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Marvin Oppong: Ewig anders

Cover Marvin Oppong: Ewig anders. Schwarz, deutsch, Journalist. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2019. 192 Seiten. ISBN 978-3-8012-0542-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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„Ich bin Betroffener“

Eines der übelsten, menschenfeindlichen und primitiven Eigenschaften im individuellen und kollektiven menschlichen Denken und Tun ist die rassistische Abwertung von Mitmenschen aufgrund ihres physischen oder psychischen Andersseins, Aussehens, Herkunft, Hautfarbe … Es ist eine „Leerstelle“ des Menschseins (vgl. z.B. dazu: Tina Dürr / Reiner Becker, Hrsg., Leerstelle Rassismus, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25423.php), die Unrecht bewirkt. Es sind auf der einen Seite Höherwertigkeitsvorstellungen, die sich in Ego-, Ethnozentrismen, Nationalismen, Faschismen und Populismen ausdrücken und Vorurteile bewirken, andererseits den Betroffenen ihre Würde nehmen. Es ist das „böse Denken“ (siehe: Bettina Stangneth, Böses Denken, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/23593.php), das Unfrieden in die Welt bringt und das die Conditio Humana des Menschseins Hohn spricht.

In der „globalen Ethik“ wie die von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierte Allgemeine Erklärung der Menschenrechte bezeichnet wird, heißt es zuvorderst: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“; und in der von der UNESCO am 27. 11. 1978 beschlossenen „Erklärung über Rasse und Rassenvorurteile“ heißt es in Artikel 1: „Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Sie sind gleich an Würde und Rechten geboren und bilden gemeinsam die Menschheit“. Die Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“ betont in einer Aufklärungskampagne: „Wir nehmen Rassismus persönlich“, und sie weist darauf hin: „Rassistische Motive nicht zu erkennen, ist auch rassistisch“. Auch damit wird deutlich, dass rassistisches Denken und Handeln nicht nur eine kriminelle Tätigkeit ist und strafrechtlich verfolgt werden muss, sondern dass auch diejenigen Menschen, die nicht rassistisch denken, aktiv gegen Rassisten eintreten müssen. So wie es bei den Populisten, Extremisten und Fake Newsern Follower und Wegschauer gibt, die deren Treiben möglich machen, so müssen sich auch aufgeklärte und human denkende Menschen gegen Rassismus einsetzen. Gelänge dies nämlich, hätten böse Menschen keine Chance, ihr Unwesen zu treiben.

Autor

Dort, wo Rassismus zutage tritt, im Alltag, im öffentlichen Raum, auf der Straße, im Beruf und in der Freizeit, sind es Blicke, Gesten, Reaktionen und Aktionen, die andere Menschen aus der Gemeinschaft ausschließen. Die dabei auftretenden Beleidigungen, Ablehnungen und Angriffe bewirken bei den Betroffenen Unsicherheiten, Hoffnungslosigkeiten, Ängste und Verzweiflung, gelegentlich auch Widerstände gegen Intoleranz. Der 1982 in Münster geborene Marvin Oppong ist en „Schwarzer“ – nein, ein Mensch, der aufgrund seiner familiären Herkunft – sein Vater kommt aus Ghana, die Mutter ist Deutsche – dunkle Hautfarbe hat. Da stehen wir schon vor dem ersten Dilemma: Wird die an ihm oft gestellte Frage. „Wo kommen Sie her?“ aus kommunikativem und dialogischem Interesse gestellt, oder stecken in ihr ausgrenzende Vorurteile und Stereotypen? Dabei könnte es ganz einfach sein, wenn es um die Frage geht, ein Deutscher, Franzose oder Schweizer zu sein, nämlich wenn der Mensch die deutsche … Staatsangehörigkeit erworben hat, entweder von Geburt an, oder in einem Einbürgerungsverfahren. Da ist es unerheblich, ob dieser hell-, rot–oder dunkelhäutig, groß, kleinwüchsig oder behindert ist. Unterschiede, Verschiedenheit en und Vielfalten sind menschlich und normal! Im nationalen und internationalen politischen Diskurs hat sich mittlerweile durchgesetzt, auf „Political Correctness“ beim Umgang der Menschen miteinander zu achten. Es gibt zahlreiche historische (vgl. z.B. dazu: Jos Schnurer, Wie die Deutschen zu den Fremden kamen, Verlag Dialogische Erziehung, Oldenburg 2002 ) und aktuelle Berichte, Erzählungen und Autobiographien darüber, wie sich Menschen fühlen und was sie empfinden und erleben, in der Gesellschaft als nichtzugehörig diskriminiert zu werden (Hans J. Massaquoi; „Neger; Neger, Schornsteinfeger!“. Meine Kindheit in Deutschland, München 1999 ); aber auch darüber, wie es gelingt (Ijoma Mangold, Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23383.php).

Aufbau und Inhalt

Marvin Oppong ist ein investigativer Journalist. Er lebt und arbeitet in Bonn. Mit seinem Buch will er „kein Lehrbuch, keine Rassismus-Biographie, keine Generalabrechnung und kein Pamphlet, sondern eine Schilderung persönlicher Erlebnisse und Reflexionen eines schwarzen Deutschen… (schreiben)“: Damit wird das Buch dann doch zu einer Aufzählung von erlebten Rassismusvorfällen. Es ist auf der einen Seite ein Verzweiflungsruf ob der alltäglichen Rassismen, aber auch eine Botschaft an die Gesellschaft, die er mit der Hoffnung ausdrückt: „Wenn dieses Buch dazu führt, dass nur ein einziger Mensch Rassismus besser erkennt und sich nicht (mehr) rassistisch verhält, wäre dies schon ein ganzer Erfolg, dann hätte sich das Buch für mich gelohnt“ Die Vorurteilsforschung hat uns gelehrt, dass jeder Mensch Vorurteile hat. Es kann also nicht darum gehen, sie ausmerzen zu wollen, sondern sie bei sich selbst und den Anderen zu erkennen, zu reflektieren und zu verändern. Auf Beleidigungen, Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, sich gegen sie zur Wehr zu setzen, sie an den Pranger zu stellen und Individuen und Kollektive damit zu konfrontieren, ist Menschenpflicht.

Der Autor gliedert seinen Lebensbericht in die folgenden Kapitel: Als Einstimmung in die Thematik beschreibt er Erlebnisse und Erfahrungen zum „Alltäglichen Rassismus“, die er in zwei Bereiche einteilt: In bewusste und gezielte Konfrontationen und eher unbewusste Ereignisse (vgl. dazu auch: Susan Arndt, Die 101 wichtigsten Fragen – Rassismus, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14286.php). Mit „Rassismus in meiner Kindheit“ schildert er die Verhältnisse, Situationen und Gewohnheiten in seiner katholischen Geburtsstadt Münster. Er spielt mit der scherzhaften, als doppeldeutig darstellenden Frage, was die Steigerung von Schwarz (Münster) sei, nämlich am Schwärzesten (Paderborn). Seine Erlebnisse und Erfahrungen in der Schule und die Zusammenstellung von erlebten Vorkommnissen an vielen öffentlichen Orten sind keine Einzelheiten und Ausrutscher, sondern eben tatsächliche, alltägliche Vorkommnisse, etwa bei der bevorzugten Ausweis- und Fahrscheinkontrolle aufgrund des Aussehens, bis hin zu bewussten, aggressiven Herabsetzungen und verbalen Angriffen. Der neugierige und betroffene Journalist ist nicht jemand, der sich duckend und ängstlich abwendet, sondern nachschaut, nachfragt und den Begriffen und Einstellungen auf die Schliche kommen will. Die Auseinandersetzungen und Recherchen in der Literatur, der Kunst, den Medien und in der Wissenschaft ergeben ein ambivalentes Bild, das sich als schal, schandhaft, schrecklich, schmuddlig, schillernd und sogar schwärmerisch darstellt. Intellektuelle Perspektivenwechsel sind in der Rassismuskritik nicht selten, wie etwa die Theorie „Critical Whiteness“ (Susan Arndt, Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche (Hg.), Mythen, Masken und Subjekte, Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, 2003 / 2017, S. 552). Rassismus nämlich zeigt sich nicht nur gegen Andersfarbige, sondern auch gegen „Weiße“, und zwar sowohl bei persönlichen, als auch strukturellen Aktivitäten und Anlässen.

Wenn jemand feststellt: „Ich fühle mich als Afrikaner“, kann das zum einen daran liegen, dass er ein Mensch ist, der in diesem drittgrößten Kontinent der Welt geboren ist und eine der zahlreichen Staatsangehörigkeiten hat, die von den einzelnen Ländern vergeben werden; oder er sich aus anderen Gründen mit diesem Kontinent verbunden fühlt (wie etwa der Rezensent, der Anfang bis Mitte der 1960er Jahre als Angehöriger der deutschen Botschaft in Niamey / Niger gelebt und gearbeitet hat). Wenn Marvin Opong das sagt, ist es seine „afrodeutsche“ Identität, die sich mit der „biodeutschen“ mischt. Nur wer rassistisch denkt, kann darin ein Problem sehen. Aufgeklärte, interkulturell denkende und handelnde Menschen sehen darin eine Bereicherung für ein humanes, gleichberechtigtes, freiheitliches und offenes Zusammenleben.

Fazit

Es sind die Menschenfeinde und „Kulturzerstörer“ (Jürgen Meier, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25606.php), mögen sie Sarrazin, Marc Jongen heißen, sich in rechtsradikalen und populistischen Zirkeln zusammenfinden und ego- und ethnozentristische Politik vertreten. Marvin Oppong schildert, ungeschützt und ehrlich, faktisch und widerständig, wie er als Betroffener Rassismus empfindet und erlebt. Es ist kein Lehrbuch mit erhobenem, pädagogischem Zeigefinger; es ist auch kein Pamphlet aus dem Jammertal. Es macht Mut und fordert heraus mitzumachen bei den Gegenwarts- und Zukunftsanforderungen, eine Welt ohne Rassismus mitzugestalten!

Der Dietz-Verlag ist zu loben, weil er, wie mittlerweile einige Verlage darauf verzichten, die Bücher in Folie einzuschweißen – auch ein Beispiel dafür, dass es möglich ist, für eine nachhaltige, lebenswerte EINE WELT einzutreten!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.05.2019 zu: Marvin Oppong: Ewig anders. Schwarz, deutsch, Journalist. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2019. ISBN 978-3-8012-0542-3.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25586.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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