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Günter G. H. Gutsche: Soziologie der Persönlichkeit

Cover Günter G. H. Gutsche: Soziologie der Persönlichkeit. Als spezielle soziologische Theorie. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2019. 112 Seiten. ISBN 978-3-339-10654-4. D: 64,80 EUR, A: 66,70 EUR.

Reihe: Soziologische Themen zur Diskussion - 9.
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Thema und Autor

Es gibt unzählige so genannte Bindestrich-Soziologien, die alle ein ganz spezifisches Gebiet umfassen und die sich in unterschiedlichen Studiengängen wieder finden. Eine Soziologie der Persönlichkeit ist nicht darunter. Diese greift der Autor hier heraus und begründet diese damit, dass unter dem Einfluss der Globalisierung und des sozialen Wandels die Individualisierung immer bestimmender im Leben werde.

Herausgeber des neunten Bandes „Soziologische Themen in der Diskussion“ ist Günter G. H. Gutsche. Sowohl im Buch als auch im Netz finden sich keine näheren Angaben zum Autor.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einem Vorwort und einer Einleitung in weitere acht Kapitel differenzierter Länge gegliedert.

Im „Vorwort“ als Erstes Kapitel wird die zugrundeliegende Studie als Anregung zur Beschäftigung mit dem Thema unter Fachkollegen und als Vorlage für ein Spezialseminar verstanden.

Im zweiten Kapitel „Soziologie der Persönlichkeit. Historischer Abriss“ wird die Soziologie als Wissenschaft in ihrer historischen Entwicklung nachgezeichnet.

Das dritte Kapitel ist mit dem Titel „Soziologie der Persönlichkeit als spezielle soziologische Theorie“ überschrieben. Es gäbe, so der Autor, eine regelrechte Inflation von Disziplinen, die alle als spezielle soziologische Theorien bezeichnet werden. Beginnend mit einer „Soziologie der Mahlzeit“ bis hin zur „Soziologie des Sterbens“, des „Körpers“ und der „Marken- oder Verwaltungssoziologie“, was eine Verwässerung des Begriffs Soziologie bedeute. Im Mittelpunkt einer „Persönlichkeitssoziologie“ sollten die Entwicklungsmöglichkeiten des Selbstbewusstseins und selbstständigem Handeln innerhalt sozialer Strukturen stehen.

Im folgenden Kapitel wird „Ein subjektorientierter Persönlichkeitsbegriff“ aufgegriffen. Jeder Mensch, spätestens sobald er „ich“ sagen könne, verkörpere eine besondere Persönlichkeit, was normalerweise mit dem zweiten bis dritten Lebensjahr eines Kindes der Fall wäre. Gutsche fasst den Begriff der Persönlichkeit wie folgt zusammen: „Persönlichkeit ist das Individuum in seiner Eigenschaft als Subjekt seiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt sowie seiner selbst“ (S. 25). Subjekt heiße, im Sinne von „ich will“ auf die Umwelt einzuwirken.

Das fünfte Kapitel ist dem „Gegenstand soziologischer Persönlichkeitsforschung“ gewidmet. Gegenstand wäre die Persönlichkeitsentwicklung heranwachsender und erwachsener Individuen, vor allem die Entwicklung ihres Handelns in sozialen Strukturen. Der allgemeinere, umfassendere Forschungszusammenhang sei die Persönlichkeitsforschung und nicht die Sozialisationsforschung.

Das folgende sechste Kapitel setzt sich mit „Typenanalysen“ auseinander. Es werden zunächst verschiedene Studien vorgestellt, auf deren Grundlage Typen mithilfe differenzierter statistischer Verfahren gebildet wurden. Der Autor selbst kommt dann in seinen Studien auf sechs Persönlichkeitstypen bei Weiterbestehen und Verschlimmerung der anomischen Verhältnisse:

  1. Leistungsorientierte,
  2. Resignierte,
  3. Tradierte Linke,
  4. Erfolg- und Erlebnisorientierte,
  5. Aussteige-Willige und
  6. Linksalternative Modernisierer.

Das vorletzte Kapitel beschäftigt sich mit der „Persönlichkeit als Akteur des sozialen Wandels“. Die wirksamsten Akteure seien kollektive Akteure, also Gruppen, Parteien, Organisationen, Interessenverbände von Klassen, Schichten und Milieus (S. 83). Heute entstünden Organisationen und Bewegungen meist durch engagierte, gut gebildete Bürger, oft ohne feste Mitgliedschaft, die aber zu jeder Zeit mobilisierbar seien. Es gehe nicht darum, alle Menschen zu Akteuren des sozialen Wandels zu machen, eine Soziologie der Persönlichkeit aber sollte Formen der Subjektivität aufzeigen und wie sie sich unter bestimmten Rahmenbedingungen entwickeln sowie aussterben.

Das letzte Kapitel steht unter dem Titel „Psychologische und soziologische Persönlichkeitstheorie“. Es seien mentale Eigenschaften und Verhaltensweisen der Persönlichkeit, die Gegenstand der soziologischen Persönlichkeitstheorie und -forschung sind. Ein Gesamtkonzept soziologischer Persönlichkeitsforschung könne man nur erarbeiten, wenn man die Persönlichkeit als ein System der Subjektivität begreife, dessen innere Struktur aus verschiedenen Subsystemen zur Regulierung individueller Bewusstseinsprozesse in der Praxis individueller Lebensprozesse bestehe (S. 92).

Fazit

Der Autor resümiert, dass die Persönlichkeitsforschung ein noch ungenügend beackertes Feld sei, das sich mehr in Richtung Zukunftsforschung entwickeln müsste. Entsprechend seines Anliegens im Vorwort, eine Soziologie der Persönlichkeit und damit eine Lücke im System soziologischer Disziplinen zu entwickeln und schließen zu wollen, dürften die Leser*innen etwas enttäuscht von seinen Erwartungen sein. Mehr als eine Skizze ist es wirklich nicht.

Des Weiteren ist der Preis des kleinen Büchleins mit 64,80 € nicht nachvollziehbar.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 05.05.2020 zu: Günter G. H. Gutsche: Soziologie der Persönlichkeit. Als spezielle soziologische Theorie. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-339-10654-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25587.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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