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A. K. Benjamin: Into madness

Cover A. K. Benjamin: Into madness. Geschichten vom Verrücktwerden. Ullstein Verlag (München) 2019. 286 Seiten. ISBN 978-3-86493-067-6. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 22,90 sFr.
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Thema

Das Buch befasst sich vordergründig mit Fallschilderungen zu psychischen und neurologischen Erkrankungen aus Sicht eines Ich-Erzählers, der als Neuropsychologe in einem Londoner Krankenhaus arbeitet. Im Hintergrund wird zunehmend eine eigene psychische Erkrankung des Erzählers deutlich.

Autor

Als Autor und Ich-Erzähler des Buches wird Dr. A. K. Benjamin, Literaturwissenschaftler und im „Zweitberuf“ Neuropsychologe, genannt. In dieser Funktion, so die Angaben des Verlages, arbeitete er 10 Jahre in einer psychiatrischen Klinik in London; nach intensiver Beschäftigung mit fernöstlichen Praktiken verlegte er seinen Lebensschwerpunkt nach Indien und hat dort eine Klinik für Kinderneurologie aufgebaut. Selbstverständlich handelt es sich um ein Pseudonym, wie bei Besprechungen des englischsprachigen Originals klar wird; Ullstein lässt dies allerdings unverständlicherweise offen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 15 Kapitel und einen Epilog. Die Kapitel 1 bis 15 enthalten vordergründig verfremdete „Patientengeschichten“, Fallvignetten, die die Verhaltens- und Wahrnehmungsveränderungen und diagnostischen Prozesse bei unterschiedlichen neuropsychiatrischen Erkrankungen von der Demenz, Folgen von Hirnverletzungen bis hin zu letztlich unklar bleibenden Konstellationen schildern.

Stets zieht sich dabei die Frage durch, ob Neurologie und Psychiatrie überhaupt immer oder zumindest in der Regel valide Antworten zu geben vermögen. Besonders plastisch wird das in den Passagen, in denen der Autor den Krankheitsverlauf einer „Patientengeschichte“, bei der es um eine möglicherweise beginnende Demenz geht, mit der psychischen Gesundheit der eigenen Mutter parallelisiert. Könnte es sein, so die sich aufdrängende Frage, dass das Nicht-Wahrhaben-Wollen einer fatalen Erkrankung im privaten Umfeld auch das professionelle Urteil bezüglich anvertrauter Patienten trübt?

Ebenso verstörend, aber dabei in der Schilderung zutiefst anrührend und fast an ein klassisches Drama erinnernd, ist der „Fall“ eines Mannes, der bei einem in jeder Hinsicht überflüssigen, fahrlässig herbeigeführten Risikosportunfall eine Schädelverletzung erleidet, von der er sich zwar körperlich erholt, danach aber im Wesen massiv verändert ist und für sich und seine Umgebung letztlich zu einer kaum erträglichen Belastung wird, während sich alle Hoffnungen auf eine Besserung zerschlagen.

Die letzten Kapitel, in denen Suizidideen des Ich-Erzählers erwähnt werden, die Sprache zunehmend unklarer wird und in der das Denken sprunghaft-assoziativ auslenkt, deuten darauf zunehmend darauf hin, dass auch der Autor selbst psychisch erkrankt; der Epilog zitiert aus einer fiktiven (?) Krankenakte, die sich auf ihn beziehen könnte.

Auch dieser Gedanke, sich als Patient mit einer psychischen Erkrankung einem Professionellen anzuvertrauen, bei dem man ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass dieser ein ungetrübtes Urteilsvermögen hat, ist irritierend. Zwar erkranken Ärzte und Psychotherapeuten ebenso häufig seelisch wie andere Berufsgruppen, aber diese Tatsache wird im Alltag schon aus Selbstschutzgründen gerne ausgeblendet.

Ein weiterer die Lektüre lohnender Aspekt ist die Schilderung der Dysfunktionalitäten (auch) des psychiatrischen Krankenhauses im staatlichen britischen Gesundheitssystem, die immer im Hintergrund mitschwingen.

Formale Aspekte

Das Buch ist aus dem Englischen übersetzt; diese Übersetzung weist schwere Schwächen auf. Das beginnt schon mit dem Titel: der englische Originaltitel „Let Me Not Be Mad“ spiegelt die Angst eines Menschen, der um die eigene seelische Stabilität oder Gesundheit fürchtet, wieder; ein Motiv, das mehrfach im Buch sehr eingängig geschildert wird. „Lass mich nicht verrückt sein/werden“ oder ein äquivalenter Titel wäre also dem Inhalt besser gerecht geworden, nicht aber die vom Verlag gewählte Formulierung „In den Wahnsinn“. Letztlich ist das „Let Me Not Be Mad“ ja auch die in den letzten Kapiteln durchbrechende Angstmotiv des Ich-Erzählers.

Könnte die Titelformulierung noch als Geschmacksfrage durchgehen, sind andere Übersetzungspassagen grob sinnentstellend misslungen: bei der Klinikbesprechung sitzen nicht die „Berater“ (welche? Management- oder Computerexperten?) vorne (S. 97), sondern die leitenden Fachärzte. Wer den Begriff „Consultant“ als in GB übliche Funktionsbezeichnung besonders qualifizierter Ärzte nicht kennt, sollte kein Buch mit Medizinbezug übersetzen. Weiter in den Übertragungsmissgeschicken: Medikamente sind nicht „neurodegenerativ“, dann würden sie nämlich zum Abbau des Nervensystems führen (S. 54), sondern sie bekämpfen eben diese neurodegenerative Krankheiten: auch hier wäre der Verlag gut beraten gewesen, sich um fachliche Kompetenz bei der Übertragung zu bemühen. Weitere Beispiele durchziehen das Buch.

Fazit

Das Buch ist auf konstruktive Weise irritierend, weil es anhand eindringlicher Schilderungen die Frage aufwirft, inwieweit die eigene Gesundheit, psychische Verfassung oder auch nur Tagesform eines Untersuchers in die nur scheinbar objektive Urteilsfindung und diagnostische Bemühung einfließen, diese sogar massiv verfälschen kann. Dies trifft ja angesichts des weitgehenden Fehlens technischer und anderer „objektiver“ Untersuchungsmethoden in der Psychiatrie, weniger in der Neurologie, einen wunden Punkt. Besonders plastisch wird das in den Passagen, in denen der Autor den Krankheitsverlauf einer „Patientengeschichte“, bei der es um eine möglicherweise beginnende Demenz geht, mit der psychischen Gesundheit der eigenen Mutter parallelisiert. Könnte es sein, so die sich aufdrängende Frage, dass das Nicht-Wahrhaben-Wollen einer fatalen Erkrankung im privaten Umfeld auch das professionelle Urteil bezüglich anvertrauter Patienten trübt?

Daneben brilliert es auch mit der teils lakonischen Schilderung der tiefen Tragik der geschilderten Patientenschicksale; der Autor vermeidet dabei jedes teils naheliegende voyeuristische Element und vermittelt eine sehr individuumsnahe, menschlich nahegehende Schilderung. Hinzu kommt die Binnenperspektive des allmählichen Verlusts der Gewissheit der eigenen Realitätssicherheit.

Zusammenfassend ist „Into Madness“ eine faszinierende Lektüre im Grenzgebiet zwischen Belletristik und Sachliteratur; wer immer kann, sollte aber eher zum englischsprachigen Original greifen, da der Ullstein-Verlag mit der Übertragung ins Deutsche erkennbar überfordert war.


Rezensent
Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers
M.A., M.A.E.
Fachhochschule Münster, FB Sozialwesen Gesundheitswissenschaft/Sozialmedizin Beauftragter für den Masterstudiengang "Therapie, Förderung, Betreuung (Clinical Casework)"
Mitglied der „Drafting Group for the elaboration of the Additional Protocol on the protection of human rights and dignity of persons with mental disorders with regard to involuntary placement and treatment“ des Europarats zur Ovideo-Konvention (Clinical Casework)"
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Zitiervorschlag
Hanns Rüdiger Röttgers. Rezension vom 10.10.2019 zu: A. K. Benjamin: Into madness. Geschichten vom Verrücktwerden. Ullstein Verlag (München) 2019. ISBN 978-3-86493-067-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25585.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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