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Barbara Maria Lemberger: Migration und Mittelschicht

Cover Barbara Maria Lemberger: Migration und Mittelschicht. Eine Ethnografie sozialer Mobilität. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. 214 Seiten. ISBN 978-3-593-51044-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.

Reihe: Arbeit und Alltag - 16.
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Thema

Die Autorin untersucht soziale Aufstiegsprozesse türkeistämmiger Migrant*innen und widmet sich der Frage, in welcher Weise das Verständnis von Mittelschicht mit der Migrationsgeschichte konzeptionell verbunden werden kann. Forschungsgegenstand sind die Lebensgeschichten türkeistämmiger Unternehmerinnen und Unternehmer in Berlin. Es handelt sich um eine ethnographisch angelegte Feldforschung, in deren Zentrum die Identifizierung und Beschreibung der türkeistämmigen Mittelschichtangehörigen steht. Die Autorin geht der Frage nach, wie das unternehmerische Werden im Sinne eines „Becoming“ konstituiert wird und welche Konsequenzen dies für den postmigrantischen Diskurs und das Konzept der Mittelschicht hat. Für die multiperspektivische Analyse wird ein umfangreicher Materialkorpus bestehend aus Presseartikeln, Interviews und Beobachtungsprotokollen herangezogen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin Barbara Lemberger ist Mitglied im Labor Migration am Institut für Europäische Ethnologie an der HU Berlin. Die vorliegende Publikation ist ihre Promotion am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der LMU München.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil der Arbeit wird eine umfangreiche Kontextualisierung vorgenommen. Diese reicht von kulturwissenschaftlichen über migrationshistorische bis hin zu wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsliteratur über die Zusammenhänge der zentralen Kategorien, Migration, unternehmerische Selbstständigkeit und soziale Mobilität. Wesentliche Themenstränge sind

  • das Verständnis von Erfolg im Kontext von Migration
  • ökonomische Perspektiven auf migrantische Unternehmer*innen
  • Einordnung von Migration in Klassismus und Theorien sozialer Ungleichheiten
  • soziale Positionierungen und individuelle Aufstiegsmobilitäten türkeistämmiger Migrant*innen

Dieser Teil enthält zudem die zentrale Fragestellung der Untersuchung, die als „vergleichsweise offene Leitfrage“ den roten Faden bildet: „Wie wird man/frau Unternehmer/-in?“ Das breit angelegte Datenmaterial wurde durch verschiedene Feldforschungsaufenthalte zusammengetragen und besteht im Kern aus 17 Interviews mit Personen, die „selbst oder deren beiden oder einzelne (Groß-)Elternteile in der Türkei geboren waren.“

Im zweiten Teil der Untersuchung erfolgt eine historische Rekonstruktion migrantischen Unternehmertums in Berlin Kreuzberg seit den 1970er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zum Mauerfall. Ausgehend von türkeistämmigen Migrant*innen der zweiten Generation entwirft sie eine Mikrogeschichte sozialräumlicher Interaktionen, die die Ausgangsbasis der individuellen sozialen Aufstiegserzählungen bilden. Leitfragen sind dabei „Wie haben soziale Mobilitätsprozesse an Fahrt aufgenommen? Was hat solche ermöglicht? Und wie sind die sozialen Transformationen mit der Geschichte des Stadtteils verbunden?“ Zur vertiefenden Analyse gehören die folgenden Elemente, Materialien und Verortungen:

  1. Einwanderung und Community-Bildung von Türkeistämmigen in Kreuzberg an ausgewählten Beispielen aus Film, Literatur und Stadtgeschichte
  2. Soziale Interaktionen im Mikrokosmos Kreuzberg vor dem Hintergrund sozialräumlicher Transformationsprozesse
  3. Informelle Ökonomien als Ausgangspunkt sozialer Mobilitätsprozesse von Türkeistämmigen
  4. Unternehmerische Aktivierungen und Destabilisierungen vor und nach der Maueröffnung

Der dritte Teil der Untersuchung präsentiert ethnographisch eingebettete Mobilitätserzählungen der Protagonist*innen der Feldforschungsaktivitäten. In vier Unterkapiteln werden die Narrationen in die Themenstränge Erinnerung und Gedächtnis, Erfolgsstrategien, Stabilisierungs- und Zukunftsorientierung sowie bezogen auf transnationale Orientierungen hin analysiert. Dabei werden lebensgeschichtliche Erzählungen vom Anfangen, Werden, Wachsen, Scheitern, Aufstehen und Helfen als prozessstrukturierende Aushandlungen verdichtet präsentiert und im Hinblick auf die Konstruktion der sich ökonomisch und sozial erfolgreich verortenden türkeistämmigen Mittelschichtangehörigen als soziale Gruppe zusammengeführt. Exemplarisch für das „Becoming“ steht die Aussage eines der Interviewten „Ich habe mein Geld nicht geerbt. Ich habe mein Geld Hunderter für Hunderter zusammengetragen.“ Aziz

Im abschließenden vierten Teil werden die historischen, mikrogeschichtlichen und ethnographischen Perspektiven in den Kontext des Konzepts der postmigrantischen Gesellschaft gestellt und im Hinblick auf ihre Veränderungs- und Konfliktwirkungen analysiert und zusammengeführt. Dies erfolgt im Abgleich mit Außenwahrnehmungen über den sozialen Aufstieg der Türkeistämmigen aus der Perspektive der mehrheitsdeutschen Mittelschichten. Davon ausgehend stellt sich die Frage nach Chancen und Grenzen eines ethnisch inklusiv gedachten Miteinanders in einer postmigrantisch verstandenen Mittelschicht als neu konzipierte bzw. zu konzipierende gesellschaftliche Gruppe.

Diskussion

Die Autorin stellt mit ihrer Untersuchung einen umfangreichen Materialkorpus zusammen, der sich dem Forschungsgegenstand multiperspektivisch annähert. Die gut aufbereitete Feldforschung kombiniert Dokumente der Stadtgeschichte mit soziokulturellen und migrationsgeschichtlichen Stoffen. Dies hat den Effekt, dass subjektiver Alltag, Werden und Wirken der Interviewten in den größeren Kontext von Migrationsgeschichte, Leistungsgesellschaft und sozialer Mobilitäten gestellt werden. Dies bewirkt, dass abstrakte Begrifflichkeiten wie beispielsweise Leistung und Erfolg in verdichteter Weise in ihrer über das Individuum hinausgehenden Bedeutung inhaltlich geschärft werden. Gleichzeitig ermöglicht die offene Forschungsfrage die Präsentation einer Vielzahl von Deutungsangeboten, die sich aus der Verschneidung von Theorien mit Dokumenten der Stadt- und Populärkultur ergeben. Besonders interessant ist dabei auch der Einblick in die Mikrogeschichte Berlin Kreuzbergs und die Zeugnisse der sozialen Interaktionen zwischen Alteingesessenen, türkeistämmigen Migrant*innen und der entstehenden linken Subkultur. Gut recherchiert und sinnvoll platziert sind auch die Verweise auf Kultur und Geschichte der türkeistämmigen Migration nach Deutschland an Beispielen aus Film und Literatur.

Fazit

Das Buch ist ein weiterer systematischer Baustein, der komplexe Binnendifferenzierungen der oft als homogen imaginierten Gruppe türkeistämmiger Migrant*innen sichtbar macht. Die Statistik kann diese Heterogenitäten von Lebenswirklichkeiten nicht abbilden, die Klassifizierung von Migrantenmilieus liefert Überschriften, weniger aber konkrete Narrationen. Diese Lücke füllt die Untersuchung von Barbara Lemberger mit sehr lebendig und anschaulich gestalteten Fallstudien mit all ihren Konfliktlagen und Ambivalenzen. Dabei zeigen sich die alten und neuen Fragen nach Zugehörigkeiten und Identitäten entlang der altbekannten ethno-sozialen Zuschreibungen einmal mehr überaus deutlich. Damit liefert die Forschungsarbeit am Beispiel der türkeistämmigen Mittelschicht auch eine weitere Antwort auf aktuelle Diskurse, die versuchen, ethnisch als „anders“ markierten Menschen ihren durch Erfolg und Leistung bereits fest eingenommen Platz in der Gesellschaft abzusprechen und ihre Zugehörigkeit erneut in Frage zu stellen.


Rezensentin
Dr. Carina Großer-Kaya
Studium der Arabistik, Islamwissenschaften und Politikwissenschaften in Leipzig; Promotion zur Identitätskonstruktionen türkeistämmiger Männer; Dozentin für Mehrsprachigkeit, transkulturelle Kommunikation und Diversity; Koordination der Projekte der interkulturellen Erwachsenenbildung und Beratung und Begleitung von Migrant*innen.
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Zitiervorschlag
Carina Großer-Kaya. Rezension vom 01.07.2019 zu: Barbara Maria Lemberger: Migration und Mittelschicht. Eine Ethnografie sozialer Mobilität. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-593-51044-6. Reihe: Arbeit und Alltag - 16.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25595.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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