt.
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Das Thema

Mit dem Inkrafttreten des SGB IX ist die gesamte Rehabilitationslandschaft neu geordnet worden, vor allem mit dem Hintergrund, Menschen mit Behinderungen die Teilhabe in allen Lebensbereichen zu vereinfachen. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Zielsetzung soll durch die Einrichtung gemeinsamer Servicestellen geschaffen werden, um in der bis dahin unüberschaubaren Vielfalt der Trägerlandschaft im Bereich der Rehabilitation klare und überschaubare Strukturen zu schaffen. Mit dem vorliegenden Werk wird hier eine erste Untersuchung der Implementierungsphase dieser Institution vorgelegt.

Aufbau, Inhalt und Kritik

Das Buch ist in insgesamt sechs Kapitel gegliedert, wobei, wie bei Dissertationen im sozialwissenschaftlichen Bereich üblich, in den ersten Kapiteln zunächst der theoretische Rahmen dargestellt wird. Der Hauptteil des Buches stellt die eigentlichen Aufgaben der gemeinsamen Servicestellen dar, während in einem weiteren Kapitel die aus Interviews gewonnenen empirischen Daten dargestellt und interpretiert werden.

Inhalt

  1. Im ersten Kapitel werden neben dem Problemaufriss die der Arbeit zugrunde liegenden Hypothesen vorgestellt, die sich zum einen auf die Überprüfung der Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben beziehen, aber bereits auch weit darüber hinausgehende Aspekte thematisieren (z.B. Notwendigkeit einer fortlaufenden Qualitätssicherung).
  2. Im zweiten Kapitel wird unter der Überschrift "Nachfrage nach Informationstätigkeiten" der Stellenwert von Beratung und Information im deutschen Rehabilitationssystem untersucht. Dabei stellt der Autor differenziert die Komplexität der Zuständigkeiten vor und weist auf die Fehlentwicklungen der Inanspruchnahme von Leistungen zur Teilhabe hin, die eine wesentliche Ursache in der mangelhaften Informationsstruktur haben. Ausgehend von diesen Überlegungen wird im weiteren Fortgang dieses Kapitels der Themenkomplex Bürgerbeteiligung und -orientierung im Gesundheitssystem diskutiert. Abschließend verweist der Autor auf die Divergenz sozialpolitischer Bedarfe und subjektiver Bedürfnisse verschiedener Bevölkerungsgruppen, um hier die Komplexität der Nachfrage nach Informationstätigkeiten im Bereich der Rehabilitation aufzuzeigen.
  3. Das dritte Kapitel widmet sich unter dem Titel "Angebot an Informationstätigkeiten" zum einen der rechtlichen Verankerung in den SGBs und im Bereich der Rehabilitation angesiedelten Rechtsquellen sowie der Informationstätigkeiten von Organisationen und Verbänden im Bereich der Behinderten(selbst)hilfe. Dabei stellt der Autor die für die Informationserteilung im allgemeinen (Auskunft, Beratung etc.) jeweils relevanten Paragrafen in allen SGBs sowie (zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches noch geltendem) BSHG vor. In einem kurzen historischen Rückblick wird diese Thematik für den Bereich der Rehabilitation anhand des RehaAnglG erläutert, das mit Inkrafttreten des SGB IX abgelöst wurde. Im zweiten Teil dieses Kapitels wird exemplarisch die Informationstätigkeit einiger Organisationen und Verbände behinderter Menschen dargestellt, darunter der SoVD sowie der  VdK.
  4. Mit dem vierten Kapitel wird das eigentliche Thema, die "Aufgaben und Handlungsfelder von gemeinsamen Servicestellen", in den Mittelpunkt gerückt. Dabei konzentriert sich der Autor im ersten Teil dieses Kapitels auf die vertiefte Darstellung der Aufgaben der gemeinsamen Servicestellen, wie sie in § 22 SGB IX kodifiziert sind. Dabei werden die einzelnen Aufgabengebiete ausführlich kommentiert und Querbezüge zu anderen Paragrafen im SGB IX sowie verwandter SGBs hergestellt. Im zweiten Teil dieses vierten Kapitels wird der Blick auf die indirekt aus dem § 22 SGB IX ableitbaren Handlungsfelder abgestellt, wie z.B. trägerübergreifendes Case Management. In der zusammenfassenden Kommentierung der Aufgabenfelder der gemeinsamen Servicestellen kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Gefahr der Einrichtung von "Mammutbehörden" nicht von der Hand zu weisen ist. Dies könne, so der Autor, durch eine Erweiterung der Entscheidungskompetenzen, vor allem mit Hinblick auf eine größere Bürgernähe, verhindert werden. Auf diese Problematik wird dann nochmals in der Diskussion der Experteninterviews im sechsten Kapitel eingegangen.
  5. Im fünften Kapitel wird der Komplex "Qualitätsentwicklung in gemeinsamen Servicestellen" dargestellt und diskutiert. Hier konzentriert sich die Untersuchung vor allem auf die Fragestellung, wie und unter welchen Bedingungen die gemeinsamen Servicestellen die ihnen übertragenen Aufgaben und Handlungsfelder erfüllen können. Um dies zu leisten, werden zunächst einige grundsätzliche Überlegungen zum Thema Qualitätssicherung in der Rehabilitation angestellt. Danach stellt der Autor Ansätze zur Qualitätssicherung in gemeinsamen Servicestellen vor, wobei als Haupterkenntnis festzuhalten ist, dass hier noch kaum verankerte Strukturen und Konzepte zu verzeichnen sind. Von besonderer Bedeutung ist daher die Forderung nach der Einrichtung trägerübergreifender Qualitätsentwicklung, um hier gleich von Anbeginn einheitliche Standards zu setzen.
  6. Im sechsten und abschließenden Kapitel werden ausführlich Ergebnisse von insgesamt neun Experteninterviews vorgestellt und diskutiert, die der Autor mit Fachleuten verschiedenster Rehabilitationsträger wie der LVA, der BfA, dem Arbeitsamt aber auch mit einem Sozialverband (VdK) sowie einem Forschungsinstitut (Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik, ISG) durchführte. Die Ergebnisse sowie die Diskussion dieser Experteninterviews sind von großer Bedeutung, vor allem vor dem Hintergrund, als das Meinungsspektrum hinsichtlich der Notwendigkeit und der Aufgaben der gemeinsamen Servicestellen bei den befragten Expert/inn/en eine erhebliche Spannbreite aufweist. Bedeutungsvoll ist auch die Erkenntnis, dass das Thema Qualitätsentwicklung in diesem Bereich für die Mehrheit der Befragten einen relativ geringen Stellenwert einnimmt.

Zielgruppe

Das Buch ist sowohl für wissenschaftlich Tätige im Bereich des Rechts behinderter Menschen, der Rehabilitationswissenschaften sowie der Sozialen Arbeit mit behinderten Menschen geschrieben. Es ist aber auch für Praktiker/innen in den genannten Bereichen, die im Bereich der Qualitätssicherung tätig sind, von Interesse.

Nutzen für die Zielgruppe

Das Buch richtet sich, wie bei Dissertationen üblich, vornehmlich an ein fachwissenschaftliches Publikum und kann hier vornehmlich durch die sorgfältige Zusammenstellung der für die Einführung von gemeinsamen Servicestellen relevanten rechtlichen Hintergründe sowie die empirischen Ergebnisse der Experteninterviews von hohem Nutzen sein. Die kritische Diskussion der Bedeutung von Qualitätsentwicklung im Bereich der Beratung von Menschen mit Behinderung macht dieses Buch darüber hinaus aber auch für Praktiker/innen interessant, die zum jetzigen Zeitpunkt hier noch entscheidende Weichen stellen können.

Fazit

Mit diesem Fachbuch hat der Autor einen wichtigen Beitrag in der entscheidenden Phase des Aufbaus und der Etablierung der gemeinsamen Servicestellen geliefert, die ein wesentliches Element des neu ausgerichteten Rechts für Menschen mit Behinderungen darstellen. Insofern kann die Lektüre allen mit der Beratung dieses Personenkreises betrauten Fachleuten in Verbänden und Organisationen empfohlen werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 28.06.2005 zu: Holger Wellmann: Gemeinsame Servicestellen in der Rehabilitation. Eul Verlag (Lohmar) 2004. ISBN 978-3-89936-307-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2558.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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