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Jürgen Meier: Wider die Kulturzerstörer

Cover Jürgen Meier: Wider die Kulturzerstörer. PapyRossa Verlag (Köln) 2019. 231 Seiten. ISBN 978-3-89438-699-3. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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„Kultur ist dort, wo sich Geist und Seele wohlfühlen“

Mit dieser Positionierung verweist Konstantin Wecker in seinem Vorwort auf ein Buch des Hildesheimer Kulturanthropologen und Autors Jürgen Meier, auf dessen Arbeiten wir im Internet-Rezensionsdienst socialnet bereits mehrfach aufmerksam gemacht haben (www.socialnet.de/rezensionen/2405.php / 2005; …11802.php / 2011; …17934.php / 2014). Der anthrôpos, als vernunft- und kulturbegabtes Lebewesen muss darauf achten, sein individuelles und lokal- und globalgesellschaftliches Dasein daraufhin auszurichten, „dass die weite Verbreitung der Kultur und die Erziehung des Menschengeschlechts zur Gerechtigkeit5, zur Freiheit und zum Frieden für die Würde des Menschen unerlässlich sind“, wie es in der Verfassung der UNESCO, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen (16. 11. 1945) zum Ausdruck kommt. Es sind die unterschiedlichen Auffassungen von Kultur, die in der Menschheitsgeschichte – wie auch gegenwärtig – immer wieder zu positiven und negativen Kulturveränderungen führen. Am Werk sind dabei Weltanschauungen, Ideologien und Mächte, die mit ethnischen, nationalistischen und populistischen Positionen kulturelle Zuordnungen und Identitäten festlegen und damit Alleingültigkeitsansprüche formulieren und festlegen wollen. Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat 1995 in ihrem Bericht verdeutlicht, dass „Entwicklung, getrennt gesehen von ihrem menschlichen oder kulturellen Kontext, Wachstum ohne Seele ist“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 21). Dort also, wo die „globale Ethik“ der gleichberechtigten Vielfalt der Menschheit in Frage gestellt und missachtet wird, entstehen Menschenfeindlichkeit und Kulturzerstörung.

Aufbau und Inhalt

Jürgen Meier setzt sich im Buch „Wider die Kulturzerstörer“ mit der geschichtlichen Entstehung im überwiegend kontroversen und konträren Diskurs über Kulturbedeutung und -wirkung auseinander und verweist dabei auf die lokalen und globalen, aktuellen Entwicklungen, bis hin zu den „Kulturzerstörern“. Die Fragen, wer sie sind und wie sie tätig sind, sind natürlich bestimmt von der jeweiligen, politischen Denke und Nicht-Denke. Es ist das „böse Denken“, das Unfrieden und Unmenschlichkeit schafft (vgl. z.B. dazu auch: Bettina Stangneth, Böses Denken, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/23593.php).

Jürgen Meier gliedert seine Studie in acht Kapitel:

  1. Im ersten geht es um die „Verteidigung der Kultur“;
  2. im zweiten wird festgestellt: „Kultur ist mehr als Kunst“;
  3. im dritten erfolgt die Auseinandersetzung mit „Kultur und Wissenschaft“,
  4. im vierten geht es um den Zusammenhang von „Kultur und Sprache“;
  5. im fünften um „Kultur und Gefühle“;
  6. im sechsten stellt der Autor die Frage: „Zerstörung der Kultur?“;
  7. im siebten wird „Kultur und Krieg“ thematisiert;
  8. und im achten, letzten Kapitel wird die immanent bedeutsame, immer wieder kontrovers und unzulänglich diskutierte Herausforderung „Kultivierung des Eigentums“ aufgenommen.

Diskussion

Die alltagsorientierte und wissenschaftliche, anthropologische und politische Auseinandersetzung um einen allgemeingültigen und nicht relativierbaren Kulturbegriff ist bisher nicht gelungen. Die UNESCO nähert sich diesem Dilemma an, wenn sie feststellt: „Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen“. Diese weitgefasste Definition freilich lässt (allzu viel) Spielraum für allerlei Meinungen, Ausflüchte und Festlegungen. Meier vermittelt einen Überblick über einige ausgewählte, weltanschauliche und materialistische Kulturpositionen. Und er betont, dass es nur eine ethische und moralische Auffassung über einen kulturellen Menschen geben kann, nämlich die humane Menschwerdung.

Der Blick auf ein zivilisatorisches, kulturelles Bewusstsein erfordert eine intellektuelle Beschäftigung mit dem aufgeklärten anthropologischen Wollen und Sollen des Menschseins: „Die Erkenntnis der sich in der konkreten Wirklichkeit vollziehenden Dialektik von Allgemeinem, Besonderen und Einzelnen ist entscheidend. Um beurteilen zu können, was unter Kultur zu verstehen ist“. Es sind lebensweltliche, ökonomische und ökologische Herausforderungen, die ein ganzheitliches Denken und Handeln erfordern und die Entwicklung einer gerechten, friedlichen und humanen Einen Welt geradezu individuell und kollektiv existentiell notwendig machen. Weil Kultur auch Ordnung schafft, sind die wissenschaftlichen Zugänge und Aufweise wichtig. Weil wissenschaftliche Theorien und Praxisentwürfe auch Irrwege bei gesellschaftlichen Prozessen vorgegaukelt haben – etwa beim „wissenschaftlichen Rassismus“ – kommt es darauf an, „die Totalität des Seins zu erfassen und differenziert dementsprechend die verschiedenen Ebenen der Erkenntnis der Totalität des Seins (zu verstehen), um den menschlichen Weg der allgemeinen Befreiung aus den Gewalten der Natur und den gesellschaftlichen Entfremdungen zu begleiten“.

Kulturelle Ausdrucksmittel als bildhafte Darstellungen, als gestische, mimische, musikalische und sprachliche Formen bedürfen der intellektuellen und emotionalen Aneignung: Eine Gesellschaft ohne verstandesbewusste und emotionale Grundlagen zerstört die Kultivierung; weil Kultur die Seinsform unseres kulturellen Lebens ist. Kulturzerstörer zielten und zielen immer auf die Widerlegung eines allgemeingültigen und -verpflichtenden Kulturverständnisses. Sie treten ein für eine ego- und ethnozentrierte Kultur. Es sind die Fake Newser und ihre Follower, wie sie sich in extremistischen, faschistischen und populistischen Zirkeln und Bewegungen tummeln, die, wie z.B. der philosophische Ideologe der AfD, Marc Jongen, den Anschein von Seriosität, Wahrheit und Faktenwissen vermitteln und sich in ihrem Irrationalismus gefallen. „Völker dieser Erde“ – wann endlich gelingt, wozu der damalige Generaldirektor der UNESCO, Federico Mayor, aus Anlass des 50jährigen Bestehens der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte auffordert, von einer Kultur des Krieges zu einer Kultur des Friedens zu kommen. Dass die Welt nach wie vor unfriedlich ist und Ungerechtigkeit in der Welt herrscht, ist ein Beweis dafür, dass die neoliberalen, kapitalistischen, lokalen und globalen Entwicklungen gestoppt werden müssen.

Fazit

Jürgen Meier lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass den monokapitalistischen und neoliberalen Entwicklungen eine soziale, sozialistische entgegengesetzt werden muss, und den Kulturzerstören aktive, selbstbewusste und aufgeklärte, humane Kulturgestalter. Die Versuche, Kultivierung als ökonomische und ausbeuterische Umwertung und Manipulation vorzunehmen, müssen durchschaut und widerstanden werden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.06.2019 zu: Jürgen Meier: Wider die Kulturzerstörer. PapyRossa Verlag (Köln) 2019. ISBN 978-3-89438-699-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25606.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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