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Christian Fuchs, Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten

Cover Christian Fuchs, Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2019. 288 Seiten. ISBN 978-3-499-63451-2. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema

„Der Geist in der Flasche“ – so bewirbt die Identitäre Bewegung (IB) in Deutschland ihr hauseigenes Bier. Überträgt man dieses Bild auf die aktuellen politischen Entwicklungen, so zeigt sich jedoch, dass der Geist längst der Flasche entkommen zu sein scheint. Seit Jahrzehnten arbeitet die „Neue Rechte“ an der Verbreitung ihrer Ideologie in der Gesellschaft – und die Alternative für Deutschland (AfD) fungiert als ihr Flaschenöffner. Die Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff begeben sich in ihrem Band auf die Suche nach den Vernetzungen und Verbindungen eben jener rechten und antidemokratischen Szene, ihren gemeinsamen Aktionen und dem ideologischen Hintergrund.

Autoren

Christian Fuchs und Paul Middelhoff sind Reporter der Wochenzeitung „Die Zeit“. Beide Autoren durchliefen die Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und befassen sich seit mehreren Jahren mit der Untersuchung des Rechtsradikalismus und der Neuen Rechten.

Entstehungshintergrund

Der knapp 280 Seiten umfassende Band ist das Ergebnis eines „Protokoll[s] des Aufstiegs der Neuen Rechten“ (16). Seit 2015 sammeln die Autoren ihre Erkenntnisse und Erfahrungen bei Begegnungen mit den Protagonisten der Neuen Rechten. Aus diesem Material der letzten vier Jahre schufen sie nun ein Bild der „patriotischen Parallelgesellschaft“ (16).

Aufbau

Der Band ist in zehn Kapitel untergliedert, dich sich vorrangig an den verschiedenen Erscheinungsformen der Neuen Rechten orientieren. Die Autoren beginnen mit einer Beschreibung der neuen Außendarstellung und Strategie der Neuen Rechten im Vergleich zum Rechtsextremismus im Bilde der NPD und der 1990er-Jahre (Kap. 1 „In Bewegung“) und gehen dann den prominenten Köpfen der Bewegung (Kap. 2 „Im Rampenlicht“), öffentlichen Auftritten und Inszenierungen, den Schulungs- und Ausbildungsinstitutionen, dem parlamentarischen Teil der Bewegung in Form der AfD, der Eroberung des digitalen Raumes durch gezielte Aktionen, der neurechten Subkultur, den finanziellen Unterstützern und den internationalen Entwicklungen und Verknüpfungen nach. Abschließend befassen sie sich mit der virulenten Frage, inwiefern eine Verfassungsschutzbeobachtung notwendig sei (Kap. 10 „Im Fokus der Behörden“).

Inhalt

Ohne breite theoretische Erläuterungen führen die beiden Autoren die Leserin und den Leser direkt in ihr Themengebiet ein. Zwei zentrale Konzepte, die elementar für die ideologische Verortung der Neuen Rechten sind, werden dennoch anfänglich knapp erläutert. Fuchs und Middelhoff fokussieren hier das Konzept des Ethnopluralismus und die Idee der kulturellen Hegemonie. Die Autoren nehmen daher jene Bewegungen und Institutionen anschließend in ihre Untersuchung auf, die sich an diesen Konzepten orientieren. Ethnopluralismus meint dabei, aus Sicht der Neuen Rechten: „Jedes Volk habe einen bestimmbaren Wesenskern und einen historische zugewiesenen Raum“ (19). Kulturelle Hegemonie ist das Ziel des Vordringens der Ideen und ihrer Träger in den öffentlichen Raum, die Besetzung bestimmter Themen und die Verschiebung des „Sagbaren“. So soll rechtes Gedankengut auf lange Sicht breiten Anklang in der Gesellschaft finden, indem es immer wieder propagiert und in der Debatte als legitime Lösung für aktuelle Probleme eingeführt wird.

Es folgt eine knappe biographische Erzählung und institutionelle Verortung der führenden Köpfe der Bewegung. Die Liste wird dabei ausgefüllt vom „Populisten“ Jürgen Elsässer, dem „Strategen“ Götz Kubitschek, dem „Nachwuchs“ Philipp Stein, dem „Gehirn“ Dieter Stein und dem „Ideologen“ Björn Höcke. Damit sind Vertreter aus den Parlamenten ebenso repräsentiert wie Zeitungsverleger und ideologischen Vordenker. Alle Protagonisten tauchen auf den folgenden Seiten immer wieder auf. Auch der im weiteren Verlauf ebenso häufig genannte und als „der Aktivist“ apostrophierbare Mario Müller hätte hier zusätzlich aufgenommen werden können.

Fortgesetzt wird in den folgenden Kapiteln mit einer ausführlichen Übersicht und Beschreibung der personellen Querverbindungen der Neuen Rechten und ihren Institutionen sowohl untereinander als auch im öffentlichen Raum: von Szenebloggern und -youtubern über Burschenschaften und eigens erschaffenen Think Tanks sowie „Kaderschmieden“ bis hin zur IB und abschließend dem internationalen Netzwerk. Dabei zeigt sich immer, dass es einem überschaubaren Personenkreis gelingt durch stetes Auftreten und Vernetzung großen Einfluss auf das Denken innerhalb und außerhalb der Szene zu nehmen. Die Strategie der „kulturellen Hegemonie“ scheint hier ihren erfolgreichen Niederschlag zu finden.

Die AfD erfüllt in diesem Kontext eine doppelte Funktion: zum einen hat sie durch die Redezeiten im Bundestag und die Presseberichterstattung den größten Einfluss auf die öffentlichen Debatten. Dieses Mittel weiß sie geschickt zu nutzen. Gleichzeitig ist sie „Versorgungsinstitution“ der Neuen Rechten. Sie ermöglicht Anstellungen und Bereitstellung öffentlicher Mittel (bspw. in Form der Desiderius-Erasmus-Stiftung). Gleichzeitig ist sie aber auf die „Expertise“ der Neuen Rechten angewiesen. MitarbeiterInnen und ReferentInnen werden vorrangig aus den oben genannten Institutionen rekrutiert. Sie bestimmen somit auch Entwicklung, Programmatik und Vorgehen der Partei. Der Band zeigt dabei, dass große Teile der Partei bereits in der Gründungszeit unter Bernd Lucke dem rechten Spektrum zuzuordnen waren. Die Radikalisierung an der Parteispitze über Frauke Petry zu Jörg Meuthen und Alexander Gauland ist damit auch als Erfolg der Neuen Rechten und ihrem Einfluss und Bedeutungsgewinn innerhalb der Partei zu bewerten. Damit können Fuchs und Middelhoff zumindest aufzeigen, wie tief die Verbindungen zwischen AfD und rechter Szene greifen.

Zur dokumentarischen Arbeit, die die Autoren geleistet haben, tritt an einigen Punkten die Schilderung persönlicher Begegnungen mit den Protagonisten. Gerade an jenen Stellen, an denen es den Autoren gelingt, abseits von IB-Bannern über dem Brandenburger Tor und Klickzahlen bei Youtube, die Inszenierung der Neuen Rechten zu durchbrechen, zeigen sie das radikale Bild der Bewegung. In einer Passage über eine Diskussion in Schnellroda, bei der Götz Kubitschek die Stimmung eines „Volksgerichtshofes“(100) erschaffen habe, können die Autoren die Gewaltaffinität und tatsächlich Wirkmacht der Bewegung belegen. Im Allgemeinen rufen die Begegnungen, die von den Autoren anekdotenhaft geschildert werden, verschiedene Reaktionen hervor. Von einer breiten Auskunftsfreudigkeit bis hin zur strikten Ablehnung wird hier berichtet. Auch hier bewegt sich die Bewegung also zwischen öffentlicher Inszenierung und dem „Kampf um die Köpfe“ im Hintergrund.

Diskussion

„Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist ein neues und einflussreiches rechtes Netzwerk […] entstanden“, so formuliert der Klappentext des Buches. Dies scheint etwas hoch gegriffen. Denn, dass die vielzähligen Auftritte von Elsässer, Höcke und Kubitschek in den letzten Jahren der Öffentlichkeit gerade nicht entgangen sind, belegt der Band selbst. Vielmals werden Zeitungsartikel, Demonstrationen und öffentliche Auseinandersetzungen als Beleg der Aktivität angeführt. Der Erfolg der Neuen Rechten besteht gerade darin, dass sie in die öffentliche Debatte als eine der lautesten Stimmen vorgedrungen ist. Selbst die Inszenierung der Neuen Rechten hat in der deutschen Presselandschaft vermehrt Beachtung gefunden. So handelt es sich bei Kubitscheks Hof mittlerweile wohl um jenen, mit den „vielleicht meistfotografierten Ziegen der Welt.“ [1]

Dennoch gelingt es den Autoren aufzuzeigen, mit welchen Mitteln, Strategien, Themen und Personen es der Neuen Rechten gelungen ist, in die Mitte der Gesellschaft vorzurücken. Gerade das aufgezeigte vielfältige Aktionsfeld der Protagonisten gibt einen detaillierten Einblick in das Zusammenspiel verschiedener Institutionen, die allesamt das Ziel verfolgen die demokratische Gesellschaft auszuhöhlen und rechtes Gedankengut zu verbreiten. Die Autoren schaffen so eine Collage der rechten Szene abseits der NPD.

Aufgrund dieser Zusammenstellung der Bewegung wirken einzelne Texte dennoch als knappe Bestandsaufnahmen, ohne dass diese in den größeren Kontext gestellt und verordnet werden. So wird der „Bibliothek des Konservatismus“ in einem eigenen Kapitel nur zwei Seiten gewidmet (die im Inhaltsverzeichnis zudem falsch angegeben sind), obwohl diese als zentraler Anlaufpunkt für die Theoriedebatte der Neuen Rechten starken Zulauf findet. Daneben tritt die Frage nach der Abgrenzung der Neuen von der Alten Rechten. Die Trennlinien werden hier vor allem aus der Selbstdarstellung übernommen. Eine analytische Differenzierung im Band selbst findet nicht statt.

Der Fokus auf die führenden Köpfe der Bewegung strukturiert den Band zwar sinnvoll, allerdings treten so die zweifellos vorhandenen Differenzen innerhalb der rechten Szene kaum zu Tage. Die Differenzen zwischen Karlheinz Weißman und Götz Kubitschek finden schließlich nur eine knappe Erwähnung. Gleiches gilt für die Auseinandersetzungen innerhalb der AfD. Wandel und Radikalisierung der Partei werden von den Autoren konstatiert. Gerade der Rückzug André Poggenburgs zeigt aber, dass auch der rechte Flügel der Partei längst nicht so geeint scheint, wie die Autoren teilweise zeigen.

Fazit

Die Journalisten Fuchs und Middelhoff habe eine sehr gut lesbare und detaillierte Dokumentation über die Neue Rechte in den letzten Jahren verfasst. Sie ordnen die Köpfe der Bewegung, ihre Positionen und ihre Vorgehensweise in die Strategie der „kulturellen Hegemonie“ ein. Damit geben sie eine umfassende Bestandsaufnahme und einen Einblick in das Zusammenspiel der mitunter sehr heterogenen Teile der Bewegung. Dahinter zurück bleiben allerdings analytische Fragen nach den Erfolgsbedingungen, die Darstellung der Differenzen innerhalb der Neuen Rechten und eine Diskussion darüber, wie den Strategien der Neuen Rechten von demokratischer Seite begegnet werden kann.


[1] Arno Frank, Rechte Verlag auf der Buchmesse. Auf feindlichem Gebiet, in: TAZ vom 13.10.2017. URL: https://taz.de/Rechte-Verlage-auf-der-Buchmesse/!5452553/ .


Rezensent
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 05.09.2019 zu: Christian Fuchs, Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2019. ISBN 978-3-499-63451-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25612.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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