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Karola Schöppe, Frank Schulz: Kreativität & Bildung

Cover Karola Schöppe, Frank Schulz: Kreativität & Bildung. Nachhaltiges Lernen. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. 534 Seiten. ISBN 978-3-86736-477-5. D: 32,80 EUR, A: 33,80 EUR.

Reihe: KREAplus - Band 17.
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Thema

Wie kann es gelingen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen?

Diese uralte, immer wieder neu zu stellende Frage bestimmt das intellektuelle, ethische, anthropologische, philosophische, psychologische, zivilgesellschaftliche und pädagogische Nachdenken über die conditio humana (vgl. dazu auch: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff). Lokale und globale Gesellschaften sind „lernende Systeme“. Kreativität ist Stellschraube in diesem Prozess der Herausforderungen für ein gutes, gelingendes Leben für alle Menschen auf der Erde (siehe dazu auch: Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, 2000, 350 S.).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Die demokratische, anthropologische und ethische Forderung, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, Präambel) kann nur dann wirksam werden, wenn es gelingt, das Menschenrecht auf Bildung durchzusetzen. Im lokalen und globalen Bildungsdiskurs haben deshalb die Fragen, wie der Mensch lernt und was er lernen soll, eine besondere Bedeutung (Jos Schnurer, Lernen heißt: Verhalten ändern! In: https://www.sozial.de/von-lernen.html, 23. 7. 2017).

Vom 5. bis 6. Mai 2017 fand, initiiert und organisiert vom Dachverband Kreativitätspädagogik e.V (https://www.krea-dachverband.de), im BIP-Kreativitätsschulzentrum Leipzig (https://www.bip-schulen.de) das Symposium „Kreativität – Bildung – Nachhaltige Entwicklung“ statt. Die folgenden Fragen bestimmten die interdisziplinäre Veranstaltung:

  • Wie befähigt Bildung Kinder und Jugendliche zu zukunftsfähigem Denken und Handeln, insbesondere bei der Förderung von Begabungen und der Entwicklung von kreativen Ansätzen bei der Lösung von Problemen?
  • Was bedeutet Nachhaltigkeit im Sinne der Entwicklung von entsprechenden stabilen Persönlichkeitseigenschaften?
  • Was heißt insbesondere nachhaltige Entwicklung von Professionalität von Pädagogen und von Unterricht?

Die theoretischen und praktischen Aspekte und Fragestellungen, wie „Kreativitätspädagogik“ nicht als spezieller Bereich des Lernens, sondern als grundlegende, verbindende und ganzheitliche Bildung und Erziehung verwirklicht werden kann, ist keine neue Entdeckung. Die Akzentuierung und Schwerpunktsetzung für eine ganzheitliche, nachhaltige Bildung jedoch bietet neue, interessante, didaktische und curriculare Ansätze. Die Pädagogin und Vorstandsvorsitzende des Dachverbandes Kreativitätspädagogik e.V., Karola Schöppe und der Kunstpädagoge und -didaktiker an der Universität Leipzig und Leiter des Kreativgymnasiums, Frank Schulz, geben den gewichtigen Sammelband heraus.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort und der zweigegliederten Einleitung – „Kreativitätsbezogene Bildung und nachhaltiges Lernen“ von Frank Schulz <„Ich muss können, was ich will!“>, und „Nachhaltige Lehr- und Lernpraxis und Kreativitätsentwicklung“ von Karola Schöppe <„Vernetzen und Vertiefen“> – kommen in den Beiträgen „Perspektiven Unterricht – Domäne – Begabung – Fotoblock – Psyche – Gedächtnis – Professionalität“ 23 Autorinnen und Autoren zu Wort. Dabei stehen Themenauswahl des kreativen, lernenden Schaffens neben dem Erwerb und den Entdeckungen und Erfahrungen von „Kompetenzen hinsichtlich des kreativen Denkens und Handelns überhaupt“ im Mittelpunkt. Es sind die differenzierten, individuellen, homogenen, heterogenen und kollektiven, an der Vielfalt des menschlichen Seins ausgerichteten Arbeits- und Sozialformen, die Kreativität ermöglichen, Fantasie anregen und das Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler befördern.

Der Verhaltenswissenschaftler und Neurobiologe von der Universität in Bremen, Gerhard Roth, vermittelt „Neurokognitive Tipps für die Schule“, indem er fragt: „Wie sieht ein ‚hirngerechter‘ Unterricht aus?“. Er thematisiert die hirnphysiologischen Grundlagen, verweist auf Persönlichkeitsentwicklung bei den Lehrenden und Lernenden, erinnert an Kompetenzen, wie Aufmerksamkeit, Interesse, Neugier und Methodenbewusstsein.

Der Kasselaner Erziehungswissenschaftler und Schulpädagoge Frank Lipowsky und die Akademische Rätin beim Institut für Grundschulforschung an der Universität Erlangen-Nürnberg, Miriam Hess, setzen sich mit der durchaus ungewöhnlichen und nicht alltäglichen Feststellung auseinander: „Warum es manchmal hilfreich sein kann, das Lernen schwerer zu machen“. Sie plädieren für die „kognitive Aktivierung und die Kraft des Vergleichens“. Sie diskutieren verschiedene Theorie- und Basismodelle von Lernmotivation und Lerngelingen und zeigen an Unterrichtsbeispielen auf, „welche verstehensfördernde Wirkungen Maßnahmen der Kontrastierung haben und wie wirksame Strategien des Vergleichens sein können“.

Die Leipziger Sozialpädagogin und Gründerin des „Deutschen Instituts für Humor“, Eva Ullmann, und die Anglistin Kareen Seidler stellen fest, dass „Humor zur (Ent-)Spannung im Unterricht“ sinnvoll und nützlich ist. Dabei geht es nicht um Clownerei, rote Nasen oder Kostümierung, sondern um Locker zu sein und Ungewöhnliches zu wagen: „Wenn es uns gelingt, im Unterricht Schüler durch Humor nicht zu beschämen, sondern zu entspannen und zu interessieren, wären wir einen riesigen Schritt weiter im gezielten Einsatz von Humor als didaktisches Instrument“.

Die Erwachsenenbildnerin und Bildungsmanagerin von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Ingeborg Schüßler, nimmt Bezug „Zur Bedeutung leiblich-sinnlicher Erfahrungen in der akademischen Lehre“. Sie entwickelt und informiert über ein hochschuldidaktisches Seminardesign mit den Parametern: Emotionalität – Reflexion – Aneignung.

Die zweite Perspektive „Domäne“ beginnen der Naturwissenschaftler und Mathematikbeauftragte am BIP, Horst Hunecke, und der Informatiker Mathias Richter mit dem Beitrag: „Erkenntnisgewinnung und Erkenntnissicherung in der Mathematik am Beispiel von Dreieckshäusern“. Mit einer aufwändigen, logischen Studie zeigen sie eine Form der mathematischen Beweisführung auf und vermitteln Beispiele des deduktiven und reduktiven Mathematiklernens.

Der Leipziger Kunstpädagoge Steffen Wachter widerspricht mit dem Beitrag „Malerei zu Beginn des Jugendalters und die Entwicklung des bildnerischen Problemlösungsverhaltens“ der gängigen Einstellung: „Ich kann nicht malen“. Er verdeutlicht mit einem dokumentierten Forschungs- und Unterrichtsprojekt in einer sechsten Klasse die notwendigen, differenzierten Interpretationen von „Kreativität“.

Die Literaturpädagogin und Gründerin der Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche am Literaturhaus in Leipzig, Constanze John vermittelt mit ihren „Aufzeichnungen aus der schriftstellerischen Werkstatt“ Einblicke über kreatives Lernen und Schaffen.

Mit der durchaus kontrovers diskutierten Erkenntnis, dass zwischen „Begabung und Lernen“ (Heinrich Roth, 1969) ein Zusammenhang besteht, werden im pädagogischen Diskurs Theorien entwickelt und Praxismodelle hergestellt. Der Lernpsychologe und wissenschaftliche Leiter des Deutschen Zentrums für Begabungsforschung und Begabungsförderung in Minden, Sebastian Renger, entfaltet in seinem Beitrag „Begabungsentfaltung“, wie durch die PSI-Theorie (Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen) ein neues Verständnis, neue Funktionen und Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden möglich werden kann: Lernbegleitung und Lernbegleiter.

Die Münchner Lernberaterin und Coachin für Hochbegabtenförderung, Barbara Saring, titelt ihren Beitrag zum kreativen Umgang mit Lernstrategien als „Diamantenfabrik“. Sie diskutiert die Zusammenhänge von intellektuellem und sozialem Kapital. Sie zeigt auf, wie Begabungen diagnostiziert und gefördert werden können.

Die Fachberaterin und Fortbildnerin beim Sächsischen Bildungsinstitut in Radebeul, Heike Petereit, stellt mit dem Beitrag „Zwischen IQ und Lehrplan“ das Zusammenwirken von psychologischen und pädagogischen Aufgaben beim Beratungsprozess der Beratungsstelle zur Begabtenförderung (BzB) dar. Mit ausgewählten Fallbeispielen verdeutlicht sie die institutionellen Wege und Methoden.

Wer über Begabung, Intellektualität und Kompetenzen redet, muss auch die psychischen Störungen und Defizite im Blick haben. Der Bonner Humanmediziner und Psychiater Michael Winterhoff referiert über „Aktuelle Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen im Bereich ihrer emotionalen und sozialen Psyche“. Er verweist auf Ursachen, die zu frühkindlichem Narzissmus führen können und zeigt Aus- und Lösungswege auf.

Der Informations- und Medienpsychologe von der Universität Erlangen-Nürnberg und Präsident der Internationalen Gesellschaft für Gehirntraining, Siegfried Lehrl bringt mit seinem Beitrag „Durch Training der Merkspanne kreativer werden und komplexer denken“ einen Bewusstseinsaspekt in die Diskussion, der in der Intelligenzpsychologie als Standard definiertes „Rundum-fit“ propagiert wird und dazu führt, „dass sie sich mit ausgeprägten mentalen Minderleistungen und Vitalitätsdefiziten begnügen“, anstatt „Mehr- und Selbstdenken“ zu wagen; denn es „nehmen viele Menschen an sich nicht wahr, wenn sie sich geistig weit unter ihrem möglichen Niveau beschäftigen und ( ) mangels entsprechender Signale nicht (ahnen), dass sie sich mit ausgeprägten mentalen Minderleistungen und Vitalitätsdefiziten begnügen…“.

Der Ernährungs- und Erziehungswissenschaftler Günther Wagner, der Sportwissenschaftler Uwe Schröder von der Justus-Liebig-Universität in Gießen und Siegfried Lehrl vermitteln mit dem Beitrag „Essen und Trinken für die Merkspanne“ einen Überblick über die Grundgröße der Informationsverarbeitung. Richtiges „Essen und Trinken für Förderung der Merkspanne (ist) mindestens so effektiv wie mentale Trainingsmaßnahmen“. Mit der „Brain-Fit-Ernährungspyramide“ lenkt das Autorenteam die Aufmerksamkeit auf nutritive Lebensführung.

Auf die Bedeutung von Professionalität beim Bildungs- und Erziehungsprozess wird immer wieder hingewiesen. Die Leipziger Erziehungswissenschaftlerin und Mitherausgeberin der Zeitschrift „Frühe Bildung“, Susanne Viernickel, informiert über „Rahmenbedingungen für professionelles Handeln in Kindertageseinrichtungen“. Es sind in fachliche, interdisziplinäre und organisationskulturelle, individuelle und institutionelle Anforderungen, die „fachliche Reflexionen herausforder(n) und unterstütz(en), Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten eröffne(n), transparente Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen etabliere(n) und konkrete Unterstützungsangebote veranker(n)“.

Miriam Hess stellt mit dem Beitrag „Die Handlungskompetenz von Lehrpersonen beim Erteilen von Feedback beurteilen“ das Beurteilungssystem für unterrichtliche Interaktionssituationen ProFee vor. Sie erläutert die einzelnen Schritte und stellt die didaktischen und methodischen Manuals vor.

Die Schulpädagogin von der Universität Osnabrück, Claudia Solzbacher und die Erziehungswissenschaftlerin Christina Schwer von der TU Dortmund beenden mit dem Beitrag „Zur Bedeutung einer professionellen Haltung für Diversität und Inklusion in Schule und Unterricht“ den Sammelband. Sie fordern auf, bei der Professionalisierung von Lehrkräften in der Aus- und Fortbildung stärker auf die Bildung von Selbstkompetenz zu achten und die kognitiven und emotionalen Aspekte des Lehrens und Lernens zu fördern.

Mit der als „Fotoblock“ von Anja Ußler ausgewiesene n Bild-Dokumentation wird ein Eindruck vom Verlauf des Symposiums vermittelt.

Fazit

„Wie befähigt Bildung Kinder und Jugendliche zu zukunftsfähigem Denken und Handeln?“. Diese Frage, die kritische vergangenheitsbewusste, gegenwartsbestimmte und zukunftsorientierte Bildung und Erziehung notwendig macht, erfordert Kreativität, Eigen- und Gemeinsinn. Das von der Leipziger Mehlhorn-Stiftung geförderte interdisziplinäre Innovationsprojekt „Kreativität – Bildung – Nachhaltige Entwicklung“ kann als neuer pädagogischer Zugang verstanden werden, wie schulisches Lernen die Grundlagen für lebenslange, nachhaltige, kreativitätsbezogene Bildung zu legen vermag. Die Erkenntnis – „Ich muss können, was ich will“ – kann dabei als Begründungs- und Motivationshinweis für Lernen und Erziehen dienen!

Die Initiative „Kreativität – Bildung – Nachhaltige Entwicklung“ erinnert an die „positive Subversion“, die der Schweizer Lebenskünstler und Umweltschützer Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) in seinem Buch „Nach uns die Zukunft“ (1979) mit dem in Berner Mundart von Kurt Marti verfassten und von Pestalozzi ins Hochdeutsche übertragenem Gedicht so markiert hat:

Wo chiemte mer hi
wenn alle seite
wo chiemte mer hi
und niemer giengti
für einisch z‘luege
wohi dass me chiem
we me gieng

Wo kämen wir hin
wenn alle sagten
wo kämen wir hin
und niemand ginge
um einmal zu schauen
wohin man käme
wenn man ginge.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.09.2019 zu: Karola Schöppe, Frank Schulz: Kreativität & Bildung. Nachhaltiges Lernen. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. ISBN 978-3-86736-477-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25591.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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