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Clemens Schwender, Claudia Kuttner (Hrsg.): Mediale Lehr-Lern-Kulturen im höheren Erwachsenenalter

Cover Clemens Schwender, Claudia Kuttner (Hrsg.): Mediale Lehr-Lern-Kulturen im höheren Erwachsenenalter. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. 300 Seiten. ISBN 978-3-86736-498-0. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR.

Reihe: Gesellschaft – Alter(n) – Medien - 12.
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Lebenslanges Lernen

Betrachtet man die vielfältigen Angebote, etwa in den Volkshochschulen, und die Berichte darüber, wie ältere Erwachsene, Rentner und Pensionäre, die im allgemeinen nicht mehr darauf angewiesen sind, sich durch permanente Fortbildung beruflich fit zu halten, in die Kurse strömen und fleißig lernen, wie ein Computer funktioniert und wie man mit den neuen Medien umgeht – zeigt sich, dass lebenslanges Lernen nicht nur eine akademische Forderung, sondern eine lebensweltliche Wirklichkeit ist. Das Interesse auch von älteren Menschen an den Neuen Technologien wird nicht nur dadurch gefördert, dass auch sie mittlerweile selbstverständlich die neuen Kommunikationsmittel nutzen. Die Intensität und Kompetenz, mit der das möglich ist, schafft ein Bewusstsein von gesellschaftlicher Teilhabe, Anerkennung und individueller Zufriedenheit. In der Erwachsenenbildung gilt schon immer, dass Lernziele und -methoden auf andere Grundlagen und Konzepte gestellt werden müssen, als sie z.B. beim institutionellen schulischen Lernen gelten. Das gilt umso mehr, seit die Neuen Medien Eingang in die individuellen und gesellschaftlichen Lern- und Bildungserwartungen gefunden haben.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Der Leipziger Verein „Gesellschaft – Altern – Medien“ (GAM), e.V. hat bei der Jahrestagung 2017 die besondere, wissenschaftliche und Forschungsaufmerksamkeit auf die Bedeutung, Möglichkeit und Wirkung von formellen und informellen medialen Lehr- und Lernkulturen bei Erwachsenen im höheren Alter gerichtet. Die fächerbezogenen und -übergreifenden Beiträge der Referentinnen und Referenten zur Nutzung von digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien durch ältere Menschen machen deutlich: Ein kompetenter, kritischer Zugang zu neuen Medien ist lernbar, in jeder Lebenssituation und -stufe.

Die Leipziger Kommunikationswissenschaftlerin Claudia Kuttner und der Berliner Medienwissenschaftler Clemens Schwender geben den Tagungsband mit dem Anspruch heraus, neue Fragen zur medialen, wissenschaftlich-interdisziplinären Bedeutung von Lernprozessen bei Menschen im höheren Alter zu stellen und Brücken zwischen Theorie, Praxis und Forschung zur Erwachsenenbildung zu bauen. 

Aufbau und Inhalt

Jörg Schwarz, Bildungswissenschaftler von der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität, thematisiert „Alter, Zeit und Bildung“, indem er sich mit der Bedeutung von Weiterbildung im Übergang zur Nacherwerbsphase aus temporaltheoretischer Perspektive auseinandersetzt. Es sind die realen, persiflierten und existentiell wirkenden Erfahrungen von älteren Menschen mit der (kriechenden, sausenden, verrinnenden…) Zeit, die in der Erwachsenenbildung eine besondere, individuelle und soziale Aufmerksamkeit fordern.

Der Mainzer Erziehungswissenschaftler Sebastian Lerch stellt mit seinem Beitrag „Digitale Bildung und Lebenskunst“ Überlegungen an, ob und ggf. wie die zunehmenden Anforderungen zur „digitalen Bildung“ in Einklang zum anthropologischen, philosophischen und pädagogischen Wert der „Lebenskunst“ gebracht werden können, bzw. welche Gegensätze und Paradoxien sich dabei zeigen. Es sind die neuen Herausforderungen für eine gute, zufriedenstellende Lebens(be-)deutung für Menschen „out of Job“, ein sinnvolles, „lebensentfaltendes“, individuelles und kollektives Dasein führen zu können.

Das wissenschaftliche, interdisziplinäre Team der Universität Wien, Vera Gallistl, Viktoria Parisot, Susanne Dobner, Thomas Mayer und Franz Kolland stellen eine Studie vor, bei der es um „Digital Literacy im Alter“ geht. Sie stellen fest, dass „digitale Kompetenz … in technisierten Gesellschaften eine Voraussetzung für soziale Teilhabe für alle dar“stellt und sich in drei Grundsätzen zeigt: Zum einen sind Lernprozesse im Alter eingebunden in soziale Kontexte; zum zweiten wird soziales Lernen mit technischen Mitteln erzeugt; und drittens zeigen sich in den individuellen Zugangsmöglichkeiten und im technischen Verständnis die Chancen und Abstinenzen für eine mediale Bildung.

Der Hamburger Sozialwissenschaftler Hans-Dieter Kübler diskutiert mit dem Beitrag „Den Alltag bestehen – die Medien dafür nutzen“ darüber, wie vor allem ältere Menschen den richtigen Umgang mit Smartphones lernen können. Das (Paradies-) wie (Schreckens-)Bild vom „vernetzten (Allzeit-bereiten) Menschen“ stellt vor allem ältere Menschen vor völlig neue Herausforderungen, die nur lernend, erfahrend und unterstützend human bewältigt werden können.

Die Münchner Soziologin Helga Pelizäus-Hoffmeister spricht von der „digitalen Omi“ und fragt, ob diese Sichtweise als Nachhut oder Avantgarde gris in einer digitalisierten Welt zu deuten sei. Sie stellt dazu eine qualitativ orientierte, wissenschaftliche Untersuchung vor, aus der eine Reihe von neuen Erkenntnissen herausgelesen werden können, wie etwa von (eingeschränkten und zurückhaltenden) Forderungen nach „technischer Kompetenz beim Umgang mit den digitalen Medien und der Bereitschaft, lebenslang offen wie auch kritisch zu sein für technologische Entwicklungen.„

Die Gießener Volkswirtin und Politologin Christina Stecker und die Berliner Wirtschaftspsychologin Linda Müller stellen mit dem Beitrag „Betriebliche Weiterbildung zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit der älteren Generation“ Empfehlungen für die Praxis vor. Der Wandel der Arbeitswelt durch Digitalisierung und die zunehmende Lebenserwartung in industrialisierten Gesellschaften stellen auch ältere Menschen vor bisher unbekannte Herausforderungen. Altersbezogene Lernmotivationen und -fähigkeiten sind beim lebenslangen individuellen Lernen und bei der angeleiteten, organisierten Weiterbildung unverzichtbar.

Die Münchner Erwachsenenbildnerin Veronika Thalhammer informiert mit dem Beitrag „Medienbezogene Unterstützung in familialen Kontexten“ über die Ergebnisse einer erziehungswissenschaftlichen Studie, die im Rahmen des umfassenderen IGeL-Media-(Interview-) Forschungsprojektes entstanden ist. Die Autorin entwickelt eine Typologie, die es ermöglichen soll, durch die Vermittlung und Bewusstwerdung von Eigenschaften und Kompetenzen, wie z.B.: Unterstützungsbedarf, Beziehungsstrukturen, Vertrauen, Fähigkeiten zur Selbst- und Fremdeinschätzung…, Praxis beim informellen, intergenerationellen Lernen zu erwerben.

Die Pädagogische Mitarbeiterin der Leipziger Volkshochschule, Caroline Baetge, stellt mit dem Beitrag „Nonformales Lernen in intergenerationellen Gruppen“ Konzepte und Praxisbeispiele vor. Beim 2010 gegründeten Projekt „Medienclub Leipziger Löwen“ arbeiten im Rahmen der VHS-Angebote Studierende der Medienpädagogik an der Universität Leipzig mit SeniorInnen ehrenamtlich zusammen. Sie bringt Anspruch und Wirklichkeit zusammen und gibt wertvolle praktische Hinweise zur Motivation und Aktion zum intergenerationellen Lernen.

Clemens Schwender interviewt den Leiter der Berliner Volkshochschule in Neukölln, Bernd R. Müller: „Die Entwicklung des kooperativen, des informellen wie des offenen Lernens ist unser Ziel, das durch die digitalen Medien unterstützt werden muss“.

Die Diplom-Betriebswirtin Kristina Bakrczik, Leiterin des Zwickauer Projektes „Gemeinsam in die digitale Welt – Erhöhung der digitalen Medienkompetenz von älteren Personen in der Nacherwerbsphase im ländlichen Raum durch eine bedürfnisorientierte Bildungsarbeit“ vermittelt mit dem Beitrag „Formale Lernsettings zur Stärkung de4 digitalen Medienkompetenz bei Älteren“ Erfahrungen und Ergebnisse eines Befragungsprojektes und formuliert Handlungsempfehlungen dazu.

Die Projektreferentin Janina Stiel von der Servicestelle “Digitalisierung und Bildung für ältere Menschen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO), der Sozialwissenschaftler vom Ludwigshafener Institut für Beschäftigung und Employability, Marc Brandt, und die Düsseldorfer Direktorin des Forschungsinstituts Geragogik, Elisabeth Bubolz-Lutz, informieren mit dem Beitrag „Technikbotschafter*in für Ältere werden“ über das Konzept und die Ergebnisse des Forschungs- und Entwicklungsprojektes „QuartiersNETZ“ im Ruhrgebiet.

Die WissenschaftlerInnen Michael Doh, Mario R. Jokisch, Fiona S. Rupprecht, Laura I. Schmidt und Hans-Werner Wahl stellen mit dem Beitrag „Förderliche und hinderliche Faktoren im Umgang mit neuen Informations- und Kommunikations-Technologien im Alter“ Konzepte, Erfahrungen und Ergebnisse von Forschungsprojekten vor. Das Dilemma: Es sind überwiegend die „Best-Agers“ und „Early-Adopters“, die motiviert sind für mediale Lehr-Lern-Kulturen“. Wo bleiben die „Absenters“?

Clemens Schwender interviewt die Programmbereichsleiterin von der Berliner Volkshochschule Tempelhof-Schöneberg, Margret Tietje: „Zentral bleibt die Empathie des Dozenten, sein Gefühl dafür, wie er mit Menschen kommuniziert“.

Ebenfalls äußern sich Monika Szklarek-Wünsch und Petra Denkert, Mitarbeiterinnen der Berliner Hartnackschule, einer privaten Sprachenschule. Sie stellen fest: „Nicht jeder Dozent ist technikaffin“.

Die Erwachsenenbildnerinnen von der Hamburger Universität, Wiebke Curdt, Jana Wienberg und Silke Schreiber-Barsch betonen mit Ausrufe- und Fragezeichen: „Close the gap!?“, indem sie über mediale Lernkulturen in der Weiterbildungspraxis Älterer mit Behinderung diskutieren. Sie plädieren dafür, nur dort, wo auch tatsächliche Notwendigkeit und Bedarf besteht, besondere Formen, Inhalte und Methoden beim digitalen Lernen anzuwenden, und den Vorrang einer inklusiven Medienbildung zu geben.

Claudia Kuttner führt ein Gespräch mit dem Erziehungswissenschaftler und Mitarbeiter beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, Jan-Peter Kalisch zu Fragen „Digitale Lernumgebungen und die Alphabetisierung Erwachsener“. Es ist der funktionale Analphabetismus, der viel Stärker in das gesellschafts- und bildungspolitische Bewusstsein gerückt werden muss.

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Mitarbeiter des Frankfurter Forums für interdisziplinäre Alternsforschung (FFIA), Friedrich Wolf, beschließt den Sammelband mit dem erziehungswissenschaftlichen und ökogerontologischen Beitrag: „Alltagsnahe Erfassung von ICT-Nutzung im Alter“. Als ICTs werden die alltäglichen Informations- und Kommunikationstechnologien bezeichnet, also sowohl die Hardware, als auch die Software. Der Autor zeigt auf, dass eine Rekonzeptualisierung beim theoretischen und praktischen Zugang zur Medienkompetenz bei älteren Menschen notwendig ist: „ICT-Nutzung im Alter … (weist) Selbst- als auch (Um)Weltkomponenten auf, welche z.T. nicht klar voneinander trennbar sind und … (regt) Bildungsprozesse an, indem mit und durch die digitalen Technologien und Medien Weltverhältnisse dezentralisiert und flexibilisiert werden“.

Fazit

Die Plädoyers und Forschungsnachweise zur Wahrnehmung und Nutzung von Neuen Technologien und Medien durch ältere Menschen zeigen auf, dass es eines individuellen und kollektiven, gesellschaftlichen Perspektivenwechsels bedarf: Ältere sind weder Vor- noch Nachreiter bei den technologischen Entwicklungen; sie sind Lerner, die sowohl Förderung und Unterstützung bedürfen; sie sind auch als gleichberechtigte Partner zu verstehen. Um ein intergenerationales Bewusstsein in der Gesellschaft zu entwickeln, können digitale Medien Richtungsweiser und Brücken sein.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.04.2019 zu: Clemens Schwender, Claudia Kuttner (Hrsg.): Mediale Lehr-Lern-Kulturen im höheren Erwachsenenalter. kopaed verlagsgmbh (München) 2019. ISBN 978-3-86736-498-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25592.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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