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Tobias Kraus: Reform vs. Revolution

Cover Tobias Kraus: Reform vs. Revolution. Zur Relevanz marxistischer Theorie für die Soziale Arbeit. PapyRossa Verlag (Köln) 2018. 119 Seiten. ISBN 978-3-89438-682-5. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR.
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Thema

Die Auseinandersetzung mit Marx und seiner Analyse der Politischen Ökonomie des Kapitalismus war in den 1970er Jahren (zu Beginn der Akademisierung Sozialer Arbeit) eine Selbstverständlichkeit. Waren damals noch viele davon überzeugt, dass Soziale Arbeit im (manche sprachen auch gegen den) Kapitalismus ihre ökonomischen und sozialstaatlichen Grundlagen kritisch hinterfragen muss, so hat sich im Laufe der Jahre immer stärker eine Sichtweise durchgesetzt, auf gesellschaftskritische Analysen verzichten zu können. Erst in jüngster Zeit zeigen sich wieder vermehrt Ansätze, marxistische Theorien für die Soziale Arbeit fruchtbar machen zu wollen. Dies ist auch das Anliegen des von Tobias Kraus verantworteten Buches.

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung, in der der Autor sein Selbstverständnis äußert, sich „im Dienste der herrschenden Verhältnisse“ nicht instrumentalisieren lassen zu wollen und die deduktive Vorgehensweise seiner Analyse erläutert (wesentlich ist für ihn die Denkweise des Historischen Materialismus und seine Sicht der Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise) widmet sich das 2. Kapitel des Buches den theoretischen Grundlagen des Kapitalismus.

Überraschender Weise beginnt der Autor nicht mit Marx und der von ihm vertretenen Theorie, sondern mit einer postmarxistischen Konstruktion, die sich Historischer Materialismus nennt. Hiernach existiert in der Geschichte eine Struktur, die diese und ihre Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Die (mit Verlaub: unsinnige) Forderung, in der Geschichte so etwas wie eine „gesetzmäßige Struktur“ zu verorten (der zu Hochzeiten des Historischen Materialismus auch noch eine Tendenz zum Fortschritt untergejubelt wurde) führt in der Analyse zur Bestimmung des Verhältnisses von Basis und Überbau, also den Produktionsverhältnissen und Phänomenen wie Recht, Staat und Bewusstsein. Tobias Kraus grenzt sich im Folgenden von einer „ethisch-sozialistischen Ansicht“ ab, die den Sozialismus auf Basis ethischer Normen theoretisch begründen muss und setzt dieser Auffassung die „marxistische Geschichtsanschauung“ entgegen, die eine geschichtliche Notwendigkeit am Werke sieht.

Der folgende Abschnitt (2.2) thematisiert zentrale Funktionsweisen und Tendenzen des Kapitalismus, in der sich eine knappe Skizze des Wertgesetzes und des tendenziellen Falls der Profitrate findet. Der Autor insistiert darauf, dass alle Mittel, die dem Fortschreiten der Produktion dienen, Mittel zur Beherrschung und Ausbeutung der Arbeiter*innen sind und er referiert die Konsequenzen, die hieraus für das „entfremdete Bewusstsein“ und die Stellung des Lohnarbeiter im Produktionsprozess folgen.

Kapitel 2.3 befasst sich mit Theorien des Spätkapitalismus und diagnostiziert die Landnahme des Kapitalismus. Diese besteht darin, sich alle gesellschaftlichen Bereiche zu unterwerfen und Markt und Wettbewerb auch auf Bereiche auszudehnen, die traditionell dem Markt entzogen waren. Der „postfordistische Staat“ entspricht diesem Ansinnen, so der Autor, indem er „den Marktgesetzen widersprechende Regelungen abbaut“ (S. 34).

Auch die Demokratie verändert ihre Gestalt, in dem sie unter dem Gesichtspunkt von Governance dem „Neoliberalismus“ dient, indem sie ihm Legitimation verleiht. Trotz des Geltendmachens neoliberaler Muster in Staat und Gesellschaft kommt der Autor zu der Schlussfolgerung, dass „aufgrund der zentralen Rolle des Staates im Neoliberalismus“ die Bezeichnung neoliberal für die „bestehende Konstellation des Kapitals“ irreführend ist. Aber warum wird sie dann kontrafaktisch immer wieder bemüht?

Kapitel 3 des Buches von Tobias Kraus widmet sich Marxistischen Theorien in der Sozialen Arbeit. Es geht ihm vor Allem darum zu zeigen, dass die zuvor referierten Theorien bereits einmal Bezugspunkt der Überlegungen zur Sozialen Arbeit waren. Er beginnt mit der „Individualisierung sozialer Probleme durch Einzelhilfe“. Hier bezieht sich der Autor auf Walter Karbergs Kritik an der Einzelfallhilfe, die zu dem Fazit kommt, dass die sozialarbeiterische Fachkraft selbst zur Produktion jener Symptome beiträgt, die sie eigentlich beseitigen will. Die soziale Einzelfallhilfe geht von der Annahme aus – so der Autor – dass den Notständen der Klient*innen maßgeblich psychosoziale Bedingungen zugrunde liegen. Folglich ist Hilfe zur Selbsthilfe auch das Credo dieses methodischen Verfahrens.

Im Folgenden Abschnitt des Buches (3.2) werden „Ursachensuche sozialer Problemlagen und abweichendes Verhalten in der Gesellschaft“ zum Thema gemacht. Tobias Kraus weist hier u.a. auf den Zusammenhang zwischen Delinquenz und der sozialen Schichtzugehörigkeit hin und er kritisiert das Verfahren, Klient*innen wieder auf die Spur der gesellschaftlichen Norm zu bringen, wo die gesellschaftliche Produktionsweise doch die Ursache für deren Probleme darstellt. Es liegt auf der Hand, dass von hier ausgehend die Ausschließungsprozesse der kapitalistischen Produktionsweise in den Blick genommen werden und deren Folgen wie Arbeitslosigkeit etc. betrachtet werden, die den immer währenden Grund für sozialarbeitsbezogene Interventionen abgeben. Fasst man die kapitalistischen Gesellschaft als eine Klassengesellschaft (was sie nicht durch die Form der Verteilung des Reichtums, sondern durch die Stellung der Produzenten im Produktionsprozess ist), dann schärft sich der Blick für die sozioökonomischen Verhältnisse, die zur Reproduktion von Armut und den daraus abzuleitenden Formen von Ausgrenzung führen. Das Kapitel endet mit Überlegungen verschiedener Autoren zu einer alternativen Sozialarbeit, die angesichts der Gesellschaftsanalyse darauf hin orientiert ist, nicht nur die Defizite, sondern die „Beseitigung ihrer Bedingungen“ (S. 71) sich zur Aufgabe zu machen.

Kapitel 3.3 befasst sich mit „Funktionen der Sozialen Arbeit unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen“. Hier kommt es Tobias Kraus wesentlich darauf an zu zeigen, dass die Soziale Arbeit Mängel individuell aufzuheben versucht, ohne ihre gesellschaftlichen Ursachen in den Blick zu nehmen. Sie bleibt somit eine Kompensationsfunktion, sie ist das „schlechte Gewissen einer schlechten Gesellschaft“ (S. 74). Auch ihre Funktion als Disziplinierungsagentur wird (mit Bezug auf Walter Hollstein) hervorgehoben. Sie trägt damit zur Anpassung der Menschen an die Gesellschaft bei (man merkt den Funktionen an, dass sie im Jahr 1973 herausgearbeitet wurden, in dem die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderungen noch außerhalb der Kreise der Sozialarbeit eine gewisse Verbreitung gefunden haben). Soziale Arbeit hat eine Stützungsfunktion der Herrschaft im Kapitalismus, weil unter dem Deckmantel der Hilfe eigentlich Kontrolle ausgeübt wird. Dies leitet über zum

Kapitel 4, das sich „Kapitalismuskritische Soziale Arbeit in der Gegenwart“ zum Gegenstand macht. Hier werden wesentliche Kritikpunkte des kritischen Mainstreams herausgearbeitet, ausgehend vom Phänomen des Neoliberalismus und dessen Auswirkungen auf die Soziale Arbeit. Die neoliberalen Leitlinien der Lebensführung heißen – so der Autor – Selbstverantwortung und Eigeninitiative und diese Postulate kontrastieren auffällig mit der Veränderung psychosozialer Problemlagen. Diese werden den Betroffenen selbst zugeschrieben und es ist nur konsequent, dass der Sozialstaat seine sozialpolitische Verantwortung nur noch in der „Steuerung des Sozialen Marktes“ (S. 84) sieht. Die Vermarktlichung der Sozialen Arbeit geht mit ihrer Verbetriebswirtschaftlichung einher, obwohl die Logik der Betriebswirtschaft anders gestrickt ist als die der Sozialen Arbeit. Der Autor sieht in der Ökonomisierung des Sozialen durchaus Möglichkeiten ihrer besseren Strukturierung, insistiert aber darauf, dass die Soziale Arbeit „ihre Identität wahren muss“ (S. 94).

Die beiden abschließenden Kapitel des Buches widmen sich den „Grenzen sozialarbeiterischer Intervention als auf den*die*Klient*in ausgerichtete Hilfe“ und der Sozialen Arbeit „als antikapitalistische Kraft – Perspektiven, mögliche Probleme, Folgen“.

Zunächst kritisiert der Autor die Annahme, dass es im Kapitalismus Bereiche geben könne, die vom Anspruch auf Verwertung ausgenommen sind. Er sieht darin eine Unterschätzung der Kräfte des Kapitals, das sich in alle Lebensbereiche hineindrängt, um Gewinne machen zu können. Auch die normative Idee der Gerechtigkeit betrachtet er kritisch, weil sie die aus der Produktionsweise resultierenden Gegensätze unterschlägt und „naiv“ Schutz- und Menschenrechte dagegen setzt. Diese durchaus einleuchtenden Einwände münden in die Bestimmung der „Grenzen einer Sozialen Arbeit“ (S. 99). Da das System immer neue Fälle produziert, der sich die Soziale Arbeit widmen soll, hat diese in der Analyse von Tobias Krausgar keine Chance, ihrem Ziel ein Stück näher zu kommen. Die Soziale Arbeit kann die sozioökonomische Lage mit ihren Folgewirkungen nicht in den Griff bekommen. Die Einzelfallhilfe muss deshalb ineffektiv und folgenlos bleiben. Diese Diagnose leitet über zur Frage nach der Positionierung sozialer Arbeit im Kapitalismus.

Aus der Logik der Argumentation folgt, dass nur eine Veränderung der Produktionsweise eine Verbesserung der Lebensbedingungen im Kapitalismus herbeiführen kann. Dies legt die Forderung nach einer antikapitalistischen Sozialarbeit nahe. Hierzu müssten die Klient*innen mit den Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie konfrontiert werden und darüber das Bewusstsein erlangen, selbstständig ihre Bedürfnisse erkennen und artikulieren zu können. Zudem müsste sich die Soziale Arbeit von ihrem politischen Auftrag befreien, weil der Staat eine prominente Stellung in der Förderung von Prozessen der Kapitalverwertung einnimmt. Die hieraus resultierende Perspektive eines „Umsturzes“ der bestehenden ökonomischen Verhältnisse erscheint aber – so der Autor – als „unrealistisch“. Unterhalb dieser Perspektive eröffnen sich Handlungsmöglichkeiten in der „Verhinderung der Deklassierung weiter Teile der Bevölkerung“ und aus Sicht des Autors kann eine Skizze einer „Sozialarbeit von unten“ immer nur eine über die Veränderung des Gesamtsystems hinaus weisende Perspektive beinhalten.

Im das Buch abschließenden Fazit fordert der Autor eine auf Basis einer materialistischen Analyse beruhende „detaillierte Ausgestaltung von Praxisansätzen“ und die Entwicklung von „antikapitalistisch-marxistischen Handlungsansätzen“. Allerdings, so die eher pessimistische Schlussbilanz, scheint eine Radikalisierung der Sozialen Arbeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich, wenngleich auch wünschenswert.

Diskussion

Tobias Kraus hat auf 112 Seiten eine verständlich geschriebene, logisch aufgebaute und zur Auseinandersetzung provozierende Arbeit vorgelegt. Dies allein macht das Buch zu einer lesenswerten Lektüre. Darüber hinaus ist positiv hervorzuheben, dass der Autor den gängigen normativen Fluchtwegen (Gerechtigkeit, Menschenrechte) in der Sozialen Arbeit nicht auf den Leim geht, sondern seine kritische Analyse auf diese affirmativ-ethischen Postulate ausdehnt. Eine Funktionsbestimmung sozialer Arbeit im Kapitalismus braucht allerdings keine historisch-materialistische Herleitung (und schon gleich keine Berufung auf vermeintliche geschichtliche Notwendigkeiten), sondern ist mit der Analyse des Sozialstaats und seiner auf den Erhalt der kapitalistischen Gesellschaft bezogenen kompensatorischen Funktionen ausreichend hergeleitet. Insofern leistet sich Tobias Kraus in seinem Buch einige Widersprüchlichkeiten, die dann auch in dem etwas hilflosen Versuch enden, der Sozialen Arbeit doch noch antikapitalistische Handlungsmöglichkeiten zuzuweisen.

Dies schmälert aber nicht den beachtenswerten Versuch, unter Bezug auf die Kapitalanalyse von Karl Marx Möglichkeiten und Grenzen Sozialer Arbeit auszuloten und die politökonomische Basis der Profession ins Bewusstsein zu rufen. Es wäre zu wünschen, wenn die Thesen von Tobias Kraus in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit Anlass zur Auseinandersetzung geben würden und nicht als exotischer Beitrag ad acta gelegt würden. Dem Buch ist deshalb eine weite Verbreitung zu wünschen und es kann zur Lektüre nur empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt
Jg. 1952, Professor i.R. für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Bochum
Forschungsschwerpunkte: Entwicklung sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat
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Zitiervorschlag
Norbert Wohlfahrt. Rezension vom 28.05.2019 zu: Tobias Kraus: Reform vs. Revolution. Zur Relevanz marxistischer Theorie für die Soziale Arbeit. PapyRossa Verlag (Köln) 2018. ISBN 978-3-89438-682-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25613.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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